2025 – 214: Ich bin nicht alt

Aber schon lange bin ich viel älter, als ich einst werden wollte.

 

Es gab eine Zeit, da hielt ich Vierzigjährige für steinalte Menschen. So alt wie meine Großeltern zu werden, konnte ich mir nie vorstellen. Über Sechzig: undenkbar. Jetzt bin ich es schon eine ganze Weile und muß mit Einschränkungen zurechtkommen, die wohl dem Alter (und meiner undgesunden Lebensweise) geschuldet sind. Aber ja, ich habe gelernt, damit umzugehen. Zwei Dinge stören mich mehr als alles andere: wenn mich Menschen mit „Junger Mann” ansprechen und wenn mir jemand sagt, daß ich alt werde oder alt bin.

Auf das letzte allerings habe ich seit Jahren die passenden Antwort: Ich bin nicht alt, ich bin (nur) leicht antik. (Irgendwo hab ich das vor Jahren mal aufgeschnappt.)

Dann wird oft gestutzt, gelacht und fröhlicher weitergeplaudert …

 

Erinnerung des Tages:
Vor 14 Jahren war ich mir endlich sicher, daß ich eine teilstationäre Therapie machen möchte (Tagesklinik).

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 2. August 2025 war ich zufrieden mit der herausgekramten Kamera (die auf Reisen gehen soll), mit einem ausgelesenen Terry-Pratchett-Buch (das ich ein zweites Mal lesen muß denke ich), mit einer Funkenkutschenrunde durch die Stadt.


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2025 – 213: Reimblödelei

Allerdings scheint sie mir unfertig, mit zu vielen Lücken.

 

 

Ein Sonnenstrahl, so ganz allein,
fiel einst in einen Spiegel rein
und merkt, daß dieses Ding für ihn
fast ist wie so ein Trampolin.

Er hüpfte drauf und sprang sogleich
aufs Wasser im Forellenteich.
Doch dorten wollt' der Strahl nicht bleiben
und traf auf ein paar Fensterscheiben.

…

„Ach”, seuftz er, mehrfach reflektiert,
„ich fühl mich wirlich angeschmiert.
Ich seh' mich jetzt hier zwar zu zwein,
doch ist mein Spiegelbild nur Schein.”

Ein Sonnenstrahl, so ganz allein,
fiel nicht auf Spiegelungen rein.

 

 

Ach, wenn ich doch einfach zufriedensein könnte mit allem, das ich so verzapfe. Wenn ich etwas zu essen koche, dann bin ich immer damit zufrieden, denn es schmeckt mir – ich frage mich nicht, ob es anderen schmecken könnte. Auch bei anderen Dingen stelle ich mir diese Frage nicht. Nur bei Geschriebenem … Da fehlt mir eine Art (kindliche oder jugendliche) Unbekümmertheit.

Manchmal frage ich mich, wodurch ich die „ersetzen” könnte.

Hier zum Beispiel entstand, was ich zeige, schnell und spontan. Das dauerte nur die Zeit, die ich zum Aufschreiben der Worte benötigte. Dann aber saß ich etwa eine Stunde vorm Papier und versuchte, das zu finden, was dazwischen gehört. Aber da kam nichts. Also erledigte ich andere, notwendigere Dinge, die zum funktio­nie­renden Alltag gehören. Und später versuchte ich erneut, das in meinen Augen Fehlende zu finden. Aber da war wieder nichts. Puh.

Und dann denke ich: Hm. Ich kann das doch freigeben zum Weiterbearbeiten, Umschreiben? Hab ich gemacht (s. u.) … Vielleicht gefällt die Idee jemandem, die/der etwas draus machen kann.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Nachdem ich jetz zwei Garnituren Bettwäsche gekauft habe, wurde drei Garnituren verschlissener entsorgt.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 1. August 2025 war ich zufrieden mit erledigtem Kram im Haushalt, mit selbstgekochter Nudelsuppe, mit einem ausgedehnten Mittagsschlaf.


