Tagebuch A: Sonnabend, 1. Januar
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Da hat also ein neues Jahr begonnen, ohne daß ich das bemerkt habe. Ich war gestern einfach zu müde, um Mitternacht zu erleben – keine Ahnung, wann mir das schonmal passiert ist. Und ich hatte und habe heute überhaupt keine Lust, auf die vielen Neujahrsgrüße zu antworten. Viele von den Absendern haben sich das ganze Jahr nicht bei mir gemeldet. Ein neues Jahr – und es geht sowieso alles so bescheiden weiter wie bisher.
Zum Frühstück gegen Zehn gab es kalte Pizza von gestern Abend. Zum Glück war noch genug davon da. Pizza vom vorigen Jahr: Wie absurd das klingt, wenn ich das jetzt sehe. Naja, ich liebe kalte Pizza zum Kaffee. Und Radio hab ich gehört am Vormittag, Klassikradio. Das paßte für mich zum Tag nach dem von mir verpaßten Jahreswechsel. Da kamen auch nicht alle furzlang Nachrichten, was hier und dort randaliert oder gar in Brand gesteckt wurde. Nachrichten sind mir sowieso viel zu oft nur noch Vermutungen, Verdächte, zuviel „könnte”, „wäre”, „eventuell” und „wahrscheinlich”. Mittagessen fiel wie fast jeden Tag aus. Am Nachmittag saß ich da und versuchte, am konzipierten Märchen weiterzuschreiben. Aber wie soll soetwas aussehen, wenn der Heiratskandidaten-Prinz den gesamten Abwasch des Hofstaats besorgen muß: in einem Zuber, in einem Trog oder gar in einem kupfernen Kessel?
Später saß ich noch immer dort unde es brannten die Kerzen der Pyramide. Die Kurrende und die Schafe samt Schäfer drehten ihre Runden, währen ich Löcher ins Paier starrte.
Der Zeit und dem Leben beim Verstreichen zusehen: eine Aufgabe, die zu erledigen sich lohnen kann.
Abendessen: Brot und Käse, Tee. Danach noch eine weitere Stunde am Märchen gesessen. Wie genau muß ich denn Zuber und Geschirr, Besteck und Kochgerät beschreiben? Vielleicht geht das auch ohne, vielleicht reicht es ja, daß der Zukünftige zwei oder zweieinhalb Stunden zugange ist mit seiner Prüfung, dem Abwasch? Schließlich begann ich doch noch den Antwortbrief an G. (Der Briefwechsel geht auch schon fast zwei Jahre.) Fertig bin ich damit nicht. Doch jetzt sind es nur noch ein paar Minuten bis Mitternacht. Zufrieden kann ich heute nicht sein mit mir. Aber ich bin zumindest nicht soooo unzufrieden mit mir. Und das ist doch schon Einiges wert, nicht wahr?
Jetzt darf ich wohl abschreiben aus den Kladden mit dieser winzigen Schrift, die ich „von meinem Freund erbte”. Ich werde seine Hervorhebungen getreu übernehmen. Über eines der Notizbücher erzählte ich ja hier (Teil 1), da (Teil 2) und dort (Teil 3). Mal sehen, wieviel davon hier in Zukunft zu lesen sein wird.
Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.
P.S.: Gut fand ich am 05.11.2022 die selbstgekochte Möhrensuppe (lecker), den geschriebenen Brief (ja, ich schreibe durchaus Briefe), die Wiener Würstchen zum Abendessen mit echtem mittelscharfen Bautz'ner Senf.
Für morgen zog ich die Tageskarte XI – Die Gerechtigkeit. (Schon die dritte der Großen Arkana nacheinander.)
© 2022 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

