147.2026: Randlage

Monolog über eine doppelte solche.

 

 

Bis ins Zentrum ist es schon ein ordentliches Stück, das stimmt. Aber dafür hab ich es hier angenehm ruhig. Jedenfalls immer dann, wenn kein Zug fährt. Außerdem wohne ich schon so lange hier, daß ich die Eisenbahn gar nicht mehr höre, mir fällt eher auf, wenn mal ein Zug fehlt. Und bei den Fahrplanumstellungen ist es auch immer interessant. Da nämlich dauert es immer zwei oder drei Tage, bis sich bei mir wieder alles eingependelt hat. Letztens die Baustelle in Richtung Süden sorgte auch für einige Verwirrung, weil sich die Fahr­zeiten um ungefähr zwölf Minuten verschoben – da war mein Zeitgefühl ziemlich aus dem Takt gekommen. Aber sonst hatte das auf mich keine Auswirkungen, wirklich keine.

Frührer war das hier eine wirklich ruhige Gegend am Rand der Stadt. Bevor der Güterbahnhof erweitert wurde. Nun lebe ich sogar in zweifacher Randlage: an dem der Stadt und an dem vom Güterbahnhof. Umziehen? Nein, das möchte ich nicht mehr, dazu bin ich zu alt. Ich bleibe in meinem Zuhause.

 

 

Erinnerung des Tages:
Ich habe mir heute einen ganzen Stapel Kinderfotos von mir angesehen, alle in schwarz-weiß.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 08.07.2026 eine reibungs- und verspätungslose Fahrt, ein paar gelesene Seiten (Jürgen Kuczinsky: Dialog mit meinem Urenkel), Bäckerbrot.


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146.2026: Sterbetag

Keine Sorge: Ich erzähl' nur, wie gut ich damit umgehen kann.

 

Auch nach 31 Jahren muß mich mein Kalender nicht daran erinnern. Es sind drei Ereignisse, die dicht beieinanderliegen: ein Geburtstag, ein Sterbetag, ein Jahrestag. Der Geburtstag kann noch (zum 86. Mal) gefeiert werden, der Jahrestag ist für mich sowieso unvergeßlich – und der Sterbetag mittlerweile nur noch von sanfter Trauer begleitet. Ich weiß tatsächlich nicht mehr, was ich an diesem Tag damals getan habe, wo ich war und wie ich davon erfuhr: In diesem Fall nenne ich das Vergessen wirklich gnädig.

Heute vor 31 Jahren also. Ich denke immer wieder an jenen Menschen, anders geht das meiner Meinung auch nicht. Aber ich kann mir nicht (mehr) vorstellen, wie er heute aussähe, was er wohl machen würde. Das ging nur wenige Jahre. Und das Obduktionsprotokoll habe ich mir auch etwa 20 Jahre nicht mehr angesehen, aber entsorgen möchte ich es noch immer nicht.

 

Ich habe heute über Verluste sinniert. Darüber, wie ich zu unterschiedlichen Zeiten damit umzugehen versuchte. Akzeptieren ist nicht immer einfach, schien manchmal sogar unmöglich. Einige Jahre konnte und mußte ich sie verdrängen, die kleinen und großen Verluste. Heute breche ich nicht mehr sofort in Tränen aus, wenn eines der gewohnten, geliebten Dinge kaputt- oder verlorengeht, und es muß auch nicht alles ersetzt, wiederbeschafft werden. Und als mein Vater nach fünf Jahren Verschwun­den­sein in der Demenz im vorigen Jahr verstarb, da stand ich da und wußte nur ganz kurz nicht, wie es weitergehen sollte.

Und noch etwas hat sich verändert. Ich stelle nämlich immer wieder fest, daß die verlustig gegangenen Dinge oder Menschen nicht immer ein Verlust, sondern sogar eine Erleichterung sein können. Das gilt insbesondere für Menschen, die sich einfach so aus meinem Leben geschlichen haben …

Der, der vor 31 Jahren verstarb, der gehörte aber nicht zu jener Art Menschen.