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2025 – 212: Wohlstand wirkt

Ein prophetischer(?) Schriftsteller. Und unbekannt blieb er auch.

 

 

Den Menschen kommt es heute auf den Wohlstand an, immer nur auf den Wohlstand, weniger auf das Zusammenleben und noch weniger auf die Wahrheit, die zwischen Mensch und Mensch not­wen­dig ist. Warum mit Problemen belasten, die nichts ein­brin­gen? Haben wir nicht längst schon ein ausgeklügeltes System für das, was wir Liebe nennen? Was uns in der Liebe heute fehlt ist Phan­tasie. Mit Gewohnheiten aber beginnt die erste Phase des Sterbens. Und dann kommt die Verstellung, kommen die Umarmungen, die längst schon zur Pflicht geworden sind.

Hanns Cibulka: Das Buch Ruth. Aus den Aufzeichnungen des Archäologen Michael S. S.124f
© Mitteldeutscher Verlag Halle · Leipzig, 1978.
4. Auflage, Lizenz-Nr 444-300/62/85 · 7001
Best.-Nr. 638 6180

 

 

Geschrieben sicher schon vor 1978. Ich erkenne im Zitat mein Leben wieder bzw. Phasen meines Lebens. Und stelle mit Erschrecken fest, daß das Ding mit dem Wohl­stand heute noch viel weiter verbreitet ist als damals schon. Heute stoße ich mich jedoch am Erkennen mehr als zu der Zeit, da ich das Buch zum ersten Mal las (etwa 15 Jahre her). Am Erkennen, nicht an dem, was da beschrieben wurde. Denn das Beschriebene ist heute allgegenwärtig und scheint allgemein akzeptiert.

Ich mag die kleinen Bücher, in denen die Werke von Hanns Cibulka meist erscheinen sind. Und ich möchte – obwohl ich die Anzahl der in meinem Besitz befindlichen Bücher reduziere – zusehen, daß ich alle von ihm zusammenbekomme, wie ich das mit den Strittmatters, Anna Seghers und Christa Wolf vorhabe. Unter erschwerten Bedingungen: Ich möchte sie am liebsten aus den Öffentlichen Bücherschränken retten.

Und jetzt denkt euch selbst euren Teil zu Wohlstand, Liebe, Phantasie und Pflicht.

 

Erinnerung des Tages:
Als Kind besaß ich eine Puppe mit dem Namen „Schlari”, der ich Finger und Zehen abgekaut hatte. Sie verschwand erst in der dritten Klasse.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 31. Juli 2025 war ich zufrieden mit der Zeit in der Badewanne, mit der geschafften Arbeit im Haushalt, mit den fast zwei Stunden in der Innenstadt.


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2025 – 211: Stolpern über Haltung

Sowas taucht im Denkicht auf, wenn ich Zeit zum Denken habe.

 

 

Was sind denn jetzt meine Werte: Habe ich (noch) welche, befinde ich mich vielleicht in einem Wertevakuum, suche ich, schwanke ich, pendele ich von einem Extrem ins andere; weiß ich nicht oder nicht mehr, in welche Richtung ich weitergehen soll (selisch und geistig)?

Eins ahne (weiß?) ich: Die Werte, die mir einst als richtig und dauer­haft vermittelt wurden, sind heute bestenfalls Spinnereien, die der (für mich zum Teil entsetzlichen) Realität entgegenstehen könnten und deshalb verboten, verunglimpft, verlacht, entwertet werden.

 

 

Beispiele: Solidarität, Natur- und Umweltschutz, Wahrheit, Wissenschaft. Werte, auf die heute viele lieber nicht angesprochen werden wollen … Welche Haltung nehme ich ein zu den („veralteten”) Werten und dem heutigen Umgang mit ihnen?!

(Und fragt nicht, wie ich zu solchen Gedanken komme: Sie eind einfach da wie so mancher Text, den ich sonst niederschreibe.)

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ich gab einige Kleidungsstücke im Umsonst-Laden ab.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 30. Juli 2025 war ich zufrieden mit einer Stunde unterwegssein zu Fuß, mit dem Nach­denken über das Woher so mancher Gedanken, mit einer großen Schüssel grünen Salats.


