2021,251: “Produktiv”

Oder: Was ich in einer Nacht mit zwei Kannen Kaffee mache.

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Dieser Text entstand ausnahmsweise nicht zuerst auf Papier in der Kladde, sonder wurde direkt am Rechner erstellt.

 

Diese schlaflose Nacht vom Montag zum Dienstag. Die war außergewöhnlich. Denn üblicherweis bin ich, wenn der Schlaf mich flieht, angefressen, genervt. Ich rege mich auf darüber, daß ich nicht schlafen kann, obwohl ich es doch will. Und wenn dann nichtmal mehr Autogenes Training hilft, könnte ich heulen vor Wut. Weder bin ich dann in der Lage zu lesen noch zu schreiben. Es fehlt die Konzentrationsfähigkeit, da mein Fokus auf die unerwünschte Schlaflosigkeit alles blockiert. Diesmal aber war das anders. Ich hatte am späten Nachmittag ja etwas geschlafen, vielleicht drei Stunden. Als ich bemerkte, daß ich nicht schlafen kann, zu “aufgeregt” dazu war, setzte ich mich an den Schreibplatz und schlug die Kladde auf. Die, die mich zur Zeit überallhin begleitet. Und ein Buch lag daneben. Als erstes aber sortierte ich den Haufen aus, der sich (mal wieder) am Schreibplatz gebildet hatte, den Haufen von Zetteln, Gedrucktem, Briefen, Büchern und Heftchen. Einiges habe ich eingescannt, manches geschreddert, anderes direkt zum Altpapier gelegt. Die Bücher stellte ich in mein Bücherregal. Platz zum Schreiben war geschaffen. Inzwischen war auch der Kaffee durchgelaufen. So spät abends Kaffee? Ist ja klar, daß ich da nicht schlafen kann, oder? Ja, aber diesmal wollte ich auch nicht schlafen, schließlich hätte ich für mich viel zu früh aufstehen müssen. Diesmal wollte ich schlaflos bleiben. Und dann tauchte also ich eine Feder ins Tintenfaß und begann zu schreiben. Wechselte nach kurzer Zeit zu einer Ellenbogenfeder und war zum ersten Mal zufrieden mit dem Schriftbild, das ich damit hatte. Eine erste Seite der Kladde war komplett beschrieben. Ich blätterte um und schrieb weiter. Dann stockten die Wörter.

Gut, daß ich mir das Buch (nähere Angaben dazu unten) bereitgelegt hatte. Eine Frau schreibt über ihr Weiterleben nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes. Kein Buch zum Diagonallesen, nein, jede Zeile will beachtet sein und bedacht sein will jeder gelesene Satz. Drei oder vier Seiten las ich, dann griff ich mir einen der zur reparierenden Füllfederhalter. Zwar war dieser wegen Nicht­ge­brauch “nur” eingetrocknet. Doch es dauert auch immer seine Zeit, bis das Schreibgerät wieder schreibbereit ist. Und dann schrieb ich mit dem reakti­vier­ten Füller weiter. Die restliche halbe Seite, eine weitere Seite. Von Zeit zu Zeit saß ich einfach nur da, kaffeeschlürfend, die Flammen der Kerzen betrachtend. Den Gedankensturm im Kopf etwas zur Ruhe bringend. Und weil das mit dem ersten Füller so gut geklappt hatte, nahm ich mir auch noch einen zweiten. Ging damit wieder in die Küche. Spülte das Federstück mehrfach mit Wasser durch, bis es klar blieb. Danach eine Spülung mit (billiger) schwarzer Tinte. Die Verschlußkappe wurde auch gereinigt und getrocknet. Am Ende wurde der Konverter mit guter Tinte gefüllt und eingesetzt. Nach dem Zusammenbau kehrte ich zum Schreibplatz zurück. Wieder blätterte ich um und schrieb mit dem seoben hergerichteten Patronenfüller eine weitere, die dritte Seite. Eine dazwischen auftauchende, völlig andere Idee notierte ich nebenher auf zwei “Schmierzetteln” (was, wie sich im Nachhinein heraustellte, nicht notwendig gewesen wäre, denn die Idee umfaßte genau zwei Seiten der Kladde).

