Mich selber Dilemmaisieren (176/189)

Wie verquer mein Kopf doch gegen mich arbeiten kann

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Wieder in einem Zwiespalt. Wieder die Frage: War das zuviel? Ja, klar: Auch Ratschläge sind Schläge. Und ich habe hinterher von mir voll in die Fresse gekriegt.

Jetzt muß ich es wohl gestehen: So sehr gut geht es mir grad nicht, psychisch meine ich. Die letzten Wochen habe ich mir einfach etwas zuviel zugemutet an Arbeit, Nebenherzeug, und vor allem an Arbeit mit meinen Erinnerungen. Ich habe Unmengen von Papier ausgemistet und eingescannt, was wichtig schien (vielleicht 5% von allem), und aufgehoben, was ich unbedingt behalten möchte. Es ist doch klar, daß da auch Sachen dabeiwaren, die richtig tiefe Wunden rissen und immer wieder reißen. Gut, daß ich wirklich Urlaub hatte und ein paar Tage nichts, überhaupt nichts gemacht habe, nicht fürs Radio, nichts in der Wohnung. Und gut, daß ich auch in dieser Woche noch viel Heimarbeit machen kann: Zum Musik benennen und vertaggen muß ich ja nicht in den Sender, wenn ich die Daten alle hier zuhause habe. Und gut, daß ich mit so völlig anderen Dingen mich beschäftigen kann, die mir wirklich Freude bereiten.

Aber vor lauter Freude habe ich wohl etwas über die Stränge geschlagen. Zum einen ist eine gute Freundin (Oder doch nur Bekannte? Ich weiß es nicht recht.) jetzt gerade auf der Geburtenstation. Als sich ihr Partner, der Kindesvater, eben wegen der Schwangerschaft verabschiedete und sie nicht hin noch her wußte, bot ich mich als Begleiter zur Geburt an (das wäre für uns beide kein Scham- oder Vertrautheits- oder sonstiges Problem). Sie hat sich darüber gefreut, wirklich; denn sie hat ja auch solange herumgedruckst, bis ich begriffen hatte: Jetzt sag Du dusseliger Kerl doch endlich, daß Du, wenn ich es möchte, gerne mitkommst! Und nun? Nun ist der andere Kerl wohl dabei und ich verpasse einen wundervollen Moment, auf den ich mich wochenlang freute. Ich wußte gestern lange nicht, ob ich meine Enttäuschung nicht etwas zu deutlich habe erkennen lassen …

Jaja, mein Selbstwertgefühl und meine Selbstsicherheit sind gerade auf Urlaub, als Vertretung haben sie die Selbstzweifel dagelassen.

Bei der zweiten Gelegenheit habe ich ungefragt Vorschläge unterbreitet, die aus der Ferne gut aussahen, vor Ort aber wohl eher Scheiße waren. Auch da die Frage: War mein Gutgemeintes wie meist schlecht, nicht gut gemacht? Bin ich trotz gegenteiliger Beteuerung in der Öffentlichkeit dann doch zu ungeduldig, zu unempathisch? Ja, klar: Auch Ratschläge sind Schläge. Ich befürchte nun, daß ich da zu weit einzugreifen versucht habe. In bester Absicht natürlich, nur in bester Absicht. Doch wie so oft vergaß ich einmal mehr, daß nicht ich zu entscheiden habe, daß meinen Hinweisen nicht gefolgt werden muß, daß ich ncht weiß, was wirklich geschieht, solange ich nicht direkt dabei bin. Mitten hinein also in die Fettnäpfe mit Schmackes!

