044.2026: Wutausbruch

Es braucht nur eine Person, die sich zu Unrecht getroffen sieht.

 

 

Herausgeschleudert
Hastig weitergetragen
Selbst durch Gegenwind

Worte wie Springkrautsamen
Weitaus giftiger als die

Ein Tanka.

 

 

Nein, das ist nicht aktuell und auch nicht akut. Lange her ist es, lange. Und ich war weder der Wütende noch fühlte ich mich zu Unrecht getroffen. Ich bekam allerdings mit, wie sich das Gerede darüber verbreitete.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 


© 2018 & © 2026 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Veröffentlicht unter 2026, Geschriebenes | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

043.2026: Glückstag

Heute ist Freitag, der dreizehnte Tag des Monats.

 

Wahrscheinlich schrieb ich es schon: Für mich ist Freitag, der 13., kein Unglückstag. Ganz im Gegenteil: Ich freue mich auf einen jeden solchen Tag. Zum Beispiel wurde ich an einem 13. geboren …

Ein Aberglaube, ich weiß. Und doch scheint es so, als ob an diesen Freitagen, den 13., mehr Dinge schiefgehen als an anderen Tagen. Wahrscheinlich ist das die Folge von selbsterfüllenden Prophezeiungen: ;enschen verhalten sich besonders vorsichtig und zögerlich, was zu nicht beabsichtigten „Fehltritten” führt z. Bsp. Seit ich keine Angst mehr vor den ängstigenden Aspekten dieser Tage habe, ist mir auch kein noch so kleines Unglück mehr passiert. Interessant, denke ich mir, und lächle in mich hinein.

Unter einer Leiter hindurchzugehen oder einer schwarzen Katze zu begegnen, die vor mir von links nach rechts meinen Weg quert (warum aber nicht ein schwarzer Hund?), einen Spiegel zu zerbrechen usw. usf. All diese Unglücksboten, die vielen Menschen unhinterfragt ein gewisses Unbehagen bereiten: Ihre Entstehung liegt meist weit in der Vergangenheit, kaum jemand weiß um ihr Warum. Für Freitag, den 13., weiß ich um eine mögliche Herkunft: 13 Personen saßen beim letzten Abend­mahl, an einem Freitag wurde gekreuzigt. Die 13. Fee kam schon von daher.

In Asien – vor allem in Ost- und Südostasien – ist die Vier die Unglückszahl (in Japan auch die Neun); in Italien ist Freitag, der 17. November, das unglücksverheißendste Datum. Es hängt von Religion, Aussprache und anderen Faktoren ab, was wo als Unglücksbote gesehen und gedeutet wird … In diesem Sinne: Macht euch bloß nicht verrückt, weil heute ausnahmsweise einmal Freitag ist!

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil


© 2026 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Veröffentlicht unter 2026, Erlebtes | Verschlagwortet mit , , , , , , | 1 Kommentar

042.2026: Handarbeit

Für viele „völlig altmodisch und überflüssig”.

 

Letzthin kaufte ich wieder 1 kg Kaffee, ungemahlen, ganze Bohnen. Weil der wirklich preisgünstig war – und meine Lieblingssorte ist es auch. Heute vormittag fing ich an, den zu mahlen. Mit einer der altmodischen Handkaffeemühlen, ohne Strom, nur mit Muskelkraft. Und die braucht es nicht zur zum Drehen der Kurbel, sondern auch zum Festhalten des Gerätes. Das geht durchaus auf die Arme.

Warum ich das mache? Weil ich es kann! Weil mir manche archaische Methode der Hausarbeit gefällt. Wie das Kaffeemahlen, das Bügeln, das Brotschneiden (mit einem scharfen Messer, nicht mit diesen Sägedingern) u.v.a.m. Da merke ich, was an Arbeit notwendig war (oder ist), um etwas zu erreichen, das mit modernen Hilfsmitteln fast mühelos möglich ist. Da finde ich wieder einen Maßstab für den Wert einer Arbeit, ihrer Ergebnisse, den – so glaube ich – viele nicht mehr haben (können, siehe Heizen mit Holz- und Kohleofen). Ich wog sogar nach, wieviel Kaffee ich mahlte: pro Müh­len­füllung im Durchschnitt 50 g. Und für die heute gemahlenen 250 g benötigte ich etwa 90 Minuten (ja, richtig: eine anderthalbe Stunde, davon aber etwa 30 min Pause und Nebentätigkeiten). Wahrscheinlich bekomme ich wieder Musklekater wie beim letzten Mal, vor allem in den Oberarmen. Dabei wechselte ich ziemlich oft zwischen rechts- und linkshändiger Bedienung; hätte ich das nicht getan, hätte ich wohl eher aufgehört mit dem Kurbeln. Und für 50 g braucht es mit dieser Mühle um die 600 Umdrehungen (Ich habe gezählt!) der Kurbel – damit habe ich in den 90 Minuten 3000 mal daran gedreht (das heißt: etwa 50 Umdrehungen pro Minute geschafft während der reinen Mahlerei, was in meinen Augen nicht wenig ist).

