103–2024: Vertrauen

Zweimal Mut führt zu unerwartet Unvergeßlichem.

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Es ist alt, es hat Knicke an den Ecken, es beginnt zu verblassen. Ich hüte dieses Bild wie meinen Augapfel, habe es überall dabei und schon mehrfach überlegt, es zu laminieren. Aber dann wäre es nicht mehr dieses eine Bild. Und auch die drei Abzüge, die ich im Laufe der Jahre vom noch immer vorhandenen Negativ machen ließ, sind nicht dieses Bild. Denn es hat eine besondere Geschichte.

Vor vielen Jahren sprach ich jemanden an, ob ich nicht ein paar Bilder machen dürfe mit meinem Fotoapparat. Es gab schon Digi­tal­kameras, die ersten, die nicht nur briefmarkengroße Bildchen machen konnten. Aber in den Mobiltelefonen waren Kameras noch absoluter Luxus. Ich hatte eine Spiegelreflex dabei und sprach sie einfach an, direkt vor einem Drogeriemarkt, in dem ich gerade meinen Vorrat an Filmen ergänzt hatte. Welche Bilder wo gemacht werden können, sollte sie alleine entscheiden. Wenn ich nur fotografieren dürfe. Ich wollte nur fünf oder sechs der Fotos für mich haben, alle anderen und alle Negative würde ich ihr geben. Als sie mir sagte, daß ich nicht so viel quasseln und auch sie zu Wort kommen lassen soll, rechnete ich mit einem „wir kennen uns nicht, vergessen Sie's ganz schnell”. Doch dann war ich baff. Jetzt gleich hatte sie Zeit und auch eine Idee, wo sie sich von mir fotografieren lassen wollte. Und ab dem Moment war ich nur noch der, der tat, was sie sagte, und dem sie in dieser außer­ge­wöhn­lichen Situation vorbehaltlos und grundlos und uneingeschränkt vertraute.

Es wurde ein wunderbarer Nachmittag auf einer kleinen Lichtung. Vier Filme mit je 36 Bildern gab ich danach bei einem noch selbst entwickelnden Fotografen ab, die Abzüge waren am übernächsten Tag fertig. An diesem Nachmittag dann trafen wir uns wieder vor der Drogerie, saßen danach im Eiscafé und sahen uns die Ergeb­nisse von der Lichtung an. Ja, sie war sehr zufrieden damit. Nein, die Negative wollte sie nicht, die dürfe ich ruhig behalten. Und die fünf oder sechs Bilder, die ich behalten wollte, sollte ich mir einfach neu anfertigen lassen. Eine Bitte hatte sie noch: Ich sollte sie nie wieder ansprechen oder anrufen, die Fotos und der Nachmittag seien alles, was wir jemals voneinander und miteinander gemein­sam hätten. Es sollte eine Erinnerung bleiben an ihren Mut und an eine Zeit, in der sie sich seit langem wieder einmal frei gefühlt hatte.

Ich sah sie öfter, hielt mich aber an die Absprache. Von allen Negativen ließ ich mir nur dieses eine einzige Bild abziehen, dieses eine, auf dem sie so gelöst lacht. Ich habe es nie jemandem gezeigt, es nie irgendwo an der Wand hängen gehabt. Aber ich trage es seit Jahren mit mir herum, immer und überall. Und die später angefertigten Abzüge verschwanden in meinem Schreibtisch und wurden nie wieder hervorgeholt. Die Negative? Ja, die habe ich auch noch, aber auch die sah ich mir nie wieder an. Ich habe Angst, daß ich mir mit denen das Besondere der Erinnerung an sie und den Nachmittag beschädigen könnte.

 

 

Erinnerung des Tages:
Im Bahnhof FFM sah und fotografierte ich vor Jahren einen leidenschaftlichen Luftgitarrespieler.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 12. April 2024 mit der früheren Abfahrt, mit den eine Stunde verspätet klappenden Anschlüssen, mit den nach langer Zeit wiedergesehenen Freunden.

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102–2024: Körbe

Die aus Ruten oder Spänen geflochtenen allgegenwärtigen Behälter.

