316–2024: Beinahe

Im letzten Moment dann doch noch die Kurve gekriegt.

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Ich hatte heute gut zu tun. Von halb Sechs bis kurz vor Elf saß ich an meinem Rechner, kommunizierte mit anderen Menschen, sortierte Dateien von einem USB-Stick auf die entsprechenden Festplatten. Zu Mittag machte ich mir einfach Instantnudeln, weil ich Hunger hatte und es schnell gehen sollte. Ja, einigermaßen satt macht das Zeug, aber Geschmack schmeckt anders. Deshalb werde ich morgen richtig selber kochen. Ich weiß schon, was es geben wird: Kindheitserinnerungen! Nach dem Essen saß ich am Schreibplatz. Text ist kaum entstanden, aber ich sortierte auch da das Eine und das Andere. In Serien, die sich irgendwie um die Weih­nachts­zeit drehen, las ich mich wieder ein – vielleicht werde ich die eine oder andere davon weiterspinnen. Einkaufen mußte ich für das, was ich morgen zubereiten möchte. Und wie immer gab es auch Sachen, die nicht auf dem Einkaufszettel standen, wie fertige Nudelsoße, besonderer Senf, Kaffee (oh, der war sehr weit gesenkt und dennoch teurer als im vorigen Jahr). Auch Bockwürste landeten im Einkaufskorb.

Zuhause saß ich noch einmal am Rechner, las zwei Dinge nach, die ich unbedingt wissen wollte. Manchmal finde ich eben keine Ruhe, solange ich solche Sachen nicht weiß. Danach gabe es Bockwürste und Malfa-Kraftma-Brot, frisch gebrühtem Grünen Tee (aromatisiert mit Japanischer Kirsche) und eine halbe grüne Gurke. Ah, auch Kräuterquark war dabei. Über all dem war es schließlich 19.15 Uhr geworden. Voller Entsetzen stellte ich fest, daß mein Blog noch gefüllt werden muß! Oh, worüber bloß schreiben? Ein Gedicht abtippen von Pablo Neruda, Bert Brecht, Eva Strittmatter oder Robert Gernhardt? Mein Gott, welches denn?

Ach, ich schreib einfach auf, was ich heute gemacht habe. Zumindest in groben Zügen. Das sollte ich in 45 Minuten schon schaffen. Und dann muß ich den Text ja nur noch kopieren und in den Editor des Blogsystems einfügen, mir ansehen, wie das alles aussehen wird, Silbentrennung und Fehlerkorrektur vornehmen. Fertig bin ich damit um __20.14 Uhr__ gewesen (füge ich im Moment ein, da alles fertig ist). Dann noch auf „planen” klicken und entspannt zurücklehnen. Verdammt knapp, verdammt knapp, sag ich euch.

Beinahe hätte ich es heute versemmelt, beinahe …

 

Erinnerung des Tages:
Oma kochte mit den Äpfeln für Apfelmus immer eine Nelke mit.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 11. November 2024 mit dem vollkommenen Verpassen der Narretei, mit dem erledigten Einkauf, mit Bockwurst und Brot und pünktlichem Blog.

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315–2024: Klarwerden

Wenn ich ausreichend Zeit habe, mich mit meinem Denken zu befassen.

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Heute ist Sonntag. Ich habe mir heute am frühen Morgen Zeit genommen. Für mich selbst. Das ist nicht immer so einfach möglich, denn oft lenken mich zu erledigende Dinge ab. Da wartet der Abwasch, da hat sich dort wieder ein Haufen oder eine kleine, zusätzlich Insel des Chaos' irgendwo gebildet – und das muß wieder beseitigt werden. Es liegt meine Kladde mit einer bestimmten Textidee vor mir, ich könnte mich daranmachen und endlich etwas daraus formen. Heute war das alles nicht der Fall, ich hatte Kaffee und mir von Sechs bis Acht Zeit genommen für meine Gedanken. Und ich fühlte mich nicht verpflichtet, auch nur irgendetwas davon zu notieren. (Ich tat es dennoch.)

Es gab eine Anregung dazu, die mich von außen erreichte und die meine Phantasien allgemein und doch besonders in einem ganz bestimmten Bereich meines Lebens betrifft. Es ist keineswegs so, daß die weniger wurden oder ganz versiegten. Doch ich habe weniger davon preisgegeben, nur noch über wenige davon konkret(er) gesprochen und geschrieben. Stimmt, muß ich bestätigen, kann ich nicht leugnen. Und deshalb wollte ich von mir selbst wissen, wieso das ist. Nicht nur als Gefühl, denn ich bin mir sehr sicher gewesen und bin es mir noch, daß es dafür einen sehr konkreten Grund gibt. Was also ist mit meinen Phantasien geschehen? Und was genau führte zu diesen Veränderungen?