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2025 – 210: Veraltete Vermutungen

Was von dem, das ich lernte, stimmt nicht mehr?

 

Heute fiel mir ein Buch in die Hand, das sich schon sehr lange in meinem Besitz befindet. Mein Onkel erhielt es in seiner Jugend geschenkt, im Jahr 1959 zu seiner Jugendweihe – zu meiner im Jahr 1978 erhielt ich dann traurigerweise ein anderes, ideologisierteres.

 

Widmungsblatt des Buches „WELTALL ERDE MENSCH”: Zur Erinnerung an die Jugendweihe GEWIDMET VOM ZENTRALEN AUSSCHUSS FÜR JUGENDWEIHE IN DER DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN REPUBLIK

Auf dem Vorsatz des Buches gedruckte Widmung (undefinierbar grau-silbrig goldene Färbung).

 

Vom Zentralen Ausschuß für Jugendweihe der Deutschen Demokratischen Republik bekamen die, die diese Feier begingen, das Buch ”Weltall Erde Mensch”. Im Untertitel heißt es „Ein Sammelwerk zur Entwicklungsgeschichte von Natur und Gesellschaft unter der Redaktion von Dr. Gisela Buschendorf-Otto, Dr. Horst Wolfgramm, Irmgard Radant”. Für mich als wißberieriges Kind der 4. oder 5. Klasse war das ein gern gesehner Lesestoff. Mein – ehemals meines Onkels – Exemplar ist mittlerweile leider vergilbt, es zerfällt teilweise; und der Schutzumschlag fehlt auch. Aber weggeben werde ich es nicht.

Einiges vom darin populärwissenschaftlich aufbereiteten und präsentierten Wissen gilt heute noch wie vor über 60 Jahren (das betrifft vor allem Dinge aus den Natur­wis­sen­schaften). Selbst Geschichtliches gilt noch. Aber die Gesellschaftswissenschaft von damals ist sehr weit weg von der heutzutage. Ich kann mit Hilfe dieses Buches den Fortschritt der Wissenschaft (insbes. Physik, Astrophysik, Kosmologie) wirklich deutlich erkennen. Allerdings: Ich betrachte solche Erkenntnisse immer (jedenfalls dann, wenn es mir – manchmal auch nur sehr mühsam – möglich ist) im historischen Kontext, im Zusammenhang mit dem, was damals wissenschaftlich möglich und vertretbar und belegbar war. Deswegen hier ein Zitat, dem ich heute nicht mehr uneingeschränkt beipflichten kann, denn auf diesem Gebiet hat sich unser Wissen deutlich verändert und erweitert.

 

 

Als eine natürliche Folge der immer komplizierter werdenden Arbeitsvorgänge innerhalb der Sippengemeinschaften der Sammler und Jägern bildete sich eine einfache, naturwüchsige Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern heraus. Die Männer gingen auf die Jagd, und die Frauen sammelten die Nahrung ein. Das war ein wichtiger Vorgang, der zugleich dazu führte, daß die Frau in der Gesellschaft eine besondere Stellung erlangte. Die Tätigket des Mannes, insbesondere die Jagd, förderte zwar in viel stärkerem Maße die Weiterentwicklung der Arbeitsgeräte als die T&aum;tigkeit der Frau, aber die Nahrungsproduktion war doch noch mehr oder weniger vom Jagdglück abhängig. Die Frau dagegen beschaffte durch das Sammeln von Früchten, Wurzeln und Kleingetier die gesicherte Nahrungsgrundlage; außerdem oblag ihr die Wartung der Kinder und des Feuers sowie infolge ihrer engen Bindung zum Rastplatz auch die Nahrungszubereitung. Am Feuer des Rastplatzes, das sie hütete, wurden die Jagdbeute und die Sammelnahrung verteilt und verzehrt. Entsprechend der auf diese Weise erlangten besonderen Bedeutung in der Gemeinschaft bezog man die verwandtschaftlichen Beziehungen auch auf die Frau und Mutter (Mutterfolge – Matriarchat).

