306–2024: Verzweiflung

Und niemand weiß, ob auch das nur im Traum geschah.

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Und dann sitz' ich um Drei – mitten in der Nacht! – am Schreibtisch und bin einfach nur genervt.

Ich schrak aus meinem Traum hoch. Da war etwas Verstörendes, etwas, das mit meinem Leben zu tun hat, war mein Gefühl. Und ich habe gelernt, auf mein Gefühl zu hören, ihm zu folgen, ganz gleich, wie abwegig alles erscheint, wie bescheuert. Diesmal fertige ich eine Liste an, glaube ich. Ich, der ich mit diesen Gegenüber­stel­lun­gen von Positiv und Negativ, von Dafür und Dagegen absolut nicht umgehen kann, sitze am Schreibtisch will, muß etwas genau so … Festhalten, aufschreiben, vielleicht sogar irgendwann entscheiden?

Ich habe das Papier mit einem senkrechten Strich in der Mitte versehen. Direkt unter der ersten Zeile ist eine Linie vom linken zum rechten Rand gezogen. Eine Spalte ist für Plus, eine für Minus. Ich verzweifle ein wenig. Nein. Ich drohe an einer meiner Marotten zu scheitern: Will ich etwas anfangen, dann muß dieses Anfangen perfekt passen – eher geht gar nichts weiter. Ja, das erschwert mir verdammt viel, doch wenn es klappt … Gerade versuche ich mich zu entscheiden, welche Hälfte des Blattes ich wofür verwenden soll. Ich starre das „T” an und trinke noch eine Tasse Tee.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Fange ich mit dem Positiven an, dann wird das links aufgelistet; und nach rechts kommt dann das Negative. Das ist etwas, das ich schon oft gesehen habe. Aber sollte man … Sollte ich mir das Beste nicht aufheben für den Schluß, also das Gute rechts notieren und das Schlechte links? Wie habe ich das früher gemacht? Hm, ich hab das gefühlt noch nie gemacht, kann mich nicht daran erinnern. Daran kann ich mich also nicht orientieren. Wie entscheide ich das denn?

Ist Positives eher links oder eher rechts aufzuschreiben? Ich kann nicht einfach ein zweites Blatt Papier nehmen und beide Varianten „ausprobieren” – das ist dann kein perfekter Anfang mehr. Denn daran ließe sich meine Unentschlossenheit ablesen: wie peinlich! Notiere ich das Negative links, wo zuerst gelesen wird, oder rechts, wo es auf das Positive folgt? Ich mein, das wird kein absolut zu befolgender Plan, nur eine gegenüberstellende Auflistung. Ist es da nicht egal, was ich zuerst lese?

Boah. Rechts, links, Minus, Plus, Positives, Negatives, Dagegen, Dafür, Ja, Nein. Wie denn nun? Das ist doch zum Haareraufen, zum Verzweifeln? — Ich werde besser noch zwei oder drei Stündchen drüber schlafen.

 

 

Erinnerung des Tages:
Früher aß ich weder Rotkohl noch Weißkohleintopf, heute koch ich mir beides selbst.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 1. November 2024 mit dem sehr frühen Schreiben ab 4.30 Uhr, mit dem erledigten Einkauf ganz woanders als normalerweise, mit der selbstgemachten Möhrensuppe.

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305–2024: Sonderfall

So ganz konform lebte ich noch nie und nirgends.

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Monatsende. Nicht „wake me up when september ends”, sondern bitte am Ende des Oktobers. Ich weiß, viele mögen den grauen, usseligen November nicht: kalt, wenig Sonne, naß, nebelig. Ich bin da ein Sonderfall, ich liebe den November, der morgen (oder heute, falls ihr das etwas später lest) beginnt. Denn ich diesem Monat kann ich mein Weihnachtsfaible aufleben lassen, da wird es irgendwann wieder leuchten und duften und klingen und und und. Hach!