Sie haben sich verändert, stellte ich heute früh fest. Sehr verändert sogar. Während es sonst um Szenen, Handlungen, Dialoge ging mit ganz bestimmter, eng begrenzter „Thematik”, mit zeitlicher und rämlicher Begrenzung, umfassen sie heute mehr. Ich stelle mir nicht mehr nur vor, daß ich jeden Tag einen kleineren oder größeren Text verfasse und ver&oum;ffentliche. Jetzt träume ich von einem Dasein als Schreiben­der, mit allem, was dazugehört: Vertrag, Verlag, Buch (Bücher), Tantiemen, Lesungen – das ganze Paket eben. Es geht nicht mehr nur um ein Funkgerät, ich phantasiere von QSOs und QSLs und Funkaktivitäten an anderen, besonderen Orten. Und: Ich bin nicht satt. Noch lange nicht habe ich mir alle Wünsche erfüllt, noch längst nicht wurden alle Träume wahr. Meine Phantasien wurden nicht komplizierter, nicht detailreicher, nicht konkreter. Sie wurden aber umfassender, integraler ganzheitlicher, und damit unkonkreter, allgemeiner, weitreichender. Sie betreffen nicht mehr nur Szenen und Details, sie betreffen mein (beinahe gesamtes) Leben.

Aus meinen Phantasien erstelle ich heute keine Pläne mehr. Das ging bisher, weil ich gewisse Abläufe für eine kurze Zeit durchaus sehr konkret planen konnte. Nun aber … Ich kann mir noch vornehmen, dem Ganzen eine bestimmte Richtung zu geben und das auch dementsprechend zu beeinflussen versuchen. Eine Erfolgsgarantie, wie ich sie mir in der Vergangenheit einbildete, ist unvorstellbar. Zu gewaltig sind die Unwägbarkeiten, die in den neuen Phantasien enthalten sind. Zu abhängig sind sie von anderen Personen und deren Verhalten. Zu komplex sind die Zusammenhänge, die beachtet werden müßten. Aber schön sind sie noch immer, meine Phantasien; und schön stelle ich mir den Zustand vor, in den ich gerate, wenn sie sich erfüllen, wenn ein Traum wahr wird. Und ich hätte im direkt vorhergehenden Absatz noch mehr Beispiele anführen können – nur wären die von einigen ganz sicher mißver­stan­den und mißgedeutet worden (oh ja, das geschah meinen Beiträgen schon oft, und wenn ich davon erfuhr oder erfahre, schlage ich immer meine Hände überm Kopf zusammen).

Nachgedacht habe ich, ganz alleine. Intensiv. Über ein einziges Thema: über meine Phantasien. Ja, ich konnte mir klarwerden über eine Veränderung und deren Gründe; und nicht alles davon habe ich hier ausgebreitet, wozu auch. Wer konkretere Infor­mationen haben möchte, kann in einem Kommentar nachfragen (bei entsprechender Kennzeichnung schalte ich den dann auch nicht frei) und erhält Antwort von mir, vielleicht in einem Kommentar, vielleicht per eMail. Je nachdem, was möglich und angebracht ist.

Vielleicht befaßt ich euch auch einmal mehr mit euren Phantasien und all ihrem Drum und dran. Habt Spaß dabei.

 

Erinnerung des Tages:
Für einige Jahre hatte ich jeden Sonntag einen festen Termin: Im Kirchenchor sang ich (Bariton, zum Tenor hochgestuft) zu den Gottesdiensten; und an anderen Tagen auch zu Begräbnissen, Hochzeiten, Taufen usw.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 10. November 2024 mit den Gedanken des Morgens, mit zeitig gepacktem Krempel, mit der Zeit in der eigenen Badewanne.

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314–2024: Spruchbild

Schon bei meinen Großeltern in der Wohnung.

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Der im Bild enthaltene Text ist im Blogbeitrag unter dem Bild zu lesen.

Spruchbild
wahrscheinlich noch aus der Zeit von vor 1933, gedruckt in einer Frakturschrift.