WELTALL ERDE MENSCH.
Ein Sammelwerk zur Entwicklungsgeschichte von Natur und Gesellschaft
unter der Redaktion von
Dr. Gisela Buschendorf-Otto, Dr. Horst Wolfgramm, Irmgard Radant.

S. 293 — 8., überarbeitete Auflage
Copyright by Verlag Neues Leben 1954 · Printed in the German Democratic Republic
Lizenz Nr. 303 (305/2/59)
Für die veröffentlichten Karten sowie für
die Farbtafeln XIX und XXI gilt die Genehmigung des MdI der DDR Nr. 1959/77
Schutzumschlag und Einband: Günter Brandt
Druck: (III/18/211) Druckhaus Einheit Leipzig
(III/9/1) Sächsische Zeitung Dresden

 

 

Für uns Heutige liest sich das ein wenig sonderbar, vielleicht holprig, nicht wahr? Aber 1959 … Wie wäre das im Westen damals beschrieben worden? Eines aber fällt mir auch heute noch auf: Die Frau wurde nicht als untergeordnetes Mitglied der Gemeinschaft beschrieben, oder was meint ihr?

Aber weil das ein so altes (und tatsächlich auch ideologisch geprägtes) Buch ist, habe ich noch zwei Zitate daraus für euch: „Im vorliegenden Buch wird, ausgehend von den Erkenntnissen der fortgeschrittensten Wissenschaft, der Sowjetwissenschaft, die Entwicklung in Natur und Gesellschaft dargelegt und den realen wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechend aufgezeigt, daß wir durch unseren Kampf die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft zum Höheren, zum Vollkommeneren beschleunigen können.” (Walter Ulbricht, Stellvertreter des Ministerpräsidenten, in seinem Geleitwort, ebd. S.7) „Auf unseren Schulen soll der Geist wahrer Menschlichkeit und wirklicher Völkerfreundschaft den Unterrischt der Schüler und Schülerinnen bestimmen.” (ebd., S. 399)

Und noch zwei Anmerkungen von mir: a) Das Impressum (8., überarbeitete Auflage … Zeitung Dresden) war damals öfter so umfangreich. b) Im großen Zitat steht „die Wartung der Kinder” – diese Formulierung kenne ich aus Gehard Schönes Lied „Unterwegs”.

 

Das mir geschenkte Jugendweihebuch war „Der Sozialismus, Deine Welt.”, immer noch etwas besser als das letzte „Vom Sinn unseres Lebens”. Über alle drei Jugendweihebücher gibt es Wikipedia-Artikel, und alle drei sind auf diversen Platt­formen antiquarisch zu erwerben.

Vielleicht sollte ich eine Kategorie „Unnützes Wissen” einrichten?

 

Erinnerung des Tages:
Populärwissenschaftliche Literatur scheint mir in der DDR (laut meiner Erinnerungen) wesent­lich sustantiierter gewesen zu sein als die damals im Westen oder heute verfügbare.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 29. Juli 2025 war ich zufrieden mit dem Blättern und Lesen im alten Buch, mit zwei Kannen Tee, mit einer erklecklichen Anzahl endgültig gelöschter Filme.


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2025 – 209: Nonsens-Text, altertümelnd

Der steht seit langer Zeit in einer meiner Kladden.

 

Es gibt ja Dinge in Poesie / Poetik, die ich noch nie verstanden habe. Selbst die Fach­be­griffe dafür blieben Zeit meines Lebens böhmische Dörfer für mich. Ich erkenne einen drei-, vier- fünfhebigen Jambus, einen Anapäst, einen Daktylus oder Trochäus einfach nicht als das, was sie sind. Hebung und Senkung: Ja, klar, Vater und Altar werden von mir unterschiedlich betont; doch wenn in Gedichten kein Reim zu finden ist, dann scheitere ich an einer Einordnung in diese Versmaße.