Jaja, der Borderliner in mir. Hat es mal wieder nicht so dolle mit normaler Nähe und normaler Distanz. Das Schlimme ist ja, daß ich meine Distanzlosigkeit selbst irgendwann bemerke und mir dann unglaubliche Vorwürfe deswegen mache. Mich deswegen am liebsten unsichtbar machen, zurückziehen, vollständig zuückziehen würde. Doch das geht ja nicht, weil ich meine Unterstützung zugesagt habe. Im Übrigen hatte sich dieses Dilemma am Abend dann auch noch recht einfach und zufriedenstellend gelöst. Ganz, gaaaaaaaaanz großes Aufatmen meinerseits.

So. Und nun? Nun brauche ich nur noch richtig viel Geduld (auch und vor allem mit mir selbst) …

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 24. Juni 2015 waren lange Gespräche, doch nicht vorhandene Mißverständnisse, die Ruhe bei der Arbeit im Sender.
 
Tageskarte 2015-06-25: Die Zwei der Schwerter.

© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Mich selber Dilemmaisieren (176/189)

  1. Arabella sagt:

    Verzeih, du hattest genug Geduld mit dir.

  2. Sofasophia sagt:

    Lieber Emil, ich hoffe, zweiteres hat nichts mit Duweisstschon zu tun? Falls ja, dann vergiss es.

    Ach, grad möchte ich dir herzlich auf die Schulter klopfen. Was sagen kann ich wohl grad nicht, weil ich nicht weiß was du brauchst. Höchstens: Kenn ich gut, dieses Dilemma.

    Du bist ein empathischer Mensch, da passiert es halt, dass man sich einlässt. Hör bitte damit nicht auf. Das ist eine Stärke von dir. Und übergriffig empfand ich dich also echt noch nie.

    Guten Mut dir!

    • Der Emil sagt:

      Ich werde nich aufhören mit dem „Dazwischebpfuschen“ 😉 Aber ich bin oft erschreckt über meine Distanzlosigkeit. Ich habe absolut kein Problem, wenn mir Unbeteiligtsein, Desineresse u.ä. vorgeworfen/vorgehalten/nachgesagt werden. Selbst über zu viel Nähe stolpern, triggert mich eben …

      (Ach ja, was ich brauchte/brauche. Rauslassen ist höufig ein Zeichen dafür, daß nichts mehr akut ist. Danke Dir.)

  3. eckisoap sagt:

    vor allem brauchst du schleunigst eine andere vertretung für selbstwert und selbstsicherheit. wie wäre es mit selbstliebe? schau sie dir wenigstens mal an. sie kann und hat vieles, was man ihr nicht ansieht.
    vielleicht stellst du sie mal zur probe ein. ich kann mir gut vorstellen, dass ihr ein gutes team werdet, solange die anderen in urlaub sind.
    auf jeden fall musst du ganz schnell den selbstzweifeln kündigen, fristlos! sie sind völlig überbezahlte nichtsnutze.
    und herzliche grüße kommen von mir auch!

    • Der Emil sagt:

      Puh, und da waren sie wieder, meine drei Probleme. Die Selbstliebe hat sich vor Jahren in ein Sabbathjahr verabschiedet — keine Ahnung, ob sie schon zurück ist. Ich habe aber mal nachgefragt, wer die Vertretung übernehmen könnte, doch außer der Selbstverleugnung hat grad niemand wirklich Zeit dafür … 😉

      • eckisoap sagt:

        das dachte ich mir fast. immer unterwegs die selbstliebe. will gehegt und gepflegt werden und ist schnell auf der flucht, wenn sie mal vernachlässigt wird.
        tja, dann könntest du als vertretung mal den emil fragen. der steht meistens morgens in deinem bad .. wahrscheinlich genau über deinem waschbecken.
        der ist ein feiner kerl. sehr intelegent, im umgang mit sprache sehr versiert. sehr feinfühlig und verantwortungsvoll.
        dem müßtest du allerdings von angesicht zu angesicht mal sagen, dass du ihn magst. das ist natürlich nicht einfach. aber der kann dir helfen!

        ich hoffe, dass ich dir nicht zu nahe trete mit meinem geschreibsel 😉 vonwegen der schläge und so.

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