2025 – 330: Parkbank aufm Deich

Das ist ein typisches November-Bild in meinem Kopf.

 

 

Von der Seeseite blicke ich hinauf auf den Deich. Die Luft ist diesig, fast neblig, und schmeckt nach Tang und Salz. Auflandiger Wind biegt das Gras und drückt in meinen Rücken: steife Brise (s-t wie in ist oder Husten gesprochen). Der feuchte Sand ist brrrrr kalt unter meinen bloßen Füßen, wird es auch bleiben, bis die Sonne ihn bescheint und trocknet. Ob das aber heute noch geschehen wird, bei der Wolkendecke? Ich weiß nicht …

Verwittert sieht sie aus, die Bank oben auf dem Deich. Wie lange wird sie schon da stehen? Zehn Jahre oder fünf, oder schon viel länger? Das rauhe Klima hier hat ihr bestimmt heftig zugesetzt, da altert Holz schneller als woanders. Was ist das eigentlich: Buche, Eiche – Nadelholz wohl eher nicht. Vielleicht war die Bank, waren ihre Bretter früher sogar Treibholz? Hier oben soll es einige Leute geben, die aus dem, was die See wieder freigibt, etwas machen: Souvenirs, Nützliches, warum nicht auch Bänke.

Ein Bild im Kopf. Ein Farbfoto, das „nur Graustufen und Schwarz” zeigt, denn selbst das Gras verbirgt sein Grün noch in der Mor­gen­dämmerung. Eines, das der Novemberstimmung entspricht. Eines, das nicht düster ist und auch keine solche Stimmung hervorruft. Passend eben. Und ich fühl mich derweil ganz ähnlich wie die Park­bank aufm Deich.

 

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ein Paar zerschlissener, abgelaufener Schuhe habe ich entsorgt und zehn Bücher ins Öffent­liche Bücherregal gestellt.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 26. November 2025 war ich zufrieden mit weiteren gescannten Papierstücken, mit dem in 10 Minuten runtergeschriebenen Text (ohne nötige Überarbeitungen), mit neuen Schuhen.


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2025 – 329: Verflossene Utopie

Ein 75 Jahre altes Stück Literatur vor mir auf dem Tisch.

 

Wie lange stand das Buch schon bei mir? Es ist wahrscheinlich, daß ich es aus einem Öffentlichen Bücherregal oder einer Zu-Verschenken-Kiste habe. Die Erzählungen, aus denen der Roman besteht, sind schon vor 1950 entstanden. Damals verfaßte Ray Bradbury Die Marschroniken (in den USA 1950 erstmals herausgegeben), in denen die Jahre 1999 bis 2005 und das Jahr 2026 die Handlungszeiträume sind. Ich lese das Buch jetzt, und ich lese ein dystopisches Werk, das die Auswüchse imperialistischer (bewußt gewähltes Wort) Phantasmen und ihre Auswirkungen beschreibt. Und so leid es mir tut, ich sehe … Nein, kein Wortüber das Gebaren von wirklich unange­neh­men, schlechten Menschen in verantwortlichen Positionen.

Nun, die Sprache. Ich lese die deutsche Übersetzung. Thomas Schlück übersetzte das Werk aus dem Amerikanischen für die 1972 erschienene deutsche Erstausgabe – „aus dem Amerikanischen” … (Ob das noch heute gemacht wird, diese Unter­schei­dung zwischen Englisch und Amerikanisch?) Es gefällt mir, wie die Sprache in mir Bilder und Filme und Gedanken entstehen läßt. Wie nachvollziehbar für mich auch die Schauplätze und die Handelnden und all das Drumherum ausgearbeitet sind. Ob ich das Original verstehen könnte?

Zur Zeit lese ich (beinahe las ich schon) also Die Marschroniken. Und amüsiere mich zum Teil darüber, wie sich jemand 1950 die Zeit vor 26 bis 20 Jahren und das nächste Jahr vorstellen konnte. So ganz weit weg von den wissenschaftlich-phantastischen Werken aus meinem Kulturkreis und vom Universum aus StarTrek oder Dr. Who (und all deren Ablegern). Ich stellte und stelle mir die Menschen der Zukunft immer vor als solche, die Besitzansprüche und Gier nach privatem Eigentum und Besitz über­wanden und stattdessen Teilen und solidarisches Handeln zur Maxime des Lebens machen konnten. Ja, diese Vorstellung hat gerade in jüngster Zeit heftige Dellen und Kratzer bekommen, aber so ganz gebe ich meine Hoffnungen noch nicht auf.