 

Erinnerung des Tages:
Siehe oben: die an meinen Sohn und an meinen Vater.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 07.07.2026 ein paar Nuggets aus der Heifri, ein selbstgemachter Gurkensalat, eine besondere Viertelstunde.


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145.2026: Glockenschlag

Ich liebe es, die Uhrzeit hören zu können.

 

 

   Grauwolkenhimmel
   Ein Turm strebt ihm entgegen
   Die Glocke schlägt Zwei

Ein Senryū.

 

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Die Reste eines Notebooks brachte ich zum Elektroschrott.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 06.07.2026 erledigte Einkäufe, aussortierte CDs, gehörte sechseinhalb Stunden Alabama.


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144.2026: Gedankensalat

An der Portionsgröße arbeite ich noch.

 

Es geht nicht nur um das Ziel, das ich habe; für mich ist der Weg dahin, der, auf dem ich genau dieses Ziel erreichen möchte, etwas, das ich für mich passend gestalten muß. Vor allem sind mir dabei die Geschwindigkeit und der Zeitpunkt wichtig: Es geschah schon, daß ich zurückschreckte, weil ich etwas viel zu schnell, für mich viel zu früh erreichte.

 

Ich habe mindestens noch einen Wunsch, den ich mir in meinem Leben erfüllen möchte. Aber ich weiß nicht, wie ich den auf eine akzeptable Art und Weise formulieren und mit seiner Verwirklichung beginnen kann. Da sind viele Unwägbarkeiten, Wenns und Abers … Allerdings denke ich nicht mehr, daß mir das ja überhaupt nicht zusteht: Diesen Denkfehler habe ich bereits überwunden. Und formuliert ist er auch, der Wunsch, nur nicht akzeptabel formuliert, nicht akzeptabel für andere Menschen … Aber ist es nicht auch falsch festzulegen, was für Andere akzeptabel ist?

 

Ein Katzentier. Auch etwas, das ich gern hätte. Aber in einer Einzimmerwohnung im neunten Stock? Und an den Wochenden bin ich immer mal wieder unterwegs, für mehrere Tage, und es gibt niemanden, der das Tier in der Zeit versorgen kann. Nein, es wäre unverantwortlich. Also bin ich weiterhin bemüht, jede Fellnase, die ich treffe, wenigstens kurz zu kraulen (die Hundeleinenhalter frage ich natürlich vorher, und ich respektiere es, wenn ein Tier nicht will). Es ist ein Überbleibsel aus meiner Kindheit, Jugend und aus der Zeit als junger Erwachsener (1973 bis etwa 1992), denn da waren immer Vögel, Katzen oder Hunde in der Familie. Und die Nymphensittiche, die ich hier hatte, gab ich aus den genannten Gründen in einen großen Schwarm in einer großen Voliere …

 

Was wäre, wenn ein Mensch wirklich wüßte, wann genau er sterben wird? Auf Tag und Stunde genau? — Ich würde mein Verhalten, mein Leben ganz sicher verändern; aber wie genau kann ich nicht sagen, nicht ahnen und auch nicht abschätzen.

 

Noch immer suche ich nach dem Fundstück: Ein Geldbeutel, aus dem ich alle sechs Stunden 40 Euro nehmen kann, nein: muß, die ich aber bis zum nächsten Entnahmezeitpunkt aufgebraucht haben muß. Schaffe ich das nicht, endet der Geldsegen sofort. Eine Dystopie, oder?

 

Es herrscht … Nein, es ist kein Chaos in meinem Kopf, nur ein kleines Durcheinander. Eine Art Gemischter Salat mit Knoblauchdressing oder Honig-Senf-Soße. Lecker jedenfalls, allerdings eine sicher zu große Portion.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
So einiges Altpapier brachte ich in den Container.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 05.07.2026 das aussortierte Papier, die zweistündige Runde durch die Stadt, die Zeit in der Badewanne.


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143.2026: Trubel

Stadtteilfest in einem „Problemviertel”.

