2025 – 293: Sprichwörtlich

Mir ist noch immer völlig unklar, wie das zustandekam.

 

 

Es gibt ja so viele Sprichwörter und Redewendungen und geflügelte Worte, die in verschiedensten Situationen immer wieder hervor­ge­holt werden (und oft auch durcheinandergebracht), nicht wahr? Ich glaube, da hat jede und jeder eine Erinnerung an wenigstens ein eigenes Danebenliegen – und das, so denke ich, das haut dem Faß den Zacken aus der Krone …

 

 

„… das haut dem Faß den Zacken aus der Krone …” sagte gestern jemand ziemlich lautstark in sein Telefon, als wir nebeneinander an der Haltestelle auf eine Straßen­bahn warteten. Das rumpelte so heftig durch mein Denkicht, das mußte ich mir gestern aufschreiben. Der das aussprechenden Person wird es nicht aufgefallen sein, denke ich, denn es wurde noch eine ganze Weile weitergeschimpft ins Telefon.

Seit gestern überlege ich auch, wie sich diese beiden so unterschiedlichen, so weit auseinanderliegenden Phrasen miteinander verbinden konnten …

 

Erinnerung des Tages:
Ich hatte meinen Schlüsselbund schon an so manchem sonderbaren Platz deponiert und dann vergessen, wo das war. Heute fand ich ihn jedoch gleich wieder.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 20. Oktober 2025 war ich zufrieden mit dem fertigen Küchenregal, mit etwa zweieinhalb Stunden gemütlichen Lümmelns auf der Couch zur besten Mittagsschlafzeit, mit den beiden end­lich wieder scharfen Messern.


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2025 – 292: Immer wieder sonntags

Kleine Geheimnisse eines gelingenden Zusammenlebens.

 

 

Sie weiß nicht genau, warum der Sonntag für sie erst Sonntag ist, wenn sie den Gottesdienst im Fernsehen verfolgen kann. Sie war nie besonders religiös oder gläubig im Sinne der Kirche. Ja, auch sie denkt, daß da „Etwas” sein muß, doch sie hat keinen Namen dafür und keine Beweise. Die Kirchen, die Gotteshäuser, interessieren sie nur ausnahmsweise, wenn sie in ihnen Oasen der Stille und der Abkühlung finden kann. An den seltenen Tagen, da sie diese Sen­dung verpaßt, fehlt ihr allerdings die gesamte Sonntagslaune. Und dann kann er, der ihr Hausdiener und nicht ihr Butler ist, kaum etwas richtig und zu ihrer Zufriedenheit tun. Diese Sonntage sind schwierig, ähneln einem Minenfeld, einem gruseligen Labyrinth. Und beide, er und sie, sind froh, wenn sie überstanden sind.

Heute sitzt er wie üblich mit ihr zusammen, hat in den 45 Minuten vor der Mattscheibe nicht zu tun außer: anwesend sein. Er beob­ach­tet sie und sie weiß und spürt es. Wenn sie die Kirchenlieder mitsingt, zittrig und nicht mehr ganz so sicher in Melodie und Text, dann vergißt sie seine Anwesenheit. Es bereitet ihr nicht die Freude, die manche wohl haben können; doch das Mitsingen rührt immer etwas an in ihr, etwas Unbestimmtes, dennoch warm Einhüllendes, Bewahrendes. Sie könnte es niemandem erklären, auch ihm nicht. Vielleicht, so hofft sie, kennt er das ja auch …

Auch dieser Sonntag nimmt seinen Lauf mit all den Routinen und Ritualen, von denen sie schon seit Jahren kaum noch abweichen. In ihrem Alter ist sie wirklich nicht mehr versessen auf Neues. Und so kommt es auch heute wieder dazu, daß sie und er irgendwann in lautes Gelächter ausbrechen: „Herrlicher Baikal, du heiliges Meer, auf einer Lachstonne will ich dich zwingen!” So singt er – und spä­te­stens an diese Stelle unterbricht sie ihn und sagt: „Kannst Du nicht einmal ganz normal zu mir in die Badewanne steigen?” Tante Erdmute kann sich zu ihrer beider Bedauern noch immer nicht für das russische Liedgut begeistern. Und sie beide lachen miteinander und sitzen dann versonnen lächelnd zwischen den Bergen aus Schaum.

