Nº 173 (2019): Liederlich

Nein, das ist er nicht.

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Nein, liederlich ist der Vater nicht. Es fällt nur der Mutter auf und den anderen Menschen, die in seiner Nähe wohnen, daß der Vater immer mehr vergißt. Als erstes fiel auf, daß Vater beim Skat im zeitigen Frühjahr / im Fastnoch-Winter sehr häufig falsche Karten zugab. Aber das hätte auch an der Nervosität liegen können, war das doch der erste Skat nach 17 Jahren, die der Vater mit seinen beiden Söhnen und seinem ältesten Enkel spielte. Aber jetzt, jetzt kommen die Meldungen über die Mißgeschicke des Vaters immer öfter. Das macht wirklich Angst, denn Gunter beobachtet sich selbst sehr genau und stellt fest, daß er sich zum Beispiel immer öfter vertippt beim Abschreiben, bemerkt auch in seinen geschriebenen Texten immer häufiger orthographische Inkorrektheiten. Und daß Gunter Dinge, die er an den einen Platz legt, an dem er sie nicht übersehen kann und leicht wiederfinden muß, manchmal mehrere Tage sucht, ehe er sie dann an den unmöglichsten Stellen wiederfindet: Auch das nimmt zu. Wirklich. Solche Dinge stehen in Gunters Nachtkladde …

Vielleicht ist Gunter hypochondrisch in dieser Hinsicht. Und doch: Als Mensch zu vergehen und das selbst auch noch zu bemerken, sich sogar dafür zu schämen, das ist etwas, das er sich nie vorstellen konnte und sich nicht vorstellen kann. Ja, es gibt (gute) Filme und (gute) Bücher über das Thema, darüber, wie die Nächsten mit einem solchen Menschen umgehen können und sollen. Aber er, Gunter, wie geht er mit sich um, wenn er es bemerkt, daß immer mehr von ihm fehlt? Schiß hat er davor. Und versucht, sein Denkicht in Betrieb zu halten, den Fühlmuskel ordentlich zu trainieren, Erinnerungen bewußt zu machen. Deshalb tut er sich wohl auch so schwer mit dem Weggeben mancher Erinnerungsstücke, wertloser Zettelchen, abgerißner Eintrittskarten, fremder Haarlocken, alter Briefe.

Der Vater war auch immer so. Jetzt wird dessen persönliches Umfeld gerade verändert, im Haus wird einiges umgebaut. Stücke, die der Vater sein ganzes Leben lang wie seinen Augapfel hütete, mußten weg. Der Vater durfte, konnte auch nicht wirklich mitarbeiten, hat seine Rolle verloren. Und dann noch ein verschwundener Pachtvertrag, der dazu führt, daß jetzt Vaters Haisl (das Wochendendhüttchen am Waldrand, das er mit seinen Schwägern und seinem Schwiegervater aufgebaut hatte) geräumt werden muß, nachdem er es vor ein paar Jahren nocheinmal komplett wiederherrichtete.

Liederlich ist er nicht. Aber er, der Vater, der immer auf Ordnung achtete dort, wo er etwas zu tun hatte, läßt Dinge liegen, vergißt aufzuräumen, manchmal mitten im Tun. Sucht nach Dingen und wird zornig. Und Gunter hat nichts besseres zu tun, als das aller Welt zu erzählen. Und Angst zu haben um den Vater.

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

P.S.: Am 22.06.2019 waren positiv eine neue Glasfeder, sprechen über die Vergangenheit und gemeinsame Bekannte, ein glückliches Schulkind.
 
Die Tageskarte für morgen ist XVII – Der Stern.

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Über Der Emil

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