Was heute noch ist: der US-amerikanisierte Abklatsch des Irischen „All Hallows' Eve” (Irish bzw. Keltisch war das ursprünglich Samhain), des Vorabends von Allerheiligen. Halloween geht mir tatsächlich wie auch der am 14.2. begangene Zinnober ganz, ganz weit … Nun, das tangiert meine rektale Zone nichtmal peripher. Es ist bei vielen Dingen so, die aus den USA übernommen wurden; das ging mir früher auch mit den Sachen aus der Sowjetunion (UdSSR) so. Allerdings war ich in der DDR mit dieser Einstellung kein Sonderfall.

November. Großartige (wirklich) Aussichten für mich, mein Wohlbefinden, meine Psyche. Und vielleicht noch auf ein wenig mehr, was meine sonstigen Aktivitäten (z. B. mit Kurrent und Schreiberei) angeht.

 

Erinnerung des Tages:
Im Jahre 2017 stellte ich die 95 Thesen Luthers (in einer modernen Übersetztung) in ein soziales Netzwerk, einzeln nacheinander.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 31. Oktober 2024 mit etwas Gesäubertem, mit der fast fertigen Möhren­suppe, mit viel Kommunikation über den Tag verteilt.

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304–2024: Verdammt

Jedenfalls kommen / kamen es mir und ich mir manchmal so vor.

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Als Mensch bin ich ein Wesen, dem unter anderem auferlegt ist, über meinen eigenen Tod nachzudenken. Seit jenem Tag, an dem ich zum ersten Mal darüber nachdachte (und das war weit vorm Abitur, als meine letztüberlebende Großmutter starb), ließ mich das Thema immer nur vorübergehend wieder los.

Ich nahm an, daß es mit zunehmendem Alter intensiver werden würde, dieses Denken an den eigenen Tod. Aber so kam es nicht. In der Depression wollte und will ich häufig tot sein, aber nicht sterben. Ich habe auch wirklich keine Angst vorm Tod, aber viel Angst und Bammel vor den (Begleit-)Umständen des Sterbens.

Und wenn ich genauer hinsehe, dann denke ich nicht wirklich über meinen Tod nach. Der ist eine Tatsache, an der sich nicht rütteln läßt. Es ist das, was danach geschehen wird, das, was von mir bleiben könnte, bleiben wird: Darüber sinniere ich hin und wieder. Ich möchte ja nicht völlig umsonst gelebt haben – wer möchte das schon? Keine Schäden zu hinterlassen ist ein hehres Ziel. Aber sofort nach dem Ableben (über dieses Wort muß ich noch gesondert nachdenken) vollständig vergessen zu sein …

Eine Frage, die mich zur Zeit heftig bewegt: Werde ich im Angesicht meines Todes „jetzt nicht” sagen oder eher „ja, es war genug”?

 

Das ist kein wirklich aktueller Text, es ist eine Notiz, die ich im Oktober 2011 in mein Kliniktagebuch einlegte auf einem gesonderten Blatt. Aber noch immer denke ich über die von mir am Ende darin gestellte Frage nach und daüber, ob ich vielleicht gar keine Zeit für diese Worte haben möchte.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Dreiunddreißig Bücher habe ich weggebracht ins Öffentliche Bücherregal, drei davon wurden direkt aus meiner Hand wieder mitgenommen. #publiclibrary

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 30. Oktober 2024 mit gelesenem Eigenem, mit den von Handwerkern erledigten Restarbeiten rund um meine Wohnungstür, mit der mir heute (mit selbstge­backenen Plätz­chen gefüllt) zurückgebrachten Tupperdose.


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303–2024: Mittwochskolumne

Laßt den Schafen ihre Weiden!

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Sie haben bestimmt selbst mitbekommen, was am letzten Wochen­ende mehreren Wanderschäferinnen und ihren Tieren geschah? Was? Nein? Ja, wo leben Sie denn? Ach, Sie hören und sehen aus­schließlich Öffentlich-Rechtliche, vor allem 3sat und arte, weil die bald abgeschafft werden sollen? Also ich seh die ja aus Prinzip nicht – dort habe ich nämlich noch nie einen der endgeilen Actionfilme und Thriller gesehen.

Ach ja, die Schäferinnen. Als die mit ihren Herden auf dem Weg zu einer neuen Weide unterwegs waren, wurden sie von von Auto­fah­rern angehupt und beschimpft. Was suchen Schafe auch auf den Straßen? Die behindern nur den Verkehr! Einige der Wütenden ver­suchten sogar, mit ihren Autos die Schafe einfach von der Straße zu schieben. Daß bei der Reaktion der Schäferin, die ihre Tiere vor Verletzungen schützen wollte, der linke Außenspiegel des Blech­panzers zu Bruch ging, war nicht beabsichtigt. Aber dennoch gab es eine Anzeige wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Sachbeschädigung.

Verstörend nur, daß das laut Nachrichten an fünf Orten gleichzeitig identisch geschah. Aus der Politik kam dann natürlich auch gleich der „notwendige” Hinweis: Schafe sollen ab sofort wie Schweine, Hühner und Kühe ausschließlich im Stall gehalten werden; und außer­dem wäre die Zucht von Milch-, Mast- und Wollschafen doch sowieso viel wirtschaftlicher zu betreiben als es diese Wander­wei­de­sache je sein könnte. Und Schafe gehören nun einmal absolut nicht auf die Straßen.

Dabei waren die Tiere nur von einer Weide zur nächsten Weide unterwegs. Sie fressen dort nicht nur, sie betreiben notwendige Landschaftspflege mit Bodenverdichtung u. v. a. m. Die Herden der Wanderschäferinnen arbeiten für uns, für die Landschaft und die Natur.

Stallhaltung?! Laßt den Schafen ihre Weiden.

(R. Pel.)

 

 

Das erste Werk der am 20. Oktober vorgestellten Figur, das ich hier zeigen kann. Was meint ihr, muß ich ihr einen Namen und ein Geschlecht zuschreiben? Was, wenn – naja, es könnte jemand sein, der nur unter Pseudonym veröffentlicht. Könnte ich je erfahren, welche „reale” Person sich verbärge hinter diesem Pseudonym?

 

Erinnerung des Tages:
Ich wohnte einmal für kurze Zeit in einer Wohnung, deren Tür fast komplett aus Glas war.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 29. Oktober 2024 mit bisher ungehörter Musik, mit dem überstandenen Einbau der neuen Wohnugstür (brandschutzgerecht, aber mit beschissenem Schließmecha­nis­mus), mit Nudeln mit Pesto Calabrese.

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302–2024: Gereimtes

Es ist allerdings nicht aus meiner Feder.

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Gestern noch hätte ich dieses Gedicht nicht ertragen. Heute finde ich, das der Poet den Alltag von vielen Menschen gut, nein, sehr gut eingefangen hat. Ich kann, was er schrieb, mit einer gewissen Distanz lesen – und ich nicke beim Lesen häufig sehr heftig zustimmend.

 

 
Apropos, Einsamkeit!
Erich Kästner (∗ 1899 – † 1974)
 

Man kann mitunter scheußlich einsam sein!
Da hilft es nichts, den Kragen hochzuschlagen
und vor Geschäften zu sich selbst zu sagen:
Der Hut da drin ist hübsch, nur etwas klein …

Da hilft es nichts, in ein Café zu gehn
und aufzupassen, wie die andren lachen.
Da hilft es nichts, ihr Lachen nachzumachen.
Es hilft auch nicht, gleich wieder aufzustehn.

Da schaut man seinen eignen Schatten an.
Der springt und eilt, um sich nicht zu verspäten,
und Leute kommen, die ihn kühl zertreten.
Da hilft es nichts, wenn man nicht weinen kann.

Da hilft es nichts, mit sich nach Haus zu fliehn
und, falls man Brom zu Haus hat, Brom zu nehmen.
Da nützt es nichts, sich vor sich selbst zu schämen
und die Gardinen hastig vorzuziehn.

Da spürt man, wie es wäre: Klein zu sein.
So klein, wie nagelneue Kinder sind!
Dann schließt man beide Augen und wird blind.
Und liegt allein …

Erich Kästner: Die Zeit fährt Auto. Lyrische Bilanz. S.108
Reclams Universal-Bibliothek Band 433
3. Auflage 1974, Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig
Lizenz-Nr. 363. 340/45/74 · Best.-Nr. 660 365 9

 

 

Ja, wer sich akut einsam fühlt, versucht dieses Ins-Café-Gehen zwei, vielleicht drei Mal. Danach – wenn es nicht zu einer überwältigenden Begegnung kommt – möchte man sich diese Enttäuschung sparen. Und ich mußte (allerdings schon vor Jahren) etwas im Netz herumsuchen, um den vierten Vers zu verstehen: Brom war lange Zeit ein Narkose-, Beruhigungs- und Schlafmittel, wird heute wegen seiner Giftigkeit aber wirklich nicht mehr eingesetzt. Beim Lesen von Kästners Gedicht frage ich mich jedes Mal: Nahm der Einsame das Brom zur Beruhigung, zum Einschlafen oder um sich zu vergiften? Na, wahrscheinlich hing das auch vom Grad der Einsamkeit und vom dadurch erzeugten Leidensdruck ab …

Heute, heute sind meiner Meinung nach viel mehr Menschen einsam als früher. Die Familien sind weggezogen, die Alten in Senoirenresidenzen unter sich. Die Anzahl alleinlebender Menschen, die sich das Führen einer Beziehung nicht mehr zutrauen oder (vermeintlich) keinen (idealen – aber das ist doch sowieso illusorisch) Partner finden, hat sich – so glaube ich – seit 40 Jahren massiv erhöht.

Tja. Einsamkeit. Ein aus dem Alltag nicht mehr zu verdrängendes, nicht mehr abzu­schaf­fendes Phänomen, das sogar Menschen in Beziehungen betreffen kann. (Nein, ich bin nicht [mehr] einsam, nur fühle ich mich manchmal sehr allein.) Ob sich das je wieder ändern kann, für alle Menschen ändern kann, die nicht einsam sein oder bleiben wollen?

 

Erinnerung des Tages:
Als ich zu DDR-Zeiten in einem Industriebetrieb jemanden mit Kochgeschirr und darin mit­ge­brachtem Essen sah, war ich sehr irritiert. Denn das Angebot in der Kantine war billig und durchaus genießbar – und zwar in allen drei Schichten an allen sieben Wochentagen.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 28. Oktober 2024 mit der Reaktion auf das jemandem mitgegebenen Mittagessen, mit leckerem Kuchen, mit einem sehr entspannenden kurzen Mittagsschlaf.

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301–2024: Traurig

Trotz Versprechen, Hoffnung und Zuversicht.

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Ich war und bin heute ziemlich traurig. Warum das so ist, tut erstmal nichts zur Sache.

Aber: So finde ich nicht wirklich einen Text, den ich veröffentlichen möchte. Keinen eigenen, kein Zitat, selbst die zu meiner Stimmung passenden Gedichte wären nur in Poesie verpackter Weltschmerz, gepaart mit Resignation und Hoffnungslosigkeit. (Allerdings sind die drei Dinge gerade unwesentlich für mich, weil da noch Versprechen und Hoffnung und Zuversicht sind.)

So bleibt es heute bei diesem kurzen Text. Mehr habe ich, der ich glücklich wieder zurück in der Normalzeit bin, heute nicht mitzuteilen.

 

Erinnerung des Tages:
Ach, wie schön war es doch in Kindheit und Jugend ohne überflüssige Sommerzeit MESZ (die nichts anderes als OEZ ist).

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 27. Oktober 2024 mit der neuen Bettdecke (200 cm x 220 cm), mit meiner Anwesenheit beim Training, mit Numirosouk (sollte es ursprünglich gestern geben).

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300–2024: Vorfreuangst

Recherche zu historischem Stoff aus der Region.

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„Es ist ein sehr sonderlicher Zustand, der sich einstellt, wenn neben der freudvollen Erwartung eines Ereignisses gleichzeitig eine ununterdrück­bare Angst einzieht davor, daß selbiges nicht stattfinden wird; was der gnädige Herrgott zu unserem Segen allerdings verhindern möge.”

Ich lese die letzten Zeilen des Briefes mehrfach. Es ist die feine Handschrift der Stollerin, die mit vollem Namen Johanne Elfriede Maria zu Stoller hieß und von 1745 bis 1803 hier am Rande der Stadt lebte. Es gibt allerdings zu diesem datierten Brief nichts zu finden darüber, welches Ereignis sie meinte. Ja, insbesondere die freudvolle Erwartung läßt an eine Geburt in der Familie oder im Freundes­kreis denken. Aber es gibt keinen Beleg dafür, daß eine solche in dem zum Brief passenden Zeitraum stattgefunden hätte; auch eine Totgeburt wird nirgends erwähnt. Das ist sonderbar, denn die Stollerin führte ein sehr detailliertes Journal avec toutes les petites choses et les grands événements, ihr Tagebuch mit allen Kleinigkeiten und großen Ereignissen. In all diesen Notiz­büchern hat sie von ihrem sechzehnten Lebensjahr an, da sie mit dem Johann Richard Siegfried zu Stoller verehelicht wurde, bis nur sechs Tage vor ihrem Tod tagtäglich alle ihr wichtig erscheinenden Gescheh­nisse festgehalten. Aber sie erwähnt darin keine Geburt, keine Verlobung, keine Heirat, kein Stelldichein mit ihrem Liebhaber – nichts, das in vorhergehenden und nachfolgenden Briefen zu dem Satz passen könnte. Es ist also anzunehmen, daß das erwähnte Ereignis nicht eintraf. Und doch: In anderen solchen Fällen schrieb sie in späteren Briefen darüber. Sie unterrichtete ihre Freundin auch über geplatzte Tête à Tête und verlieh ihrem Kummer des­wegen deutlich Ausdruck. Diesmal nicht. Oder ist vielleicht einer ihrer Briefe oder nur dessen Abschrift verloren­gegangen?

Was ist geschehen, Stollerin? Oder ist etwas nicht geschehen? Was machte Dir diese Vorfreuangst? War das, was nicht geschah, so niederdrückend für Dich? So incommod, daß Du nichts darüber schreiben konntest? Oder hast Du nur das Abschreiben vergessen?

Obwohl: Auch ich schreibe gewisse Fehlschläge nirgends auf. Es muß niemand irgendwann lesen können, wie beschissen es mir manchmal wirklich geht.

 

 

Erinnerung des Tages:
Immer am vorletzten Sonntag im Oktober wurde im Heimatdorf Kirchweih gefeiert; als ich Kind war, trafen sich in der Wohnung der Großeltern dann etwas über 20 Verwandte, die alle Platz fanden.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 26. Oktober 2024 mit der Schreiberei am frühen Morgen, mit meinem veganen Gulasch (Rosenkohl), mit einem nach Umtausch funktionierenden technischen Gerät.

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299–2024: Einübung

Und ein philosophischer Moment des Erkennens.

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Den Bogen nehmen, aufheben, ihn vorm Körper halten: Eine in vielen Stunden erworbene Routine läßt den Vorgang zu einer ein­zi­gen, vollkommenen, geschmeidigen Bewegung werden. Nur leicht muß die Haltung der Schultern korrigiert werden. Ihr leichtes Anheben paßt nicht ganz zur Gelassenheit, zur Emotionslosigkeit, die sichere Treffer ermöglichen sollen. Beinahe unbeteiligt soll diese Waffe genutzt werden, Gefühle würden nur stören. Allein: Die geforderte Absichtslosigkeit bleibt unerreichbar. Ein Ziel impliziert doch die Absicht zu treffen? Das Denken und das Fühlen kommen immer wieder auf diesen Punkt zurück. Wer zielt, hat die Absicht, den Schuß zu lösen und mit dem Pfeil einen Treffer zu erzielen.

Den Bogen greifen, aufheben, vorm Körper halten. Mit der zweiten, ebenso vollkommenen und geschmeidigen Bewegung einen Pfeil aus dem Köcher ziehen, in den Bogen einlegen und – endlich! – die Sehne spannen. Sich der Kraft bewußtwerden, die dem Pfeil mit­gegeben werden kann. Sich der Flugbahn des Pfeiles sicher sein, auch, wenn der Blick nicht das Ziel erfaßt, wenn die Augen einen Punkt weitab vom Ziel fixieren. Und nun den angehaltenen Atem ausströmen lassen, neue Luft in die Lungen saugen. Dabei spannt sich der Bogen wie unabsichtlich ein klein wenig weiter. Jetzt, genau jetzt ist der Zeitpunkt, den Pfeil und die Sehne loszulassen.

Den Bogen entspannen, langsam, und dann den Pfeil wieder zu den den anderen zwei in den Köcher stecken. Und eine Erkenntnis: Wenn es möglich ist, den Bogen absichtslos weiter als möglich zu spannen, so kann auch ein Treffer im Ziel absichtslos geschehen. Das läßt sich ebenso lernen wie das Spannen des Bogens, das Einlegen des Pfeiles. Bestimmt werden nach weiteren Jahren des Übens eines Tages die Pfeile zu einem Ziel fliegen. Doch auch diese Übung ist noch lange nicht das Ziel, ganz gleich, wie geschmeidig und vollkommen sich Bogen und Pfeil bewegen und beherrscht werden. Aber es wird weiterhin geübt werden, das Erreichen der Absichts­losigkeit. Einer Absichtslosigkeit, die unbeteiligt niemals vollkommen sein kann.

 

 

Aufmerksame Leserinnen und Kennerinnen bemerken, daß ich mich nie tatsächlich mit Kyūdō (des Weges des traditionellen japanischen Bogenschießens) befaßte. Allerdings kämpfe auch ich immer wieder um diesen Zustand der Absichtslosigkeit, dieser besonderen Absichtslosigkeit, von der mir Übende dieses Sports berichteten.

 

Erinnerung des Tages:
Meine Großmütter kochten beide oft viel mehr, als gegessen werden konnte. Die Überschüsse wurden meist eingekocht.

 

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Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 25. Oktober 2024 mit dem Verfolgen eines in meinem Kopfkino laufenden Filmes, mit dem für eine Bettdecke gefundenen (vorläufigen) Platz, mit der vorbereiteten Nudelsoße.

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298–2024: Herbst-Tanka

Beim morgendlichen Blick aus dem Fenster gekritzelt.

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Wolken sehr müde
In den Flußbetten liegend
Bäume einhüllend

Beim Erwachen am Morgen
Entfärben sie die Landschaft

Ein Tanka.

 

 

Mir wurde am heutigen Morgen, kurz vorm Hellwerden, schon vom Nebel berichtet. Als ich nach dem ersten Kaffee und dem obligatorischen Keks dann noch einmal ein Fenster zum Lüften öffnete (ja, ich bin Raucher), so gegen acht Uhr, blickte ich im neunten Stock auf eine graue Wand. Keine Straße unten vorm Haus zu sehen, der Ausblick auf den herbstlich bunt gefärbten Wald gleich neben dem Haus ebenfalls nur grau. Ich mag Nebel (oft besteht er aus aufliegendeden Wolken) und meine Vor­stellung davon, wie er in der Dämmerung sich wieder erhebt.

 

Erinnerung des Tages:
Den dichtesten Nebel meines bisherigen Lebens erlebte ich als Kraftfahrer bei der NVA, als bei Sichtweite von ca. 2 m beide Beifahrer (im Gelände und auf der Straße) vorm SIL135 vorgehen und mich mit Taschen­lampen einweisen mußten (Erfurt, 1983 oder 1984).

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 24. Oktober 2024 mit erledigtem Hauhaltskram, mit festgehaltenen Gedanken und Regeln, mit dem Winterfrüchtetee.

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297–2024: Angestrengtheit

Alltag – anders als alltäglich üblich.

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In der Nacht war ich von Zwei bis kurz vor Vier wach, hatte sogar noch einen Kaffee aus der Thermoskanne, frisch mikrogewellt. Ich konnte die Zeit nutzen und ein paar Dinge festhalten, die mir zur Zeit aus Gründen im Kopf umherspuken. Und ja, die haben das Potential, mein Leben ziemlich komplett umzukrempeln. Hm, erschwert wird alles dadurch, daß nicht (nur) ich verantwortlich dafür bin und mir allein nur wenig zu verändern möglich ist. Ich weiß, niemand soll sich von einer anderen Person oder den Umständen so abhängig machen – aber wenn wir alle einmal ganz ehrlich sind: Irgendetwas oder irgendwen gibt es doch (und seien es nur Medi­ka­mente oder der das Haustier versorgende Nachbar). Danach schlief ich bis halb Sieben. Meine Nacht wich also vom jetzt üblichen Muster (Schlaf von 22 Uhr bis etwa 5.30 Uhr, ohne Wecker) erheblich ab, was ein Zeichen für das ist, was ich heute Nacht als mentale Angestrengtheit bezeichnete.

Ich schrieb in der Nacht mit blauer Tinte (Zeichen für: nicht veröffentlichen, weiter­denken). Rote Schrift kennzeichnet Schweinkram. Und in grüner Schrift halte ich meine Alltagsangelegenheiten fest (zu merkende Termine, Adressen, Einkaufslisten usw.). Tagebuch und Blogtexte werden schwarz geschrieben. Ich habe das in der aktuellen Kladde bisher sehr gut durchgehalten und kann dennoch nichts davon herzeigen, weil ich bunt zumeist lateinische Buchstaben nutze.

Langsam gewöhne ich mich daran, auch Vireoanrufe zu führen, und ja, dazu ziehe ich mich i. d. R. sogar an. Der halbstündige Videoanruf läßt mich lächeln und beruhigt mich etwas. Dennoch möchte ich am Rechner (oder an anderen Endgeräten) keine Videokonferenzen führen und mich daran auch nicht beteiligen.

Zur Mittagszeit setze ich mich hin und lese das Blaue und schreibe noch einige Anmerkungen und Einfügungen dazu. Seltsam, wie leicht mir das fällt. So richtig im Klaren bin ich mir in noch keinem der festgehaltenen Punkte. Das wundert mich nicht, schließlich sind die Folgen dessen, über was ich da nachdenke, bei Umsetzung enorm. Zum Beispiel geht es um meinen Umgang mit anderen Menschen, konkret um Kontaktabbruch; das will wirklich gut überlegt sein. Und weil das auch etwas Emotionales ist, fällt eine Entscheidung doppelt so schwer.

Den Rest des Tages bin ich wider Erwarten nicht müde, nicht schläfrig. Ich erledige Haushaltsdinge, ziemlich viele sogar, sortiere im Kühlschrank herum. Ich kommuni­ziere viel, phantasiere und plane ins Blaue hinein. Schreibe noch etwas Kurzes mit dem roten Stift. Bringe wieder Bücher weg. Mein Vorhaben, heute einen weiteren weihnachtlichen Text zu schreiben, setze ich nicht um. Aber es riecht hier nach Weihrauchkerzchen. Auch am Abend noch, als ich Notizen zum Tag mit schwarzer Tinte festhalte und diesen Text hier verfasse. Dazu trinke ich Tee, der nach Weihnachten schmeckt.

Ich weiß nicht, was heute draußen in der Welt passierte. Und ich bin damit im Reinen, mit meinem ganzen Tag, der schon um zwei Uhr in der Nacht begann. Ängste und Sorgen sind noch lange nicht weg; aber ich kann in meinen Notizen einmal mehr immer wieder von den Hoffnungen lesen, die ich habe. Trotz aller mentalen Angestrengtheit.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Altpapier, Gelber Sack, Altglas gab ich in die passenden Container, und 42 Bücher brachte ich zum Öffentlichen Bücherschrank. #publiclibrary

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 23. Oktober 2024 mit dem Wachsein mitten in der Nacht, mit all den geschafften Dingen, mit meiner Zufriedenheit.

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