 

 

Erinnerung des Tages:
Als ich hierher nach Halle (Saale) kam, war der Bau der Neustädter Straßenbahnstrecke noch in vollem Gange und das Neustadt-Center noch keine zwei Jahre alt.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 19. Oktober 2025 war ich zufrieden mit meinem Nicht-Ärger über das zu späte Aufstehen, mit ein paar Ideen von und zu Tante Erdmute, mit dem Erleben rund um die Tram-Baustelle.


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2025 – 291: Ziemlich schwungvoll

Eine ewige Wiederholung, die nicht so leicht zu beenden ist.

 

 

Wie immer, wenn ich heimkomme, entledige ich mich ziemlich schwung­voll all der störenden und belastenden Dinge: Schuhe, Rucksack, Jeans – alles bis auf die Unterhose schleudere ich von mir bzw. auf seinen angestammten Platz. Als ich den Rucksack im Flur auf die Wanne mit der Schmutzwäsche werfe, klirrt es verdächtig. Scheiße. Das wird doch wohl nicht eine Flasche Bier zu Bruch gegangen sein?

Nein, Bier war es nicht. Aber ein Glas Nudelsoße (Arrabiata) hat sich zerlegt. Fluchend hole ich die Küchenrolle. So kleckerfrei als mög­lich nehme ich die Überreste heraus, gebe sie in den Mülleimer. Ich habe Glück gehabt, viel ist nicht aus dem Glas gequollen oder gelaufen, und alles scheint auf der Plastetüte des Brotes geblieben zu sein. Ja, so ist es, der Schmodder hatte keine Zeit, weiter nach unten zu laufen. Puh. So kümmere ich mich als nächstes ums Brot, nehme es aus der halbwegs abgewischten Tüte und packe es anders ein. Danach breite ich alles, was noch im Rucksack ist, auf dem Abwasch aus. Nirgends aber ist Soße zu finden. Den Rucksack wische ich aus, finde auch in dem keine Glassplitter und keine Soßenflecken.

Das ist ja nochmal glimpflich ausgegangen. Ich weiß nicht, womit das Glas zusemmenprallte, so heftig zusammenprallte, daß es zu Bruch gehen konnte. Mir fällt weder etwas ein noch auf. Hm. Na gut. Dann nehme ich mir zum x-ten Male vor, meinen Krempel nicht mehr zu werfen, sondern sorgfältig und mit einiger Vorsicht ab­zu­legen. Gut, das wird sicher nicht mehr ganz so befreiend sein wie die ziemlich schwungvolle Methode. Aber einen Schreck wie grad eben brauche ich ganz bestimmt nicht mehr.

Ich setze mich, noch bevor ich alles Eingekaufte verräumt habe, an den Tisch und mach mir mein Bier auf. Prost.

 

 

Erinnerung des Tages:
Wir kochten aus Zucker und Huflattichblüten einen „Kunsthonig”, den ich gern mal wieder essen möchte.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 18. Oktober 2025 war ich zufrieden mit dem frühen Einkauf mit Hackenporsche (fühlt sich noch sonderbar an), mit vier Stunden Unterwegssein in der Stadt, mit der Haptik der »neuen« Kladde.


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2025 – 290: Kein Verstecken

Denn eine solche Pause trau ich mich nicht zu machen.

