Tagebuch A: Montag, 31. Januar.
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Ein neuer Morgen, ein neuer Tag. Wie immer nach dem Aufstehen die Morgenroutine: Kaffee, Keks, Pillen. Wie ist das bei anderen Menschen? Brauchen die auch so lange wie ich, um in den Modus „funktionieren” zu kommen? Als wir noch zu zweit frühstückten, dauerte das nicht so lang. Mir fehlt das schon, auch wenn ich mich immer überwinden mußte, so früh zu reden. Aber es funktionierte. Was ist jetzt anders, seit ich alleine bin, was macht mich so träge? Darüber dachte ich später am Tag nach.
Heute habe ich einen Tag Schreibpause eingelegt. Bzw. hatte ich mir vorgenommen, nicht zu schreiben. Dafür wollte ich draußen ein paar Fotos machen. Irgendwo in der Stadt. Ich war dann auch drei Stunden unterwegs, auf diesem einen ganz besonderen Friedhof hier in der Stadt. Gesehen hab ich dort viel, das meiste kenne ich ja. Aber nichts von all dem schien es mir Wert zu sein, fotografiert zu werden. Nicht die Details an Grabstellen und -steinen, nicht die Blüten, die ich dort am letzten Januartag dort sah. Blüten im Januar gab es früher nur drinnen. Hab ich als Kind jemals Gänseblümchen und blühenden Huflattich gesehen vor den Winterferien? Und weil ich die ganze Zeit nicht in der Lage war, auch nur ein einziges Bild zu machen, ging ich wieder nach Hause.
Dort machte ich mir dann Grünen Tee. In einem schwarzen Chinesischen Teeservice mit ganz winzigen Teeschälchen. Trank Tee, starrte in die Flamme einer Kerze, zündete eine zweite an. Leere im Kopf. Richtige Leere. Tabula rasa – und horror vacuii. Ja, da war Leere im Kopf – und ich habe Angst vor dieser dröhnenden Leere. Die erdrückt mich und saugt mich aus, raubt mir alle Kraft. Ich trank einen Fingerhut Tee nach dem andern. Fand aber trotzdem keinen Gedanken. Aber: Da war ja die Frage vom Morgen. Was anders ist, seit ich allein bin. Was meine Morgenroutine so verändert hat!?
Nichts anderes fiel mir dazu ein, als daß ich jetzt eben alleine bin, daß mir jetzt ein Gegenüber fehlt. Nicht nur das Gegenüber, sondern der Mensch an meiner Seite. Auch wenn sie zum Ende des vorigen Jahres seltener wurden, weil wir beide sehr oft unterwegs waren: Die Berührungen, der Hautkontakt fehlen mir sehr. Ebenso die Worte, die Gespräche und die Geräusche, die ein anwesender Mensch eben so im Alltag macht. Und daß ein Mensch immer Geräusche macht, fiel mir erst auf, als sie weg war. Das ist, was ich als den deutlichsten Unterschied wahrnehme: die Stille. Aber ist es wirklich diese Stille, die mich morgens so verlangsamt, so träge macht? — Keine Ahnung. Wie überaus sonderbar wir Menschen doch aufeinander reagieren – und wie außerordentlich schwierig unser Leben wird, wenn wir allein oder einsam uns fühlen.
Es ist Zeit fürs Bett, dessen andere Hälfte noch eine ganze Zeit lang leerbleiben wird, wie ich annehme …
Mit diesem Text wird das geerbte Tagebuch fortgesetzt. Alle Teile der Erbkladden-Serie sind unter diesem Link in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge (neueste zuerst) zu finden. Über eines der Notizbücher erzählte ich ja schon vor langer Zeit, im November 2012. Ich tippe die kleinen blauen lateinischen Buchstaben ab, immer mal wieder. Erst jetzt nämlich darf ich abschreiben aus den „von einem Freund geerbten” Kladden mit dieser winzigen Schrift.
Erinnerung des Tages:
Ich hatte mich ein einziges Mal im Angeln versucht (als Rutenhalter für einen Mitschüler) in der 11. Klasse: Nein, das ist nie etwas für mich gewesen.
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
P.S.: Am 19. März 2025 war ich zufrieden mit meinem Verschlafen (zwei Stunden länger als normal), mit abgeschlossenen Vorbereitungen, mit mehreren wiedergefundenen Kurznotizen.
© 2025 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


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