2025 – 263: Alleine zuhause sitzen

Ob ich das überhaupt … Ach, ich gestehe!

 

Wie aus einem Hinterhalt springen sie mich an: lüsterne Gedanken, die ich schon lange Zeit ins Unbewußte – ins Unterbewußte? – verschoben habe, verdrängt hatte. Ich nahm ja auch an, daß sich das mit meinem erreichten Alter mittlerweile erledigt hätte. Pustekuchen. Wenn mich nach so vielen Jahren die konkrete Sehnsucht überkommt, das Bedürfnis nach Hautkontakt, nach intensivem Hautkontakt, anfänglich vielleicht zaghaft überkommt: Viel zu oft wird es mir zu schnell zu konkret, zu bild- und schmerzhaft. Dann sitze ich mit meiner Lust alleine zuhause und weiß mir nicht wirklich zu helfen. Denn kein Bild, kein Internet-Filmchen, keine Live-Cam ersetzt Hautkontakt …

Jaja, Opa erzählt vom Krieg. (Vor zwei Jahren aufgeschrieben.)

 

Erinnerung des Tages:
Meine Urgroßmutter war noch eine Adeligen von Geburt.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 20. September 2025 war ich zufrieden mit ausreichend Kaffee vor der Marktöffnung, mit vielen neugierigen Besuchern, mit dem einen oder anderen absonderlichen Anblick (gnihihihihi).


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2025 – 262: Was ein Genie sagt

Wiedereinmal ohne Quellenangabe notiert.

 

Ich habe zu meiner Schande und zu meinem Leidwesen früher viele Zitate ohne genaue Quellenangabe aufgeschrieben, lange Zeit nur mit den Namen der Ver­fas­ser. Da ist wieder eines von denen:

 

 

Die Schmach des Genies kann seine intellektuelle Vergeblichkeit sein, die Selbsterkenntnis, wie wenig gesichert alles ist, was es vollbracht hat. Genialität, das ist ein nie aufhörendes Zweifeln – vor allem anderen …

Stanisław Lem

 

 

Wenn ich es lese, ist die Pause nach „Vergeblichkeit sein” wesentlich länger als alle anderen im Zitat.

Weil ich nun aber auch ständig von Zweifeln geplagt bin (wer ist das schon nicht, außer so einige dieser Premiumarschlöcher), und Zweifel zum Genie gehören: Kann ich daraus schließen, daß auch ich ein Genie sein kann, sein muß, gar ein Genie bin?

 

Erinnerung des Tages:
Hier im Schloßhof habe ich vor fünf (oder sechs?) Jahren als #MarktMönch für Lagerleute ein Kelti­sches Handfasting zelebriert.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 19. September 2025 war ich zufrieden mit dem geschafften frühen Aufstehen, mit dem geschafften Aufbau von zwei Zelten, mit vielen Wir-freun-uns-uns-zu sehen-Umarmungen.


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2025 – 261: Wie es einst begann

Man kennt ihre Namen nicht – und wieso unternahm niemand etwas?

 

Irgendwann begannen einige Menschen, sich nicht mehr als Angehörige der Erdenwelt, sich nicht mehr als Bestandteil der Natur und der menschlichen Gemeinschaft, sondern als deren Beherrscher und Besitzer(!) zu bezeichnen und zu benehmen. Ich glaube, damit fing der ganze Scheiß an …

Ich bin wirklich der Meinung, daß die Menschen – also die gesamte Menschheit – sich ohne (Be-)Herrscher besser, anders entwickeln können. Wenn der Zwang zur Schaffung von immer mehr Mehrwert nicht existierte, wäre wohl auch der ständig und übermäßig zunehmende Ressourcenverbrauch, der Raubbau an unseren Lebens­grund­lagen, nicht mehr notwendig. „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.” (Allg. Erklärung der Menschenrechte.) Und nach der Geburt wird hierzulande nichts unversucht gelassen, diese Gleichheit so schnell und gründlich als nur möglich aufzuheben (i. S. v. nicht mehr zulassen, abschaffen). Wie gesagt: meine Meinung. Und leider scheiterten bisher alle Versuche, etwas anders zu machen.

 

Erinnerung des Tages:
Einmal wurde mir bei einer stationären Aufnahme Blut aus der Vene auf dem Handrücken entnommen, weil an den Armen nichts zu finden war.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 18. September 2025 war ich zufrieden mit dem morgendlichen Blutabgeben, mit einge­räumtem privatem Equipment, mit dem beladenen Fliewatüüt.


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2025 – 260: Eine Abweichung

Ausnahmsweise eine, die mir wirklich guttat.

 

Nachdem mein Blogbeitrag gestern Abend gerade online war, durchbrach ich meine Wochen­routine. Routinen sind für mich wichtig, sie sind das Geländer, an dem ich mich durch mein Leben hangele (ja, so ist es wirklich). Eine Abweichung davon ist, insbesondere dann, wenn sie mir sozusagen „von außen” aufgezwungen wird, eine erhebliche Störung meines Wohlbefindens. Gestern wich ich aus eigenem Antrieb davon ab.

Gestern Abend stieg ich in die Badewanne. Mit extra viel Schaum obendrauf. Nicht, weil ich verschwitzt oder dreckig war. Nein. Ich tat es nur, weil ich eine Weile Wohl­be­finden brauchte, etwas mehr Wärme, einen mich einhüllenden angenehmen Geruch. Eine mehr oder weniger kurze Zeit Abschalten, Ausruhen, Streßignoranz. Einfach einweichen, durchwärmen, schlaffwerden. Ohne Ablenkung, ohne Musik, ohne Buch, ohne Schreibzeug. Ich stellte mir sogar einen Wecker, auf daß ich lange genug im Wasser blieb: 45 Minuten.

Eins war schön: für die Zeit in der Wanne keine kalten Füße zu haben bzw. nicht das Gefühl zu haben, daß sie kalt seien (Diabetes, Polyneuropathie).

Als ich dann auf meine Schlafstatt mich begab, nahm ich eines der Schaffelle mit, die ich für die Märkte habe. Das legte ich mir um meine Füße, klappte es über ihnen zusammen. Laut meiner Uhr dauerte es keine zehn Minuten, bis ich eingeschlafen war. Mir zeigt das, daß mich meine selbsverursachte Störung meiner Routine wirklich nicht störte und ich mich wirklich sehr wohl fühlte. (Und ich schlief eine Stunde weniger als im Durchschnitt, fühlte mich aber erholter und ausgeruhter als üblich.)

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ich stellte heute u. a. drei Bücher von Erwin Strittmatter (alle drei Wundertäter-Teile) in einen öffentlichen Bücherschrank. (Strittmatter, nein, das hätte ich nie von mir gedacht.)

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 17. September 2025 war ich zufrieden mit frühen Wachsein, mit dem Sencha am Vor­mit­tag (nach dem Kaffee), mit dem sortierten Bücherschrank.


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2025 – 259: Draußen geht der Herbstwind

Mir fällt etwas auf, das so nicht stimmen muß.

 

Der Herbstwind heute ist heftig – mir gefällt das sehr. Ist Dir – so wie mir heute – schonmal aufgefallen, daß Wind zum Lautwerden etwas braucht, das ihn stört? Zumindest meine Ohren müssen sich ihm in den Weg stellen, sich ihn an ihnen stören lassen. Erst dann entsteht ein Ton: ein Fauchen, ein Rauschen, ein Wimmern, ein Heulen. Ohne Störung unmöglich. Ich glaube fest daran, daß freier Wind sehr bewegt ist, aber nur gestörter Wind hörbar wird.

Was sich daraus lernen lassen soll? Findet es selbst heraus …

 

Erinnerung des Tages:
Für exotisches, gutes Essen bekannt war „Künstlers Kleine Bar” in Karl-Marx-Stadt (vor 1990): chine­sisch, japanisch, italienisch, griechisch, spanisch …

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 16. September 2025 war ich zufrieden mit dem reparierten Fliewatüüt (der rostig-orange Vereinstransporter), mit dem wehenden Wind, mit Nudelsoße mit viiiiiiieeeeel Knoblauch.


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2025 – 258: Ich nenne es Arbeit

Anstrengend ist es jedenfalls zumeist.