 

 

Ich würde jetzt gern kurz verschwinden
Nur ein paar Tage nicht zu finden
sein – und so auch nichts zu hören
Ich ließe mich keinesfalls stören

Es wäre für Nerviges echt eine Hürde
Wenn ich für 'ne Weile verschwinden würde

 

 

Weltenflucht, jaja, aber nur kurz, wie ihr lesen könnt. Täte vielleicht vielen gut im Moment, ist aber eher nicht möglich, stimmt's? Weil das nichts an der allgemeinen Weltlage und wesentlich persönlicheren Umständen ändern würde …

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Einige angeschlagene Gläser landeten im Müll und eine jahrelang herumstehende Küchen­waage (alt, analog) zum Verschenken im Haus.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 17. Oktober 2025 war ich zufrieden mit dem angefangenen Umsortieren des Küchen­regals (3 von 5 Ebenen), mit dem Kaffee auf der Couch am Nachmittag, mit der abgegebenen Waage.


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2025 – 289: Dennoch danke

Vorerst ist es eine Phantasie vom Einkaufen.

 

 

Ich fluche leise vor mich hin und ächze, als ich in die Knie gehe und mich hinabbeuge. „Warten Sie, ich helfe ihnen.” Ein junger Mann neben mir sagt das, aber ich bin ja schon unten. „Neee, laß mal, das geht schon. Zuhause muß es ja auch alleine gehen.” Ich greife meinen heruntergefallenen Einkauszettel und richte mich ächzend wieder auf. Ja, ich schnaufe heftig, weil mir in dieser Bückhocke, in der ich gerade war, das Atmen schwerer fällt als sonst. Der Bauch ist eben im Weg. „Dennoch danke für ihr Angebot.” Der jüngere Mann lächelt und schüttelt dabei den Kopf, verschwindet dann mit einem „gerne doch” hinter dem nächsten Regal. Ich aber mache mir Gedanken um meine Außenwirkung. Sehe ich mit meinen über sechzig Jahren wirklich so alt und unbeholfen aus, daß ich Hilfe zu benötigen scheine? Wenn ich allerdings noch nicht unten gewesen wäre …

 

 

Wahrscheinlich wird es mir irgendwann so gehen wie der Hauptperson da oben …

 

Erinnerung des Tages:
Ich war gerade 56 Jahre alt, als mir zum ersten Mal ein Sitzplatz im ÖPNV angeboten wurde. Heute geschah es wieder.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 16. Oktober 2025 war ich zufrieden mit einem durchsortierten Korb vom Beistell­regal, mit den ersten Worten in einer neuen Kladde, mit dem gekauften Hackenporsche (Einkaufstrolley).


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2025 – 288: Keine Antworten

Ein Zustand, den ich nicht (mehr) als außergewöhnlich ansehe.

 

So sollte es für mich schon sehr lange sein, denn eines, das ich im Physikstudium lernte, war: Auch die Wissenschaft weiß beileibe nicht auf alle Fragen eine Antwort.

Also bei den Fragen, die ich mir, die ich ans Leben und ans Universum stelle, kann ich akzeptieren, daß es auf meine Fragen einfach keine Antwort geben kann, keine Antwort gibt. Ich erinnere mich da an das Verhalten von Mehrkörpersystemen, deren (beschreibende/bestimmende) Gleichungen nicht vollständig lösbar sind (und das ist „nur” Mechanik).

Auch bei Fragen an Menschen geschieht es immer wieder, daß mir nicht geantwortet wird. Dafür gibt es tausende von Gründen. Auch das kann ich mittlerweile hinneh­men, das Nachbohren habe ich mir abgewöhnt.

Nur dann, wenn ich Fragen an Behörden habe, begründete, notwendige Fragen (auf deren Beantwortung ich angewisen bin, weil ich die Antwort z. Bsp. einer weiteren Behörde zukommen lassen muß) habe, die mir nicht (und schon gar nicht in ange­messener Zeit) beantwortet werden, dann werde ich sauer. Dann schleicht sich Angst in mich ein. Dann herrscht ein Maß an Ungewißheit, das ich nicht ertragen kann. Dann …

Ach ja, auf manche Fragen antworte ich auch nicht immer und nicht jeder. Weil ich nicht dazu in der Lage bin vor Scham oder Angst beispielsweise. Oder weil ich wirklich keine Antwort weiß und nicht irgendetwas zusammenphantasieren möchte. Ja, es ist normal, daß es auf Fragen keine Antwort gibt. Meint ihr nicht auch?