So viel Aufhebens für ½ Pfund Kaffee und das Mahlen dessen? Dabei habe ich doch sogar eine elektrische Kaffeemühle? Ja, eine sehr kleine, die schafft knapp 20 g pro Mahlgang und muß nach dem dritten für einige Zeit abkühlen. Außerdem war mir danach …

Habt ihr jemals schon Kaffee mit der Hand gemahlen – und wie lange ist das jetzt her?

 

Erinnerung des Tages:
Wie immer beim Kaffeemahlen mit der Hand: Die Wochenenden im Haisl der erzgebirgischen Großeltern.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 11.02.2026 bis jetzt der gemahlene Kaffee, zwei Scheiben Toast mit Nudossi.


© 2026 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Veröffentlicht unter 2026, Erlebtes | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 20 Kommentare

041.2026: Durch die Stadt

Weil ich merkte, daß ich mit den Versuchen zu oft scheitere.

 

Normalerweise – ja, genau – normalerweise gehe ich einmal am Tag raus. Einkaufen, irgendwo nach Fotomotiven suchen, öffentliche Bücherschränke abklappern. Oder: Einfach mit Straßenbahn und Bus durch die Stadt gondeln. Dabei Wege zu Fuß zurück­legen. Lauschen. Ja, einmal am Tag. Das ging jahrelang. Nur seit Weihnachten nicht mehr. Da blieb ich zu oft zuhause, und zwar nicht wegen des Wetters. Mir fehlte die Motivation. Weil ich sehr lange Zeit z. Bsp. nichts fand, das mir ablichtenswert erschien, nahm ich keine Kamera mehr mit beim Rausgehen. Es gab also wenig Gründe für Umwege.

Heute war ich zweimal draußen. Erst zum Einkaufen, und dann gleich danach ziellos in in der Stadt unterwegs. Ich hab es bis zum Bahnhof und zu dem in der Nähe stehenden Wasserturm geschafft. Ein paar Notizen habe ich gemacht, damit ich nicht vergesse, was ich mir bald einmal ansehen oder wieder einmal ansehen möchte. Die Freiraumgalerie, den alten Schlachthof, den Güterbahnhof, die älteren Häuser um den Bahnhof herum. Das meiste sehe ich bei jeder Vorbeifahrt – aber dabei kann ich nur wenige oder keine Einzelheiten erkennen. Und die will ich doch wieder entdecken lernen. (Oh ja, ich wollte schon so viel wieder machen oder neu beginnen und habe nur wenig davon umgesetzt. Die Hoffnung aber gebe ich noch nicht auf.)

Ich merke, das ist alles irgendwie durcheinander und unspezifisch und überhaupt. Welche Schlüsse ich daraus ziehe, welche Regeln ich daraus ableite für mich, kann ich noch nicht wissen. Vielleicht reicht es nicht, nur eine Nacht darüber zu schlafen. Was mir für eine wirksame Veränderung noch fehlt, ist etwas, das mich antreibt, mich auf irgendeine Weise zufrieden machen kann. Zufrieden mit mir, mit dem, was ich mach und tu. Ideen habe ich viele, doch zu den meisten fehlt mir jemand, mit dem ich diese Erlebnisse teilen kann. Und die Neugier und die Freude und die Zufriedenheit mit dem Geschafften, Erlebten. Doch ich habe deutlich bemerkt, daß ich meine Versuche vernachlässigte, weil ich manchmal mit ihnen keinen Erfolg hatte. Aus diesem Wissen in Zukunft „etwas zu machen”: nicht einfach, befürchte ich, trotzdem erreichbar.

 

Erinnerung des Tages:
Ich sah mir heute meine Fotos aus den Jahren 2010 und 2011 an. Hach!

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 10.02.2026 der Kurzbesuch von Tante Erdmute, die gesehene „kurze” TINA (Straßenbahntyp), saurer Fisch zum Abendessen.


© 2026 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Veröffentlicht unter 2026, Erlebtes | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

040.2026: Zu verstörend

Und es fehlt der spezielle Klang des Wortes aus diesem Mund.