Nichtsdestotrotz versuchte ich mich wohl an solchen Konstruktionen, wahrscheinlich von Gelesenem angeregt. Mag sein, daß ich mich damals mit Epigrammen oder antiken Theaterstücken beschäftigte, doch irgendwie ist es auch heute für mich nur ein altertümelndes Gebilde, das weder Sinn noch (poetische) Form hat.

 

 

Es defilieren durch den anheimelnden Hain
versunkener Äonen
griesgrämige Oheime,
sichtbar weithin entrückt
in phantasmagorische Dioramen
jüngferlicher Ehrbarkeit.

 

 

Nun gut (den zuerst hier genutzten Amerikanismus habe ich durch diesen gleich­wer­tigen Deutschen Ausdruck ersetzt). Alte, mittlerweile kaum oder nicht mehr genutze Worte aneinanderreihen kann ich, Silben zählen auch. Aber nein, die sechs Zeilen halte ich fürwahr nicht für gelungen, und ich denke darüber nach, was sich daran veränderte, wenn ich das nur in drei Zeilen notieren würde.

 

 

Es defilieren durch den anheimelnden Hain versunkener Äonen
griesgrämige Oheime, sichtbar weithin entrückt
in phantasmagorische Dioramen jüngferlicher Ehrbarkeit.

 

 

Macht das einen Unterschied? — Ich sitze hier und frage mich sowieso: Was will mir der Dichter damit sagen!? Vielleicht könnten die Worte, eingesprochen mit lakonisch-sonorer Baritonstimme, eine bestimmte Ahnung oder Vermutung von Bedeutungs­fülle erzeugen, d. h. vielleicht kann der Klang einer diese Worte sprechenden Stimme …

Wieder habe ich mich in meinen eigenen Gedanken verlaufen, den Faden verloren, über der Suche nach den passendsten Worten vergessen, was ich ausdrücken wollte. Eventuell wäre es besser gewesen, den Versuch weiter unter Verschluß zu halten und nur für mich selbst darüber nachzudenken.

Dennoch: Lese ich diese Worte, dann entsteht vor meinem inneren Auge ein Bild von alten Männern in Togen.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ich brachte acht Bücher in ein Öffentliches Bücherregal.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 28. Juli 2025 war ich zufrieden mit einem kurzen Ausflug nach Leipzig, mit Nudeln mit roter Soße, mit zwei Hefeweizen am Abend.


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2025 – 208: Sonntags braucht es Ruhe

Immer nur Leistung ist nicht machbar, es braucht Pausen.

 

Ach, es ist wundervoll, einen Plan zu haben. Noch wundervoller ist es, den ohne schlechtes Gewissen nicht umzusetzen. Genau das tat ich heute. Statt unterwegs zu sein und mir Gegend anzusehen, blieb ich zuhause. Immer wieder lag ich auf meiner Schlafstatt und döste und dämmerte vor mich hin, immer wieder einnickend. Oh ja, ich träumte, sogar luzide Träume – aber ich kann mich an keinen mehr erinnern. Selbst dann, wenn ich die Kladde aufgeschlagen bereitliegen und einen Stift in der Hand hatte, konnte ich mich nicht dazu aufraffen, etwas zu notieren. Ich fand und finde das heute vollkommen in Ordnung. Durchs Fenster zu meinen Füßen warfe ich ab und an einen Blick auf den Himmel. Ziemlich viele Wolken zogen dahin, nur selten sah ich die Sonne. Es regnete mehrmals; doch die Unwetterwarnungen vor schwe­rem Gewitter waren überflüssig, wenigstens für HaNeu überflüssig. Donner war zu hören, zwei- oder dreimal über den Nachmittag verteilt, eher aus der Entfernung. Blitze sah ich keine. Und wieder stelle ich fest: Die Schwüle bleibt nach dem gewittrigen Wetter erhalten, ist nicht weg, wie sie früher nach einem Gewitterchen schon weg war.

