2025 – 210: Veraltete Vermutungen

Was von dem, das ich lernte, stimmt nicht mehr?

 

Heute fiel mir ein Buch in die Hand, das sich schon sehr lange in meinem Besitz befindet. Mein Onkel erhielt es in seiner Jugend geschenkt, im Jahr 1959 zu seiner Jugendweihe – zu meiner im Jahr 1978 erhielt ich dann traurigerweise ein anderes, ideologisierteres.

 

Widmungsblatt des Buches „WELTALL ERDE MENSCH”: Zur Erinnerung an die Jugendweihe GEWIDMET VOM ZENTRALEN AUSSCHUSS FÜR JUGENDWEIHE IN DER DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN REPUBLIK

Auf dem Vorsatz des Buches gedruckte Widmung (undefinierbar grau-silbrig goldene Färbung).

 

Vom Zentralen Ausschuß für Jugendweihe der Deutschen Demokratischen Republik bekamen die, die diese Feier begingen, das Buch ”Weltall Erde Mensch”. Im Untertitel heißt es „Ein Sammelwerk zur Entwicklungsgeschichte von Natur und Gesellschaft unter der Redaktion von Dr. Gisela Buschendorf-Otto, Dr. Horst Wolfgramm, Irmgard Radant”. Für mich als wißberieriges Kind der 4. oder 5. Klasse war das ein gern gesehner Lesestoff. Mein – ehemals meines Onkels – Exemplar ist mittlerweile leider vergilbt, es zerfällt teilweise; und der Schutzumschlag fehlt auch. Aber weggeben werde ich es nicht.

Einiges vom darin populärwissenschaftlich aufbereiteten und präsentierten Wissen gilt heute noch wie vor über 60 Jahren (das betrifft vor allem Dinge aus den Natur­wis­sen­schaften). Selbst Geschichtliches gilt noch. Aber die Gesellschaftswissenschaft von damals ist sehr weit weg von der heutzutage. Ich kann mit Hilfe dieses Buches den Fortschritt der Wissenschaft (insbes. Physik, Astrophysik, Kosmologie) wirklich deutlich erkennen. Allerdings: Ich betrachte solche Erkenntnisse immer (jedenfalls dann, wenn es mir – manchmal auch nur sehr mühsam – möglich ist) im historischen Kontext, im Zusammenhang mit dem, was damals wissenschaftlich möglich und vertretbar und belegbar war. Deswegen hier ein Zitat, dem ich heute nicht mehr uneingeschränkt beipflichten kann, denn auf diesem Gebiet hat sich unser Wissen deutlich verändert und erweitert.

 

 

Als eine natürliche Folge der immer komplizierter werdenden Arbeitsvorgänge innerhalb der Sippengemeinschaften der Sammler und Jägern bildete sich eine einfache, naturwüchsige Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern heraus. Die Männer gingen auf die Jagd, und die Frauen sammelten die Nahrung ein. Das war ein wichtiger Vorgang, der zugleich dazu führte, daß die Frau in der Gesellschaft eine besondere Stellung erlangte. Die Tätigket des Mannes, insbesondere die Jagd, förderte zwar in viel stärkerem Maße die Weiterentwicklung der Arbeitsgeräte als die T&aum;tigkeit der Frau, aber die Nahrungsproduktion war doch noch mehr oder weniger vom Jagdglück abhängig. Die Frau dagegen beschaffte durch das Sammeln von Früchten, Wurzeln und Kleingetier die gesicherte Nahrungsgrundlage; außerdem oblag ihr die Wartung der Kinder und des Feuers sowie infolge ihrer engen Bindung zum Rastplatz auch die Nahrungszubereitung. Am Feuer des Rastplatzes, das sie hütete, wurden die Jagdbeute und die Sammelnahrung verteilt und verzehrt. Entsprechend der auf diese Weise erlangten besonderen Bedeutung in der Gemeinschaft bezog man die verwandtschaftlichen Beziehungen auch auf die Frau und Mutter (Mutterfolge – Matriarchat).

WELTALL ERDE MENSCH.
Ein Sammelwerk zur Entwicklungsgeschichte von Natur und Gesellschaft
unter der Redaktion von
Dr. Gisela Buschendorf-Otto, Dr. Horst Wolfgramm, Irmgard Radant.