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Drei wirklich dicke Wälzer stellte ich in ein Öffentliches Bücherregal.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 15. Oktober 2025 war ich zufrieden mit einem Stapel ins Haus gelegter Glückwunsch­karten (waren nach einer Stunde weg), mit zwei Kannen Tee über den Tag, mit meinem Entschluß, morgen eine neue Kladde zu beginnen (und die letzten elf Seiten der bisherigen leerzulassen).


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2025 – 287: Seitenschläfer

Was mich viel zu oft in meiner Ruhe beeinträchtigt.

 

Lange Jahre konnte ich nur schlafen, wenn ich ganz flach auf dem Rücken lag – selbst ein Kopfkissen war da etwas Störendes. Mittlerweile bin ich Seitenschläfer mit der Tendenz zur Bauchlage. Beim Einschlafen bette ich meinen Kopf häufig auf Oberarm und Ellenbogen, auch ein Kopfkissen muß mittlerweile sein.

Meine Schlaflage bereitet mir nachts allerdings Unbehagen. Ich weiß nie, wohin mit dem Arm der Seite, auf der ich gerade liege; und auch der obenliegende findet keinen mir genehmen Platz. Wohin damit? So werde ich fast jedesmal wach, wenn ich die Seite wechsele, und wusele ein paar Minuten herum. Es kommt sogar vor, daß die Arme schmerzen wegen einer unbequemen Haltung und Lage. Und dieses Dilemma verhindert auch, daß ich mich als Bauchschläfer versuche.

Und so beschäftigt mich seit einiger Zeit eine praktische Frage in der Zeit vorm Einschlafen: Wohin mit den Armen!? Bisher fand ich keine bequeme, praktikable Lösung.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Zwei Klappboxen voller zerschnittener und zerknüllter Zettel (etwas Werbung war auch dabei) brachte ich ins Altpapier.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 14. Oktober 2025 war ich zufrieden mit dem Fortschritt beim Zettelsortieren (oh, ich war rigoros), mit dem vom Schrank geholten Karton voller Bücher, mit profanem Schmalzfleisch auf dem Brot.


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2025 – 286: Ihre sonderbaren Sätze

Ein besonderes Notizbuch für sowas habe ich noch nicht angelegt.

 

 

Sie weiß nicht mehr, seit wann sie diese Art von Sätzen in dieses eine Notizbuch einträgt. Es muß Jahre hersein, daß sie damit anfing: Die Schrift auf den ersten Seiten ist nicht die, die sie heute hat. Vielleicht die Hälfte aller Seiten ist beschrieben, vielleicht etwas mehr als die Hälfte. Doch scheint noch unendlich viel Platz darin zu sein, den Tante Erdmute nach und nach mit ihrer Schönschrift füllen wird.

Heute ist er in der Stadt unterwegs und erledigt die notwendigen Einkäufe. Sie möchte nicht, daß er all das lesen kann, was sie zum Teil auch über ihn schon niederschrieb. Und sie möchte auch nicht, daß überhaupt seine Neugier geweckt würde, wenn er nur von diesem Notizbuch wüßte. Ein wenig muß sie sich also beeilen, jedenfalls darf sie nicht zuviel Zeit vergeuden.

»Zeitreiseproblem: Wenn Zeitreisen möglich wären, wie würde es sich wirklich mit der in anderen Zeiten verlebten Zeitspanne verhalten? Ist die in meiner Ursprungszeit einfach so nie abgelaufen? Wenn sie da aber nicht existiert, müßte dann nicht auch jede Erinnerung an die Anderzeit verschwunden sein?«

Tante Erdmute zieht mit dem Lineal einen geraden Strich unter ihren Sätzen von links nach rechts über die Seite. Wie immer, wenn sie hier etwas Neues hinzufügt. Ach ja, wenn Zeitreisen möglich wären, so wüßte sie ein paar lohnenswerte Ziele, an denen sie ihre Neugier befriedigen wollen würde. Und schreibt dann weiter:

»Wenn einmal mehr jemand sagt, daß ich doch nun wirklich nicht gemeint, nicht mitgemeint bin, ich mich aber dennoch betroffen fühle … Wer irrt sich: Mein Gegenüber oder ich?«

Strich.

