Verständlich? (Nº 123 #oneaday)

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Ich hätte allen Grund, mich heute aufzuregen — ich verkneif's mir aber …

 
Iech hob fei kaa Auto!

Gedicht von Werner Kempf (*01.10.1925 – †03.06.1999)

Ich muß laafen, per pedes,
ich verstieh nischt von Golf, von VW, von Mercedes.

Um mich rem aber stroßab, stroßauf när noch Motorn,
ich fühl mich als Fußgänger verlossen, verlorn –
klah war ich meitog schie, nu war ich noch klenner,
ich komm mir für wie Alf, wie dr letzte Attelhenner*).

Dos Autofieber ihr Leit, dos macht mich ganz stutzi,
ich hob när en Handwogn, miniklaa, en „Hawazuzieh”!
Ich ka wuhl of die Lenkung von dan seiner Deichsel traue,
aber mit dan Ding naus of de Stroß gieh? Mir täts graue.

Höchstens obmds, wenns stockfinster, wenn de Hünd ginne Gassi.
Ich hob fei kaa Auto! Bie ich deshalb schu halber Assi?
Mir bleibm när noch Waldwaag, durch Schmelngros un Sturzeln,
durch staabigen Sand, über Staabrocken und Wurzeln,

durch Hahbuttengestrüpp und durch Vugelbeersträucher,
ohne Auto is mr garnischt, is mr blus „Schmittchen ‐ Schleicher”
Motorisiert is mr „in”, su is mr när Drack oder gar Dung,
Ich hab fei kaa Auto, verzeiht, ich bitt um Entschuldigung!

*) Attelhenner: unübersetzbar, am ehesten vergleichbar mit Laberheini, Tattergreis, Dösbaddel; jemand, der nichts zuwegebringt

Zitiert aus: Mei Schneebarg; Gedichte von Werner Kempf.
Br. Fr. Goedesche’s Buchhandlung OHG Schneeberg, 2002 (ohne ISBN)
und aus meinem Gedächtnis, denn ich kann’s noch immer auswendig …
 

 

 

Werner Kempf. Den Mann hab ich persönlich gekannt. Nicht nur einmal sind wir uns begegnet, sondern des öfteren auch in seiner Stammkneipe. Für ihn gab es dort einen extra Garderobehaken, etwa in der Standardhöhe eines Lichtschalters.

Er malte – und schrieb Gedichte und Geschichten in meiner Mundart. Er war es, von dem ich mir das Eine oder Andere abgeschaut habe: Wie ich Leute bei Laune halte und wie ich es schaffe, ihre Aufmerksamkeit zu behalten.

Eines der Beispiele dafür ist dieses Gedicht. Denn das ist schon nicht mehr ganz in erzgebirgischer Mundart. Vieles ist deutlich ans Hochdeutsche angelehnt und wird dadurch auch für «Außerwärdiche» verständlich.

Ja, verständlich bleiben. Für mehr Menschen verständlich als nur für einen selbst oder die Menschen der nächsten Umgebung — und damit ihre Aufmerksamkeit behalten. Das zum Beispiel lernte ich von dem «klenn Mah» (kleinen Mann).

Wenn ich mich verständlich äußere, dann kann ich auch verstanden werden.

Andere wollen nicht verstanden werden und benutzen aus diesem Grund Neusprech Orwell’scher Art. Oder was ist das, was mir gestern zu Ohren kam an Äußerungen bezüglich des Todes eines Menschen?

Eines bewußt herbeigeführten Todes: Der wurde als Sieg und als Erfolg begrüßt.

Von Menschen, deren Partei sich «christlich» nennt (man beachte das fünfte Gebot aus Ex 20,2–1 oder Dtn 5,6–21), von Menschen, die einen «Amtseid auf das Grundgesetz» (man beachte Art. 2 Satz 1 des Grundgesetzes) dieses Landes leisteten.

Entschuldigung: Geht’s noch?

Der Verfasser des Blogs schleicht kopfschüttelnd und verständnislos davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Habt ihr das Gedicht verstanden?

123 / 365 – One post a day (WP-count: 508 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Verständlich? (Nº 123 #oneaday)

  1. Follygirl sagt:

    Verstehe gerade leider nichts…warum regst Du Dich auf?
    Ist jemand ermordert worden? Hat sich selbst getötet? Ist auf eigenen Wunsch getötet worden?
    Bei Punkt eins… kann ich es verstehen, bei den beiden anderen nicht.