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Die Dinger scheinen mittlerweile aus der Mode gekommen zu sein. Denke ich. Im Haushalt meiner Eltern gab es durchweg mehrere davon; es existieren noch immer ein Holzkorb (Hasel, fürs Feuerholz), mehrere Wäschekörbe (Weide, stehen vollge­packt auf dem Dachboden), zwei unterschiedlich große Spankörbe (in einem sind die Kartoffeln, der andere war zum Pilzesammeln gedacht), und dann ist da noch ein Einkaufskorb aus Weide geflochen, mit dem die Getränke aus dem Keller geholt werden. Meine Großmutter in Mecklenburg hatte an ihrem Fahrrad einen aus Weide gefertigten Kindersitz (das „Körbchen”) vorne vorm Lenker montiert. Und dann die robusten Kartoffel­kiepen (runde, haselgeflochtene Körbe mit zwei Griffen und zwei Tragegurten wie ein Rucksack), die waren dort auch täglich genutzte Utensilien für alle möglichen Transportaufgaben.

Die Einkaufskörbe in den Läden waren auch in der DDR aus Stahldraht, es gab sie lange bevor die damals noch wesentlich kleineren Einkaufswagen aufkamen. Es war aber auch üblich, mit einem geflochtenen Korb zum Einkaufen zu gehen und damit das Gekaufte nachhausezutragen. Fahrradkörbe und Picknickkörbe waren aus Naturmaterial geflochten. Mir begegnen ab und zu noch Korbflechter auf den Mittel­altermärkten, es war auch schon einer da, der nicht nur verkaufte, sondern sein Handwerk vorführte. Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke, daß die Generation meiner Großeltern durchaus noch fähig war, Körbe selbst zu flechten. Ich finde die altmodischen wesentlich schöner – und sie sind auch wesentlich haltbarer als z. B. unsere modernen Plastewäschekörbe. Von denen wird es wohl kaum einen geben, der bei ständigem Gebrauch weit mehr als dreißig Jahre hält und unversehrt bleibt.

Mal abgesehen von den dekorativen Körbchen, die allüberall zu Ostern auftauchen: Habt und benutzt ihr noch Körbe aus Weide, Hasel, Spänen oder anderem Natur­material (heutzutage auch häufig aus Rattan)? Ach ja, ich habe ja auch noch einen besonderen Weidenkorb in Gebrauch, nämlich einen echten Klingelkorb aus einer im Leipziger Revier weggebaggerten Kirche (nein, ich konnte nicht herausfinden, aus welcher genau) …

 

Erinnerung des Tages:
Natürlich die an all die vielen Körbe, die es in meinen Kindertagen noch gab.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 11. April 2024 mit den erledigten Haushaltsdingen, mit der Zeit in der Badewanne, mit der aufgeregten Vorfreude.

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101–2024: Rosen

Ich hätte auch Tulpen oder Wein betrachten können.

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Ich machte mir einmal mehr einige „unnütze” Gedanken … Diesmal über Rosen, diese besonderen Pflanzen mit ihren besonderen Blüten. (Ich suche noch immer nach dieser einen gelben, sehr schwer duftenden aus dem Bauerngarten meiner Mecklenburger Großmutter.) Also Rosen. Wer hat warum über viele Jahrhunderte welchen Zinnober und welchen Aufwand veranstaltet, um die heute so vielfältigen Formen dieser Blüten herauszuzüchten?

Für mich ist das eine ähnlich wichtige Frage wie die nach den Menschen, die herausfanden, daß aus den grösteten und gemahlenen Teilen der Kaffeefrüchte durch Überbrühen mit sehr heißem Wasser der morgendlich genossene Trank wird zur Belebung der Lebensgeister? Ich meine: Rösten und Mahlen und Brühen, wie kommt jemand auf eine solche Idee!?

Oder wie die, wie es gelang, das Toilettenpapier zum Hinternabputzen …

Oder die nach den für uns Menschen wirklich so wichtigen Erfindungen von [hier bitte eigene Beispiele einfügen] …

Sind das wirklich „nur” Fragen nach unnützem Wissen?