»Wieso nur stelle ich mir immer wieder Fragen, auf die ich mir selbst keine Antwort geben kann? Eine von ihnen, nein, sogar mehrere von ihnen müßte ich ihm stellen, er könnte sie mir beantworten. Doch noch bin ich nicht bereit, mich so weit vor ihm bloßzustellen.«

Wieder ein Strich. Und dann ist es genug für diesen Tag, beschließt sie. Die Zettel, auf denen sie all das vorher festgehalten hatte, verbrennt sie nachher gleich noch draußen im Garten. Vorher aber schiebt sie das Notizbuch wieder hinter die lange Reihe an Karl-May-Bänden im Bücherregal. Für solche Art seichter Literatur hat er sich noch nie interessiert. Auch diesmal, glaubt Tante Erdmute, wird er nichts von ihren Geheimnissen entdecken können.

 

 

Erinnerung des Tages:
Vor vielen Jahren wollte jemand von mir ein Lied über Bananensaft haben; ich schrieb zwei Strophen (und den Refrain) auf die Melodie von Auld Lang Syne.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 13. Oktober 2025 war ich zufrieden mit dem herbstbunt leuchtenden Laub an den Bäumen, einem ungeplanten Gespräch mit einer völlig fremden Frau vorm Laden, mit weiteren bearbeiteten Zetteln.


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2025 – 285: Sonntagsvergnügen, einsames

Ich weiß heute, womit ich meine Zeit „vergeudete”.

 

Kurz vor Acht war ich halbwach, wollte aber einfach nicht unter meiner Decke her­vor­kriechen. Also blieb ich etwa eine halbe Stunde kuschelig warm und luzide träumend liegen. Und dann, nach den ersten beiden Tassen Kaffee, saß ich ab halb Zehn am Schreibplatz.

Zunächst versuchte ich, mit meiner Zettelsortiererei weiterzukommen. Eine Pilzstiege (27½ cm x 37½ cm x 11 cm) ist in dieser Woche nicht viel leerer geworden: Jedes einzelne Stück Papier lese ich, sortiere es in drei Stapel (behalten, prüfen, zerreißen). Mir besonders wichtig erscheinende Texte schreibe ich gleich in ein Notizbuch ab – doch es sind weniger als gehofft. Mir fehlt eindeutig ein (objektiv kalibriertes) System zur Beurteilung dessen, was ich auf den Zetteln meist nebenbei festhielt. Und vor allem wüßte ich bei vielen Zetteln, aus welchem Grund ich das Aufgeschriebene für so interessant hielt.

Einen Zettel fand ich heute, den ich nicht selbst geschrieben habe. Einen fremden Einkaufszettel:

  • Tüten Suppe
  • Peperoni
  • Speck
  • Herzen   Hä-Klein
  • Käse
  • Wurst
  • Spee
  • Zeitung

Bei dem weiß ich noch, warum ich den habe: Einkaufszettel sind interessante Rätsel, ich versuche immer zu erraten, was aus den gelisteten Dingen wohl werden sollte.