Diese Idee setzte ich übrigens gleich nach einer weiteren Tasse Kaffee in die Tat um: Ich numerierte die Seiten der Kladde mit grüner Tinte. Jede einzelne der einhundertsechzig Seiten. Danach sah ich mir die bisher beschriebenen Seiten an und überlegte, wieviele Zeilen ich wohl bräuchte, um ein aussage­kräftiges Inhaltsverzeichnis zu schaffen. Drei Zeilen, so dachte ich, seien wohl genug. Ich arbeitete also weiter und schrieb auf die drittletzte Zeile der Seite 160 die Zahl 160. Zwei leere Zeilen lassend, schrieb ich auf der dritten darüber die 159 an den Zeilenanfang. So ging es weiter. Bis ich schließlich auf die erste der 24 Zeilen dieser Seite die Zahl 153 schrieb. Ja, meine vermuteten drei Zeilen pro Seite paßten ganz hervorragend zu den 24 Zeilen einer Seite (ich hatte nachgezählt, bevor ich mich auf diese drei Zeilen festlegte). Und so ging es Seite für Seite rückwärts zählend bis vor zur Seite 140. Wieder war etwa eine Stunde der Nacht vorüber. Ich nahm mir vor, die schon beschriebenen Seiten der Kladde noch in der Nacht oder am frühen Morgen ins vorbereitete Inhaltsverzeichnis einzutragen. Und dann schrieb ich mit der Ellenbogenfeder weiter. Ich fand sofort den Faden des zuvor Aufgeschriebenen wieder. Bis Fünf füllte ich weitere fünf Seiten mit meiner Handschrift, trank den Rest der Kanne Kaffee, blickte immer wiede in die Flammen der Kerzen. Feder ins Tintenfaß tauchen, etwas abstreifen, schreiben. Und nochmal: Feder ins Tintenfaß tauchen, etwas abstreifen, schreiben. Und nochmal, nochmal, nochmal … Es war sehr einfach in dieser Nacht. Und ich war über mich selbst erstaunt. Über das andere Empfinden der Schlaflosigkeit. Über meine Geduld beim Gängig­machen der Füller. Über die kindliche Freude bei der Verwirklichung der Seitennumerierung und des Inhaltsverzeichnisses. Und ich war nicht müde geworden, war es um fünf Uhr noch immer nicht. Ich gönnte mir eine Pause. Ich setzte eine neue Kanne Kaffee an und las Gedichte aus dünnen Heften, die sich auf dem Haufen am Schreibplatz befunden hatten. Trank Kaffee dazu. Und las Gedichte von Eva Strittmatter (eines davon blieb haften in meinem Kopf bis zum gestrigen Abend). Und füllte schließlich das Inhaltsverzeichnis mit Stichworten/Textüberschriften der bisher beschriebenen Seiten. Wieder war eine Stunde um. Um viertel Acht fiel mir die Idee auf den zwei Schmierzetteln wieder ein. Weil ich nämlich alles, wirklich alles in einer Kladde aufschreiben möchte, schrieb ich den Text noch ab, schrieb genau zwei weitere Seiten. Merkte dabei, daß sie – als Einschub sozusagen – direkt nach der dritten Seite in den Text gepaßt hätten. Nun gut, jetzt war es eben anders. Aber zehn Seiten bleiben zehn Seiten.

Und dann war es Zeit dazu, mich fertigzumachen und wieder zur Zahnärztin zu fahren. Hinter mir lag eine schlaflose, produktive Nacht. Ich frage mich jetzt nur, wie ich bei jeder Schlaflosigkeit in einen solchen Gemütszustand kommen kann, der mich nicht vor Wut fast heulen, sondern produktiv schreiben läßt.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen der über 1000 Wörter.

Der Emil

 
 
[∗] Anneliese Probst: Das lange Gespräch. 2. Auflage 1999 © Dingsda-Verlag Cornelia Jahns, Querfurt. ISBN 2-928498-76-2

 

P.S.: Am 08.09.2021 waren positiv das ausgeglichene Schlafdefizit, überhaupt eine sehr ausgeglichene Stimmung, Spiegeleier mit Schinken und Butterbrot dazu.
 
Die Tageskarte für morgen ist der Ritter der Kelche.

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Über Der Emil

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2 Kommentare zu 2021,251: “Produktiv”

  1. Sofasophia sagt:

    Sehr erfreulich 👍🏼

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