Ja, ich empfand die Luft wieder als schwül. Und das macht mir das Denken schwer, langsam, wie gedämpft. Deshalb auch mein Dämmerzustand, in den ich bei solchem Wetter oft verfalle. Denn wenn schon der Gedanke an Bewegung, an Anstrengung auch des Geistes Schweißausbrüche verursacht, dann …

Zu lesen versuchte ich auch. Doch nun bin ich in vier Büchern an Stellen angelangt, wo mir die gelesenen Sätze gar bedeutungsvoll erscheinen und ich nicht weiterlesen möchte oder kann, ehe ich nicht den Grund für mein Stocken gefunden habe. Denkfutter für eine ganze Weile, es ist möglich, daß hier irgendwann etwas davon zu lesen ist. Um selbst etwas zu fabulieren, zu phantasieren oder zu verdichten, fehlte mir heute wirklich die Lust, der Antrieb, die Konzentrationsfähigkeit. Zustand: schlaff wie ein fast luftloser Fahrradschlauch. Oder ganz luftlos? Nun, zumindest schaffte ich es ja noch, diese Sätze über den heutigen Sonntag zu formulieren.

Ganz ehrlich: Sollte ich morgen wieder so motiviert sein wie heute, dann ist das eben so. Ich werde meine Faulheit genießen, mich so gut es eben geht erholen. Fünfe gerade sein lassen. Der „verschwendeten Zeit” nicht nachtrauern. Denn ich kann nur die Möglichkeiten ausschöpfen, die ich wirklich habe.

 

Erinnerung des Tages:
Trotz der wenigen Kraft holte ich heute einige DIN A4-Kladden aus dem Schrank und las, was ich vor Jahren darinnen notierte.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 27. Juli 2025 war ich zufrieden mit dem Dahindämmern, mit dem Ausruhen, mit den gelesenen Sätzen.


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2025 – 207: Bekloppter Traum, oder?

Einworttitelende. Zumindest Ende dieses Dogmas.

 

So. Da hab ich mir mal wieder selbst ein Bein gestellt. Nach dem Brocken von gestern … Da liegt die Latte verdammt hoch, merk ich … Ach: Scheiß drauf. Ich bin ich und ich mach, wie ich kann.

 

Von einem Traum kann ich euch erzählen, den ich in der Nacht zu gestern hatte:

Urlaubsplanung zu zweit, an der Ostsee. Die luxuriösesten Unterkünfte sind viel billiger als der einfache, rustikale Campingplatz. Wir brauchen unbedingt etwas mit zwei Bädern oder wenigstens zwei Toiletten – aber sowas gibt es nicht. Am Ende wird es ein riesiges Ferienhaus, alleine auf einer winzigen Insel stehend, mit Küche, Bad, Wohnstube, drei Schlafstuben, einem Wintergarten – aber eben nur ein Bad. Deshalb auch zu einem Spottpreis. Doch das große Problem wurde anders gelöst. Denn ab sofort gehört ein Klorollenhalter mit Saugnäpfen zum Reisegepäck. Schließlich soll das Papier für jeden von uns richtigherum abrollen …

Wachgeworden bin ich, als ich das Teil zuhause befestigen sollte.

 

Manchmal wundere ich mich schon über das, was ich zu verarbeiten habe …

 

Erinnerung des Tages:
Ich war als Erwachsener nur dreimal so richtig im Urlaub: Zweimal an der Ostsee, einmal in der Nähe der Nordsee, und jedesmal nur für eine Woche.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 26. Juli 2025 war ich zufrieden mit selbstgemachter Nudelsoße, mit dem späten Mittags­schläf­chen, mit der am Schreibplatz verbrachten Zeit.


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2025 – 206: Beenden

Wir sind da einer Meinung (gewesen): Der eigene Tod.

 

Jetzt endlich habe ich ja das posthum erschienene Buch „Vor der Verwandlung” von Erwin Strittmatter zu lesen begonnen. Und schon auf der vierten Seite mit Text werde ich fündig (Gedanken nach einem Autounfall sind es) …

 

 

Ich werde von der schon so oft erlebten Absicht beschlichen, selber über meinen Tod zu verfügen. In so Augenblicken fühle ich eine Pistole in der Hand, spüre das kalte Metall an der Schläfe, ich höre den Knall, aber ich vermisse danach die Befreiung, auf die ich hoffte.