Dann war ich in meine Zettel versunken. Für längere Zeit, deren Verstreichen ich nicht bemerkte. Hier und da stiegen Erinnerungen in mir auf, die mit den Worten auf dem Papier zusammenhängen. Nur einmal war das unangenehm, sonst lösten sie alle ein wohliges Gefühl in mir aus. Bei den abgeschriebenen Notizen habe ich das Erinnerte und das Empfinden ergänzt. In fast fünf Stunden habe ich so exakt 50 (ja, leider nicht mehr) Notizen bearbeitet – nur ein wirklich kleiner Teil dessen, was noch immer in der Pilzkiste verbleibt. Sechs schrieb ich ab, und dann auch noch die fünf, die auf dem Behalten-Häufchen lagen. Zweiundzwanzig will ich heute Abend oder morgen ein weiteres Mal prüfen. Siebenzehn (ja, nur 17), unter denen auch dieser Einkaufszettel, sind in kleine Schnipsel verwandelt worden.

Mich mit mir selbst zu beschäftigen, war mir lange Zeit nicht möglich. Es tut gut, heute dazu in der Lage zu sein. Und meinen eigenen Absichten, Intentionen auf die Spur zu kommen, war ein zwar einsames, aber lehrreiches Sonntagsvergnügen.

Nebenbei habe ich natürlich auch meinen ganz normalen Alltag gelebt mit Kochen und Essen, mit dem Aufbrühen von Tee, mit Lesen im Buch und am Rechner. Und nach dem Ende des Tram-Chaos (Mitteldeutschen Marathon, der Marktplatz war für die Straßenbahnen gesperrt) war ich auch noch draußen in der Stadt unterwegs.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ich gab einige Notizzettel und mehr anderes Papier in den Aktenvernichter.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 12. Oktober 2025 war ich zufrieden mit meinen Erinnerungen, mit zwei Pläuschchen in der Stadt, mit der Unaufgeregtheit des ganzen Tages.


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2025 – 284: Eine Formulierungsfrage

Aus meinen Alltagsbeobachtungen geschlußfolgert:
Mein Sprachgebrauch hat bewußte Veränderungen nötig.

 

Und zwar immer dann, wenn es ums Denken geht. Denn häufig nenne ich es „nur” nachdenken, wo ich – präziser ausgedrückt – etwas bedenken muß, ehe ich z. B. ent­scheide oder handele. Vorher bedenken und nicht vorher nachdenken … Ja, es ist allgemeiner Sprachgebrauch; und wahrscheinlich stört sich daran gerade auch niemand außer mir. Dennoch stutzte ich heute einmal mehr beim ungewollten Zuhören im Bus über genau diesen Satz: „Darüber muß ich vorher nachdenken.” Das klang in dem Moment so absurd, daß es sich in meinem Kopf festsetzte.

Außerdem habe ich zur Zeit auch das Gefühl, daß viele es als belastend empfinden, selbst denken zu müssen. Es gibt doch haufenweise „fertige”, „einfache” „Lösungen” für die meisten Probleme, oder nicht? Wozu also den eigenen Grips anstrengen? Unnütze Energieverschwendung, die Menschen haben gar nicht die Zeit, sich so lang auf eine Sache zu konzent…

Oh, ein Eichhörnchen! Aber ein graues, sind das nicht die bösen, kranken Tie…

Was hat dieser Politiker gesagt? Ach, das betrifft mich ja ni…

Wieso ist hier die Straße gesperrt? Oh, wieder ein Fußgänger, der an der Ampel nicht zuerst die Autos vorbeigelass…

Übertriebene Beispiele für die geringer werdenden Aufmerksamkeitsspannen. Und bei allem, was selbst gedacht, bedacht werden müßte, höre ich: „Das geht mich doch nichts an, das betrifft mich doch nicht, was kann ich daran schon ändern, darum muß sich jemand anderes kümmern.” Das finde ich irgendwie nicht richtig, sogar falsch. Woran das wohl liegen mag? Darüber muß ich mal nachd… Nein, da sollte ich mir die Zeit nehmen, das ausgiebig zu bedenken.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ins Öffentlichen Bücherregal neben dem Fairteiler stellte ich sieben Bücher.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 11. Oktober 2025 war ich zufrieden mit den erledigten Einkäufen, mit der ersten Fahrt in einer TINA (es gibt viel zu scrollen), mit drei Broten aus dem Fairteiler.


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