 

Erinnerung des Tages:
Beim Sirup-Anrühren: Die Schwarzen Johannisbeeren im Hof der Großeltern reiften immer zu recht großen, sehr süßen Früchten heran, aus denen ein hervorragend schmeckender Sirup gekocht wurde.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 10. April 2024 mit drei lange nicht mehr gehörten CDs, mit zusammengepacktem Zeug, mit einer großen Schüssel frischen Salats.

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100–2024: Dienstag

Ein besonderer Fund am heutigen Morgen.

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Direkt neben mir liegt auch nachts Schreibzeug. Es wird benutzt, manchmal direkt vorm Einschlafen, manchmal beim Zwischenwach. Und manchmal … Heute fand ich beim Aufstehen zwei Sätze, die ich mit lateinischen Buchstaben (also den für mich ungewohnteren, doch heute im deutschsprachigen Raum üblichen Schriftzeichen) geschrieben habe. An die ich mich nicht im geringsten erinnern konnte und kann. An einen Flugtraum ohne Flug- bzw. Höhenangst kann ich mich vage erinnern, weil ich ihn gegen fünf Uhr während eines Besuchs im Badezimmer noch nachempfunden habe – doch an diese wenigen Worte nicht:

 

 

Was uns unter der Sonne als etwas erschien, das uns vereinen kann, schweißt uns in den Wolken fest zusammen. Unsere Umarmung ist lebensrettend.

 

 

Zwei Sätze nur. Mitten aus der Nacht. Aus dem Unbewußten. Von irgendwoher. Wie könnte ich sie einordnen in all das, was ich sonst niederschreibe; welche Bedeutung mag ich ihnen zumessen? War das, was in dieser Nacht geschah, automatisches Schreiben – Écriture automatique? In welchem Bewußtseinszustand war ich, während ich diese Sätze notierte: War ich wach, war ich halbwach oder tief in einem Traum? War ich in jenem Moment überhaupt ich oder schrieb da jemand anderes? Woher kommen solche und ähnliche Sätze zu tiefschlafener Nacht?

Natürlich: Momentan sind fehlende Berührungen/​Umarmungen ein Thema für mich; ich vermisse sie seit langer Zeit, vielleicht sogar seit zu langer Zeit. Etwas gegen dieses Vermissen zu tun ist mir alleine nicht möglich, dazu bräuchte es immer eine zweite Person, einen anderen Menschen …

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Einen größeren Spiegel (etwas mehr als DIN A3) und zwei Schüsseln „Zu verschenken” ins Haus gestellt.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 9. April 2024 mit den vom defekten Telefon herunter­geladenen Daten (was für ein Fitz – es ließ sich beim hmpfundnölfzigsten Versuch einschalten und dann war es möglich), mit begonnenem Packen, mit Wiener Würstchen mit Brötchen und Senf.

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099–2024: Utopien

Die von damals, die alle nicht Wirklichkeit werden durften und verschwanden.

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Wie oft ich in der Schule etwas über meine Vorstellungen von der Zukunft schreiben oder zeichnen sollte, weiß ich nicht mehr. Aber eines war uns allen gemeinsam in den Utopien, die wir erträumten: Die Menschen werden ohne Geld – wer etwas braucht, geht einfach in ein Versorgungszentrum und bekommt es dort ausgehän­digt – und ohne stinkende Autos und ohne qualmende Öfen leben. Einfamilien- und Reihenhäuser sind schon lange kein Lebensziel mehr. Wir würden reisen können, wohin wir wollen. Auch Ausflüge zu einer der ringförmigen Raumstationen oder gar Arbeitseinsätze dort stellten wir uns als normal vor. Die Produktionsprozesse laufen überwiegend vollautomatisch ab, Menschen überwachen nur noch oder stellen die von den Maschinen auszuführenden Programme zusammen. In den Meeren sorgen vollautomatische Kulturen dafür, daß es jederzeit genügend Fisch und Algen für die Ernährung der gesamten Erdbevölkerung gibt. Jede kann jederzeit mit jedem kommunizieren, sogar mit Bild.

