Nachdenken über den Nutzen eines Oneiroigraphen.
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Wenn ich nachts wachwerde und dann nicht gleich wieder einschlafen kann, dann sitze ich hin und wieder am Schreibplatz. Nur von Kerzen beleuchtet wäre zwar romantischer, aber ohne ordentliches Licht aus der Schreibtischlampe wird das nichts. Dennoch brennt zumindest nachts immer eine Kerze bei den Schreibversuchen. Zumeist ist der Tee in meiner Thermoskanne noch nicht ganz erkaltet. Verschiedenes Papier, etwa 50 unterschiedliche Schreibgeräte, die Immerdabeikladde. Ich höre nebenher Musik. Der Versuch, an nichts zu denken, scheitert meist. Aber zum Schreiben ist es ja nicht notwendig, an nichts zu denken. Eher ist es bei mir das ungerichtete Umherschweifen der Gedanken, bei dem dann hoffentlich die zündende Idee kommt.
Nun, das Vorgehen habe ich lange für das einzig mir mögliche gehalten. Wie paßt das aber zu diesem einen Ding, an dem ich jetzt seit November immer mal wieder, ein- bis zweimal pro Woche weiterphantasiere? Liegt es wirklich nur daran, daß das, was entsteht, durchaus pornografisch ist? (Männer denken ja sowieso den ganzen Tag über nur an Sex, nicht wahr?) Aber: Da ist ja auch noch das dieses andere Ding, die Erbladden, in denen ich ein fiktives (Er-)Leben …
Es entsteht nicht jedes Mal etwas in diesen nächtlichen Schreibzeiten. Zumeist ist das, was ich da notiere, auch nicht vorzeigenswert. Immer wieder kommen Anfänge dabei heraus, die ich nicht weiter verfolgen kann. Erste Sätze. Wie der:
»Es hätte diesen einen Versuch nicht gebraucht, um die Unmöglichkeit dieser Liebe sich einzugestehen.«
Oder der:
»Als ich das halbdunkle Zimmer betrat, hörte ich hinder dem Bücherregal etwas rascheln; aber es existierte nichts in der mir bekannten Welt, dem sich dieses Rascheln zuordnen ließ.«
Oder als letztes Beispiel:
»Die dritte Stufe, die knarrende, betritt sie nicht, um ja nicht gehört zu werden, sondern sie macht einen unanständig großen Schritt zur nächsten hinauf.«
Drei Sätze, die in dieser Woche entstanden sind.
Nach einiger Zeit werde ich wieder müde, so mitten in der Nacht. Ich schraube die Tintengläser wieder zu, blase die Kerze aus. Schalte die Lampe aus und nehme die Immerdabeikladde mit, schließlich liegt sie jede Nacht direkt neben mir, neben dem Kopfende meiner Schlafstatt. Sogar auf den Märkten. Wenn ich mich dann umdrehe und ins Traumland gleite, dann kommen sie, die ganzen Geschichten, die vollständigen Träume, die spannenden, die resignierten, die erregenden, die allzumenschlichen. Die, die nur selten aufgeschrieben werden können.
Ach, gäbe es doch nur eine Maschine, die meine Träume aufzeichnen könnte. Obwohl: Vielleicht würde ich viel zu oft über das erschrecken, was das Gerät festhalten konnte?
Einen Namen hätte ich schon dafür: όνειροιγράφ – Oneiroigraph, Träumeschreiber.
Erinnerung des Tages:
Den ganzen Tag über sang ich ein sowjetisches Pionierlied auf Russisch vor mich hin, das ich vor ungefähr 50 Jahren das bisher letzte Mal sang: »У реки у речки ветер носит флаги. У реки у речки – Пионерский лагерь. Это очень хогошо – Пионерский лагерь.«
Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Zwei Paar unralte Stiefeletten, zwei Paar kaputte Sandalen.
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
P.S.: Zufrieden war ich am 10. Februar 2024 mit einem geleerten Karton, mit eingecremten und polierten hohen Schnürstielfeln (sog. Springer), mit den Cordon Bleu zum Abend.
© 2024 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


ονειρογραφ – den hätte ich auch gern. Denn die Trauminhalte geben weit bunteren Erzählstoff ab als die Alltäglichkeit. Obwohl …, es sind gerade deine genauen Beschreibungen des Alltäglichen und die Auflistungen dessen, womit du an dem Tag „zufrieden“ warst, die mich jeden Tag mit Interesse in deinen Blog schauen lassen. Träumen kann ich schließlich selbst.
Psssst: Den ohne zweites Iota gibt es schon, aber den will ich nicht haben …