 

 

Da sitzt sie in ihrem Lehnstuhl – ja, wirklich in einem sehr altmo­di­schen Lehnstuhl – und denkt nicht zum ersten Male darüber nach, das Draußen mit all den beschissenen – ein anderes Wort ist nicht mehr angemessen – Nachrichten auszusperren aus ihrem Leben. Radio und Fernsehgerät nicht mehr einzuschalten. Den Zugang zum Internet zu kappen, die Zeitungs- und Zeitschriften­abonne­ments zu kündigen. All dieses auf sie Einstürmende ist mittlerweile zu verstörend. Sie könnte sich doch auf das eigene Leben beschränken, auf ihre inneren Welten, von denen sie so viele hat, daß sie darüber schreiben muß, erzählen will.

Das eigene Leben … Ja, aber was ist dann – ohne das alles – noch ihr eigenes Leben? Fehlt von eben jenem Leben dann nicht viel zu viel? Und sie denkt an ihre Urgroßmutter, die sie als Kind zum Glück noch kennenlernen durfte. Wilfriede, die zu jedem, wirklich jedem in ihren Augen modischen Schnickschnack immer nur sagte: „Ach, Erdmutchen, als ich noch jung war, lebten wir sehr gut ohne diesen Tingeltangel.” Sie hatte sich nie erlaubt, nach der Bedeutung dieses Wortes zu fragen. Später hatte Tante Erdmute nachgelesen, was es bezeichnet. Aber ohne den Klang der urgroßmütterlichen Stimme blieb Tingeltangel Zeit ihres Lebens leer und gestaltlos.

 

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil


© 2026 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Veröffentlicht unter 2026, Geschriebenes, Tante Erdmute | Verschlagwortet mit , , , , , , | 3 Kommentare

039.2026: Entwicklung

Was ich beobachtete, kann ich dennoch nicht verallgemeinern.

 

Ich kenne einige Menschen, denen im Leben alles, wirklich alles leichtfiel. Solche Leute neigen dazu, sich alles leichtzumachen und viel zu vieles leichtzunehmen. Nur: Dabei geht die Leichtigkeit zu oft verloren und wird durch Beliebigkeit, Gleich­gül­tig­keit und Belanglosigkeit ersetzt. Und auch diese Veränderung wird auf die leichte Schulter genommen, wenn sie überhaupt bemerkt wird.

Wie es dazu kommen kann, weiß ich nicht – ich habe es ja nicht erlebt. Allerdings habe ich das bei einigen Menschen eben beobachten können; und sie wurden – mit Verlaub gesagt – veritable Arschlöcher …

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 


© 2026 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Veröffentlicht unter 2026, Erlebtes | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

038.2026: Sonntags, früh am Morgen

Wenn ich zur Unzeit wach bin, es aber nicht bleiben möchte.

 

Es ist noch richtig dunkel draußen (und sehr nebelig), als ich halb Sechs im Bett sitze. Was … Nein, auf Kaffee habe ich wirklich noch keine Lust, ich möchte lieber noch zwei Stunden Schlafen oder Dahindämmern mit den wunderbaren luziden Träumen. Ich habe eine kleine Lichterkett angeschaltet und am Schreibplatz brennen zwei Kerzen. Der Kräutertee aus der Thermoskanne ist noch warm. Dann höre ich wieder meine Mutter: „Du verdirbst Dir die Augen, wenn Du bei solchem Funzellicht liest!” Heute ignoriere ich den Satz, denn ich lese ja nicht, ich schreibe. Im Licht von zwei einfachen Kerzen. Tagsüber, selbst im Sommer, schalte ich die Schreibtischlampe an, kann ohne deren Licht auskommen. Aber morgens halb Sechs, mitten im Winter und mitten in einer Wolke, also im Nebel …

Ich wurde wach, weil ich im Traum nach einem Fleck suchte, an dem ich ungesehen pinkeln kann – und es war abscheulich dringend im Traum. In der Realität, beim Erwachen, auch. Vielleicht ist das schon diese Krux der Alten Männer? Egal, darum soll es hier nicht gehen. Eher um das platte Land, schattenlos, in dem ich träumend unterwegs war. Es mußte sich dort doch eine Möglichkeit finden lassen, mich allen befürchteten Blicken zu entziehen? Aber die Gegend war baum- und strauchlos, weit und breit kein Gebäude und kein Mensch zu sehen. Nur dieser Zaun, an dem ich gefühlt eine Ewigkeit entlangging, immer auf der Suche nach einer Deckung, hinter der ich mir Erleichterung verschaffen könnte. Alle sieben Schritte ein hölzerner Pfahl in der Erde, zwischen den Pfählen ungeschälte dünne Baumstämme oder Äste. Keine Chance, mich dahinter zu verstecken. Im Traum war ich sicher, daß ich, wenn ich nur etwas hinter dem Zaun finde, von niemandem mehr gesehen werden könnte. Jetzt, im Wachzustand, weiß ich, daß jede und jeder hinter dem Zaun mich dann sehen könnte. Aber es war ja niemand da, nicht ein einzigen Mensch, kein sichtbares Tier. Nichts und niemand. Ich weiß noch, daß ich anfing zu rennen – dann wurde ich zum Glück wach.