    Oder war das, was Du als verständlich ansiehst…für mich leider zu unverständlich?
    LG, Petra

  2. puzzle sagt:

    Ja, ich hab’s verstanden – warum auch nicht? wenn man etwas lesen kann, wird es viel einfacher.
    Ich verstehe vielmehr dies nicht: über das andere Thema muß man nicht reden, wenn’s einen schon aufregt, weil es die Leute dazu anregt, darüber weiterzureden, und ich für mein Teil hätte mir gerade dies nicht gewünscht, mir genügen die anderen Medien vollauf; dagegen war die, also die Hochzeit direkt eine intellektuelle Wohltat und die Wellen, die unmittelbar durch die Blogosphäre schwappen, nerven einmal mehr.

  3. Lieber Emil, also das mit der Ton Aufnahme ist der absolute Knaller, kommt mir echt sehr entgegen. Danke Dir. Aber inhaltlich; totaler Quatsch hier in Köln haben mehr Leute kein Auto als eins. Und ich habe deinen Dialekt gut verstanden. 😉 Liebe Grüsse deine Steff

  4. Ilona Form sagt:

    Tach Emil, ich hatte gestern ein Debatte,nicht um Autos. Es ging um den Mord,
    Selbstmord oder in Auftrag gegebener . Muss zu meiner Schande gestehen,das ich
    dachte,er wäre schon gestorben und der Nachfolger steht 100 pro schon in den
    Startlöchern.Man kann auch oft nicht alles glauben,was geschrieben wird. Also kurz
    und knapp;; ich bin jetzt ein „fuckingNazi“ und meine persönliche Hölle fängt jetzt an.
    Die „Dame“ war aus Ontario. Ich gehe hocherhobenen Hauptes davon und wünsche
    Dir einen schönen Tag……..Dein Illo.****

  5. der_emil sagt:

    Ich wollte nicht über diesen Einsatz der Navy Seals gegen O. bin L. schreiben. ABER: Wenn die Bundeskanzlerin trotz „christlich“ und Grundgesetz den Tod eines Menschen als „Erfolg“ und „mit großer Freude“ begrüßt – da geht mir der Hut hoch …

    Wirklich, ich wollte nur über das Verständlichbleiben schreiben. Aber irgendwie hat sich mein Text dann verselbständigt. Also gestehe ich, daß ich vom aktuellen Geschehen mehr oder weniger überrollt wurde und nicht die gebotene Distanz bestehen lassen konnte.

    • puzzle sagt:

      Wie Ilona Form oben schon andeutete: weite Teile der ja noch viel christlicher sich gebenden nordamerikanischen Bevölkerung sind hinsichtlich Menschenleben und „Gerechtigkeit“ viel weniger zimperlich als unsereins. Gerade vor wenigen Tagen hatte ich im beim Lesen eines Eintrags von einer mir ansonsten sehr lieben, aber eben sehr stramm-religiösen Bloggerin ein Würgen im Hals, als sie von „the warfare, my Lord taught me“ schrieb. Man kann nicht alles verstehen, und manchmal darf man sich das Wollen auch ersparen. Weil, daß es dir über die Hutschnur / das Bandana(?) ging – das versteh‘ ich ja 🙂

      • der_emil sagt:

        Und genau deshalb hätte ich mir von einer bekennenden Christin in dieser Position ein wenig mehr Angemessenheit/Abgeklärtheit/Friedfertigkeit/ – nein, das trifft es alles nicht: Intelligenz (!) gewünscht.

  6. Die Hellwache sagt:

    … hallo Emil, wenn ich schon eine Nacht mal nicht Deinen Blog lese … Ich hatte beinahe das Gefühl, Menschen an sich und im Besonderen nicht mehr zu verstehen.
    Es hat mich weniger erschüttert, das ein Terrorist erschossen wurde, aber eben die Reaktionen darauf … nein, ich finde es mehr als (ganz zart gesagt) „abgründig“, den gewaltsamen Tod eines Menschen voll Freude zu „befeiern“. Ja, es wurde ein Verbrecher erschossen, aber ist der Tod eines Menschen Grund zur Freude, zum „jubeln“?! Vielen Dank also für diesen Blog. LG

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