Das waren Utopien, die vor 40 Jahren noch ganz normal waren und vor 35 Jahren plötzlich in der Versenkung verschwanden. Nicht eine davon ist Wirklichkeit geworden (nein, auch die mit der Kommunikation nicht, siehe Funkloch). Und heute? Heute herrschen Dystopien vor; wer kann sich angesichts der Realität noch eine glückliche Zukunft dieses Planeten vorstellen? Bei mir hat sich mittlerweile sogar ein gewisser Fatalismus eingestellt: Gemäß der statistischen Alterserwartung werde ich das Schlimmste wohl nicht mehr miterleben.

Es waren schöne Phantasien, Vorstellungen, die wir von der Zukunft hatten, und viele von uns waren sicher, daß 2000 oder 2020 einiges davon schon erreicht sein würde. Tja. Aus Gesprächen mit Gleichaltrigen, die in der BRD und anderen Ländern aufwuchsen und lebten, erfuhr ich, daß auch dort ähnliche Utopien gang und gäbe waren. Und sie verschwanden dort ungefähr zur gleichen Zeit, kurz vor dem Ende der DDR …

Vielleicht sind es die verlorengegangenen Utopien, die mir verlorengegangenen Utopien, die mich so häufig in die Vergangenheit blicken lassen. Nun, in der hatte ich all jene Erlebnisse, die ich in meinen Schmonzettchen verarbeite. Hat das also durchaus etwas Gutes, nicht wahr? Mal sehen, ob ich nicht auch wieder Utopien zu Papier bringen kann.

 

Erinnerung des Tages:
Ich habe vor vielen, vielen Jahren (1979, 1980 oder 1981?) mit einem Menschen gesprochen, der mehrmals im Weltall unterwegs war, und ich tat es auf Russisch mit Waleri Bykowski.

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Um die 20 leere Schachteln und Kartons flachgelegt und ins Altpapier gegeben.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 8. April 2024 mit dem Anfang einer Geschichte aus der Zukunft, mit Unterwegssein in der Stadt, mit den ensorgten Kartonagen.

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098–2024: Wandern

Aus einer Laune heraus und aus meinem Denkicht.

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Zielstrebig sind die zumeist, zielstrebiger als die Flaniererinnen. Wollen von A nach B oder von A nach A zurück über B und C und D usw. Wandern ist nicht zielloses Umherstreifen, sondern Bewegung auf ein Ziel zu. So sagen sie, die Wandrer:innen. Das einzig echte Wandern ist ja auch das zu Fuß, nicht wahr? Sowas wie Radwandern oder Kanuwandern ist Teufelszeug, zu schnell und/​oder zu naß, sagen sie.

Papperlapapp, denke ich. Und ich denke an die Wanderer zwischen den Welten, an die Gratwanderer, an Wanderhirten und Wanderschäfer, an Traumwanderer, an die Wander­vögel und Wanderdünen, an Wandergesellen und Wanderführer, an Wander­falken und den Wanderzirkus. Es gab irgendwann sogar Völkerwanderungen, sagt die Geschichtsschreibung. Und wer erinnert sich nicht gern an die Wandertage in seiner Schulzeit?

Zu Fuß. Nein, Wandern geht auch anders. Nicht nur zu Fuß. Es gibt Menschen, die wandern durch Worte, die wandern durch Phantasien, durch und in Träumen. Morgen werde ich euch wieder einladen, mit mir zu wandern, irgendwohin, durch irgendetwas, in irgendetwas hinein.

 

Erinnerung des Tages:
An einem Wandertag (wir fuhren mit dem Bus) war die Schulklasse in der Drachenhöhle Syrau – das dort gemachte Klassenfoto sah ich mir heute wieder an.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 7. April 2024 mit dem langen Schlafen, mit Nudeln mit roter Soße, mit Hefeweizen zum Feierabend.

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097–2024: Ausgewählt

Eines von sieben, die ich heute versuchte.

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Staubtrockener Weg
Hinter Büschen und Bäumen
Leis' murmelnder Bach

Der Zeitenfluß wird spürbar
Still verharrend am Ufer

Ein Tanka.

