Verarmung (#290)

Aus der Isolation wird Verstummen, wird Leiden

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Daß ich nicht ganz ohne einen Glauben lebe, dürfte seit meiner Erklärung «Warum ich NICHT im Kloster bin» bekannt sein. Daß ich krank bin und viel lese, habe ich auch schon geschrieben. Aus einem der Bücher, die ich immer wieder zur Hand nehme, lasse ich heute einen Denkanstoß hier:

 

Das Leiden muss Sprache finden und benannt werden, und zwar nicht nur stellvertretend für viele, sondern in persona von den Leidenden selber. Es ist notwendig, dass Menschen zum Sprechen kommen, um nicht vom Unglück zerstört oder von der Apathie verschluckt zu werden. (Wie z. B. in einer Depression – Anmerkung von mir.) Es ist nicht wichtig, wo und in welchen Formen das geschieht, aber dass Menschen sich formulieren können, oder besser: sich ausdrücken lernen, was die nicht sprachlichen Möglichkeiten der Expression einschließt, davon hängt in der Tat ihr Leben ab. Ohne die Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren, kann es keine Veränderung geben, das Verstummen, die totale Verhältnislosigkeit ist der Tod.

Eine der traditionellen Möglichkeiten der Selbstformulierung ist heute wie veschüttet: das Gebet. Die Fähigkeit, in einen Dialog mit sich selber einzutreten, erscheint immer mehr Menschen als sinnlos und überflüssig. Dies wäre nicht weiter problematisch, wenn es andere, neue Möglichkeiten, sich zu formulieren, sich auseinanderzusetzen und – was aber das Reden voraussetzt – zu schweigen, gäbe. Wenn also der Verlust des Gebets keine Verarmung bedeutete, wenn Selbstgespräch, Dialog und Diskussion alles das enthielte, was einst als Gebet gesagt, gestammelt, geschrien, geflucht und gewünscht wurde. Aber ist dies der Fall? Sind nicht umgekehrt der Reichtum der Expressivität und die Kraft des Wünschens geringer geworden? Hat nicht wachsende Apathie uns stummer gemacht? Haben nicht zum Beispiel in den Massenuniversitäten, aber auch in den Großraumbüros die Isolierung zugenommen und die Angst voreinander, so dass die Kommunikation geringer ist? Und hat nicht die disziplinierende Kälte technischer Abläufe auch unsere Wünsche diszipliniert, so dass auch das Selbstgespräch verstummt?

Dorothee Sölle: Leiden.
S. 90 f. Neuausgabe 2003 (erstmals 1973 erschienen)
© Kreuz-Verlag GmbH&Co. KG Stuttgart, Zürich. ISBN 3 7831 2248 1

 

So viel Text. Text, in dem ich mich oft wiedererkenne, wiedererkannte. Ja, vieles von dem kenne ich aus eigener Erfahrung, schmerzvoller Erfahrung, habe ich selbst so erlebt.

Dumm nur, daß ich das erst merkte, nachdem es fast zu spät war.

Und gestern fragte ich mich, ob meine Schreiberei hier eine solche Zwiesprache mit mir ist, eine Art Gebet, ein Wunsch ans Universum, mein Angehen gegen die von Dorothee Sölle benannte Verarmung. Ich glaube ja, das ist es …

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 15. Oktober 2012 war eine geschaffte Aufgabe.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu Verarmung (#290)

  1. Follygirl sagt:

    Ein wirklich guter Text..ja. kann ich nur zustimmen..
    LG, Petra

  2. Frau Momo sagt:

    10 Bücher hab ich von ihr, nur genau das natürlich nicht. Ein kluger Text. Sie hat so recht. Kommunikation ist ja auch der größte Feind von Dikatoren, um mal in anderen Zusammenhängen zu denken. Da, wo Menschen sich austauschen, passieren Veränderungen, schließen sie sich zusammen, erkennen, das sie viele sind.

  3. …. manchmal hat man auch Angst vor dem Gespräch mit sich selbst , verdrängen ist eben leichter …irgendwann wird die Last zu schwer und man bricht zusammen … ohne ein Wort vorher … die Familie und Freunde wundern sich dann, man sie /er hat doch nie was gesagt, da war doch alles in Ordnung ?!

    …. man sollte ruhig mit sich reden, das ist wichtig damit man sein inneres Gleichgewicht findet … also das ist meine Erfahrung… ich mach öfters mal Selbstgespräche mal laut, mal leise mal beim schreiben… ich teile auch meine Sorgen mit meiner Familie und mit Euch 😉 , mich befreit das schon von diesem innerlichen Druck, … aber viele Menschen trauen sich das nicht zu und machen alles mit sich aus… und eines Tages kommt dann der Knall … aber das muss jeder für sich raus bekommen, wie er mit sich und seinen Empfindungen, Gefühlen umgehen kann…