Erwin Strittmatter: Vor der Verwandlung. Aufzeichnungen. S. 8
1. Auflage 1991. © Aufbau-Verlag GmbH, Berlin 1995
ISBN 3-351-03002-9

 

 

Oh, schwieriges Thema. Freitod, Selbstmord oder – wie man es heute nennt – Suizid. Wahrscheinlich hat jeder Mensch (ab einem gewissen Alter) schon darüber nachge­dacht. Besser: Darüber nachgedacht, wie „das alles” beendet werden kann. Ziel ist nämlich bei mir zum Beispiel nicht ein einziges Mal das Sterben, niemals der Tod gewesen. Ich vermutete, erhoffte und erwartete darin eine Möglichkeit, das empfundene Leid, die Wertlosigkeit, die „Schuld an allem” zu beenden; außerdem ginge es den Menschen, die ich liebe, besser ohne mich und mein Versagen. Einen anderen Weg scheint schien es regelmäßig nicht zu geben.

Ja, ich habe auch (immer rechtzeitig selbst abgebrochene) Versuche unternommen. Warum ich es dann überhaupt versucht habe? Siehe oben. Warum ich dann doch immer wieder gekniffen habe? Tja, das hatte mehrere Gründe: Die Angst vorm (schmerzhaften) Sterben war zu groß; ich könnte die erhoffte Erleichterung nicht selbst erleben; ich würde die Menschen noch heftiger belasten als sowieso schon; bei meinem Geschick und Glück würde ich es sowieso nie richtig hinbekommen und dann elendig weiterexistieren usw. usf. Aber: Die Möglichkeit zu haben, jederzeit alles beenden zu können, die gab mir tatsächlich zeitweise den Mut und die Kraft weiterzuleben.

Nach dem Sterben bin ich tot. Da ist nur noch Nichts, jedenfalls nichts, das ich mir vorstellen, an das ich glauben kann. Und somit hätte ich auch niemals die erhoffte Entlastung meines Seins spüren können, nach dem Sterben.

Unter anderem deshalb also lebe ich noch: Weil es mir danach ganz sicher nicht besser gegangen wäre. Weil ich dann vieles nicht mehr hätte erleben können. Und weil es niemandem geholfen hätte, es niemandem besser gegangen wäre. Und so habe ich mich irgendwann in der Vergangenheit von dem Gedanken verabschiedet, von der sicheren Möglichkeit verabschiedet. Ja, das ging erst, nachdem eine meiner Erkrankungen behandelt (nicht aber vollständig geheilt) wurde. Vorbei …

 

Wie bekomme ich jetzt die Kurve hin … Weg von der Trübsinnigkeit, der traurigen Vergangenheit, hin zum Leben? Ich weiß es nicht. Ich habe irgendwann gemerkt, das (fast) alles besser ist, erlebens­werter ist als Nichts. Vor allem: Das Nichts kann ich mit Sicherheit nicht als Befreiung wahrnehmen. Und das zu „erleben” wäre eine gigantische Enttäuschung, noch eine, eine überflüssige, nicht wahr?

Ich lebe. Und ich habe mit Sicherheit vor, das noch ein paar Jahre so weiterzu­ma­chen. Vielleicht mit ein paar mehr besonderen Momenten als zur Zeit. — Warum nun aus der Idee, den Strittmatterschen Worten ganz viel Lebensmut entgegenzustellen, dieser Text hier entstand? Ich weiß es nicht, er schrieb sich einfach so. Außerdem saß ich am Nachmittag da und hatte noch etwas ganz anderes, dringendes zu tun: Ich mußte das Buch vor dem Weiterlesen durchblättern, komplett. Denn es kam zu mir aus einem Öffentlichen Bücherschrank und ich habe versucht, all die Anstreichungen der Vorbesitzenden darin wegzura­die­ren, und ich weiß nicht, ob mir das wirklich gelungen ist. Denn selbst der schwächste Bleistiftstrich scheint einen unauslösch­lichen Schatten auf den Seitenrändern hinterlassen zu haben. Nicht aber an der Stelle, die ich hier zitiere: Diese beiden Sätze waren nicht markiert.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Drei alte Festplatten, die nicht mehr sicher funktionieren, landeten im Elektroschrott.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 25. Juli 2025 war ich zufrieden mit dem „gesäuberten” Buch, mit durchgesehenen und dann zu Altpapier gewordenen Kalendern, mit dem Unterwegssein draußen.