Knapp ein Drittel oder etwas mehr als ein Viertel des Buches bleibt mir noch; doch ich habe auch schon hinten im Buch herumgeblättert. Ich bemerke im Moment ein sonderbar unbestimmtes Gefühl, daß ich Wichtiges darin übersehen, überlesen habe. Aus diesem Grund saß ich heute am späten Nachmittag da und überlegte, ob ich vor dem Ende einfach noch einmal von vorne anfange. Noch bin ich zu keinem Ergebnis gekommen. (Aber ich hätte schon Lust zu tun, was sonst nur selten möglich ist.)

Und: Ist es nicht verwunderlich, daß die ferne Zukunft schon lange vorbei ist, daß Morgen und Übermorgen schon Vorgestern und Gestern waren?

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ziemlich viele eingescannte Zettel sind jetzt zerschnippeltes Altpapier.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 25. November 2025 war ich zufrieden mit dem Lesestoff, mit einer sortierten Ecke, mit dem Heidelbeerjoghurt.


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2025 – 328: Im Verhältnis

Wozu, womit, mit wem – ohne diese Angabe ist die Phrase unsinnig.

 

Sie nimmt meiner Meinung nach wirklich überhand, diese verstümmelte Ver­wen­dung eines Vergleichs oder einer Verbindung. Manchmal erkenne ich ohne eine Konkretisierung noch nicht einmal, was von beidem gemeint sein kann. „Im Verhätnis geht's Dir ja noch gut.” Wenn da weder vorher noch nachher irgendetwas Erklärendes kommt, dann …

Ich bemerke dieses gehäufte Auftreten allgemein und am Wochenende außerdem sehr konkret. Denn auf meine Nachfragen reagierte meine Mutter fast immer nur unwirsch. Ihrer Meinung nach müßte ich doch wissen, was sie meint mit „aber im Verhältnis …”. Als das dann mehrmals und zum x-ten Mal erklang und wahrscheinlich jedes Mal in einem anderen, sich mir nicht erschließenden Zusammenhang, antwor­tete ich darauf nur noch mit einem langgezogenen „aber klaaaaaaaaar”. Na, damit richtete ich ja was an! Da war für zwei Stunden ganz dicke Luft.

Für einige Zeit versuchte ich, keine Antwort mehr zu geben. War auch nicht richtig. (Ich kenne das von meiner Mutter wirklich zur Genüge: Nur was sie sagt, kann so stimmen, nur so wie sie etwas tut, wird das richtig getan. Tja …) Am Ende vertrugen wir uns wieder einigermaßen. Im Verhältnis ging das alles doch ganz gut.

Wenn ich mich doch dazu überreden könnte, diese Halbphrase einfach zu ignorieren.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ich habe zwei weitere Lichterketten (ohne ihre Lämpchen) weggeworfen.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 24. November 2025 war ich zufrieden mit dem problemlosen Packen, mit dem Anblick von Silberreihern und Graureihern und Kormoranen ganz dicht beieinander in der Zwickauer Mulde, mit einem Mitbringsel.

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2025 – 327: Deutlich sichtbare Veränderungen

Ein kleiner Blick über Straße und Bach mitten im Dorf.

 

Das alte, leicht windschiefe Haus hinterm alten Mühlgraben steht ohne Fenster und Dachdeckung da. Seit Mai wurde daran gearbeitet, soweit ich das erkennen konnte, wurde auch die Dielung herausgenommen. Es sieht also aus, als sollte es im näch­sten Jahr nicht abgerissen, sondern wieder auf- und ausgebaut werden. Ich kann mich noch an das Hutzelweib erinnnern, das zu meiner Kinderzeit allein darin wohnte. Im Grundstück lebten noch ein paar Hühner. Dorfleben, wie es früher so war. Als ich aus dem Ort wegging, lebte die alter Frau schon nicht mehr. Zwischen ihren beiden Kindern entbrannte wohl ein Streit, der erst viel später beendet wurde. Da zog einer der Enkelsöhne ein und wohnte das Haus ab. Etwa so alt wie ich war er. Aber am Haus oder im Grundstück tat er keinen Handschlag, wie das Dorfgetratsche berichtete. Dann, vor zwei Jahren, starb der Mann.

