2023/100 – Erbstück 010


Tagebuch A: Sonntag, 9. Januar.

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Als der Kaffee durchgelaufen war, ließ ich nebenbei den Fern­seh­gottesdienst laufen. Früher, ganz früher, war ich einst jeden Sonntag in der Kirche und trällerte im Chor so für mich hin. Allerdings war ich als Nicht-Konfirmierter eben nicht „Mitglied” in dem Verein. So richtig an einen, an diesen Gott glaube ich auch nicht, und vieles, das in der Kirche passiert, halte ich gelinde gesagt für unsinnig. Warum ich dann trotzdem den Fernsehgottesdienst ansehe oder anhöre, das weiß ich nicht. Kann sein, es ist etwas übriggeblieben von der Faszination, die ich als Kind in den Kirchen verspürte oer von dem besonderen Gemeinschaftsgefühl, das von 1988 bis 1990 in den Kirchen zu erleben war. Aber ist das wirklich wichtig? Ich sehe mir etwas im Fernsehen an, lasse mich davon akustisch berieseln, nebenbei und ganz sicher nicht mit Innbrunst und voller Konzentration. Wenn ich dann etwas aufschnappe, etwas von dem, das ich nur nebenbei wahrnehme, dann … dann kann ich mich an die Kernaussage erinnern und sie manchmal sogar aufschreiben, aber nicht erinnern kann ich mich an eine konkrete Szene, einen Zusammenhang. Das ist nicht anders, als wenn mich in der Eisenbahn oder in der Kneipe etwas von einem fremden Gespräch inspiriert.

Ich habe mir eine Liste gemacht zum Umgang mit meinen Erinnerungen (mit denen habe ich manchmal Schwierigkeiten, darauf weist mich mein Freund öfter hin):

  • Notizen machen, wenn welche auftauchen (Erinnerungen)
  • falsche Erinnerungen identifizieren und eliminieren
  • episodische Notizen, auch in Stichworten
  • Ergänzungen ermöglichen (also eher abheftbare Zettel
  • Zeitliche Einordnung durch Abheften in Reihenfolge (also: Zettel!)
  • strenge Ich-Perspektive
  • Nebensachen gesondert: Listen von Nachbarn, Schulklasse, anderen Gruppen
  • rote Schrift für Erinnerungen der besonderen Art

Ich bin neugierig, ob ich neben der Kladde hier auch mit diesen anderen Dingen vorankomme. Für notwendig halte ich es ja, da ich noch einiges über mich selbst herausfinden möchte. Vielleicht erfahre ich so auch, warum meine Frau diese „Auszeit” wollte und die jetzt so kompromißlos durchzieht. Außerdem frage ich mich einmal mehr, ob ich der einzige Mensch bin, der solche Schwierigkeiten mit den Erinnerungen hat, ohne daß es (bei mir jedenfalls) ein traumatisches Erleben gibt, welches als Ursache für diese Schwierigkeiten mit den Erinnerungen erkannt werden kann. Deshalb denke ich darüber nach, ob eine schleichende unterschwellige Traumati­sie­rung möglich war – und wenn ja, durch was nur konnte das geschehen? Auch darum muß ich mich zu erinnern versuchen.

Es war heute ein schwieriger Tag mit all der Grübelei, durch die ich völlig vom Schreiben abgehalten wurde. Zum Glück habe ich Essen und Trinken nicht vergessen. Jetzt werde ich wohl ganz ohne Lesen müde genug sein für den Schlaf. Gute Nacht.

 

Nein, da war ich wohl doch nicht müde genug. Tausende Fetzen, die ich nicht greifen kann, im Kopf. Lesen will und kann ich auch nicht, jetzt. Dazu hab ich keine Geduld, weil ich grad wütend bin wegen der Einschlafschwierigkeiten. Also werde ich versuchen, die rohe Gewalt, die Energie, die oft in Wut steckt, zu kanalisieren und in Worte auf dem Papier umzuleiten. Das kenne ich, das ging ja schon immer mal, das wird wohl auch jetzt funktionieren. Noch weiß ich nicht, was ich jetzt worüber, aber nur über meine Schlafprobleme zu schreiben muß ja nun wirklich nicht sein. Es wird irgendeine Idee geben, mit der ich mich so beschäftigen kann, daß ein sinnvoller Text entsteht.

 

Nachdem ich gut eine Dreiviertelstunde vorm leeren Blatt saß und Musik hörte, bin ich ohne eine geschriebene Zeile doch müde und lege mich in mein leeres Bett. Gute Nacht, nochmal.

 

 

Mit diesem Text wird das geerbte Tagebuch fortgesetzt. Alle Teile der Erbklad­den-Serie sind in diesem Link in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge (neueste zuerst) zu finden. Über eines der Notiz­bü­cher erzählte ich ja schon vor langer Zeit, im November 2012. Ich tippe die kleinen blauen lateinischen Buchstaben ab, immer mal wieder. Erst jetzt nämlich darf ich abschreiben aus den „von einem Freund geerbten” Kladden mit dieser winzigen Schrift. Und es ist wirklich nicht mein Tagebuch.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 10. April 2023 war ich zufrieden mit erledigter Hausarbeit, mit den zwei Stunden rund um die Reichsbahnsiedlung, mit dem Hirsebrei zum Abend.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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3 Kommentare zu 2023/100 – Erbstück 010

  1. Sonja sagt:

    Woran oder wie erkennt man falsche Erinnerungen?
    (von gewissen Therapeuten ganz einfach zu erzeugen, las ich irgendwo…)

    • Der Emil sagt:

      Ich weiß nicht, wie er das machen wollte, wir haben nie darüber gesprochen. Bei mir aber gibt es von mir selbst erfundene, von mir selbst veränderte Erinnerungen …

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