Nein, eine Traumdeutung brauche und will ich nicht. Und nachdem ich jetzt auf­schrieb, was für mich an diesem Traum, in diesem Traum seltsam war, werde ich die Kerzen löschen, die Lichterkette ausschalten und mich in meine Decke wühlen. Unter der darf es nirgends ziehen beim Einschlafen … Zehn vor halb Sieben. Zwei Stunden noch sind möglich. Ich stelle mir die geträumte Landschaft vor und eine ganz bestimmte, mich begleitende Person.

Um dreiviertel Neun bin ich wach, setze meine Filterkaffeemaschine in Gang und lächle, dem weitergeträumten Traum nachsinnend …

 

Erinnerung des Tages:
Bisher: Der Muttersatz, der noch immer in mir präsent ist.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil


© 2026 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Veröffentlicht unter 2026, Erlebtes | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

037.2026: Alt-Aphorismus

Aber in den sieben jahren nicht gut gealtert.

 

 

Und irgendwann, nach mehr oder weniger langer Zeit, ist da nur noch das unbändige Verlangen, die Sehnsucht zu vergessen, sie loszuwerden wie einen zu eng gewordenen Schuh.

 

 

Keine Sorge, denn das da war schon vor sieben Jahren nicht akut und aktuell – und das ist es heute auch noch nicht.

 

Erinnerung des Tages:
Es gab tatsächlich eine Zeit, da ich mich meiner Sehnsucht entledigen wollte – zum Glück funktionierte das nicht.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 05.02.2026 gefundene und gelesene alte Notizen, leckere dunkle Trauben, sehr warmes Wasser in der Badewanne.


© 2019 & © 2026 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Veröffentlicht unter 2026, Geschriebenes | Verschlagwortet mit , , , , , | 4 Kommentare

036.2026: Auf der Suche

Da deutet sich wohl eine Schaffenskrise an?

 

 

Die leeren Seiten der Kladde liegen vor mir. Hin und wieder nehme ich einen Stift, eine Feder in die Hand, will sie auf das Papier setzen – und tu es doch nicht. Ich bin auf der Suche. Nach drei schönen Worten oder Wörtern. Einfach schöne Wörter, eben nicht solche, die Schönes bezeichnen, sondern solche, die selbst – als Wort – wahr­lich schön sind. Nur drei davon, das ist meine feste Überzeugung, reichen mir, um eine Idee für ein schönes Geschichtchen zu finden, das ich am Stück herunterschreiben kann. So schwer kann das doch nicht sein; schöne Wörter muß ich doch kennen, die habe ich doch in ständigem Gebrauch, massenhaft, im Überfluß. Und doch …

Die Uhr läuft. Ohne sie wäre ich schon längst aufgesprungen, hätte mich schon längst etwas anderem zugewendet, etwas mühelosem, langweiligen. Die Uhr hält mich vor der Kladde fest. Mindestens die vom Zeitmesser vorgegebene Zeit (die ich mir selbst so vorgebe) bleibe ich beschäftigt mit der Suche. Schönheit. In mir tauchen sehr viele Beschäftigungen und Dinge auf, die schön sind. Allerdings sind meine Worte dafür nur gewöhnlich, banal. Und mal ehrlich: Kann Banales schön sein? Zum Beispiel das banale Wort Sternen­schweif … Poetisch ist es, aber doch banal. Zudem: Das, was es bezeichnet, ist ja etwas ganz anderes, als es dieses Wort uns zu suggerieren versucht. Nachtblau. Eine sanfte, mich einhüllende Farbe. Diese Farbe finde ich schön. Das Wort aber ist mehr so lala. Kurz nach diesen Gedanken tauche ich eine Feder ins Tintenfaß, doch sofort wasche ich sie wieder aus. Was ich schreiben wollte, verschwand in dieser Sekunde, war nie deutlicher als der Hauch eines Nebelstreifs über der Wiese am Bach. Flüchtig, ohne Bestand. Liebe. Herbstwald. Tautropfen. Kartoffelstampf. Brüste. Schnellzug. Kaminwärme. Pistazieneis. Umarmung. Alles schön, aber die Worte erfüllen meine mir grad selbst unbekanntenKriterien für Schönheit nicht, fühlen sich einfach nicht schön an. Und beim Wort zauber­haft: Da sehe ich ein Gefängnis vor mir, jetzt gerade. „Zauberhafte Brüste in der Kaminwärme von Pistazieneis bedeckt.” Eine schöne Vorstellung. Aber sind die Wörter, auch in dieser Zusammen­stellung, denn wirklich schön?

