2025 – 210: Veraltete Vermutungen

Was von dem, das ich lernte, stimmt nicht mehr?

 

Heute fiel mir ein Buch in die Hand, das sich schon sehr lange in meinem Besitz befindet. Mein Onkel erhielt es in seiner Jugend geschenkt, im Jahr 1959 zu seiner Jugendweihe – zu meiner im Jahr 1978 erhielt ich dann traurigerweise ein anderes, ideologisierteres.

 

Widmungsblatt des Buches „WELTALL ERDE MENSCH”: Zur Erinnerung an die Jugendweihe GEWIDMET VOM ZENTRALEN AUSSCHUSS FÜR JUGENDWEIHE IN DER DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN REPUBLIK

Auf dem Vorsatz des Buches gedruckte Widmung (undefinierbar grau-silbrig goldene Färbung).

 

Vom Zentralen Ausschuß für Jugendweihe der Deutschen Demokratischen Republik bekamen die, die diese Feier begingen, das Buch ”Weltall Erde Mensch”. Im Untertitel heißt es „Ein Sammelwerk zur Entwicklungsgeschichte von Natur und Gesellschaft unter der Redaktion von Dr. Gisela Buschendorf-Otto, Dr. Horst Wolfgramm, Irmgard Radant”. Für mich als wißberieriges Kind der 4. oder 5. Klasse war das ein gern gesehner Lesestoff. Mein – ehemals meines Onkels – Exemplar ist mittlerweile leider vergilbt, es zerfällt teilweise; und der Schutzumschlag fehlt auch. Aber weggeben werde ich es nicht.

Einiges vom darin populärwissenschaftlich aufbereiteten und präsentierten Wissen gilt heute noch wie vor über 60 Jahren (das betrifft vor allem Dinge aus den Natur­wis­sen­schaften). Selbst Geschichtliches gilt noch. Aber die Gesellschaftswissenschaft von damals ist sehr weit weg von der heutzutage. Ich kann mit Hilfe dieses Buches den Fortschritt der Wissenschaft (insbes. Physik, Astrophysik, Kosmologie) wirklich deutlich erkennen. Allerdings: Ich betrachte solche Erkenntnisse immer (jedenfalls dann, wenn es mir – manchmal auch nur sehr mühsam – möglich ist) im historischen Kontext, im Zusammenhang mit dem, was damals wissenschaftlich möglich und vertretbar und belegbar war. Deswegen hier ein Zitat, dem ich heute nicht mehr uneingeschränkt beipflichten kann, denn auf diesem Gebiet hat sich unser Wissen deutlich verändert und erweitert.

 

 

Als eine natürliche Folge der immer komplizierter werdenden Arbeitsvorgänge innerhalb der Sippengemeinschaften der Sammler und Jägern bildete sich eine einfache, naturwüchsige Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern heraus. Die Männer gingen auf die Jagd, und die Frauen sammelten die Nahrung ein. Das war ein wichtiger Vorgang, der zugleich dazu führte, daß die Frau in der Gesellschaft eine besondere Stellung erlangte. Die Tätigket des Mannes, insbesondere die Jagd, förderte zwar in viel stärkerem Maße die Weiterentwicklung der Arbeitsgeräte als die T&aum;tigkeit der Frau, aber die Nahrungsproduktion war doch noch mehr oder weniger vom Jagdglück abhängig. Die Frau dagegen beschaffte durch das Sammeln von Früchten, Wurzeln und Kleingetier die gesicherte Nahrungsgrundlage; außerdem oblag ihr die Wartung der Kinder und des Feuers sowie infolge ihrer engen Bindung zum Rastplatz auch die Nahrungszubereitung. Am Feuer des Rastplatzes, das sie hütete, wurden die Jagdbeute und die Sammelnahrung verteilt und verzehrt. Entsprechend der auf diese Weise erlangten besonderen Bedeutung in der Gemeinschaft bezog man die verwandtschaftlichen Beziehungen auch auf die Frau und Mutter (Mutterfolge – Matriarchat).