 

 
Mehr Liebe im Leben
 

Dem Toten weiht man friſche Kränze,
Warum ihm denn im Leben nicht?
Warum ſo ſparſam mit der Liebe
Und warten, bis das Auge bricht?
Im Sarg erfreuen keine Blumen,
Im Grabe fühlt man keinen Schmerz.
Wenn lebend man mehr Liebe übte,
Dann lebte länger manches Herz!

 

 

Ganz winzig klein steht unter der Umrandung des Spruches der Hinweis auf den Urheber (dachte ich): Heinrich Kröner, Döbeln. Aber nein, das war eine Firma, Verlag, Buchdruckerei, Buchbinderei und Bürobedarfshandlung, die bis weit in die DDR hinein noch existierte (erst 1972 wurde das Gebäude abgerissen, in dem sie ansässig war).

Der in einem goldenen Rahmen gefaßte Spruch hing schon bei meinen Großeltern in der Wohnung, ich weiß nur nicht mehr, ob in Küche, Wohnzimmer oder Flur. Schon immer gefiel mir die Schrift, die bei seinem Druck verwendet wurde. Und weil im Text das Lang-S ſ verwendet wurde, hab ich den auch mit diesem ſ abgeschrieben. Wie liest ein Screenreader diesen Buchstaben?

Als Kind wußte ich mit dem Sinn des Spruchs wenig anzufangen. Aber je älter ich wurde und werde, um so näher geht mir der Inhalt. Denn auch ich ertappte mich bei der Frage, wieso ich jetzt dies und das jemandem geben, schenken sollte – zumin­dest als ich noch viel jünger war. Aber zu der Zeit, da ich als Freiberufler tätig war, änderte sich diese Einstellung. Seither gebe ich gerne denen, denen es mangelt. Es müssen ja nicht Kränze und Blumen sein. Den Lebenden zu geben ist eine gute Sache. Wenn ich dem Hunrigen kein Brötchen geben will, dann brauche ich ihm, wenn er nach dem Verhungern begraben wird, auch kein Brötchen in seinen Sarg oder auf den Grabhügel zu legen. So ist das auch mit Blumen, Zuneigung, Vertrauen, Liebe, Fürsorge usw. usf.

Na klar, man darf den Spruch auch als Plattitüde ansehen. Das hab ich früher viel­leicht auch getan und deswegen andere Formulierungen vorgezogen, um den hier enthaltenen Sinn zu verbreiten. Nun, heutzutage habe ich den Mut, ihn genau so weiterzugeben, wie ich ihn seit knapp sechzig Jahren kenne.

 

Erinnerung des Tages:
Bei Eintritt der Dämmerung stellte ich heute – wie ich es heute vor 35 Jahren schon über mehrere Monate getan hatte – eine brennende Kerze ins Fenster.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 9. November 2024 mit der Ruhe am sehr frühen Morgen, mit dem Besuch bei meinem Vater (dem es wieder wesentlich besser geht), mit einem leckeren Döner.

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313–2024: Unterschied

Identische Aussagen sind etwas völlig anderes.

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Meine Mutter fragt mich etwas, ich antworte. Mitten in meiner Antwort fällt sie mir ins Wort: So, wie ich das sage, kann es überhaupt nicht sein, so war es auch nie. Es ist bzw. war vielmehr genau so, wie es eben ihrer Meinung nach nur (gewesen) sein kann.

Und dann erklärt sie mir, wie es ist oder war. Und sie sagt genau das, was ich sagte.

Der Unterschied? Sie bestimmt noch immer, wie etwas (gewesen) zu sein hat.

 

Erinnerung des Tages:
Einer der häufigsten Sätze, den mein Vater immer sprach: „Es stimmt zwar nicht, aber sie hat Recht.”

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 8. November 2024 mit der ruhigen Zeit am Morgen, mit dem Einkauf zu Fuß (auf dem Dorf, da ist einiges an Weg zurückzulegen), mit Hackepetersemmeln am Abend.

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312–2024: Aussicht

Lange Lehrzeit, viele Wiederholungen.

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Eine gute Aussicht zu haben heißt noch lange nicht, daß der Mensch von oben auf etwas herabschauen kann oder gar die Übersicht und Weitsicht hat – das gilt in der Landschaft und (im übertragenen Sinne) auch für den Blick in die Zukunft. Außerdem garantiert selbst die beste Aussicht keinerlei Gewißheit.

