Wenn ich zur Unzeit wach bin, es aber nicht bleiben möchte.
Es ist noch richtig dunkel draußen (und sehr nebelig), als ich halb Sechs im Bett sitze. Was … Nein, auf Kaffee habe ich wirklich noch keine Lust, ich möchte lieber noch zwei Stunden Schlafen oder Dahindämmern mit den wunderbaren luziden Träumen. Ich habe eine kleine Lichterkett angeschaltet und am Schreibplatz brennen zwei Kerzen. Der Kräutertee aus der Thermoskanne ist noch warm. Dann höre ich wieder meine Mutter: „Du verdirbst Dir die Augen, wenn Du bei solchem Funzellicht liest!” Heute ignoriere ich den Satz, denn ich lese ja nicht, ich schreibe. Im Licht von zwei einfachen Kerzen. Tagsüber, selbst im Sommer, schalte ich die Schreibtischlampe an, kann ohne deren Licht auskommen. Aber morgens halb Sechs, mitten im Winter und mitten in einer Wolke, also im Nebel …
Ich wurde wach, weil ich im Traum nach einem Fleck suchte, an dem ich ungesehen pinkeln kann – und es war abscheulich dringend im Traum. In der Realität, beim Erwachen, auch. Vielleicht ist das schon diese Krux der Alten Männer? Egal, darum soll es hier nicht gehen. Eher um das platte Land, schattenlos, in dem ich träumend unterwegs war. Es mußte sich dort doch eine Möglichkeit finden lassen, mich allen befürchteten Blicken zu entziehen? Aber die Gegend war baum- und strauchlos, weit und breit kein Gebäude und kein Mensch zu sehen. Nur dieser Zaun, an dem ich gefühlt eine Ewigkeit entlangging, immer auf der Suche nach einer Deckung, hinter der ich mir Erleichterung verschaffen könnte. Alle sieben Schritte ein hölzerner Pfahl in der Erde, zwischen den Pfählen ungeschälte dünne Baumstämme oder Äste. Keine Chance, mich dahinter zu verstecken. Im Traum war ich sicher, daß ich, wenn ich nur etwas hinter dem Zaun finde, von niemandem mehr gesehen werden könnte. Jetzt, im Wachzustand, weiß ich, daß jede und jeder hinter dem Zaun mich dann sehen könnte. Aber es war ja niemand da, nicht ein einzigen Mensch, kein sichtbares Tier. Nichts und niemand. Ich weiß noch, daß ich anfing zu rennen – dann wurde ich zum Glück wach.
Nein, eine Traumdeutung brauche und will ich nicht. Und nachdem ich jetzt aufschrieb, was für mich an diesem Traum, in diesem Traum seltsam war, werde ich die Kerzen löschen, die Lichterkette ausschalten und mich in meine Decke wühlen. Unter der darf es nirgends ziehen beim Einschlafen … Zehn vor halb Sieben. Zwei Stunden noch sind möglich. Ich stelle mir die geträumte Landschaft vor und eine ganz bestimmte, mich begleitende Person.
Um dreiviertel Neun bin ich wach, setze meine Filterkaffeemaschine in Gang und lächle, dem weitergeträumten Traum nachsinnend …
Erinnerung des Tages:
Bisher: Der Muttersatz, der noch immer in mir präsent ist.
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
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