WELTALL ERDE MENSCH.
Ein Sammelwerk zur Entwicklungsgeschichte von Natur und Gesellschaft
unter der Redaktion von
Dr. Gisela Buschendorf-Otto, Dr. Horst Wolfgramm, Irmgard Radant.

S. 293 — 8., überarbeitete Auflage
Copyright by Verlag Neues Leben 1954 · Printed in the German Democratic Republic
Lizenz Nr. 303 (305/2/59)
Für die veröffentlichten Karten sowie für
die Farbtafeln XIX und XXI gilt die Genehmigung des MdI der DDR Nr. 1959/77
Schutzumschlag und Einband: Günter Brandt
Druck: (III/18/211) Druckhaus Einheit Leipzig
(III/9/1) Sächsische Zeitung Dresden

 

 

Für uns Heutige liest sich das ein wenig sonderbar, vielleicht holprig, nicht wahr? Aber 1959 … Wie wäre das im Westen damals beschrieben worden? Eines aber fällt mir auch heute noch auf: Die Frau wurde nicht als untergeordnetes Mitglied der Gemeinschaft beschrieben, oder was meint ihr?

Aber weil das ein so altes (und tatsächlich auch ideologisch geprägtes) Buch ist, habe ich noch zwei Zitate daraus für euch: „Im vorliegenden Buch wird, ausgehend von den Erkenntnissen der fortgeschrittensten Wissenschaft, der Sowjetwissenschaft, die Entwicklung in Natur und Gesellschaft dargelegt und den realen wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechend aufgezeigt, daß wir durch unseren Kampf die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft zum Höheren, zum Vollkommeneren beschleunigen können.” (Walter Ulbricht, Stellvertreter des Ministerpräsidenten, in seinem Geleitwort, ebd. S.7) „Auf unseren Schulen soll der Geist wahrer Menschlichkeit und wirklicher Völkerfreundschaft den Unterrischt der Schüler und Schülerinnen bestimmen.” (ebd., S. 399)

Und noch zwei Anmerkungen von mir: a) Das Impressum (8., überarbeitete Auflage … Zeitung Dresden) war damals öfter so umfangreich. b) Im großen Zitat steht „die Wartung der Kinder” – diese Formulierung kenne ich aus Gehard Schönes Lied „Unterwegs”.

 

Das mir geschenkte Jugendweihebuch war „Der Sozialismus, Deine Welt.”, immer noch etwas besser als das letzte „Vom Sinn unseres Lebens”. Über alle drei Jugendweihebücher gibt es Wikipedia-Artikel, und alle drei sind auf diversen Platt­formen antiquarisch zu erwerben.

Vielleicht sollte ich eine Kategorie „Unnützes Wissen” einrichten?

 

Erinnerung des Tages:
Populärwissenschaftliche Literatur scheint mir in der DDR (laut meiner Erinnerungen) wesent­lich sustantiierter gewesen zu sein als die damals im Westen oder heute verfügbare.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 29. Juli 2025 war ich zufrieden mit dem Blättern und Lesen im alten Buch, mit zwei Kannen Tee, mit einer erklecklichen Anzahl endgültig gelöschter Filme.


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2025 – 209: Nonsens-Text, altertümelnd

Der steht seit langer Zeit in einer meiner Kladden.

 

Es gibt ja Dinge in Poesie / Poetik, die ich noch nie verstanden habe. Selbst die Fach­be­griffe dafür blieben Zeit meines Lebens böhmische Dörfer für mich. Ich erkenne einen drei-, vier- fünfhebigen Jambus, einen Anapäst, einen Daktylus oder Trochäus einfach nicht als das, was sie sind. Hebung und Senkung: Ja, klar, Vater und Altar werden von mir unterschiedlich betont; doch wenn in Gedichten kein Reim zu finden ist, dann scheitere ich an einer Einordnung in diese Versmaße.

Nichtsdestotrotz versuchte ich mich wohl an solchen Konstruktionen, wahrscheinlich von Gelesenem angeregt. Mag sein, daß ich mich damals mit Epigrammen oder antiken Theaterstücken beschäftigte, doch irgendwie ist es auch heute für mich nur ein altertümelndes Gebilde, das weder Sinn noch (poetische) Form hat.

 

 

Es defilieren durch den anheimelnden Hain
versunkener Äonen
griesgrämige Oheime,
sichtbar weithin entrückt
in phantasmagorische Dioramen
jüngferlicher Ehrbarkeit.

 

 

Nun gut (den zuerst hier genutzten Amerikanismus habe ich durch diesen gleich­wer­tigen Deutschen Ausdruck ersetzt). Alte, mittlerweile kaum oder nicht mehr genutze Worte aneinanderreihen kann ich, Silben zählen auch. Aber nein, die sechs Zeilen halte ich fürwahr nicht für gelungen, und ich denke darüber nach, was sich daran veränderte, wenn ich das nur in drei Zeilen notieren würde.

 

 

Es defilieren durch den anheimelnden Hain versunkener Äonen
griesgrämige Oheime, sichtbar weithin entrückt
in phantasmagorische Dioramen jüngferlicher Ehrbarkeit.

 

 

Macht das einen Unterschied? — Ich sitze hier und frage mich sowieso: Was will mir der Dichter damit sagen!? Vielleicht könnten die Worte, eingesprochen mit lakonisch-sonorer Baritonstimme, eine bestimmte Ahnung oder Vermutung von Bedeutungs­fülle erzeugen, d. h. vielleicht kann der Klang einer diese Worte sprechenden Stimme …

Wieder habe ich mich in meinen eigenen Gedanken verlaufen, den Faden verloren, über der Suche nach den passendsten Worten vergessen, was ich ausdrücken wollte. Eventuell wäre es besser gewesen, den Versuch weiter unter Verschluß zu halten und nur für mich selbst darüber nachzudenken.

Dennoch: Lese ich diese Worte, dann entsteht vor meinem inneren Auge ein Bild von alten Männern in Togen.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ich brachte acht Bücher in ein Öffentliches Bücherregal.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 28. Juli 2025 war ich zufrieden mit einem kurzen Ausflug nach Leipzig, mit Nudeln mit roter Soße, mit zwei Hefeweizen am Abend.


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2025 – 208: Sonntags braucht es Ruhe

Immer nur Leistung ist nicht machbar, es braucht Pausen.

 

Ach, es ist wundervoll, einen Plan zu haben. Noch wundervoller ist es, den ohne schlechtes Gewissen nicht umzusetzen. Genau das tat ich heute. Statt unterwegs zu sein und mir Gegend anzusehen, blieb ich zuhause. Immer wieder lag ich auf meiner Schlafstatt und döste und dämmerte vor mich hin, immer wieder einnickend. Oh ja, ich träumte, sogar luzide Träume – aber ich kann mich an keinen mehr erinnern. Selbst dann, wenn ich die Kladde aufgeschlagen bereitliegen und einen Stift in der Hand hatte, konnte ich mich nicht dazu aufraffen, etwas zu notieren. Ich fand und finde das heute vollkommen in Ordnung. Durchs Fenster zu meinen Füßen warfe ich ab und an einen Blick auf den Himmel. Ziemlich viele Wolken zogen dahin, nur selten sah ich die Sonne. Es regnete mehrmals; doch die Unwetterwarnungen vor schwe­rem Gewitter waren überflüssig, wenigstens für HaNeu überflüssig. Donner war zu hören, zwei- oder dreimal über den Nachmittag verteilt, eher aus der Entfernung. Blitze sah ich keine. Und wieder stelle ich fest: Die Schwüle bleibt nach dem gewittrigen Wetter erhalten, ist nicht weg, wie sie früher nach einem Gewitterchen schon weg war.

Ja, ich empfand die Luft wieder als schwül. Und das macht mir das Denken schwer, langsam, wie gedämpft. Deshalb auch mein Dämmerzustand, in den ich bei solchem Wetter oft verfalle. Denn wenn schon der Gedanke an Bewegung, an Anstrengung auch des Geistes Schweißausbrüche verursacht, dann …

Zu lesen versuchte ich auch. Doch nun bin ich in vier Büchern an Stellen angelangt, wo mir die gelesenen Sätze gar bedeutungsvoll erscheinen und ich nicht weiterlesen möchte oder kann, ehe ich nicht den Grund für mein Stocken gefunden habe. Denkfutter für eine ganze Weile, es ist möglich, daß hier irgendwann etwas davon zu lesen ist. Um selbst etwas zu fabulieren, zu phantasieren oder zu verdichten, fehlte mir heute wirklich die Lust, der Antrieb, die Konzentrationsfähigkeit. Zustand: schlaff wie ein fast luftloser Fahrradschlauch. Oder ganz luftlos? Nun, zumindest schaffte ich es ja noch, diese Sätze über den heutigen Sonntag zu formulieren.

Ganz ehrlich: Sollte ich morgen wieder so motiviert sein wie heute, dann ist das eben so. Ich werde meine Faulheit genießen, mich so gut es eben geht erholen. Fünfe gerade sein lassen. Der „verschwendeten Zeit” nicht nachtrauern. Denn ich kann nur die Möglichkeiten ausschöpfen, die ich wirklich habe.

 

Erinnerung des Tages:
Trotz der wenigen Kraft holte ich heute einige DIN A4-Kladden aus dem Schrank und las, was ich vor Jahren darinnen notierte.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 27. Juli 2025 war ich zufrieden mit dem Dahindämmern, mit dem Ausruhen, mit den gelesenen Sätzen.


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2025 – 207: Bekloppter Traum, oder?

Einworttitelende. Zumindest Ende dieses Dogmas.

 

So. Da hab ich mir mal wieder selbst ein Bein gestellt. Nach dem Brocken von gestern … Da liegt die Latte verdammt hoch, merk ich … Ach: Scheiß drauf. Ich bin ich und ich mach, wie ich kann.

 

Von einem Traum kann ich euch erzählen, den ich in der Nacht zu gestern hatte:

Urlaubsplanung zu zweit, an der Ostsee. Die luxuriösesten Unterkünfte sind viel billiger als der einfache, rustikale Campingplatz. Wir brauchen unbedingt etwas mit zwei Bädern oder wenigstens zwei Toiletten – aber sowas gibt es nicht. Am Ende wird es ein riesiges Ferienhaus, alleine auf einer winzigen Insel stehend, mit Küche, Bad, Wohnstube, drei Schlafstuben, einem Wintergarten – aber eben nur ein Bad. Deshalb auch zu einem Spottpreis. Doch das große Problem wurde anders gelöst. Denn ab sofort gehört ein Klorollenhalter mit Saugnäpfen zum Reisegepäck. Schließlich soll das Papier für jeden von uns richtigherum abrollen …

Wachgeworden bin ich, als ich das Teil zuhause befestigen sollte.

 

Manchmal wundere ich mich schon über das, was ich zu verarbeiten habe …

 

Erinnerung des Tages:
Ich war als Erwachsener nur dreimal so richtig im Urlaub: Zweimal an der Ostsee, einmal in der Nähe der Nordsee, und jedesmal nur für eine Woche.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 26. Juli 2025 war ich zufrieden mit selbstgemachter Nudelsoße, mit dem späten Mittags­schläf­chen, mit der am Schreibplatz verbrachten Zeit.


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2025 – 206: Beenden

Wir sind da einer Meinung (gewesen): Der eigene Tod.

 

Jetzt endlich habe ich ja das posthum erschienene Buch „Vor der Verwandlung” von Erwin Strittmatter zu lesen begonnen. Und schon auf der vierten Seite mit Text werde ich fündig (Gedanken nach einem Autounfall sind es) …

 

 

Ich werde von der schon so oft erlebten Absicht beschlichen, selber über meinen Tod zu verfügen. In so Augenblicken fühle ich eine Pistole in der Hand, spüre das kalte Metall an der Schläfe, ich höre den Knall, aber ich vermisse danach die Befreiung, auf die ich hoffte.

Erwin Strittmatter: Vor der Verwandlung. Aufzeichnungen. S. 8
1. Auflage 1991. © Aufbau-Verlag GmbH, Berlin 1995
ISBN 3-351-03002-9

 

 

Oh, schwieriges Thema. Freitod, Selbstmord oder – wie man es heute nennt – Suizid. Wahrscheinlich hat jeder Mensch (ab einem gewissen Alter) schon darüber nachge­dacht. Besser: Darüber nachgedacht, wie „das alles” beendet werden kann. Ziel ist nämlich bei mir zum Beispiel nicht ein einziges Mal das Sterben, niemals der Tod gewesen. Ich vermutete, erhoffte und erwartete darin eine Möglichkeit, das empfundene Leid, die Wertlosigkeit, die „Schuld an allem” zu beenden; außerdem ginge es den Menschen, die ich liebe, besser ohne mich und mein Versagen. Einen anderen Weg scheint schien es regelmäßig nicht zu geben.

Ja, ich habe auch (immer rechtzeitig selbst abgebrochene) Versuche unternommen. Warum ich es dann überhaupt versucht habe? Siehe oben. Warum ich dann doch immer wieder gekniffen habe? Tja, das hatte mehrere Gründe: Die Angst vorm (schmerzhaften) Sterben war zu groß; ich könnte die erhoffte Erleichterung nicht selbst erleben; ich würde die Menschen noch heftiger belasten als sowieso schon; bei meinem Geschick und Glück würde ich es sowieso nie richtig hinbekommen und dann elendig weiterexistieren usw. usf. Aber: Die Möglichkeit zu haben, jederzeit alles beenden zu können, die gab mir tatsächlich zeitweise den Mut und die Kraft weiterzuleben.

Nach dem Sterben bin ich tot. Da ist nur noch Nichts, jedenfalls nichts, das ich mir vorstellen, an das ich glauben kann. Und somit hätte ich auch niemals die erhoffte Entlastung meines Seins spüren können, nach dem Sterben.

Unter anderem deshalb also lebe ich noch: Weil es mir danach ganz sicher nicht besser gegangen wäre. Weil ich dann vieles nicht mehr hätte erleben können. Und weil es niemandem geholfen hätte, es niemandem besser gegangen wäre. Und so habe ich mich irgendwann in der Vergangenheit von dem Gedanken verabschiedet, von der sicheren Möglichkeit verabschiedet. Ja, das ging erst, nachdem eine meiner Erkrankungen behandelt (nicht aber vollständig geheilt) wurde. Vorbei …

 

Wie bekomme ich jetzt die Kurve hin … Weg von der Trübsinnigkeit, der traurigen Vergangenheit, hin zum Leben? Ich weiß es nicht. Ich habe irgendwann gemerkt, das (fast) alles besser ist, erlebens­werter ist als Nichts. Vor allem: Das Nichts kann ich mit Sicherheit nicht als Befreiung wahrnehmen. Und das zu „erleben” wäre eine gigantische Enttäuschung, noch eine, eine überflüssige, nicht wahr?

Ich lebe. Und ich habe mit Sicherheit vor, das noch ein paar Jahre so weiterzu­ma­chen. Vielleicht mit ein paar mehr besonderen Momenten als zur Zeit. — Warum nun aus der Idee, den Strittmatterschen Worten ganz viel Lebensmut entgegenzustellen, dieser Text hier entstand? Ich weiß es nicht, er schrieb sich einfach so. Außerdem saß ich am Nachmittag da und hatte noch etwas ganz anderes, dringendes zu tun: Ich mußte das Buch vor dem Weiterlesen durchblättern, komplett. Denn es kam zu mir aus einem Öffentlichen Bücherschrank und ich habe versucht, all die Anstreichungen der Vorbesitzenden darin wegzura­die­ren, und ich weiß nicht, ob mir das wirklich gelungen ist. Denn selbst der schwächste Bleistiftstrich scheint einen unauslösch­lichen Schatten auf den Seitenrändern hinterlassen zu haben. Nicht aber an der Stelle, die ich hier zitiere: Diese beiden Sätze waren nicht markiert.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Drei alte Festplatten, die nicht mehr sicher funktionieren, landeten im Elektroschrott.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 25. Juli 2025 war ich zufrieden mit dem „gesäuberten” Buch, mit durchgesehenen und dann zu Altpapier gewordenen Kalendern, mit dem Unterwegssein draußen.


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2025 – 205: Beruhigt

Aber was für ein hinterhältiges Mistding das doch ist.

 

 

Aus der eigenen Erfahrung weiß ich, daß – wenn die mahnenden, schim­pfenden, die Unverständnis und Unmut äußernden Stimmen in meinem Kopf nicht mehr zu hören sind – sich mein schlechtes Gewissen noch lange nicht beruhigt; es bleibt mir meist viel länger erhalten, als es mir guttun kann.

 

 

Da sitz ich am Schreibplatz und sortiere Zettel; und weil ich gründlich sortiere, lese ich, was darauf zu lesen ist. Manches ist mir unverständlich, von manchem weiß ich den Grund des Auschreibens und Aufhebens nicht mehr, manches läßt mich schmunzeln, einiges kenne ich noch (und könnte ich auch im Blog hier und da nachlesen). Jedenfalls verschwinden viele der Zettel im Aktenvernichter, im Reißwolf. Und andere kommen in eine Mappe, die ich mit einem Aufkleber versehen habe: Gehabte Ideen.

Zwei bleiben auf dem Tisch liegen. Der eine enthält neben dem Satz oben noch mehr, das mich sogar heute noch … nun ja, doch irgendwie belastet. Weil mein (vernünf­tiges) Handeln, das Ausschlagen einer Bitte, über das ich damals schrieb, mir sofort wieder ein schlechtes Gewissen machte all die Jahre später (es sind viele Jahre, die seither vergingen). Natürlich hätte ich helfen können, trotz meines unangenehmen Bauchgefühls, doch das wäre – wie ich schon kurz danach feststellen mußte – nicht gut für mich gewesen. Denn das, was ich hätte geben können, brauchte ich gut drei Wochen später, um Schlimmeres für mich selbst zu verhindern. Die Person, der ich damals nicht half, brach den Kontakt ab – und das führte dazu, daß ich schon damals ein schlechtes Gewissen hatte, monatelang. Und selbst heute habe ich für eine Weile deswegen ein schlechtes Gewissen.

Und auch heute war es wieder da. Dieses schlechte Gewissen, denn schließlich waren wir sehr eng befreundet und ich verweigerte meine Hilfe. Ich hätte doch können … und vielleicht hätte auch ich Hilfe von irgendwem gefunden … Alles Quatsch. Es war richtig, was ich tat (jedenfalls von heute aus betrachtet, mit meinem heutigen Wissen über das damalige und unmittelbar darauf folgenden Geschehen).

Diesen Zettel, diesen einen, den hebe ich nicht weiter auf. Auch der ist heute in Schnipselform im Altpapier gelandet. Auf daß ich nicht ein weiteres Mal in diese Falle stolpere, mit meinem Vergangenheits-Ich hadere (das tu ich nun häufig genug). Und wenn ich die Person und das Geschehen vergesse, auch die wundervollen gemein­sa­men Erlebnisse: na und? (Ich weiß, daß in einer der alten Kladden bestimmt auch noch etwas dazu steht; doch die sind in einem Karton weit hinten oben auf dem Schrank, da muß ich nichts mehr sortieren.)

 

Jetzt geht es mir besser. Jetzt habe ich mich wieder beruhigt. (Und nein, genauer kann ich mich hier nicht darüber äußern.)

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ich mußte den Auffangbehälter des Reißwolfs dreimal leeren.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 24. Juli 2025 war ich zufrieden mit „entsorgten Erinnerungen”, mit einigen geripten CDs, mit Tomatensalat am Abend.


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2025 – 204: Entspannung

Kommt doch mit in ein Stück meiner Phantasie.

 

 

Beim Waldspaziergang
Nicht nach den Pilzen sehen
Dem Atem lauschen

Ein angenehmer Schatten
Lädt uns ein zum Verweilen

Ein Tanka.

 

 

Heute fiel es mir leicht, mich unter die Bäume zu träumen, zu den Preiselbeeren und Zapfen, in das Rascheln der Blätter unter den Füßen – kurzum in eine Umgebung, in der ich aufatmen, mich entspannen und viele Sorgen loslassen kann. Das Sein im Moment genießen. Und das alles ganz ohne die Möglichkeit, mich der Faszination zu entziehen.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Das dritte kaputte Rechnerlein brachte ich heute zum Elektroschrott.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 23. Juli 2025 war ich zufrieden mit der Entspannung, mit vegetarischen Bratnudeln, mit zwei Hefeweizen.


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2025 – 203: Schneeberg

Was heute passiert in der Bergstadt im Erzgebirge.

 

Heute schreibe ich nicht viel.

Wäre ich im Erzgebirge, dann wäre ich heute auch zwischen Neustädtel und Schnee­berg und/oder in Schnee­berg unterwegs gewesen. Wie ich früher an jedem 22. Juli, am Tag Maria Magdalena, dort gewesen bin. Denn heute ist der 529. Bergstreittag: Im Jahre 1496 legten die Bergleute im Schneeberger Revier ihre Arbeit nieder und verhinderten damit eine Lohnkürzung von 10 Groschen pro Woche auf 9 Groschen pro Woche (also die Absenkung der Löhne auf das Niveau im Annaberger Revier). Mag sein, daß das historisch nicht ganz korrekt (weil nicht wirklich urkundlich belegt) ist. Aber bis auf eine kurze Zeit im 20. Jahrhundert sind die Bergparade und der Berggottesdienst in dieser Tradition immer am Tag Maria Magdalena abgehalten worden (sogar in der DDR).

Der „Bergmannsdom” St. Wolfgang war zum Bergstreittag und zur Mettenschicht immer übervoll. Irgendwann geh ich mal wieder hin. Nun, heute hörte ich ein paar mehr der Bergmusiken aus dem Erzgebirge. Wer keine Marschmusik mag, sucht eben in den Videoportalen nicht nach „Bergmarsch”. Blasmusik ist ja nun wirklich nicht jedes Menschens Sache. (Und mir gefallen der Neustädtler und der Annaberger Bergmarsch noch immer am besten.)

 

Erinnerung des Tages:
Ich sah den Schneeberger, den Annaberger und den Schwarzenberger Bergaufzug mehrfach – oder heißt das immer Bergparade? Jetzt bin ich verunsichert.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 22. Juli 2025 war ich zufrieden mit gesicherten und gelöschten Daten, mit Spaghetti Carbonara, mit entsorgtem Altpapier (ein Zeitschriftenstapel).


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2025 – 202: Angstbesetzt

Die Frage ist es, die bisher unbekannten Antworten sind es nicht.

 

 

Da ist eine Frage, die ich mir unter keinen Umständen stellen möchte. Ich weiß aber, daß kein Weg an ihr vorbeiführt. Und jedes Mal macht sie mir Angst, hat sie mir Angst gemacht. Die Frage, genau, nicht die möglichen Antworten darauf. Da finden sich immer positive, ermunternde, ein Geheimnis enthaltende (dessen Aufdeckung mir regelmäßig Freude bereitet). Da sind Antworten gewesen, die zu wunderbaren Begegnungen führten. Aber die Frage, die macht mir Angst.