 

 

Oh ja, viele werden es schon erlebt haben. Beste Aussichten und dann: Pustekuchen. Ich erwähne es jetzt extra: Mir ist das in letzter Zeit nicht so geschehen, Erfahrungen damit habe ich aber in einer ziemlich weit zurückliegenden Vergangenheit gemacht. Mehrfach natürlich, wie sollte es auch anders sein. Und ja, ich unterlag meist dem Trugschluß, daß ich die Übersicht und Weitsicht hätte und ein positives Ergebnis mit Sicherheit eintreffen würde. Die Ernüchterung war heftig, die Enttäuschung groß, der Lerneffekt bei den ersten Malen eher gering – es dauerte viel zu lange, bis ich begriffen hatte, daß ich einer Selbsttäschung aufgesessen war.

Irgendwann aber hatte ich es gelernt, begriffen, und konnte trotz bester Aussichten, trotz Hoffnungen und Zuversicht im Blick behalten, das nur Aussichten wirklich keine Garantie sein können und natürlich keinerlei Gewißheit bieten für irgendetwas.

 

Erinnerung des Tages:
Früher gab es ja auch Nudossi nur selten zu kaufen. Deshalb machten wir zuhause einen Schokobrotaufstrich selbst. Ich weiß das Rezept leider nicht mehr und finde es auch nirgends!

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 7. November 2024 mit dem frühzeitig abgeschlossenen Packen, mit der störungsfreien Fahrt, mit einer reparierten Brille.

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311–2024: Inspirationshilfe

Wir sprechen über Glücksmomente und Musik.

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    „Schreib' doch mal was über die Musik, die Du am liebsten hörst!”
    „Hab' ich nicht; das ist immer von der Situation, von meiner Stim­mung und von meiner Tagesform abhängig.”
    „Aber … Du hast doch bestimmt ein absolutes Lieblingslied – das hat doch wirklich jeder!”
    „Nein. Hab' ich nicht.”
    „Was hörst Du denn, wenn Du so richtig glücklich bist?”
    „Das kommt eben drauf an. Von welcher Art Glück sprichst Du, an welche Art Glück denkst Du da?”
    „Das ist doch egal. Einfach glücklich!”
    „Also ich weiß ja nicht: Wenn ich einen Unfall unbeschadet, also unverletzt überstanden habe, dann bin ich anders glücklich als in dem Moment, da ich einen größeren Geldschein finde oder einen geblasen bekomme …”
    „Orrrr! Mit Dir kann man sich aber auch nicht vernünftig unter­halten! Dabei wollt' ich Dir nur helfen!”
    „…”

 

 

Nun ja, zumindest in meiner Phantasie half dieses fiktive Gespräch: Ich habe einen Blog­bei­trag verfassen können.

 

Erinnerung des Tages:
Vor verdammt vielen Jahren stand mir ein einziges Mal jemand Modell, während ich einen Text schrieb.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 6. November 2024 mit durchaus sprudelnder Phantasie, mit erledigten Vorbereitungen, mit den Burgern zum Abendbrot.
 
Genau heute vor 14 Jahren erstellte ich meinen ersten Blog bei WordPress (.com).

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310–2024: Angebot

Allerdings ein völlig normales, kein Sonderangebot.

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Viel zu selten gehe ich auf andere Menschen zu, die sich augen­schein­lich in einer problematischen Lage befinden; selbst wenn ich kein Fachmann für ihre Probleme bin und ganz sicher auch kein Held, kann ich ihnen dennoch anbieten, sie nach bestem Wissen und Gewissen – wenn auch vielleicht nur durch zuhören und / oder anwesend sein – zu unterstützen oder zu beschützen.

 

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ich habe heute weitere Plastedosen aus meiner Küche ins Haus gestellt (brauchbare Tupper­ware) oder in den Müll gegeben (leere Lebensmittelverpackungen, die nicht mehrfach genutzt werden sollen).

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 5. Novemder 2024 mit meinen mitgeteilten Bedenken, mit ersten Bear­bei­tungen an einem quick'n'dirty notierten Text, mit Couscous mit Königsberger Klopsen.

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309–2024: Privates(tes)

Was mich grad heftig beschäftigt: Ein möglicher Tod.

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Wer länger und vielleicht regelmäßig hier liest, weiß, daß mein Vater dement ist und seit Jahren in einer Pflegeeinrichtung lebt. Natürlich wissen alle in der Familie: Sein Zustand konnte nicht und wird auch nie mehr besser werden. Ich habe gelesen über diese Krankheit, habe Wissen erworben, habe mit Menschen gesprochen, die Erfah­rung mit Demenzkranken machten und machen. Aber all das konnte mich auf meine Erfahrung, mein Erleben dessen nicht vorbereiten.