 

Und der Verein mittendrin. Also auch ich. Ab 9 Uhr Aufbau, von 11 Uhr bis 17 Uhr Publikumsverkehr. Nun gut, am ersten Ferientag war das Interesse an Lese- und Schreibübungen wirklich gering. So half ich eben aus beim Ausprobieren der Schau­kampfwaffen und Kettenhemden – nach mittlerweile acht Jahren habe ich mir auch dafür ausreichend Wissen angeeignet. Und ganz ehrlich: Einen Bidenhänder am ausgestreckten Arm 30 Sekunden lang waagerecht zu halten, das schafften nur zwei der Besucher (Hut ab dafür).

Das Wetter war so lala. Nicht heiß, ohne pralle Sonne, mäßiger Wind, der die Zelt­wände dennoch bewegte. Kurz vor Ende der Veranstaltung zog es sich zu, sah es nach Regen und Gewitter aus. Allein: Wir haben so gut zusammengearbeitet, daß alles trocken eingeladen werden konnte ins Fliewatüüt. Auch das, was heute an neuer Ausrüstung zum Verein kam, fand einen sicheren Platz.

Geredet wurde diesmal weniger mit Gästen, aber mehr innerhalb des Vereins. Auch mal schön. Und ich zum Beispiel konnte Erinnerungen auffrischen an Begegnungen, die fast zwanzig Jahre zurücklagen. Jaja, so lange kenne diesen und jenen Menschen schon; damals war an den Marktmöch noch längst nicht zu denken. Wie schön, daß wir uns noch immer verstehen und einander nicht gram sind oder gar sein müssen.

Am Abend verspüre ich kurz nach der Ankunft im neunten Stock etwas, das ich so noch nie benennen konnte. Heute fand ich ein Wort dafür: Ich verspürte eine deut­liche K.O.-igkeit. Nachher geh ich noch Duschen – und wie lange ich danach noch wachbleiben kann, das weiß ich einfach nicht.

 

Erinnerung des Tages:
Manchmal traf ich vor etwa 20 Jahren Menschen in der Wohnung eines Feuerschluckers – und einige wenige davon kann ich noch heute gut leiden.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machte mich am 04.07.2026 das überstandene Stadtteilfest, auf dem mich meine allerallerallerbeste Freundin besuchte (obwohl ich wirklich nur wenig Zeit für sie hatte), die – von mir unbemerkt – auch putzige Bilder von mir machte.


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142.2026: Rückkehr vielleicht

Nach fast sechs Monaten Ausprobieren bin ich unschlüssig.

 

Ich wollte ja nicht mehr täglich bloggen, hörte deshalb am 5. Januar 2026 damit auf. Und dann war ich nie so ganz zufrieden mit der Schreiberei; das Regelmäßige, das Tägliche fehlte mir doch. So kam es, daß ich es im Juni wieder versuchte – bis mich die verd… Hitze davon abhielt weiterzumachen. Und nun?

Ich denke nach darüber, ob ich mich wirklich wieder täglich bezwingen, überwinden will. Ob es vielleicht notwendig ist für mich. Oder ob ich an allen geraden Tagen oder an alle ungeraden … Fünf Tage in der Woche vielleicht? Ich weiß, ich mache mich mit dieses Gedanken selbst kirre; aber sie sind da und gehen nicht weg.

Ganz aufzuhören ist mir unmöglich. Mit so großen Lücken weiterzumachen ist für mich auch nicht gut. Ich erinnere mich an die Tage, an denen ich partout keine Idee für einen Beitrag hatte und dennoch etwas erschuf. Und dann vergleiche ich die Anzahl dieser Tage mit der Anzahl jener, an denen es mir beinahe mühelos gelang: verschwindend gering der Anteil der ideenlosen.

