Das sind doch mindestens vier zuviel. Oder?
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Ich stecke in einer Krise. Einer Krise der Worte und Sätze. Sie fließen nicht wie gewohnt nach kurzer Denkzeit en bloc aufs Papier. So anstrengend fand ich es schon lange nicht mehr, am Schreibplatz zu sitzen und auf den Text zu warten. Selbst da, wo es sonst zuverlässsig aus dem Füllfederhalter floß, im Menschengeräusch und in der Straßen- oder S-Bahn, hemmt das Gedankenkarussell die Kreativität. Es fällt mir auch schwer, in anderen Blogs zu kommentieren. Was ich auch wie zu formulieren versuche: Alle meine Worte erscheinen mir viel zu belanglos. Zu banal im Angesicht der mittlerweile VIER äußeren Krisen, die ich für mich ausmachen kann: Klima, Corona, Krieg, Versorgung.
Ja, ihr lest richtig: Versorgung. Viele der WtB – so wurde das im Einzelhandel der DDR genannt – haben in den letzten Monaten erhebliche Preissteigerungen erfahren. Ich zähl' die nicht im Einzelenen auf, aber ich brauche mittlerweile pro Woche etwa ein Viertel mehr Geld als im beginnenden Frühling des Jahres 2021. Woher ich das nehme? Nun ja, einige „Luxusartikel” wie Cola oder Saft lasse ich weg; frisches Gemüse kaufe ich nicht mehr, das hole ich aus den Containern der Discounter (was für ein Glück, daß ich das tun kann). Den Luxus der Monatskarte für den Nahverkehr leiste ich mir dennoch, ich bin zu gern und zu oft in der Stadt unterwegs.
Zurück zu den Worten und Sätzen. Die ja – wie gerade erläutert – meine fünfte, aber innere Krise sind. Ich habe seit drei Wochen beobachtet, daß jeder Faden an Gedanken letzlich zu einem Thema führt, über das ich nun weiß Gott nicht jedesmal, jeden Tag, überall schreiben möchte. Ja. Am Ende endet zur Zeit alles bei Krieg und Verderben, bei Angst und Verstecken. Ich kann auch nicht einfach mitten in einem solchen Text aufhören und das schreckliche Ende weglassen, ich kann das nicht. Was also tun? Was nur? Meine Märchenwelten sind für mich zur Zeit nicht erreichbar, Phantasien bleiben Dystopien, selbst Allgemeinplätze empfinde ich als egoistische Zurschaustellung dessen, was niemand etwas angeht. Da, seht hin: Das Problem sitzt in meinem Kopf. Oder die Probleme. Es sind zu viele Krisen auf einmal, die meine Aufmerksamkeit erfordern. Und darüber ist mir die Unbekümmertheit abhandengekommen, die Unbeschwertheit, die Leichtigkeit ist verflogen.
Trotzdem. Trotzdem sitze ich meine tägliche Schreibzeit ab. Schreibe vielleicht nur für den Papierkorb, den Schredder, das Vergessen. Aber ich schreibe. Ich behalte die Routine bei. Und schreibe. Auch das, was in meinen Augen nicht besteht, wenn ich es genauer betrachte. – Ob es hilft, wenn ich das genauere Betrachten unterlasse?
Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.
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P.S.: Gut fand ich am 12.03.2022 Nachrichten aus der Ferne, das nachlassende Druckgefühl, den Mut zum Text-Wegschmeißen (ich hab das Papier wirklich in den Aktenvernichter geschoben).
Für morgen zog ich die Tageskarte Neun der Stäbe.
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Ich gebe Dir Recht, es sind eindeutig zu viele Krisen! Bei mir kam heute eine weitere hinzu, weil mein Vater auf ein Medikament allergisch reagiert hat. Jetzt ist meine Schwester bei ihm und wir hoffen, dass er sich gesund schläft.
Danke, dass Du jeden Tag etwas in den Blog schreibst, ich finde mich in vielen Deiner Gedanken – die ich nicht banal finde – wieder.
Alles Gute! Lin
Vielen Dank. Und: Gute Besserung für den Vater.
Herzlichen Dank, Emil. Er und wir haben Glück gehabt!
Ach du.
Ich fühle so sehr mit.