Ein schlechtes Gewissen habe ich, meinem Vater gegenüber, dem Rest der Familie gegenüber. Weil ich im letzten halben oder überhaupt im Jahr 2024 viel zu selten bei ihm war. An vielen Wochenenden war ich mit einem Verein unterwegs. Ich hatte auch drei Mal Termine Freitag und Montag. Dann war wieder jemand im Elternhaus mit Corona infiziert – und ich, der ich bisher davon verschont blieb, hatte Angst vor einer Ansteckung und blieb deshalb fern. Alles richtig und wichtig, denke ich bei mir, und dennoch: Das schlechte Gewissen ist vorhanden, wider besseren Wissens vorhanden.

Mit meinem Vater ging es übers Jahr auf und ab, mehr ab als auf. Im Sommer war er für knapp drei Wochen verstummt, bewegte sich kaum noch. Manche schoben das darauf, daß er nur mit der Hitze nicht zurechtkam. Es wurde dann ja auch wieder besser, und wenn ich hinkam, erkannte er mich und begrüße mich mit meinem Namen. Aber die Sprache war nicht mehr ganz so klar, die Geschichten wurden verworrener. Nach und nach verschwanden Wortteile. Seit drei Wochen steht er, der immer auf den Gängen und im Garten unterwegs war und auch oft Dinge demon­tierte, nicht mehr freiwillig auf. Er scheint jetzt auch zu vergessen, wie man einen Apfel ißt. (Das weiß ich nur von den Berichten der Menschen, die ihn besuchten.)

Ich habe das ungute Gefühl, daß er den Jahreswechsel, vielleicht auch schon das Weihnachtsfest nicht mehr erleben wird. Dann fehlt ein Mensch, den ich mein ganzes Leben lang kannte (und von dem ich mich auch einmal fast zehn Jahre abgewendet hatte). Unvorstellbar, dieses Fehlen. Als mein Sohn vor etwa 30 Jahren starb, entstand in mir eine große Lücke. Wenn er, mein Vater, nicht mehr lebt, wird da eine weitere Lücke gerissen. Eine andere, denn von der weiß ja jeder Mensch, daß sie irgendwann entstehen wird, weil auch Eltern nicht ewig leben. Doch jetzt, da dieser Abschied wahrscheinlicher wird, so verdammt nahe zu sein scheint, jetzt macht mir das auch Angst. Vor allem, weil ich nicht weiß, was mein Vater von seinem Leben in den letzten Jahren noch mitbekommen hat. Was er jetzt empfindet, ob er um seine Situation wußte und weiß oder nicht. Ob das überhaupt irgendwann einmal irgendjemand wissen kann, was in einem dementen Menschen vorgeht, was „übriggeblieben” ist von der Person, der Persönlichkeit …

Und ja, diese Situation ist es, die mich auch über die Endlichkeit meines Lebens nach­denken läßt. Hab ich noch 20 Jahre oder mehr zu leben, vielleicht sogar gut zu leben?

 

Erinnerung des Tages:
Heute erinnerte ich mich an Vieles, bei dem mein Vater eine große Rolle spielte. Ich werde davon bestimmt noch Einiges (mehr) aufschreiben und dann vielleicht irgendwann herzeigen.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 4. November 2024 mit der zur Nacht-Wachzeit sprudelnden Kreativität, mit meiner Ehrlichkeit mir selbst gegenüber, mit sehr schönen Erinnerungen.
 
Ich weiß noch nicht, ob ich Kommentare zu diesem Text freischalten werde …

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308–2024: Entscheiden

Manchmal schwer, wenn es bewußt geschehen muß.

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Mir wird für diesen Monat die Erfüllung zweier langgehegter Wünsche angekündigt, versprochen gar. Ich muß mich jetzt entscheiden: betrachte ich das mit Hoffnung und Vorfreude – oder lasse ich die Angst vor einer Enttäuschung zu?