Ein Jahr lang geschah nichts. Und dann verschwand nach und nach das Gestrüpp im Garten, es standen Abfallmulden neben dem Haus, die immer wieder gefüllt und ausgetauscht wurden. Nur selten waren mehr als ein Mensch im Haus zugange und im Grundstück. Stimmt, ich habe nicht sehr viel von den Arbeiten mitbekommen, ich war zu selten im Dorf bei Muttern. Aber um so heftiger fielen mir die Veränderungen auf, die jedesmal sichtbar waren.

Jetzt fehlt eben die Dachdeckung. Ich weiß, es war Dachpappe, ich denke, mehrere Schichten, und darauf waren sogar noch Pappschindeln. Das Zeug zu entsorgen ist richtig teuer. Die Bretter liegen jetzt frei und sollten vielleicht doch bald vor Regen und Schnee geschützt werden. Und es sind auch keine Fenster mehr da, wo sie jahr­zehntelang waren, nur leere Löcher in den Wänden. Auch da, hoffe ich, wird in den nächsten Wochen noch einiges gesichert werden. Sonst könnten Nässe und Frost einige Schäden verursachen.

Ein wenig neugierig bin ich jetzt, wie sich der Anblick des alten, leicht windschiefen Hauses verändert haben wird, wenn ich das nächste Mal wieder hinsehen kann. Lichterbögen werden an/in ihm wahrscheinlich nicht leuchten. Vielleicht zur Advents- und Weihnachtszeit zum nächsten Jahresende.

 

Erinnerung des Tages:
Der Menschenauflauf, der sich beim Einheben der neuen Glocken in den Turm der Kirche des Dorfes 2000 bildete …

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 23. November 2025 war ich zufrieden mit dem Verschwinden der Verdauungs­be­schwer­den, mit aufgebauter Advents- und Weihnachtsbeleuchtung, mit einigen Notizen.


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2025 – 326: Eine Unmöglichkeit

Was aber, wenn es doch eine einzige, einmalige Möglichkeit gäbe?

 

Stell dir vor, du könntest drei bis fünf Sekunden deines Lebens ungeschehen machen oder drei bis fünf Sekunden in deinen Lebenslauf einfügen – jeweils als ganz kurze Szene des Lebens mit allen Konsequenzen: Dein Leben würde deshalb ganz anders verlaufen sein, du wärst ein ganz anderer Mensch, die Kreise, in denen du lebtest, wären ganz andere – nicht wahr? Und bedenke: Es ist nur eines möglich, Einfügen (dann kein Löschen) oder Löschen (dann kein Einfügen), nur eine einzige Mög­lich­keit dazu existiert. Wurde die Möglichkeit genutzt, erhält dein Leben ein Kennzeichen, einen Vermerk, so daß es absolut keine weitere Möglichkeit geben wird.

Hast du auf Anhieb eine Idee, wie du diese einzige Möglichkeit nutzen würdest? (Ich würde wohl nicht.)

Würdest du sie überhaupt nutzen wollen? (Niemand muß sie nutzen.)

Diese wenigen Sekunden … Wenn du dir Löschen vorstellen kannst, vielleicht sogar konkret vorstellen kannst: Hast du eine Ahnung von den Konsequenzen für dich und für andere beteiligte Menschen? (Ist das überhaupt in allen EInzelheiten denkbar?)

Nur so wenige Sekunden … Wenn du Einfügen wählen würdest: Welche Hoffnungen verbindest du mit dem, was vom in dieser kurzen Zeit Geschehenden dein ganzes Leben völlig umkrempeln wird?

Ist es Angst, Zufriedenheit, Abgefundensein, Gewohnheit oder oder oder, was dich eine solche einmalige Gelegenheit nicht nutzen ließe? (Bei mir ist es die Ungewißheit, die schnöde Ungewißheit.)

Nicht in meinem Leben kann ich mir einen solchen Eingriff vorstellen. Da ist nichts zu löschen, nichts einzufügen – noch nicht, gestehe ich augenzwinkernd. Denn wer weiß, was noch kommt? Allerdings ist in mir lange schon der Wunsch, daß es diese Möglichkeit für das Leben eines anderen Menschen geben würde bzw. gegeben hätte … Bisher sprach und schrieb ich nicht über diese sonderbare Idee, hütete sie als eines meiner Geheimnisse. Warum ich ausgerechnet jetzt damit herausrücke? Mir war in der Nacht schon danach. Ach: Ein wenig gruselig finde ich diese Idee, diese Vorstellung trotz allem.

