Nº 139 (2022) – Üben

Vor allem das noch nicht Angenehme.

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Eine Pause glaube ich mir hier nicht erlauben zu können. Aber ich möchte dieses Jahr tatsächlich einmal eine (längere) Pause machen. Um … Ja, warum eigentlich? Um einmal mehr auszuprobieren, wie ich ohne dieses Geländer aus­komme. Um ohne einen täglich verpflichtenden Text zu schreiben versuchen. Um …

Ach, was schreib ich hier über ungelegte Eier.

 

Am Sortieren bin ich noch immer oder schonwieder. Heute entsorgte ich eine Klappbox voller Papier, das sich auf und um meinen Schreibplatz angesammelt hatte. Einiges habe ich zum Abheften beiseitegelegt. Vieles wanderte in den Shredder. Und wenn ich draußen sortiere, dann sortiere ich immer auch gleich­zeitig in meinem Kopf. Nur daß ich im Kopf nicht so einfach Dinge wegwerfen bzw. entsorgen kann. Die belastenden Sachen bleiben im Kopf; nur Heraus­ge­schriebenes fällt dem allmählichen Vergessen anheim. (Ja, das geschieht wirklich.) Deshalb lege ich auch so viel Wert darauf, vieles in meiner Kladde festzuhalten, denn dann steht es dort geschrieben und muß nicht mehr mein Denkicht verstopfen.

Das Sortieren im Außen, also hier in meiner Wohnung, hat allerdings noch lange nicht den von mir beabsichtigten und erhofften Erfolg. Die Haufen verschwinden viel, viel zu langsam. Ja, ich kann es hören: Schmeiß doch radikal weg! Das kann ich nicht, das geht nicht. So nötig es auch wäre. (Ich weiß, irgendwann schaffe ich auch das, irgendwann.) Noch versuche ich, viele meiner Erinnerungen mit Dingen festzuhalten, mit Zetteln, Zeitungsausrissen, Eintritts- und Fahrkarten. Und es widerstrebt mir auch, Selbstgeschriebenes wegzuwerfen – ich kann das Zeug einfach noch nicht loslassen. (Was sagt das über mich aus und über meinen psychischen Zustand?) Ja, sicher: Ich mache mir Gedanken über Unwesentliches, für viele einfach zu Lösendes. Ich kann doch ganz sicher auch einfach. Über meinen Schatten springen. Nicht wahr?

Ich übe. Ich übe Sortieren und Wegwerfen und Auslassen und Verzichten.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Gut fand ich am 19.05.2022 eine Klappkiste voller Altpapier, viel im Aktenvernichter entsorgtes Papier, den marinierten Hering am Abend.
 
Für morgen zog ich die Tageskarte XIV – Die Mäßigkeit.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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2 Antworten zu Nº 139 (2022) – Üben

  1. Sofasophia sagt:

    In Sachen Papierkramhorten sind wir seelenverwandt *kicher* … ne, eigentlich ist es nicht lustig, es ist eine Bürde. Aber ich bin inzwischen da gnädiger mit mir geworden, ein bisschen jedenfalls. Das darf so sein.

  2. Elvira Volckmann sagt:

    „ Die belastenden Sachen bleiben im Kopf; nur Heraus­ge­schriebenes fällt dem allmählichen Vergessen anheim.“
    Genau so ist es! Ich habe das früher gemacht, täglich für mich geschrieben. Nicht tagebuchgleich, aber über alles, was mich bewegte. Oft waren das nur kleine Gedanken, manchmal fand ich kaum ein Ende. Irgendwann wurde es weniger und weniger und hörte schließlich ganz auf. Jahre später kramte ich das Geschriebene wieder hervor, überflog es – und warf es weg. Es war nicht mehr meins, war mir fremd geworden, wie von einem anderen Menschen geschrieben. Ich fand keine Verbindung mehr zu diesem früheren Ich. Vieles von dem wollte ich auch nicht zurücklassen für spätere Leser, Söhne, Enkelkinder. Ich wäre nicht mehr da um Fragen zu beantworten, die sicher gestellt werden würden. Fragen über Teile der Mutter und Großmutter, die unbekannt geblieben sind. Wenn ich bei dir lese, erkenne ich manchmal kleine Teile von mir. Und dann kommen sie doch wieder, diese Gedanken über Gott und die Welt, die über das alltägliche Denken hinausgehen. Aber schreiben werde ich nicht mehr!
    Liebe Grüße,
    Elvira

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