Beide Verhaltensweisen habe ich gelernt. Beides kann ich ausleben. Mit beidem kenne ich mich aus (ich gestehe: mit der Angst vor einer Enttäuschung etwas besser). Beides gleichzeitig halte ich nicht durch; da würde (wie bisher immer) die Angst überhandnehmen. Puh. Ich muß mich aber zwischen beiden Verhaltensweisen entscheiden; die Entscheidung ist schwierig, obwohl viele sofort für Hoffnung und Vorfreude plädieren würden. Vernünftig wäre das, das ist mir klar, aber so einfach ist das mit meinen Erfahrungen nicht. Trotzdem bleibt mir wohl nur, von jetzt an mit Hoffnung und Vorfreude durch den Monat zu gehen. Seht es mir nach, wenn ich auf eine Ansprache nicht reagiere, sondern weiter mit weggetretenem Lächeln durch die Realität irre …

 

Erinnerung des Tages:
Der Mecklenburger Großvater hatte einige Bienenvölker, die im Oktober eingewintert wurden; das kam mir in den Sinn, als ich heute noch Bienen in Efeublüten sah.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 3. November 2024 mit frühmorgens gelesenen Gedanken, mit drei wieder scharfen Messern (geschärft mit einfachen Schleifsteinen von Hand), mit meiner Hoffnung und Vorfreude.

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307–2024: Erstaunlich

Seinen Namen las ich sicher schon, aber sonst:
Günter Kunert (∗ 1929 – † 2019)

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Ein Autor, der mir hätte schon in der DDR auffallen müssen als einer der Erst­unter­zeichner des Textes gegen die Biermann-Ausbürgerung. Er fiel mir aber nicht auf. Wahrscheinlich gab es dann auch nicht mehr viel von ihm zu lesen. Die Liste seiner Veröffentlichungen ist lang, und ich habe vom vor fünf Jahren Verstorbenen nur ein 1980 erschienenes Reclam-Büchlein, aus dem ich jetzt zitiere:

 

 
Ein bekannter Jemand
 

Jemand, dessen Name nicht genannt sein soll, packte ein heißes Eisen an. Wie nicht anders zu erwarten: Er verbrannte sich die Finger. Und so ging es mit jenem Jemand fort: Er ließ keines dieser Arte Eisen unberührt, stets glaubend, so glühend werde es nicht sein, wie es dennoch war. Und bei dem letzten Eisen, von dessen offenkundiger Weißglut nicht nur die Wissenden die Augen verschlossen, diesmal die Unwissenden sogar, schwor er, es sei höchstens lau: Dafür lege er beide Hände ins Feuer. Das Erwartete geschah, und er hielt Wort und in die Flamme seine Hände, die prompt verkohlte. Er meinte: Die wachsen nach. Sie taten's nicht. Da sagte, dessen Name nicht genannt sein soll: „Jetzt kann ich mir wenigstens die Finger nicht mehr verbrennen!”

Das heiße ich mir einen Optimismus.

Günter Kunert: Kurze Beschreibung eines Momentes der Ewigkeit. S. 84
© Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1980. RUB Band 820
Lizenz-Nr. 363. 340/14/80 · Bestell-Nr. 660 9145

 

 

Das ist einer der mich so faszinierenden, kurzen Texte aus dem Büchlein. Es gibt viele dieser Sorte, sehr viele. Und seine Gedichte möchte ich auch noch entdecken, alle! Wahrscheinlich kenne ich einige davon schon als von Kurt Schwaen komponierte Lieder, aber mal erhlich: Wer merkt sich normalerweise den Namen der, die die Liedtexte schrieben? Sein Name steht jetzt auf meiner Ausnahmeliste: Bücher von Günter Kunert darf ich aus den Öffentlichen Bücherschränken mit nach Hause nehmen.

Kunerts Leben war ja durchaus ein Politikum: Biermann-Unterstützer (nein: jemand, der die Freiheit der Kunst und der Kunstschaffenden verteidigt), Ausgereister. Ob er wohl (darüber finde ich keine Information) DDR-Bürger geblieben war nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik? Vielleicht wäre das nachzulesen in seinen drei autobiografischen Kurzberichten, die in Ausgabe 5/2023 von Sinn und Form, Beiträge zur Literatur, enthalten sind. Vielleicht gibt es eine Bibliothek, in der ich das Heft finden kann (die Uni-Bibliothek hierzudtadt eventuell).

Halbseitige oder noch kürzere Häppchen sind es oft, die mich nachdenklich werden lassen. Hier fühle ich mich heute sehr an den Zweckoptimismus mancher Politik­dar­steller erinnert.

 

Erinnerung des Tages:
Es ist und bleibt ein sehr, sehr besonderer Augenblick (im wahrsten Sinn des Wortes), den ich immer und immer wieder erleben möchte, seit ich ihn zum ersten Mal vor über 20 Jahren erleben durfte.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 2. November 2024 mit dem erledigten Aufräumen, mit dem Rest der Möhrensuppe, mit der kleinen Expedition durch die Stadt.

© 2024 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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