Und die Freiheit vom Zeitdruck genossen.
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Entschleunigung ist es (unter anderem), die mich an den Mittelaltermärkten so fasziniert. Außer beim Aufbau und beim Abbau der Zelte bzw. des Lagers und der Handwerkerstände, geht es ziemlich gemütlich zu. Es kommt nicht auf fünf Minuten, auch nicht auf eine Stunde an. In meinem Scriptorivm mache ich hauptsächlich auf das Verschwinden der alten deutschen Handschrift aufmerksam und auf einige Besonderheiten, die damit auch verschwanden. Da sind zum Beispiel die beiden (ich hoffe, ich langweile nicht damit) S-Formen sowohl in der Handschrift als auch im Satz gedruckter Frakturschrift, die Ligaturen hauptsächlich im Druck usw. usf. Wer nun glaubt, daß hauptsächlich ältere Menschen das Lesen und Schreiben der alten Handschrift – gleich, ob Sütterlin oder Kurrent oder meine Mischung aus beiden – beherrschen, der irrt. Vom Schulkind über Twens bis zu alten Menschen ist es ziemlich gleich verteilt. Diesmal habe ich für eine Person ein Siegel entworfen, eine Liebeserklärung schreiben dürfen, diesen und jenen Tip an die Frau und an den Mann gebracht, ich habe über Falschschreibungen auf Heckscheiben scherzen können und über Unwissenheit beim Gestalten von Straßennamensschildern. Selbst in historischem Kontext wird zu oft das (falsche) Schluß-s geschrieben, dabei hoffte ich gerade dort auf richtige Schreibung. Allein, meine Hoffnung reicht nicht aus.
Ich lasse mir Zeit für die Menschen, die mich besuchen, die ich treffe. Ich beantworte auch Fragen, die unbeantwortbar sind. “Und wie haben sich die heutigen Buchstaben aus den alten entwickelt?” Die einfachste Antwort wäre “gar nicht”. Lustig auch die Reaktion eines Menschen, der auf seinem T-Shirt in Fraktur stolz war auf seine Nationalität. Allein, er war “Deuts-cher” statt “Deut-ſcher”, ich wies ihn auf den Fehler, die beim Satz der Schwabacher Judenlettern gemacht wurde und wies auch auf den Normalschrifterlaß hin, der Hitlers Forderung nach Abschaffung der Fraktur- und alten Handschriften umsetzte. Autsch, sah der mich erst bedeppert und dann wütend an. Solche Lügen könnten doch wohl nur linksgrünversiffte … (nein, die genaue Bezeichnung nene ich nicht) in die Welt gesetzt haben … Mehr Worte verschwendete ich nicht mehr, ich wendete mich anderen, schmunzelnden Besuchern zu.
Aber am schönsten an den Mittelaltermärkten ist jedoch das Erleben, daß ich mir für alles Zeit lassen kann, daß ich dort nicht am “Schneller – Höher – Weiter” mich beteiligen muß. Und das Lachen über meine Sprüche, mit denen ich durch die Besucher streife. Langsam übrigens, weil Menschen auch wiederkommen ins Scriptorivm und ich nicht ständig verfügbar sein muß, weil keiner mich zu etwas zwingen kann auf diesen Märkten. Ich werde langsamer, meine Gedanken werden langsamer, es bleibt mehr Zeit für Interaktion, entschleunigte Interaktion, für entschleunigtes Leben. Es tut mir gut.
Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.
P.S.: Am 23.06.2019 waren positiv ein nadelgebundenes Flaschenversteckerli, die Lacher auf meiner Seite, Tränen neben mir.
Die Tageskarte für morgen ist die Sechs der Münzen.
© 2019 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Ich mag das Wort „Entschleunigung“ nicht. Wenn ich mich entschleunigen will, dann muss ich ja wenigstens vorher alles gegeben haben, am weiter, schneller, höher, besser und was weiß ich noch voll beteiligt gewesen sein. Ich will aber da gar nicht hinkommen.
Schön, dass es dir so gefallen hat auf deinem Markt, in deiner Rolle. Ich denke, du wirst noch viele schöne Erlebnisse haben.
Wenn ich die Entschleunigung nicht nur auf mich, sondern auf die gesamte Gesellschaft bezogen betrachte, dann bin ich wohl mitbeschleunigt (gewesen). Ich habe nicht alles gegeben, aber ich bin normalerweise vom Jetzt! SOFORT! genervt — auf dem Markt fehlt das.
Habe eine Nadelbinderin aus LE kennengelernt, sie hat mir die Flaschenhülle gemacht.
Klasse! Das Nadelbinden ist eine feine Sache. Wenn ein Faden später reißt, zieht sich das zu. Das Loch vergrößert sich nicht weiter.
Mittelaltermärkte kenne ich (nur) von der Seite des Besuchers her, aber es deckt sich zum Teil mit deinen Beschreibungen. Ich genieße es immer sehr, auch mal hinter die ‚Fassaden‘ schauen zu dürfen. Es ist eine andere Welt, der Alltag bleibt draußen…Abschalten und Eintauchen, einfach Dabeisein und ja, für mich ist es auch Entschleunigung.
Ich liebe auch den ungezwungenen Umgang miteinender: nix gegendere, nix bolliddiggel goreggdness, einfach frei Schnauze.