Jetzt ist sie abgelaufen, die Zeit. Jetzt sollte ich etwas sinnvolles tun. Zum Beispiel den Abwasch erledigen oder das Bettzeug abziehen. Aber ich gieße mir einen nächsten Kaffee ein, nehme die Tasse in beide Hände und starre Löcher in die Luft. Die Enttäuschung, die mich aus meinem Unvermögen zum Finden schöner Wöter anfallen könnte, bleibt aus. Die Kladde schließe ich vorsichtig, die Schreib­geräte räume ich an ihren Platz. All das wird wie ich auf den Moment warten, da mir wieder klar ist, was die Schönheit eines Wortes ausmacht. Und ich, ich muß das doch wissen. Schließlich schrieb ich schon mehrere Bücher, Bestseller sogar. Schließlich sind schöne Wörter meine Berufung und mein Beruf. Und ich müßte mir ja nicht SO BESCHEUERTE Aufgaben stellen. — Aber jetzt bin ich erschöpft, ich muß mich ausruhen, regenerieren. Es ist wohl Zeit für einen Mittagsschlaf.

 

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil


© 2026 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Veröffentlicht unter 2026, Geschriebenes, Miniatur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

035.2026: Nachts

Etwas, das klappt und mich dennoch verwundert.

 

Nachts, wenn ich wach genug werde und mir sonderbare Gedanken im Kopf herum­schwirren, schaffe ich es zu meiner Verwunderung ziemlich oft, diese Gedanken aufzuschreiben. Dazu liegen auf dem Stuhl neben meiner Schlafstatt ein Block, eine Kladde und einige Stifte. Ich habe versucht, mit „text-to-speech” das Handschriftliche zu ersetzen: Das funktionierte überhaupt nicht. Heute sah ich mir einige dieser Notizen an. Einige sind schwer lesbar (ich war wohl doch nicht ganz so wach), einige sind in lateinischen (also modernen) Buchstaben geschrieben. Ich verwende nachts sogar verschiedene Farben – was mich verwirrt. Außerdem war, was ich las, sehr monothe­matisch; vieles wiederholte sich einfach nur. Puh. Da saß ich mit Notizen, mit denen ich nichts, wirklich gar nichts anzufangen weiß. Aus denen konnte und kann ich auch nichts anderes machen, für echten Porno war es zu einfallslos, für normale Geschichten zu explizit, Erotika aber möchte ich davon auch nichts nennen. Es waren niedergeschriebene, banale Gedanken und banale Träume, und sie haben für mich keinen bleibenden Wert.

Heute wich ich von meinem üblichen Vorgehen ab. Denn normalerweise scanne ich wenigstens, was ich schrieb. Von diesen Notizen – es waren etwa 30 Seiten vom Block und ein vollgeschriebenes DIN-A5-Schulheft – will ich aber auch diese Scans nicht haben. Und so habe ich, mich ans Radikal-weg erinnernd, das Papier durch den Reißwolf ziehen lassen. Nur kurz bedauerte ich „den Verlust”, nur kurz. Dann redete ich mir gut zu, daß ich „sowas” doch noch in ausreichendem Umfang habe, in den Kladden und unter den gescannten Dateien. Ich das also wirklich nicht mehr brauchen und nutzen werde, mich an manche der notierten Sätze auch gar nicht mehr erinnern möchte.

Nun bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich heute zum ersten Mal Aufgeschriebenes einfach so weggeschmissen habe (und ich war zu faul, hier im Blog danach zu suchen). Daran erinnern kann ich mich nicht. Und deshalb steht im Kalender notiert: Selbstgeschriebenes unwiderbringlich entsorgt. Daß das klappte, wunderte mich auch.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Selbstgeschriebenes ohne „Sicherungskopie” weggeworfen.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 04.02.2026 bisher einige weggeräumte Weihnachtsdeko, ein gekaufter Pullover, eingelegte Oliven satt.


© 2026 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Veröffentlicht unter 2026, Erlebtes, Geschriebenes | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Kommentar hinterlassen