 

 

Ich versuche mich immer wieder an diesen kurzen Formen Haiku, Senryū, Tanka, 28er und Janka, wobei zu den drei erstgenannten zumeist auch noch inhaltliche Vorgaben beachtet werden müssen. Von diesen kurzen Gedichten entsteht zwar nicht täglich eines, aber nach einer Woche finde ich immer wieder mehrere in meinen Notizen. Manchmal kann ich mich nicht mehr an sie erinnern, daran, sie geschrieben zu haben. Viele sind einfach nicht gelungen, und von den anderen möchte ich nur wenige zeigen zwischen all den anderen hier zu findenden Texten. Aber: In den hier in Europa üblichen nur 17 Silben (im Japanischen eigentlich 17 Moren) eines Haiku steckt durchaus viel Arbeit. Vom Tanka oben gibt es sieben nieder­geschriebene Versionen – „Ein staubiger Weg”, „Staubtrockenes Gras”, „Staub­be­deckter Tag” sind drei andere Anfänge; und es gibt auch anderes als „leis' murmelnder Bach”. Die letzten beiden Zeilen aber sind immer gleich in allen sieben Versuchen (und während ich jetzt darüber schreibe, bemerke ich, daß es noch viel mehr Versionen sind, die ich aus meinem Zeilenbaukasten schaffen könnte).

Aber fragt mich bitte nicht nach Jamben, Trochäen, Daktylen und wie die sonst alle heißen. Mit denen … ach, lassen wir das lieber.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Es lagen noch vier Bücher zum Wegbringen bereit, die jetzt im Öffentlichen Bücherregal stehen.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 6. April 2024 mit erledigtem Haushalt, mit der Zeit in der Stadt, mit einem zufällig sich ergeben habendem Gespräch.

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096–2024: Geschäftsgefährdend

Nicht-Idylle in idyllisch-kleinstädtischer Umgebung.

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Die Sonne taucht vieles in ein rötlich-oranges Licht. Baumkronen und Hausdächer, Wände und blühende Sträucher – alles steht wie in einem Feuerschein. Nur die Wärme, die Wärme läßt noch zu wünschen übrig. Doch das soll sich ja in zwei oder drei Wochen geändert haben, schließlich wurden wieder Hitze und Trockenheit vorhergesagt. Einstweilen ist es noch feucht, morgens und abends sind die Wiesen und Rabatten taufeucht, der Bach führt gehörig Wasser. In dieser Woche fiel schon an drei Tagen Regen. Wenn es nur fünf oder sechs Grad wärmer wäre, hätten die Leute hier in der Kleinstadt einen perfekten Frühling.

Noch aber ist es kühl am Morgen, die Menschen sind in Jacken und auch Schals gehüllt. Wer zum Beispiel kein Dach über dem Kopf hat, friert in den Nächten und sucht um diese Zeit dann die ersten von der Sonne gewärmten Stellen auf. Besonders begehrt sind die Plätze an der Westseite des Marktplatzes, direkt vor einer Bäckerei. Dort wird niemand von den Bänken und den Stühlen vertrieben, die zum Geschäft gehören. Ganz im Gegenteil. Von Acht bis Neun erhält, wer hier sitzt, einen Becher Kaffee und ein Gebäck; und bezahlen muß nur, wer das kann.

Schon so mancher fragte die Beschäftigten des Ladens, warum das so passiert und ob das nicht viel zu teuer wäre für die heutige Zeit. Als Antwort darauf gibt es immer wieder diese beiden Sätze: „Wir wollen unseren Mitmenschen nicht beim Hungern zusehen und geben von dem ab, wovon wir mehr als genug haben. Wen wir menschlich und gut behandeln, wenn es ihm schlecht geht, der wird sich an uns erinnern, wenn es ihm wieder besser geht.” Wer danach noch weiterfragt, diese Haltung nicht verstehen will oder kann, bekommt folgende Bitte zu hören: „Sie dürfen gerne mit einer Spende an uns dazu beitragen, daß die Bäckerei nicht in die Insolvenz gerät – Sie dürfen mit einer Spende aber auch zwei oder drei dieser Menschen zu einem kleinen Frühstück verhelfen.” Und wenn einer, der es sich eigentlich leisten könnte, auf diese Weise dazu kommt, nichts bezahlen zu müssen … „Dann ist das eben so. Wonach sollen wir beurteilen, wer wieviel zahlen kann; womit sollen wir es denn begründen, daß wir einem Menschen Essen und Trinken verweigern? Wir sind doch nicht unsere Regierung!” Spätestens dann enden die Fragen, oder die Beschäftigten wenden sich wieder ihrer eigentlichen Arbeit zu.