    lg tb

  4. Gudrun sagt:

    Tja, eigentlich bin ich ein kommunikativer Mensch. Ja, ich führe auch Selbstgespräche, aber das reicht mir nicht. Es gab eine Zeit, da hatte ich das große Glück in einem Arbeitsteam zu sein, in dem es auch so etwas wie Gemeinsamkeit nach der Arbeit gab. Und so zogen wir manchmal aus der Hochschule in den „Hörsaal 5″. Das war das Kaffeehaus an der Ecke. Wir wussten eine ganze Menge von uns. Der Arbeit hat es nicht geschadet.
    Jetzt wohne ich seit einem halben Jahr in einem Haus, wo ich noch nicht mal alle Bewohner gesehen habe, geschweige denn gesprochen. So groß, dass das unmöglich ist, ist es eben nicht, aber wenn ich die Treppe herunter komme, dann geht manch eine Türe schnell wieder zu und man wartet mit dem Hinaustreten bis ich entschwunden bin. In der Straßenbahn buckelt jeder seine Taschen selber, läßt sich nicht helfen. In den Kneipen, wenn es die denn noch gibt, sitzt vorsichtshalber jeder alleine. …
    Nein, so gläubig wie du bin ich nicht. Ich bete auch nicht. Aber ein kleines kommunikatives Zentrum möchte ich schaffen. Das Spinnen ist der Aufhänger. (Und deshalb schreibe ich jetzt gleich den nächsten Brief….)

    Liebe Grüße von gleich Nebenan
    (Ach ja, ein Kollege von damals meinte immer, wenn ich Wut hatte: “ Geh‘ raus, schrei es gegen den Wind“. Ich bin froh, diese Menschen um mich gehabt zu haben.)

  5. wildgans sagt:

    Hier auch etwas über die allerletzte Möglichkeit, vor dem Irre werden, die Schreiben bedeutet:
    http://www.notizbuchblog.de/2012/10/16/immer-an-der-wand-lang/

  6. Sofasophia sagt:

    ich kann mich deinen gedanken sehr anschliessen. für mich ist das beten (hm, ich nenne es zwar nicht so, ist es aber wohl?) eine art innerer monolog, ein mich mit mir beraten. ein mir zuhören. meine innere göttin spreche ich dabei an. das in mir drin, das eben die türe noch nicht verbarikadiert hat. mein kern. irgendwo da ist eine art steckdose, die mit dem grossenganzen verlinkt ist. das innere „internet“? und ja, da bete ich. im wissen, dass die lösungen da sind, irgendwo in mir …

    herzlich, soso

  7. Danke Dir, lieber Emil, dass Du das hier geschrieben und eingestellt hast. Ein Gebet, ein innerer Monolog, oder ein Dialog mit etwas „außer mir“, das kein Mensch ist, vielleicht EIN Gott oder Dein oder mein oder irgendeines Gott oder Wesen … ich kann es mir (für mich) gar nicht anders vorstellen, ohne eine Art von Zwiesprache, wie auch immer, klar zu kommen.
    Thanks,
    mb

  8. ja, der Text, von 1973??, ist in der Zeit der bisher technisch größtmöglichen Kommunikation hiermit angekommen. Wo untereinander heutzutage in Sekunden, also wenn es die Technik denn auch wirklich verifizieren kann, beliebig und vielfältig kommuniziert werden kann, zumindest theoretisch. Praktisch allerdings läßt diese Art von Kontakt offenbar auch immer wieder viele verwirrt und sprachlos zurück. eija, wir kommunizieren doch hilflos und nicht erst Lenin hatte sich mal gefragt: Was tun??

    Ich denk, Apathie tritt ja dann ein, wenn auf Fragen Antworten erwartet werden, von denen, die es aber leid sind. Da scheint es mir geboten, sich einfach nur auszudrücken. Antworten wird es hoffentlich auch irgendwann geben.

    Wer jetzt verwirrt ist, das ist auch nur eine Formulierung, die nicht unbedingt der Kommentierung bedarf.

  9. Frau Blau sagt:

    lieber Emil, in der Stille… fiel mir dazu ein. Nur wenige Menschen gehen heutzutage in eine Zeit der Stille. Stille heißt auch immer Konfrontation mich sich… heißt aber auch, wenn alles gut geht, in Verbindung zu treten. Nenne es Gott, ich nenne es Göttlichkeit, (weil Gott bei mir zu katholisch vorbelastet ist).
    Irgendwas, irgendwer in mir oder außer mir weiß letztlich immer eine Antwort auf meine Fragen, ich muss es nur zulassen!

    danke dir für diese Anregung und grüße dich herzlich
    Frau Blau

  10. Der Emil sagt:

    (Ich bin tatsächlich mehr mit diesem Zitat beschäftigt, als mir zur Zeit lieb ist. Es arbeitet in mir.)

  11. Michelle sagt:

    recht hast du lieber Emil!

  12. ullli23 sagt:

    Wenn man die Selbstgespräche so leise führt, dass keiner sie hört und man darauf verzichtet die Lippen dabei zu bewegen, dann nennt man das „Denken“… 😉

  13. Gabi sagt:

    Meine Selbstgespräche verstummen nicht. Im Gegenteil. Sie werden immer mehr. Ob das gut ist oder nicht sogar bedenklich? Antworten auf meine Fragen krieg ich dadurch meist leider auch nicht.
    lg Gabi

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