Und es ist Zeit für genau diese Frage; morgen oder übermorgen steht sie vor mir, muß ich sie mir stellen. Und die Angst dauert die ganze Zeit, bis ich einen oder zwei Tage später eine Antwort gefunden habe. Auf die Frage:

Was mache ich denn, wenn ich das hier geschafft, überstanden, beendet habe, womit beschäftige ich mich dann als nächstes?

 

 

Nein, da ist diesmal nicht das kleinste bißchen eigenes Erleben drin, denn die genannte Frage stellte und stelle ich mir nicht.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Fünf dicke Schulhefte und fünf karierte Blöck DIN A4 legte ich ins Haus – die waren ganz schnell weg.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 21. Juli 2025 war ich zufrieden mit einer reparierten und gereinigten Kaffeemühle, mit handgemahlenem Kaffee, mit dem vielen Regen über den Tag (der gern hätte noch länger dauern dürfen).


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2025 – 201: Zensur

Selbstzensur. Oder auch die Angst vor der eigenen Enttarnung.

 

Artikel 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deuschland, Absatz 1, Satz 3: „Eine Zensur findet nicht statt.”

Allerdings gibt es Inhalte, deren Verbreitung oder Veröffentlichung verboten oder eingeschränkt sind. Ja, die Erstellung ist i. d. R. bis auf wenige Ausnahmen immer gestattet. Schreiben darf ich alles, wirklich alles, aber nicht alles darf ich anderen mehr oder weniger öffentlich zugänglich machen. (Beim Fotografieren oder Filmen ist das schon anders.) Wenn ich selbst entscheide, etwas nicht aufzuschreiben oder etwas Aufgeschriebenes nicht zu veröffentlichen (obwohl beides nicht gesetzwidrig ist und auch nicht gesetzlich eingeschränkt), dann ist das ganz sicher keine Zensur. Die ist eine staatliche Maßnahme – und ich bin nicht der Staat.

Heute schrieb ich etwas auf. Es flossen drei Seiten DIN A5 aus mir heraus. Der fertige Text gefällt mir wirklich gut. Und dennoch werde ich ihn hier nicht veröffentlichen. Das wäre eine rechtliche Grauzone … Ich bin nämlich nicht Anaïs Nin, deren Erotika eindeutig zur Weltliteratur zählen, ich hätte nur ein pornografisches Textchen herzu­zeigen. (Aber ich denke ernsthaft darüber nach, eine Möglichkeit dafür zu suchen.) Ohne eine funktionierende Altersüberprüfung möchte ich mir das nicht erlauben. Also steht der Text in einer Kladde, ist sogar schon abgetippt und im Rechner gespeichert, bleibt aber zunächst unveröffentlicht.

Das – nein, mein Problem dabei ist, daß ich deshalb einen anderen Text für den täglichen Blog brauche und schreiben muß (ja, ich müßte nicht, aber naja, ich muß). Leider fand ich keine andere Idee, die ich niederschreiben, ausschmücken und herzeigen könnte. Doof. Deshalb dachte ich, ich langweile euch mit dem heutigen Geschehen und mache euch das Maul wäßrig und mir ein wenig Druck … Auf daß ich genug Traute finde oder Mut, meine „anderen” Texte nicht mehr nur im Schutz einer Pseudo­nymität oder gar der Anonymität freizulassen.

 

Erinnerung des Tages:
Ich war vor langer Zeit bei keinverlag.de angemeldet; als ich mich von dort verabschiedete, entfernte ich auch alle meine Texte.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 20. Juli 2025 war ich zufrieden mit erledigter Datenschaufelei und -löschung, mit Geschriebenem, mit Grillkäse zum Abend.


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