S. 293 — 8., überarbeitete Auflage
Copyright by Verlag Neues Leben 1954 · Printed in the German Democratic Republic
Lizenz Nr. 303 (305/2/59)
Für die veröffentlichten Karten sowie für
die Farbtafeln XIX und XXI gilt die Genehmigung des MdI der DDR Nr. 1959/77
Schutzumschlag und Einband: Günter Brandt
Druck: (III/18/211) Druckhaus Einheit Leipzig
(III/9/1) Sächsische Zeitung Dresden

 

 

Für uns Heutige liest sich das ein wenig sonderbar, vielleicht holprig, nicht wahr? Aber 1959 … Wie wäre das im Westen damals beschrieben worden? Eines aber fällt mir auch heute noch auf: Die Frau wurde nicht als untergeordnetes Mitglied der Gemeinschaft beschrieben, oder was meint ihr?

Aber weil das ein so altes (und tatsächlich auch ideologisch geprägtes) Buch ist, habe ich noch zwei Zitate daraus für euch: „Im vorliegenden Buch wird, ausgehend von den Erkenntnissen der fortgeschrittensten Wissenschaft, der Sowjetwissenschaft, die Entwicklung in Natur und Gesellschaft dargelegt und den realen wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechend aufgezeigt, daß wir durch unseren Kampf die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft zum Höheren, zum Vollkommeneren beschleunigen können.” (Walter Ulbricht, Stellvertreter des Ministerpräsidenten, in seinem Geleitwort, ebd. S.7) „Auf unseren Schulen soll der Geist wahrer Menschlichkeit und wirklicher Völkerfreundschaft den Unterrischt der Schüler und Schülerinnen bestimmen.” (ebd., S. 399)

Und noch zwei Anmerkungen von mir: a) Das Impressum (8., überarbeitete Auflage … Zeitung Dresden) war damals öfter so umfangreich. b) Im großen Zitat steht „die Wartung der Kinder” – diese Formulierung kenne ich aus Gehard Schönes Lied „Unterwegs”.

 

Das mir geschenkte Jugendweihebuch war „Der Sozialismus, Deine Welt.”, immer noch etwas besser als das letzte „Vom Sinn unseres Lebens”. Über alle drei Jugendweihebücher gibt es Wikipedia-Artikel, und alle drei sind auf diversen Platt­formen antiquarisch zu erwerben.

Vielleicht sollte ich eine Kategorie „Unnützes Wissen” einrichten?

 

Erinnerung des Tages:
Populärwissenschaftliche Literatur scheint mir in der DDR (laut meiner Erinnerungen) wesent­lich sustantiierter gewesen zu sein als die damals im Westen oder heute verfügbare.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 29. Juli 2025 war ich zufrieden mit dem Blättern und Lesen im alten Buch, mit zwei Kannen Tee, mit einer erklecklichen Anzahl endgültig gelöschter Filme.


© 2025 – Der Emil. Bild & Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2025, Erlebtes, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

8 Kommentare zu 2025 – 210: Veraltete Vermutungen

  1. Myriade sagt:

    Tatsächlich weiß man ja nur sehr wenig über Gesellschaftsstrukturen zu Zeiten der Jäger und Sammler und zu Beginn der landwirtschaftlichen Revolution. Es mag so gewesen sein wie hier beschrieben oder auch nicht. Die Theorie über die Existenz des Matriarchats gab es wohl schon in den 1970er und 1980er Jahren, sie war aber heftigst umstritten
    Die „fortgeschrittenste Wissenschaft, die Sowjetwissenschaft“ und der „Geist wahrer Menschlichkeit und wirklicher Völkerfreundschaft“ lässt sich zumindest sehr heftig anzweifeln.

    • Der Emil sagt:

      Die Matriarchat-Idee ist älter (das zitierte Buch von 1959).

      Heute wird jede Wissenschaft in weiten Kreisen verteufelt (siehe UTSA). Aber die Bildung in der DDR hatte viele humanistische Elemente.

      • Myriade sagt:

        Du hast aber – zumindest rhetorisch 😉 gefragt, wie das wohl im Westen war.
        Was meinst du mit UTSA?
        Von der Bildung in der DDR weiß ich nichts und kann daher auch nichts dazu sagen.

        • Der Emil sagt:

          Die Nachfolge„organisation” der USA: U Trumpel SA …

          Ach soooooooo: 70er/80er war auf die alte BRD bezogen?

          • Myriade sagt:

            Ah, UTSA, ja das gefällt mir, also die Abkürzung nicht die Sache.
            Die 70er und 80er waren auf die Welt bezogen, Wissenschaft und Forschung und auch mehr oder weniger haltlose Vermutungen finden ja international statt und nicht auf ein Land beschränkt.
            Ich bin Österreicherin und habe, wie gesagt, von der DDR keine Vorstellung, finde sie aber interessant

  2. Mister B sagt:

    @deremil@deremil.blogda.ch ich habe auch alle 3 Bücher bei mir im Schrank 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert