Vernissage (291#)

Mitten in Karlsruhe zur Vernissage “Refugien”

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Weil nicht nur Sofasophia mich zur Vernissage in Karlsruhe gesehen hat, verfaßte ich das nun folgende Geständnis.

Um sechs Uhr morgens verließ ich am 11. meine Wohnung. Für meinen Maßnahmeträger verbringe ich diesen und den folgenden Tag zuhause mit einem Langzeit-EKG. Um 7.04 Uhr schon fuhr der Zug nach Erfurt. Alles klappte wunderbar, auch die weiteren Züge nach Würzburg und Bietigheim-Bissingen und dann nach Vaihingen waren ganz in Ordnung. Die letzten 40 Minuten von Vaihingen bis nach Karlsruhe allerdings …

Es war wie in Irgendlinks Fahrradtetris. Auf eine sehr sonderbare Weise war der Waggon überfüllt: Nicht mit Reisenden, aber unsere Wünsche und Gefühle verstopften beinahe greifbar die Gänge, blockierten Sitze und Türen. Rosa schimmernde Angst und eine durchscheinend blaue Säule aus aus vager Hoffnung lungerten vor der Tür der – natürlich! – defekten Toilette herum.

Karlsruhe. Hauptbahnhof. Raus. Kurz orientieren. 15.55 Uhr, eine Stunde Zeit, um zum Ort der Vernissage ganz in der Nähe des Hauptfriedhofes zu gelangen. Für den würde mir kaum Zeit bleiben. Dabei bin ich immer gespannt auf die Sepulkralkultur, die ich in fremden Städten vorfinde.

Ich frage mich durch zu einer Straßenbahn zum Hauptfriedhof, die Linie 6, ah, schnell, reinspringen.

Ganze fünfzehn Minuten bleiben mir zum Verschnaufen. Und noch immer weiß ich nicht, ob ich mich den Menschen, die ich nur aus Bloggerhausen kenne, wirklich offenbaren soll und will und vor allem: kann. Angstschweiß rinnt mir den Rücken hinab. Am Friedhof bin ich hocherfreut über die Tatsache, daß gleich neben dem Haupteingang Toiletten zu finden sind.

Schnitt.

Ein Blick auf die Große Kapelle, einer auf die Kleine Kapelle. Beides interessante Gebäude, für die mir jetzt keine Zeit bleibt. In etwa 15 Minuten muß ich den Weg bis zu dieser Firma schaffen – gut, es sind vom Friedhofstor bis dorthin nur etwa 200 m. Aber noch immer weiß ich nicht, ob ich oder ob ich nicht hingehe und sage: “Hallo Irgendlink, ich soll Dich schön grüßen von Lind Kernig.”

Dort ist die Firma. Ich sehe nur einige wenige Leute auf der Straße und laufe an ihnen vorbei, bis hin zu einem Lokal. Hier stehe ich, drehe mir eine Zigarette und blicke dabei vestohlen um mich. Straßenbahnen fahren vorbei. Die Vier und die Fünf. Wenn in der nächsten halben Stunde noch eine andere kommt, geh ich zur Vernissage hinein. Ich überquere die Straße, bin meinem Ziel näher als je zuvor, direkt vor dem Frimengebäude, ohne schützende Fahrbahn zwischen mir und meinem Ziel. Meine Angst und Unsicherheit aber haben mich weiter weg davon gebracht als ich jemals zuvor war.

Nicht einen einzigen Blick gestatte ich mir diesen Fußweg entlang, der auf den runden Bau dort hinten zuführt. Daß die darauf verlegten Muster, Mosaike? ziemlich intressant aussehen, ahne ich mehr als daß ich es mit gesenktem Kopf erkenne. Also gehe ich zunächst wieder nach rechts, nochmal zurück auf den Friedhof. Sähe ich eine andere Bahn außer denen der Linien Vier und Fünf: ich kehrte sofort um. Aber das geschieht nicht.

Dann sitze ich in der Haltestelle am Friedhof und schreibe, merke erst als es bereits richtig dunkel ist und die Straßenlaternen brennen, daß es dunkelte. Ich weiß nicht, wie spät es ist. Und ich muß aufs Klo. Das Friedhofstor ist zu. Und nun?

Bleibt mir nur die Möglichkeit, in diesem Gasthaus mein Glück zu versuchen. Direkt an einer Privatbrauerei. Aber ich habe keinen Durst, muß nur aufs Klo und frage deshalb mit hochrotem Kopf in möglichst unsächsischem Dialekt jemanden, der anscheinend zum Personal gehört. Mir wird der Weg gezeigt.

Zehn Minuten später durchquere ich das Lokal erneut. Ich glaube, dort drüben am Tisch sitzt Irgendlink, neben zwei Gestalten in schwarz und noch zwei oder drei anderen Personen, Nein, genauer hinzusehen traue ich mich nicht. Da sitzen sicher nur die Künstler: Hausundhirschblogs, Irgendlink und seine Homebase, die anderen kenn ich ja sowieso nicht. Sie lachen, und obwohl es angenehm klingt, fühle ich mich ausgelacht von ihnen, die doch nicht wissen, nicht ahnen können, daß ich hier peinlich errötet vorbeihusche.

Mein letztes Geld ist für die beiden “Quer-durchs-Land-Tickets” draufgegangen. Langsam gehe ich deshalb über den Kaiser-Wilhelm-Platz zum Bahnhof zurück. Als ich dort ankomme, ist es kurz vor Mitternacht. Um 3.33 Uhr startet die Rückfahrt über Heidelberg, Osterburken, Würzburg, Erfurt. War ich also umsonst in Karlsruhe, weil ich doch weder die Austellung gesehen noch meine (virtuellen) Freunde real getroffen habe?

 

Nein. Ich war nämlich nicht wirklich in Karlsruhe, habe die ganze Reise nur erfunden, nachgefühlt, ein wenig mit Informationen von PTV, Karlsruhe, Bahn, Openstreetmap und KVV ausgeschmückt. Aber wenn, wenn ich dortgewesen wäre: Irgendjemand hätte mich erkannt und an den Tisch gebeten – oder ich hätte mich doch bis zur Vernissage getraut und dann staunend neben und zwischen und mit all den Künstlern gestanden, die doch auch Menschen sind.

Besten Dank für die Inspiration an:
Sofasophia
    Dieter Motzel
        Lakritze
            Philea
                Irgendlink und auch
                    Frau Blau und
                        Syntaxia

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 16. Oktober 2012 waren ein völlig unerwarteter Brief, ein unerwarteter Anruf, leckerer Kuchen und die Gewißheit, heute bis acht Uhr schlafen zu dürfen statt bis 4.30 Uhr.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu Vernissage (291#)

  1. piri ulbrich sagt:

    … war die Ausstellung in der Majolika? Schade, dass du nur in Gedanken da warst, denn dort ist es wunderschön und ich wäre, hätte ich es gewusst, auch gerne dabei gewesen. Wäre eventuell in Bietigheim zugestiegen …

  2. Sofasophia sagt:

    lieber emil
    puh, zum glück nur erfunden, denn wenn …

    ich bin ja auch eine dieser ängstlichen, und was du schreibst, kenne ich gut, doch in diesem fall wäre deine angst unbegründet gewesen. ich glaube, du hättest dich mit uns wohlgefühlt. es wäre mir und irgendlink eine ehre, dich persönlich kennenzulernen.

    zur geschichte an sich: saugut erzählt! so siehts da wirklich auf. ich bedaure nur, dass es uns nicht für den friedhof gereicht hat. ich musste nämlich auch … und tat es im entrée der PTV 🙂 und da waren wir halt schon drin …

    bis irgendwann live!

    herzlich, soso, (homebase sofasophia)

  3. Frau Momo sagt:

    Und ich habe hier schon meine Gedanken sortiert, wie schade das… 🙂 Wunderbar aufgeschrieben.

  4. irgendlink sagt:

    Emil, ich möchte nicht in der Haut des Ermittlers stecken, der Dich verhört. Besonders spannend finde ich die Friedhofsgeschichte, das Mosaik, all die Details. Wenn ich mal ein Ding drehe, darf ich Dich dann als Komplizen gewinnen? 🙂

    • Der Emil sagt:

      Ach das ist alles im Netz zu finden, Einzelheiten wie die Mosaike im Weg (Gockle Earth war wohl aktuell genug dafür). Der Rest war ebenfalls leicht zu recherchieren. Aber da ich nicht wußte, ob der Burghof das Bräustübel ist, fehlen die Einzelheiten aus dem Restaurant (und das wurmte mich ein wenig).

      Wenn ich von einer Sache angetan genug bin, kann ich mich leicht in die Szenerie versetzen und (für mich wahrscheinliche und übliche) Erlebnisse phantasieren. Falls es mal notwendig werden sollte, kannst Du auf mich als denjenigen zählen, der die ganze Zeit mit Dir um die Häuser zog zur Fraglichen Zeit … 😉

  5. Frau Blau sagt:

    lieber Emil, einen großen Apllaus für deine wunderbare Geschichte zur Vernissage.

    Bist du wirklich so schüchtern? Weißt du… ich (manchmal) auch, aber weil wir dann doch eben alles Menschen sind, dürfen wir uns trauen! Ich tue es schon lange, manchmal mit mulmigem Gefühl im Bauch, aber mit der Erfahrung, dass ich in der Regel einfach Willkommen bin! Und dich hätte ich SOFORT in die Runde geholt!!!

    sei lieb gegrüßt
    bis Sonntag/Montag oder so… dann bin ich vom Kochjob zurück
    Frau Blau

  6. Ein sehr schöner Bericht … aber an unserem Tisch wäre auch ein Platz für Dich frei gewesen … auch das nächste Mal, dann aber in ECHT.
    Liebe Grüße
    dm + mb

  7. Kat sagt:

    1. Die Majolika ist genau am anderen Ende Karlsruhes.
    2. Mein lieber Herr Gesangverein, wenn du nicht aufgelöst hättest, dass du gar nicht da warst, dann hätte ich echt gedacht, dass du dich wirklich dort rumgetrieben hast. Ich komme mehrere Male pro Woche genau da durch, und da sieht es echt so aus. Der Friedhof soll sich lohnen, wurde mir gesagt, ich war aber noch nie drin. Machen wir gemeinsam, wenn du dann wirklich mal in Karlsruhe bist.

  8. Lieber Emil, was für ein toller Text – ich bin ihm mit zunehmender Beklemmung gefolgt und war dann am Ende sehr erleichtert und habe alles so klar vor mir gesehen … Viele Grüße!

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