Mein Großvater, der gelernter Böttcher war, machte nicht nur Fässer und Bottiche. Nein, der tat auch ziemlich viel von dem, was Zimmerleute und Tischler so taten. Und deshalb baute er auch Zäune aus Holz. Immer dann, wenn ein Jägerzaun (oder Scherenzaun) angefertigt werden mußte, standen drei oder vier Böcke im Hof, auf denen mehrere schmale Balken oder dicke Latten lagen. Irgendeine Schablone war da auch im Spiel, aber ich weißnicht mehr, wie die genau aussah. Sie sorgte für den gleichmäßigen Abstand zwischen den darauf ausgelegten Zaunslatten. Die waren meist „Abfall”-Holz – es waren Abschnitte, die beim Sägen von Vierkantlatten aus dünneren Hölzern anfielen, und deren Querschnitt war gewölbt, ähnlich einem Kreissegment. Und waren zwar meist entrindet, aber nicht immer gehobelt, sie blieben gerade so, wie das Holz gewachsen war.
Auf jenem Gestell wurden also in gleichmäßigen Abständen (Schablone) in einheitlichem Winkel eine Anzahl Latten aufgelegt. Darauf kam eine zweite Schicht, die im an der Senkrechten gespiegelten Winkel aufgelegt wurde. Und dann wurde genagelt. Überall da, wo Zaunslatte auf Zaunslatte lag, wurde ein Nagel eingeschlagen. Einer nur, denn das Scherengitter sollte beweglich bleiben. Die auf der Rückseite herausragenden Nagelspitzen wurden – auch in Handarbeit – ordentlich versenkt. Die Höhe des aufgebauten Zaunes ließ sich leicht verändern: Er wurde flacher, je weiter die Felder auseinandergezogen wurden. Die übliche Breite sollte wohl 2,5 m sein.
Die genagelten Zaunteile wurden erst beim Zaunaufbau endgültig fertiggestellt. Nach dem Annageln an die Riegel wurden nämlich die Enden der Latten gerade abgesägt, waagerecht unten und oben mit einer Handsäge an einer Richtschnur entlang und ebenso an den Seiten jeweils senkrecht. Es war der Ehrgeiz des Handwerkers, also meines Großvaters, daß die Enden der Zaunslatten ganz exakt aneinanderstießen, ohne (großen) Spalt und um Himmels Willen nicht schief. Alles in Handarbeit, ohne Strom, ohne Maschinen, immer mal wieder eine echte Friemelei. Das ist heutzutage kaum mehr vorstellbar, und es wäre wahrscheinlich auch vielen viel zu teuer.
Solche Zäune aus unbehandeltem Holz hielten zwanzig und mehr Jahre. Sie dunkelten nach, wurden grau und grauer. Aber sie standen. Großvater starb 1972, der Zaun um das dann von meinen Eltern geerbte Grundstück wurde erst nach der Wende erneuert, da war der Zaun sicher mehr als 30 Jahre alt. Und als Kind gefiel mir ein Jägerzaun weitaus besser als jeder andere, denn der ließ sich wunderbar überklettern. Und er war auch die perfekte Rankhilfe für verschiedene Pflanzen, die zu seinen Füßen wachsen durften.
Heute freu ich mich, wenn ich irgendwo solche Zäune sehe, sie sind seltener geworden in der Landschaft, in den Kleingartenanlagen. Und ich sehe dann meinen Opa, wie er die Nägel aus Hosentasche fischt und sie mit nur wenigen Schlägen des Zimmermannshammers in den Latten versenkt.
Erinnerung des Tages:
Als ich heute einen ziemlich alt aussehenden Jägerzaun sah, erinnerte ich mich lebhaft an deren Herstellung etwa 1970.
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
P.S.: Am 23. Mai 2025 war ich zufrieden mit einer kurzen Busfahrt mit Umleitung, mit einer Umarmung am Nachmittag, mit dem in der Stadt gefallenen Regen.
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