 

Erinnerung des Tages:
In unmittelbarer Nähe des Elternhauses gab es früher drei kleine Läden, die immer fast alles hatten, was man so brauchte. Drei sich im Sortiment sehr ähnelnde Läden.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 22. November 2025 war ich zufrieden mit diesem nachts um 3.30 Uhr geschriebenen Text, mit dem Einkauf für meine Mutter, mit einem unverhofften Gespräch.


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2025 – 325: Aus der Vergangenheit

Nein, nicht wirklich auferstanden aus Ruinen.

 

Ein Schlaglicht. Im Traum. Sogar der dazugehörige Geruch war da.

Ich stand als Kind in der Böttcherwerkstatt meines Großvaters. Der baute auch lenk­bare Schlitten, Bobschlitten oder kurz Bobs. Aber mit langen, durchgehenden Kufen, die durch Bewegung am Lenkrad gebogen wurden. Holzbretter mit Rundstahlkufen drunter. Ja, damit ließen sich wirklich Kurven fahren. Und wenn es – wie im Traum – Winter war und kalt, dann wurde die Werkstatt mit einem Ofen beheizt. Der fraß alles Hölzerne, auch Hobel- und Sägespäne. In der Nacht stand ich vorm Ofen und füllte ihn mit Unmengen an Sägespänen, mit der kleinen Kohlenschaufel. Ich schau­felte und schau­felte und war nicht fleißig genug. Das Feuer erlosch. Es wurde kalt.

Da wurde ich wach, hatte aber noch den Geruch des Holzfeuers in der Nase. Ich wurde wach, weil mir kalt war: Bei weit offenem Fenster lag ich auf meiner Bett­decke. Brrrrr. Halb Vier. Fenster zu, bei der Gelegenheit gleich nochmal ins Bad und dann zurück, unter die Decke. Nochmal hoch, einmal überall nachsehen, ob es nicht irgendwo in der Wohnung kokelt. Nein, alles gut. Aber draußen roch die Luft nach Holzfeuer. Heizung halbwegs aufdrehen …

Den Rest der Nacht blieb das Fenster zu. Ich war auch bald wieder warm und eingeschlafen.

So realistisch träume ich selten. Das war eine wirklich erscheinende Szene aus der Vergangenheit, die ich durchlebte und roch – das hab ich nicht oft. Naja, Träume sind schon ein sehr geheimnisvolles, sonderbares Ding. Ich hoffe, ich langweile mit diesem Thema niemanden.

 

Erinnerung des Tages:
Die Mitropa im Zwickauer Bahnhof besuchten wir gern, wenn Zeit dafür war – sie ist seit vielen Jahren geschlossen und fehlt.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 21. November 2025 war ich zufrieden mit der überstandenen Fahrt inkl. SEV, mit dem recht kalten Wetter (es wird der Jahreszeit entsprechend winterlich), mit Bockwurst mit Senf und Semmel dazu.


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2025 – 324: Sang- und klanglos

Keiner weint dem eine Träne nach. Keiner?

 

 

Mancher Abschied ist sehr still und bleibt so lange unbemerkt: Der Schreck, wenn dann nach Jahren das Fehlen erst auffällt, ist meist enorm (wenn das, was sich da sang- und klanglos verabschiedete, nicht völlig egal geworden ist – was durchaus vorkommt).

 

 

Keine Sorge, da ist nichts akut.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ich gab heute ein Nokia 1110 (100 % Akku) mitsamt Netzteil in den Elektronikschrott.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 20. November 2025 war ich zufrieden mit dem ausgelesenen Buch (Heinz Kruschel: Tantalus), mit dem sehr kurzen offiziösen Termin, mit dem gepackten Krempel.


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2025 – 323: Ein unbekannter Weg

Der Scheißbaustellenmeckermonolog eines vorurteilsfreien Bürgers.

 

 

Orrrrr. Nicht schonwieder eine Umleitung!? Aber es wäre doch echt gelacht, wenn ich als Fußgänger nicht durch die Baustelle kommen kann. Ist ja auch nichts zu sehn von wegen Austausch der Abwas­ser­kanäle. Hm. Doch, da vorne. Bauzaun. Aber die Arbeiter müssen ja auch von der einen auf die andere Seite kommen. Hm … Hm … So'n Mist. Nichts zu sehen und alles fest verschraubt. Scheiße. Zurücklatschen, den ganzen Weg zurück. Und dann auch noch da links herum! Klar, denn rechts lang ist ja auch gesperrt wegen die blöde Baustelle, und da kommt ja auch kein Arsch durch. Aber den Weg, den Weg würde ich kennen. Fast wie meine Westentasche, schließ­lich kenn ich mich hier im Ort aus.

Da linksrum? Neee, das kenn ich nicht. Da war ich halt noch nie. Da wohnen alles so Leute, also so Leute wohnen da. Vor denen nehm ich mich lieber in Acht. Weiß nicht, nur so 'n guten Ruf haben die Straßen da einfach nicht. Natürlich habe ich keine Angst, da langzugehn. Bin ja schließlich Keiner mit Vorurteilen. Aber eben 'n ganz unbe­kannter Weg … Wer weiß schon, was oder wer mich da erwartet. Und jetzt, jetzt muß ich wirklich weiter. Eh's dunkel wird …

 

 

Erinnerung des Tages:
Wenn mein Großvater mütterlicherseits auf einem Spaziergang eine Abkürzung vorschlug, wurden die Wege immer sehr interessant.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 19. November 2025 war ich zufrieden mit Kartoffelbrei und Fischstäbchen, mit einem ungewollten Schläfchen am Nachmittag (ja, war nötig), mit der Entscheidung, etwas um einen Tag zu verschieben.


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2025 – 322: Schon so lang

Man könnte es ein Lebens-Resümee nennen.

 

1972, eine ganz frische Schallplatte trägt den Titel „Sieben Lieder” – vier gibt es auf der A-Seite zu hören, drei auf der B-Seite. Die kannte ich nicht, diese Schallplatte, die konnte ich auch nicht kaufen, und im Radio wurden die Lieder wahrscheinlich auch nicht oft gespielt, damals. Und ganz ehrlich: Zu solcher Musik hatte ich im Alter von neun Jahren noch keinen Bezug. Ich kann mich auch nicht wirklich daran erinnern, wann ich dieses eine Lied zum ersten Mal hörte. Aber noch heute kenne ich drei Lieder von dieser Schallplatte, könnte sie wahrscheilich auch noch auf einer Gitarre klimpern …

Irgendwann nach 1980 dann wird es gewesen sein, das erste bewußte Hören. Dann wurden „Heute hier, morgen dort”, „Rohr im Wind”, „Schon so lang” und auch „Es ist an der Zeit” sogar auf der Stube in der Kaserne (NVA, 1982–1985) gespielt und gesungen. Das war nicht immer gern gesehen und gehört, war Hannes Wader doch „einer aus dem Westen”. Aber ein progressiver Künstler, der auch auf den Festivals des Politischen Liedes in Berlin, Hauptstadt der DDR, und in anderen Orten dieses Landes auftreten durfte. Und er war ja auch Mitglied der DKP, das konnte man schon gelten lassen.

Auch seine Volkslieder, auch die auf Platt gesungenen, mag ich sehr. Und wenn ich die Texte der Lieder lese, habe ich seine unverwechselbare Stimme im Ohr:

 

 
Schon so lang
(Hannes Wader ∗ 1942)
 

Bin auf meinem Weg, / Schon so lang.
Zerschlagen und träg, / Schon so lang.
Bin müde und leer,
Will nach Süden ans Meer.
Bin auf meinem Weg ohne Wiederkehr,
Schon so lang.

Seh die Kriege, die Not, / Schon so lang.
Ruinen und Tod, / Schon so lang.
Seh die Tränen, die Wut,
Seh die Wunden, das Blut.
Erwürgt und verfault, was stark war und gut,
Schon so lang.

Seh die Welt oft im Traum, / Schon so lang.
Als Pilzwolkenbaum, / Schon so lang.
Euch ihr Herren der Welt,
Eure Lügen, den Mord
an Millionen, die glauben an euer Wort.
Schon zu lang.

Nicht nur Greuel geschehn, / Schon so lang.
Hab die Liebe gesehn, / Schon so lang.
Seh die Hoffnung, den Mut,
Seh den Glauben, die Glut,
Und was sich in Gesichtern von Kindern tut.
Schon so lang

Bin auf meinem Weg, / Schon so lang.
Zerschlagen und träg, / Schon so lang.
Bin müde und leer,
Will nach Süden ans Meer.
Bin auf meinem Weg ohne Wiederkehr,
Schon so lang.
 
Schon so lang.

 

 

Irgendwann hatte ich das Lied auf Kassette aufgenommen und mir den Text „heraus­geschrieben” (damals gab es noch längst kein Internet). Ich habe nachgesehen: Im FDJ-Liederbuch von 1985 findet sich „Es ist an der Zeit”, „Schon so lang” finde ich in den vorhandenen Liederbüchern nicht, nur in der selbstgeschriebenen Form (ich hab im Netz nachgesehen, der Text ist wohl richtig, und er findet sich bei mir zwischen einem Lied der Beatles und einem von Wishfull Thinking.)

Zeitlos im besten Sinne, dieses 53 Jahre alte Lied (und nicht nur dieses von Hannes Wader), nicht wahr? Vier Alben hab ich von ihm, die liefen heute zweimal durch …

Ich verlinke hier kein Datensammler-Video, aber zu finden sind alle genannten Titel im WWW.

 

Erinnerung des Tages:
Oh weh: 1984 und 1985 war ich beim Singeklub-Wettstreit der 4. MSD als Sänger und Klampfer dabei.

 

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Der Emil

 

P.S.: Am 18. November 2025 war ich zufrieden mit ziemlich alter Musik, mit vielen Ideen, mit der Brille mit verschobenem Zentrierpunkt (angepaßt an meine normale Kopfhaltung).


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2025 – 321: Nicht das Wetter

Was mich im/ab November belastet und erfreut.

 

Es ist wirklich nicht (nur) das Wetter, das viele als grau bezeichnen, was mich belastet und/oder erfreut. Es sind auch nicht die Dunkelheit oder das fehlende (Sonnen-)Licht, nicht die sinkende Temperatur. All das nämlich finde ich schön, ich als Winter- und Nachtmensch, nicht belastend.

Dennoch erfaßt mich eine mehr oder weniger deutlich positiv melancholische „End­zeit­stimmung”, doch nicht eine den Frieden oder die ganze Erde betreffende. Das Jahr geht zuende, ich blicke zurück. Und stelle dabei fest, daß sich Bedingungen verschlechterten. Dazu zählen Preisanstiege, Digitalzwang, Ausdünnungen im Nah­ver­kehr, verschwundene Läden und andere Einrichtungen. Oder auch, daß ich wieder Pläne hatte, die ich übers Jahr einfach nicht umzusetzen schaffte (siehe zum Bei­spiel Bezirksinspektor).

All das wird aufgehoben, abgemildert, ausgeglichen durch meine Vorfreude auf die und die Freude an der Advents- und Weihnachtszeit. Mit den Kerzen, den Lichter­ketten, den Schwibbögen, mit den Räuchermännchen und -häuschen und -kerzen. Mit der Musik, mit Heimeligkeit, mit den Düften. In einer Woche, nach dem Toten­sonntag, fange ich mit der Weihnachtsdekoration an. Viel Arbeit. Aber für mich gehört das dazu. Und dann erinnere ich mich an die ziemlich guten Dinge, die es in diesem Jahr gab; in meinen Adventskalendertürchen werde ich hoffentlich! jeweils eins von ihnen erwähnen (d. h. ich muß mindestens 25 davon finden – was das geringere Problem ist – und preisgeben). Und wie immer wird bei mir trotz des Zweiten Vatikanischen Konzils die Weihnachtszeit bis Mariä Lichtmeß gehen …

Keine Zeit des Jahres gefällt mir besser als diese, als das Zuendegehen des Jahres, als November und Weihnachtszeit. Das ist schon so seit ich denken kann. Und ich bin mir sicher, es hat etwas mit dem besonderen Licht dieser Zeit zu tun. Das wohlige Befinden könnte durch eine entsprechende Schneedecke noch verbessert werden.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Bei der Suche nach meinem Kalender nahm ich alle noch im Schrank liegenden Whiteboard-Stifte (längst ausgetrocknet) und warf sie in den Müll.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Am 17. November 2025 war ich zufrieden mit dem angenehm langsamen Beginn des Tages, mit der am Nachmittag auf der Couch verfläzten Zeit, mit zwei Kannen Tee „Kaminfeuer”.


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