 

Ich sitze an meinem Schreibplatz. Vor mir und neben mir liegen u. a. meine Immer­da­bei­kladde, einiges Schreibpapier in einem Klemmbrett, eine thematische Kladde, ein Notizbuch (das ein Experiment ist). Ich sitze vorm Papier und warte auf die Gedanken, die ich ausformuliert aufschreben kann. Ich schaffe es, manches von einem Spiralblock, der sonst für anfallende Gedanken im Bad bereitliegt, in das Experimental-Notizbuch zu übertragen und streiche das und einige mich ob ihrer Belanglosigkeit überraschende Sentenzen im Block aus.

Es denkt in mir, weil ich mich nicht zum Denken verpflichtet fühle, sondern meinem Denkicht freien Galopp erlaube.

In den eintretenden Pausen sortiere ich Stifte, Kugelschreiber zumeist, Werbe­ku­gel­schreiber. Die mit den abgebrochenen Klips wandern ohne Mine in den Müll. Die, die partout nicht schreiben wollen, sehe ich mir genauer an: Außergewöhnliche Formen erhalten eine funktionierende Mine, die Nullachtfuffzehn-Dinger landen ebenfalls im Abfall. Wenn währenddessen ein Gedanke aufblitzt, halte ich den mit dem Stift fest, den ich grad in der Hand habe. So findet sich heute viel in blauer Schrift Notiertes, statt wie gewöhnlich in schwarzer.

Am Ende habe ich fünf Gläser/Becher mit Kugelschreibern und Ähnlichem sortiert, 17 Schreibgeräte weggeworfen und nicht wirklich viel zu Papier gebracht. Nach drei Stunden ist es aber Zeit für etwas anderes.

Viel später, nach einiger erledigter Hausarbeit, schreibe ich diesen Text: entgegen der Gewohnheit nicht in die Immerdabeikladde, sondern aufs Papier im Klemmbrett, in lateinischen (ziemlich geschmierten, ziemlich großen) Buchstaben, mit blauer Tinte. So ein Tag war heute.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ich habe Stifte aussortiert und weggeworfen, zu den oben genannten kamen noch zwei Packungen ausgetrockneter Faserschreiber dazu.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 15. September 2025 war ich zufrieden mit Kaffee auch am Nachmittag, mit gesannten Papieren, mit der Aussicht darauf, daß mir etwas zurückgegeben wird nach langer Zeit.


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2025 – 257: Kein Kompliment

Aber vielleicht ist das ein Anflug von Altersweisheit.

 

Vor noch nicht allzu langer Zeit stand ich vorm Spiegel und dachte bei mir: „Du siehst alt aus, aber nicht glücklich und nicht zufrieden – eher so, als wärest Du Dir all der versäumten, abgewehrten Momente des Schönen in Deinem Leben schlagartig bewußt geworden.” Da machte ich mir einen Tee, setzte mich nieder und schaute meine (wenigen) Kinderfotos an …

Dann merkte ich, mein Leben geht weiter; und ich werde wahrscheinlich/hoffentlich noch viele Gelegenheiten haben, Schönes wahrzunehmen und zu genießen. Seitdem achte ich darauf, mich zumindest nicht mehr dagegen zu wehren.

 

Erinnerung des Tages:
Zu einem Faschingsball der EOS (11. Klasse, DDR) war ich einer von den Sieben Schwaben (an einem Spieß).

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 14. September 2025 war ich zufrieden mit Gedanken über mein Leben (da war trotz des obigen Textes viel Schönes), mit gutem Backwerk aus dem Fairteiler, mit den am frühen Abend aufgeschriebenen Sätzen.


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2025 – 256: Eine andere Karriere

Eher nicht, das Risiko ist unberechenbar.

 

Ich hatte heute ernsthaft überlegt, ob ich es nicht doch einmal mit einem Bank­über­fall versuchen sollte. Ja sicher, in den Krimis geht das nie gut, ich weiß. Aber das ist Fernsehen, das ist doch nicht die Realität. Also könnte das in den Kiminalfilmen immer Fake sein und in der Wirklichkeit ganz anders laufen …

Nun, da ist dennoch ein großes Risiko. Ich denke, ich werde besser weiter Pfand sammeln. Am Ende wüßte ich sowieso nicht, wohin mit dem vielen Geld.

 

Erinnerung des Tages:
Ich besitze ihn vielleicht noch (tief vergraben in meinem Schrank), meinen Elektrorasierer bebo sher 2001, gekauft etwa 1982.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 13. September 2025 war ich zufrieden mit Tomaten-Gurken-Salat, mit wiedergefundenen eigenen Texten, mit dem draußen Unterwegssein.


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2025 – 255: Sein wollen

Beim Betrachten von Mitmenschen und von Nachrichten gedacht.

 

 

Vielleicht ist es so; und vielleicht ist es das, was nicht bedachte und somit un­er­war­te­te Folgen hat:

Viele Menschen wollen nicht (mehr) gut sein, sondern besser als andere Menschen; denen wollen sie es beweisen.

 

 

Das denkt noch in mir herum …

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Schreibkramzubehör (Mappen, Schnellhefter, Krimskrams) warf ich weg bzw. plazierte ich im Haus („Zu verschenken”).

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 12. September 2025 war ich zufrieden mit der abgearbeiteten „Wäre-ganz-gut”-Liste, mit dem Kaffee am Nachmittag, mit Spiegelei zum Abend.


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2025 – 254: Schwieriger Lesestoff

Stellt mir bitte nicht diese eine Frage …

 

 

Die Anker festen Wissens sind gelichtet. Die Grenzen der Gewöh­nung aufgehoben. Selbstvergessen trägt dich wie Wasserwiegen, darauf du in lockeren Teilen dich hebst und sinkst. Nur manchmal stößt wie ein Geier die Frage nieder: wo bin ich, was hält es zusammen? Wo ist das Zauberwort, das alles bindet?

Paul Nizon: Die gleitenden Plätze. S. 24f
Zweite Auflage dieser Ausgabe 1990
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1990.
ISBN 3-518-40221-8 (findet sich nur auf dem Schutzumschlag)

 

 

Im Buch steht über dem Impressum: «Die gleitenden Plätze erschien 1959 im Alfred Scherz Verlag Bern und Stuttgart. Der Autor hat den Text für diese Neuauflage durchgesehen und leicht überarbeitet.»

 

Wahrscheinlich würden die meisten über diese Sätze hinweglesen, sie als nicht sehr erwähnenswert ansehen. Mir aber fallen sie auf; ich stolpere über sie. Weil ich mich gerade in einer Zerrissenheit, einer Ungewißheit, einer Schockstarre, einer Phase hektischer (gedanklicher) Reaktionen und Umwälzungen zu befinden scheine. Ja, all das auf einmal! Da finde ich mich eben wieder in den Bildern, die Nizon hier verwendet und in den Fragen, die er stellt (dran denken: schon 1959, also kann es nicht nur mir so ergangen sein in all den Jahren). Die Welt stürzt über mir zusammen, ich fühle mich von viel zu vielem betroffen und meine Welt geht unter. Wo bin ich also und wie heißt das Zauberwort?

Grübelnd – nein: Nachenklich saß und sitze ich nach jeder gelesenen Seite des Buches da. Manche Wendung ist doch überraschend, verwirrend, bedarf mehr Anstrengungen beim Aufdröseln: „… darauf du in lockeren Teilen dich hebst und sinkst.” Es dauerte, ehe ich darauf kam, daß „in lockeren Teilen dich hebst” viel stärker aneinander gebunden ist, so daß dort wirklich „sinkst” stehen darf und nicht senkst zwingend zu schreiben ist. Ja, die literarische Sprache will entschlüsselt werden.

Ich habe keine Ahnung, was der Dichter uns, mir damit sagen wollte. Ich glaube mittlerweile, daß das auch keine Rolle spielt. Vielmehr hoffe ich, daß die Schriftsteller uns anregen wollen zum Mit- und Weiterdenken, zur Reflexion, zum Begreifen und zum Fragen …

Allerdings frage ich mich nicht nur wo, sondern auch was ist das Zauberwort, das alles bindet?

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ich stellte heute einige Plastedosen und diverse Teller als „zu verschenken” ins Haus.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 11. September 2025 war ich zufrieden mit dem in der Werkstatt abgegebenen Fliewatüüt, mit Sortiertem (das nicht so ganz dringend zu sortieren war), mit einem Wannenbad.


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