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2025 – 205: Beruhigt

Aber was für ein hinterhältiges Mistding das doch ist.

 

 

Aus der eigenen Erfahrung weiß ich, daß – wenn die mahnenden, schim­pfenden, die Unverständnis und Unmut äußernden Stimmen in meinem Kopf nicht mehr zu hören sind – sich mein schlechtes Gewissen noch lange nicht beruhigt; es bleibt mir meist viel länger erhalten, als es mir guttun kann.

 

 

Da sitz ich am Schreibplatz und sortiere Zettel; und weil ich gründlich sortiere, lese ich, was darauf zu lesen ist. Manches ist mir unverständlich, von manchem weiß ich den Grund des Auschreibens und Aufhebens nicht mehr, manches läßt mich schmunzeln, einiges kenne ich noch (und könnte ich auch im Blog hier und da nachlesen). Jedenfalls verschwinden viele der Zettel im Aktenvernichter, im Reißwolf. Und andere kommen in eine Mappe, die ich mit einem Aufkleber versehen habe: Gehabte Ideen.

Zwei bleiben auf dem Tisch liegen. Der eine enthält neben dem Satz oben noch mehr, das mich sogar heute noch … nun ja, doch irgendwie belastet. Weil mein (vernünf­tiges) Handeln, das Ausschlagen einer Bitte, über das ich damals schrieb, mir sofort wieder ein schlechtes Gewissen machte all die Jahre später (es sind viele Jahre, die seither vergingen). Natürlich hätte ich helfen können, trotz meines unangenehmen Bauchgefühls, doch das wäre – wie ich schon kurz danach feststellen mußte – nicht gut für mich gewesen. Denn das, was ich hätte geben können, brauchte ich gut drei Wochen später, um Schlimmeres für mich selbst zu verhindern. Die Person, der ich damals nicht half, brach den Kontakt ab – und das führte dazu, daß ich schon damals ein schlechtes Gewissen hatte, monatelang. Und selbst heute habe ich für eine Weile deswegen ein schlechtes Gewissen.

Und auch heute war es wieder da. Dieses schlechte Gewissen, denn schließlich waren wir sehr eng befreundet und ich verweigerte meine Hilfe. Ich hätte doch können … und vielleicht hätte auch ich Hilfe von irgendwem gefunden … Alles Quatsch. Es war richtig, was ich tat (jedenfalls von heute aus betrachtet, mit meinem heutigen Wissen über das damalige und unmittelbar darauf folgenden Geschehen).

Diesen Zettel, diesen einen, den hebe ich nicht weiter auf. Auch der ist heute in Schnipselform im Altpapier gelandet. Auf daß ich nicht ein weiteres Mal in diese Falle stolpere, mit meinem Vergangenheits-Ich hadere (das tu ich nun häufig genug). Und wenn ich die Person und das Geschehen vergesse, auch die wundervollen gemein­sa­men Erlebnisse: na und? (Ich weiß, daß in einer der alten Kladden bestimmt auch noch etwas dazu steht; doch die sind in einem Karton weit hinten oben auf dem Schrank, da muß ich nichts mehr sortieren.)

 

Jetzt geht es mir besser. Jetzt habe ich mich wieder beruhigt. (Und nein, genauer kann ich mich hier nicht darüber äußern.)

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ich mußte den Auffangbehälter des Reißwolfs dreimal leeren.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 24. Juli 2025 war ich zufrieden mit „entsorgten Erinnerungen”, mit einigen geripten CDs, mit Tomatensalat am Abend.


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