Löcher in die Erbarmungslosigkeit schlagen.
Das blieb mir heute früh im Auge, im Ohr, in Kopf und Herz, als mein Wecker vom Schlafende sang. Was ich träumte, war veflogen, verweht. Doch diese fünf Worte blieben, ich schrieb sie in meine Kladde, noch ehe ich aufstand.
Tagsüber nahm ich die Kladde mehrfach in die Hand, sah mir an, was ich notiert hatte. Und versuchte jedes Mal, einen Sinn darin zu finden, eine Geschichte dazu mir auszudenken, aber ich blieb dabei erfolglos. Wie muß ich mir diese Erbarmungslosigkeit denn vorstellen, damit ich oder irgendjemand Löcher hineinschlagen kann? Eine nicht allzudicke Platte? Eine Scheibe? Sollen die Löcher denn durchgehen durch die Erbarmungslosigkeit? Oder werden die Löcher nur sein wie Löcher in der Erde, wie Bohrlöcher? Schon an der Stelle weigerte sich meine Phantasie zu entscheiden. Da war und ist ja aber auch noch die Frage: Womit kann jemand die Löcher in die Erbarmungslosigkeit schlagen!?
Wäre ich heute nicht durch andere Dinge gut abgelenkt gewesen, so hätte ich wohl um einiges länger darauf herumgedacht. Und am Ende festgestellt: Welch eine vergebliche Liebesmüh'. Denn ganz ehrlich: Muß ich zu jedem sonderbaren Traumfetzen mir tiefgründige Gedanken machen? Mir den Kopf zerbrechen über etwas, das keiner logischen Erklärung bedarf? Ich kann doch dieses „Löcher in die Erbarmungslosigkeit schlagen” rezipieren wie ein Gedicht, wie ein Stück Dada. Da muß nichts interpretiert werden, da braucht es kein „Was will uns der Dichter damit sagen”. Denn dabei gewinne ich in der Regel keine wirkliche Erkenntnis. Oder habt ihr bei den Gedichtinterpretationen eurer Schulzeit jemals wirklich „aha, so war das gemeint” gedacht?
Hab mir dennoch einen Zettel ausgedruckt. In einer Frakturschrift. Er liegt jetzt am Schreibplatz.
Erinnerung des Tages:
Ich mußte heute an die Nachbarn im Dorf denken: Es hieß, nach dem siebenten Kind durfte die Frau als erste und alleine in die Badewanne.
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
P.S.: Zufrieden machten mich am 13.10.2026 der frühe Kaffee, ein Mittagsnickerchen, ein Dauerlächeln.
© 2026 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Für mich als „Außenstehenden“: Diese fünf Worte sind wie ein fertiges Gedicht. Mehr braucht es nicht, um mich (sehr) anzusprechen.
(Mag sein, dass deshalb nur sie blieben.)
Danke.
Ja, ich habe akzeptiert, daß das keine Erklärung braucht. Allerdings klingt es für mich auch ziemlich martialisch …
Lieber Emil,
Das ist ein wundervolles Bild und ein sehr herausfordernder Satz – fast eine Predigt, findest Du nicht?
Dazu sind wir doch aufgefordert als Leute, denen andere Menschen (unsere „Nächsten“) am Herzen liegen, Löcher in die Erbarmungslosigkeit zu schlagen: mit Liebe gegen den Hass, mit Leidenschaft gegen die Gleichgültigkeit und mit Vertrauen und Mitgefühl statt Angst und Abgrenzung.
Klingt ein bisschen moralisch, ich weiß – aber warum sollte Moral etwas Schlechtes sein?
Nimm den Satz auf Deinem Schreibtisch als Herausforderung und Motto für den nächsten Tag: Heute will ich die Mauer aus Unbarmherzigkeit durchbrechen.
Winter is coming – es wird kälter. Wir brauchen jedes warme Licht, das wir kriegen können…
Na danke 😉 Ich denke jetzt drüber nach, welche Bibelstelle da passend wäre. Vielleicht etwas aus dem Gebet Manasses im Feuerofen? Hiob? Die Offenbarung des Johannes?
Waaaaaaah.
Einer trage des anderen Last…
Ein DEFA-Film. Kennst Du ihn, hast Du ihn gesehen?
Wenn nicht: Hol es nach, und denke dabei daran, was zu der beschriebenen und zu seiner Entstehungszeit Realität war …