Ich stehe seit Tagen vor der Entscheidung, die ich nicht treffen will (und wahrschein­lich doch schon getroffen habe). Vielleicht kehre ich zu #onepostaday zurück …

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil


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141.2026: Das Schild

Wir haben es alle schon gesehen …

 

Dieses Schild (das manchmal nur ein Zettel ist). Viereckig. Meist DIN A5 im Quer­for­mat, seltener größer. Manchmal handgefertigt, mit ungelenken Großbuchstaben. Oft aber industriell gefertigt. Weißes Plaste, mit einer faserähnlichen Oberfläche, irgend­wie an Bütten erinnernd. Bedruckt mit einem umlaufenden roten Rand.

Und auf der weißen Fläche darin steht:

Außer Betrieb!

Ich weiß, daß heute oft ein anderer Text zu finden ist: „Techniker ist informiert.” Aber ich fand und finde „Außer Betrieb” interessanter, ehrlicher. Es bedeutet ja auch etwas ganz anderes als „Funktionslos”, nicht wahr?

Ich war jetzt mehrere Tage „außer Betrieb”, weil einfaches Funktionieren, einfach Leben nicht möglich war für mich. In Betrieb zu sein, das hat auch ein Geschmäckle von Wirtschaftlichkeit, Ausbeutung, Abschöpfung – oder?

Wenn etwas – irreparabel oder reparierbar – seine Funktion nicht erfüllt, ist es für euch dann eher kaputt oder außer Betrieb? Oder kommt es drauf an?

 

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Der Emil


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140.2026: Rohes

Ich stöberte in meinen Notizen herum.

 

Rohmaterial. Rohe Sätze. Wortgruppen und Worte, ab und zu auch nur einzelne Silben. Hin und wieder lese ich das Zeug quer – und wenn ich Glück habe, entsteht dann Brauchbares, Herzeigbares, oder zumindest weiteres Rohmaterial für irgendwann später.

Heute habe ich nichts daraus machen können. Aber ich fügte Rohes hinzu zum Rohmaterial. Die Vorsilbe „per”: permanent, perspektivisch, persistent, per… Eine angefangene Wortliste. Ach ja: pervers, perkussiv, perfekt, per… Mal sehen, wie viele mir da noch einfallen werden. Nein, ich werde nicht im Duden oder gar online suchen.

Und da ist noch dieser eine Gedankenanfang aus der Vergangenheit: „Am anderen Ende der Wahrheit …”

 

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Der Emil


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139.2026: Mein Eindruck

Etwas, das mir beim Lesen durch den Kopf ging.

 

Manchmal habe ich beim Lesen den Eindruck, daß die Schreibenden mit ihren Texten etwas ungeschehen machen woll(t)en (als Beispiel fällt mir die Günderode ein). Ich weiß nicht recht, ob das überhaupt möglich ist. Vielleicht, vielleicht läßt sich Geschehenes verändern, wenn und indem jemand darüber schreibt?

Ich hingegen versuche zumindest in meinem Unherzeigbaren, Ungeschehenes in meine Wirklichkeit so einzubauen, daß es mir als etwas Erlebtes erscheint. Ich erschaffe mir Erinnerungen an Ereignisse, die nie (so) geschehen sind …

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil


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138.2026: Egal

Und ja, das tut mir, ich tu mir wirklich leid.

 

Wiedereinmal liegen hier verschiedenen Anfänge von/zu Texten herum. Mehrere. Aber: Völlig unabhängig vom Anfangsthema lande ich unweigerlich bei Hitze, Schweiß, Unwohlsein oder sogar Klimawandel/Klimakatastrophe. Wenn ich das fest­stellte/bemerkte, riß ich (Sakrileg! Sakrileg!) Seiten aus der Kladden und zerküllte sie. Nur wenige Minuten später holte ich sie aus dem Papierkorb und strich sie glatt. Nein, ich habe sie nicht mit Klebestreifen wieder festgemacht …

Schön ist das wirklich nicht. Aber egal, wie sehr ich mich zu konzentrieren versuche: Immer wieder lande ich bei dem Thema, das ich gerade nicht behandeln will. Kennt jemand einen praktikablen Weg aus diesem Dilemma heraus?

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil


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