Unanständig sehnsüchtige Träume, die aufwühlen.
So aufzuwachen, so schlagartig aus einem Traum zu fallen, und dann so verwirrt sein. Wieso nur waren solche Szenen nie in ihren Jugendträumen vorgekommen? Was soll sie jetzt tun gegen ihre, für ihre Lust … Tante Erdmute bleibt ein paar Minuten auf dem Bett sitzen. Noch spürt und sieht sie die Frau aus ihrem Traum. Ja, eine Frau! Aber das geht doch nicht, das ist unmoralisch und widerlich – aber zumindest fühlte es sich wundervoll an. Nun, im Alter gönnt sie sich ja doch ein paar mehr Freiheiten, Freizügigkeiten als früher. Zum Beispiel die nackten Spaziergänge morgens im Garten. Oder auch den zweiten Mann ihres Lebens, der sie mittlerweile besser und lustvoller kennt als der erste. Denn ihm und auch sich selbst gestattet sie viel mehr Erotik als ihrem Ehegatten. Selbst im ehelichen Schlafzimmer ging es immer gesittet zu, hielt sie sich immer zurück. Ja, die Moral. Die machte sie immer steif und unglücklich, und sie schämte sich jedes Mal. Aber er, er war über so viele Jahre geschlechtslos in ihren Augen. Als er vor Jahrzehnten in ihren Dienst trat, in den ihren und den ihres Gatten, durfte er von Anfang an etwas, was sie dem Ehemann nie erlaubte: Er bediente und umsorgte sie auch, wenn sie sich ein Wannenbad gönnte. Vor ihm schämte sie sich nicht ein einziges Mal für ihre Nacktheit. Ach, in wenigen Minuten wird er ja zu ihr kommen.
Aber der Traum … Ein Liebesspiel mit einer jüngeren Frau … Wie viele Gelegenheiten hatte sie wohl verpaßt? Und was alles hat sie verpaßt? Tante Erdmute hat keinerlei Vorstellung davon. Sie weiß ja auch nicht viel über das, was dabei in einem Mann vorgeht, denn darüber sprach sie bisher nur mit einem einzigen Mann. Und auch nur dieser weiß oder ahnt vielleicht auch nur, was er in ihr auslöst, an und in ihrem Körper und in ihrem Kopf. Warum sprechen viele Menschen nicht über so wichtige Dinge miteinander? Ja, die Moral. Und die daraus sich ergebende Scham. Der sogenannte Anstand führte zu so vielen Jahren des Schämens, des Versteckens, des Verbergens; und es waren so viele Dinge, die sie sich deswegen untersagte, verbot. Jetzt aber, jetzt kann sie über diese Hürde springen.
Sie hat sich gerade aufreizend zurück aufs Bett gelegt, als er die Tür öffnet. Sie wird ihm gleich hinterher von ihrem Traum erzählen. Und auch darauf freut sich Tante Erdmute.
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
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