Wie ich mich doch am eigenen Schopfe aus dem Loch ziehe.
Innenansicht eines sehr kurzen Teils einer depressiven Episode.
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Ich wurde wach und noch ehe ich aufstehen konnte, stellte ich alles infrage. Wirklich alles. Wozu Kaffee kochen, wozu schreiben, wozu essen, wozu die Medikamente nehmen, wozu wozu wozu. Menschen vermissen: Wozu? Anträge stellen: Wozu? Wozu aufstehen, wozu duschen, wozu zähneputzen? Wozu auf Märkten frieren, wozu über alte Schrift sprechen, wozu herausstellen, wie wichtig es ist, diese alten Handschriften lesen zu können? Wozu aber lesen? Wozu dies? Wozu das?
Wozu das alles?
Solche Momente gibt es immer wieder. Und ich schaffe es schon lange auch beinahe jedes Mal, mich aufzuraffen, mich von diesem Wozu zu befreien. Heute aber fiel es mir besonders schwer. Warum? Ich weiß es nicht. Ich habe das Aufstehen um Neun heute nicht geschafft. Ich war zwar wach, aber ich kam nicht hoch. Ich grübelte am Wozu herum. Dieses verdammte Wort. So bekannt. Durchaus hilfreich hier und da. Aber heute … Wozu das alles? Die Welt wäre doch besser dran ohne mich, ich werde …
Stop. HALT!
Diese Gedanken kenne ich, die will ich nicht weiterdenken. Nein. Was jetzt kommen würde, wäre Selbstbetrug. Flucht ist keine Lösung, löst für mich nicht ein einziges Problem. Würde für andere nur Probleme schaffen. Probleme, die weiß Gott nicht notwendig sind. Also. Nicht wegschleichen. Nicht mit einem großen Knall, nicht heimlich, still und leise verschwinden. Nein. Nein. Nein!
Also bin ich doch aufgestanden, kurz vor zehn. Habe Kaffee angesetzt und widmete mich der üblichen Morgenroutine. Hab meine Pillen genommen (ich habe keine Bedarfsmedikation, die mir in solchen Situationen zur Verfügung steht, wüßte auch nicht, ob es überhaupt etwas geben kann, das solche Zustände schnell und nebenwirkungsfrei und zuverlässig abzuwenden hilft). Gut, heute ging wieder nur der berühmte Keks zum Kaffee, es waren sogar zwei Kekse. Dann saß ich da, schaute mir Twitter an. Sah ein paar Bilder, bei denen ich sehnsüchtig wurde. Fragte noch immer: Wozu? Antwortete mir: Um irgendwann eine Katze zuendezustreicheln; um noch einmal mit einem Hund spazierenzugehen; um irgendwann Esel, Schaf, Ziege zu kraulen. Um am kommenden Wochenende wieder in einem Zelt auf einem Markt zu sitzen, auf Burg Rabenstein in Chemnitz nämlich, und mit sehr sonderbaren Fragen und dieser altertümlichen Kritzelei Menschen zum Zuhören und Zusehen und zum Denken zu verleiten. Jetzt, jetzt ist es kurz nach Zwölf, ich schreibe gerade noch an diesem Text in meiner Kladde. Im Inhaltsverzeichnis wird auch das Wort “abhauen” dabeistehen. Nein. Das tu ich auch diesmal wieder nicht. Dann wären ja all die nicht unternommenen und all die gescheiterten Versuche … Dann hätte ich ja bisher umsonst überlebt.
Heute Nachmittag werde ich einige Seiten transkribiert haben. Die Wäsche wird gebügelt und in den Schrank geräumt sein. Ich werde am Abend dann mein “veganes Gulasch” gegessen haben: Rosenkohl und Kartoffeln. Und ich werde einen Tag gelebt haben, ohne weiter auf dem Wozu herumgekaut zu haben. Und morgen werde ich wieder einen Tag erleben. Und übermorgen. Und so weiter. Das “Wozu” wird wiederkommen. Ich werde ihm weiter die Stirn bieten. Bieten müssen. Und es wird immer wieder viel Kraft dazu brauchen. Morgen. Übermorgen. Und so weiter.
<Inhaltsverzeichnis ergänzen, Text abtippen, Kladde schließen>
Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.
P.S.: Am 29.09.2021 waren positiv das überwundene Wozu, etwas Transkription, der komplett umgesetzte Plan für den Rest des Tages.
Die Tageskarte für morgen ist die Sechs der Stäbe (positive Wendung erwartbar).
© 2021 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


🍀
Es ist eine Krux mit dem wozu … Ich habe es aber tatsächlich seit Jahren im Griff, kann mich immer wieder davon befreien, weil ich eben noch ein paar Dinge erledigen möchte. Dazu zählen auch diverse Kaffeetrinkereien mit Blogger und Twitterusern …
Das beruhigt mich Emil.
Es ist bestimmt nicht einfach ständig dagegen anzukämpfen.
Danke für deinen offenen, ehrlichen Beitrag.
Nun, mir wurde um 2010 herum die Depression sozusagen „amtlich“ attestiert. Wahrscheinlich begleitet sie mich schon seit 1990 – aber so genau weiß das niemand. Wie überhaupt nur sehr wenige Menschen (die nicht daran erkrankt sind) wissen, was soeine Depression ist, wie sie sich „zeigt“ oder versteckt. Ich denke, ich werde viel mehr darüber erzählen müssen …
Um ehrlich zu sein erschreckt es ein wenig. Weil man als Gegenüber nicht weiß wie ernst es gerade ist. Ich habe eine jahrelange Kundin die auch daran erkrankt ist, kenne ihren Tagesablauf und sehe aber auch wie sehr alles hinter einer Fassade gehalten wird. Viele merken es ihr nicht an.
Als es mir letztens schlecht ging, bekam ich eine Ahnung davon wie schwer es sein muss tagtäglich dagegen anzukämpfen.
Dieser Kampf ist es, der so unglaublich ermüdend ist. Zumal, ich kann hier nur für mich sprechen, man von diesem Kampf zuerst nichts mitbekommt. Am schlimmsten waren für mich die Äußerungen meiner Mitmenschen, die das alle sicher nicht böse meinten, sondern aus Unwissenheit sagten, ich solle mich zusammenreißen, das wäre nur Melancholie, anderen ginge es viel schlimmer. Erst als ich mich eingewiesen habe, weil diese Wozu-das-alles-noch-Fragen dazu führten, über ein Beenden meines Lebens immer häufiger nachzudenken, befassten sich die Menschen genauer mit dieser unsichtbaren Krankheit.
Unsichtbar, ja das ist es was manche Menschen dazu veranlasst Äußerungen von sich zu geben über die man nur mit dem Kopf schütteln kann.
Aber es ist gut, bei dieser Erkrankung, wenn man verinnerlicht sich einweisen zu lassen bevor es Überhand nimmt.
Ein schweres Thema, worüber noch zu viel geschwiegen wird.
Alles Gute dir. 🍀
LG, Nati
Das ist GsD schon viele Jahre her und eine Therapie hat mir sehr geholfen, mit Schüben umzugehen. Aber ich höre vielleicht ab und an zu oft in mich hinein. Wenn mich etwas traurig macht, muss ich aufpassen, es richtig einzuordnen.
Ich denke in sich hinein horchen ist dchon wichtig. Um zu ergründen woher es kommt. Achtsamkeit sich selbst gegenüber, machen viel zu wenig Menschen.
Fühl dich gedrückt!