Die Alteingesessenen hier wissen um den Hintergrund, die Hinter­gründe dieser Aktion. Denn die damals sehr jungen Eltern des jetzigen Bäckermeisters kamen am Kriegsende erst hierher ins Städtchen. Und wenn der damalige Bäcker für sie nicht Brot „abgezweigt” hätte und sie nicht beide als Lehrlinge aufgenommen hätte … Das hat geprägt, und so gibt es, seit es wieder wirklich arme Leute gibt, die sich Brot oder Semmeln vom Hand­werks­bäcker kaum noch oder nicht mehr leisten können, morgens von Acht bis Neun Kaffee und Gebäck, und eine halbe Stunde vor Ladenschluß wird verschenkt, was sonst eventuell weggeworfen werden müßte.

Und glauben Sie mir: Ich als guter Freund der Bäckersleute weiß, daß jede und jeder, die bezahlen kann, auch wirklich bezahlt, wenn nicht sofort, dann eben etwas später. Wir sind hier nämlich in einer Kleinstadt, in der man sich kennt und hilft.

 

 

Erinnerung des Tages:
Einige Bäcker verschenkten zu DDR-Zeiten die Kuchenrinden, die damals anders als heute nicht mit verkauft wurden, an uns Kinder, die wir danach fragten.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 5. April 2024 mit der ungestörten und pünktlichen Fahrt, mit einigem beschriebenem Papier, mit dem gerade warmgemachten Glühwein.

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095–2024: Gardinen

Was wohl hinter ihnen zu sehen ist und vor sich geht.

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Oh, ich habe eine ganze Menge der Gardinenmoden miterlebt: die normale Gardine, die Stores (bodenlang), die Raffgardinen, die Scheibengardinen, die Kaffee­haus­gar­di­nen, die nicht vorhandenen Gardinen. Alles hatte und hat seine Zeit und seine Orte.

Heute fehlen die Gardinen sogar an den Fenstern der Erdgeschoßwohnungen: Es läßt sich trefflich in die Küchen und Stuben und Zimmer hineinsehen; und am Abend, wenn drinnen Lampen angeschaltet sind, gibt es manchmal auch Dinge zu sehen, die ich überhaupt nicht sehen möchte. Keine Gardinen kombiniert mit bodentiefen Fenstern: Ein Abendspaziergang vorbei an mehreren solchen brachte neben zwei sehr erfreulichen Ansichten auch mehrere weniger tolle … Ich gestehe, vor einem der Fenster verweilte ich etwas länger im Schatten auf der degenüberliegenden Straßenseite. (Es blieb aber alles unfotografiert.)

Bei mir zuhause im neunten Stock brauche ich wirklich nichts, was mich vor Blicken von außen schützt. Die Jalousetten dienen dem Abschatten/​der Verdunkelung. Das erspart einiges an Wäsche usw. Ich kann mich daran erinnern, was es an Arbeit war, die Gardinen an den Clipsen in der an der Decke festgeschraubten Gardinenleiste festzumachen – und zwar so, daß sich ein gefälliger Faltenwurf ergab! Ach, unsere Stores hatten zwar keine Goldkante, aber die Bleikette hatte ich oft genug selbst unten eingefädelt und durchgezogen.

Meine Großmutter hatte übrigens auch noch Gardinen aus Naturfasern, unter ande­rem Baumwolle. Die mußten nach dem Waschen gestärkt und gespannt werden, teil­weise wurden sie sogar gebleicht. Auch die hier erst vor wenigen Tagen erwähnten Häkeldeckchen und natürlich alles Geklöppelte erhielten diese Behandlung, um in der vorgesehenen Form zu bleiben. Viele waren sicher froh, daß diese Arbeiten mit den Dederongardinen überflüssig wurden. Das machte zumindest den Umgang mit allen Arten von Gardinen wesentlich leichter.

 

Noch heute, wenn ich manchmal an Fenstern mit Gardinen vorbeigehe, hinter denen Silhouetten zu sehen sind oder aus deren leicht geöffneten Fenstern Töne zu hören sind, bin ich neugierig. Sehr neugierig. Überaus neugierig. Dann wüßte ich gar zu gern, was da hinter den Gardinen vor sich geht, würde zu gerne alles sehen können. Am Ende allerdings freue ich mich auch, wenn ich es nicht erfahre, nicht deutlich sehen kann; denn dann, dann beginnt meine Phantasie Dinge zu entwickeln, sage ich euch, Dinge!

 

Erinnerung des Tages:
Was das mit dem Spannen von Häkel- und Klöppeldeckchen und Gardinen früher für eine Arbeit war, kann sich kaum noch jemand vorstellen. Und dann dieses Lied mit der Sabine hinter der Gardine!

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 4. April 2024 mit der lange nicht und heute endlich gefundenen Funktion am neuen Telefon, mit einer weitergesponnenen Idee, mit zusammengeräumtem Krempel.

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094–2024: Einhundertundzwei

Die Freude bleibt, der Spaß geht weiter.

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Eine krumme Zahl. Aber …

Noch genau 102 Tage sind es bis zum 15. Juli 2024. Oder rechne ich lieber mit den 158 Tagen bis zum 09. September 2024? Denn dann habe ich insgesamt 5000 Beiträge oder 5000 aufeinanderfolgende tägliche Beiträge veröffentlicht. Ja, fünftausend (und ja, es waren ehrlicherweise wenige, sehr wenige Lücken dazwischen). So viele hatte ich nicht geplant, nicht erhofft, nie für möglich gehalten. Jaja, ich denke schon lange darüber nach, über diese magische Zahl. Was danach geschehen soll. Und ja, ich weiß, das ist für euch recht uninteressant – aber mich beschäftigt das eben mehr oder weniger intensiv.

Seit heute bin ich weg von der Idee, nach dem 5000er nicht mehr weiterzumachen. Dann würde mir was fehlen, täglich etwas fehlen oder zumindest an den Tagen, an denen ich das Schreiben weglasse, etwas fehlen. Das will ich nicht. Solange die Ideen noch fließen – und es gibt keine Anzeichen dafür, daß sie auf Dauer versiegen – geb' ich sie auch frei.

Ich habe ein neues Ziel nach der Fünftausend: 5.555. Und dann 6.000 und danach … Quatsch, das sind keine Ziele. Das sind – was weiß ich denn, wie ich das nennen soll. Es werden, soweit ich das jetzt vorauszusehen vermag, ganz nebenbei geschehende Numerierungen sein, die ich zwar erwähne, aber mehr wird nicht passieren. Außer daß ich einfach weiterschreibe auf genau die Art und Weise, zu der ich Lust und Laune habe. Warum sollte ich etwas anderes tun? Es ist doch eine für ich schöne (und nur manchmal anstrengende) Gewohnheit, Routine, tägliche Aufgabe, die ich mir da ausgesucht habe.

 

Ich habe Spaß am Schreiben, Spaß am „laut und sogar öffentlich” Nachdenken. Am Fabulieren. Am Spielen mit Sprache und Phantasie. Am Verwirren und Überraschen. Am Hineinziehen in fremde Welten. Ich habe wirklich Spaß und Freude daran.

 

Erinnerung des Tages:
Mit dem jüngsten meiner Onkel fuhr ich 1974 oder 1975 auf einer ES 175 knapp 500 km vom Erzgebirge nach Mecklenburg zu Oma und Opa.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 3. April 2024 mit einer Entscheidung, mit dem Treffen mit lange nicht gesehener Verwandtschaft, mit dem Besuch beim Vater (außer der Reihe).

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