Nº 172 (2019): Beten und Beichten

Manchmal tu ich das mit gesprochenen Worten.

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Ja, ich bin 1995 konfirmiert worden, nachdem ich 1989 austrat aus der Kirche – zwar getauft, aber nicht konfimiert. Seit 1995 aber bin ich an vielen Stellen als evangelischer Christ erfaßt. Ja, ich besuche auch sehr gern Kirchen und (kirchliche) Friedhöfe und ich zünde sowohl in evangelischen als auch in katholischen Kirchen Kerzen an für Menschen, die ich mag. Beten ist … ein schwieriges Thema für mich. Denn trotz meiner Religions­zugehörigkeit kann ich nicht wirklich an einen personifizierten Gott glauben, aber an ein höheres Prinzip, an ein höheres, wirkendes Prinzip. An das denke ich, an das reiche ich ungelöste Fragen weiter, das bitte ich um Unterstützung, bei dem bedanke ich mich.

Manchmal aber bete ich auch in Worten. Selten, aber es geschieht. Am häufigsten das Vaterunser, das ich – nicht Kirchenglied, aber Sänger im Kirchenchor der Herkunfts­ge­meinde – Jahre vor meiner Konfirmation bereits kannte und konnte. Heute aber ersetze ich das “uns/unser” und “wir” durch die erste Person Singular. Warum das? Nun, weil es mein ganz persönliches Gebet ist, meines und nicht das einer größeren Gruppe. Ist das Blas­phe­mie? Vielleicht. Aber sollte ein aufrichtiges Gebet nicht besser ankommen als eine herunter­ge­leierte Gebetsformel? Und dann kommt noch dazu: Ich spiele einen Mönch auf den Mittelaltermärkten. Den meisten Menschen ist das bewußt, und denen, die sich mir öffnen wie einem echten Priester/Geistlichen, denen erkläre ich es. Noch ehe sie zu sehr in Detail gehen konnten. Und die Menschen reden trotzdem weiter mit mir, erleichtern ihre Seele (beichten beinahe) bei mir. Was soll ich tun? Sie wegjagen? Verspotten? Oder soll ich tun, was mir meine Religionszugehörigkeit dann doch gestattet und aufbürdet: ihnen ein Bruder zu sein und liebevoll mich ihrer anzunehmen. Das ist nichts anderes als Menschlichkeit, Mit-Menschlichkeit. Oder?

Nach den Märkten, ob ich nun solche ganz speziellen Gespräche führte oder nicht, gehe ich – wieder Blasphemie? – beichten sogar bei katholischen Priestern. Ja, es ist nicht erlaubt von der Institution der Katholischen Kirche. Und doch. Ich beichte, erhalte meine Absolution. Auch dann, wenn die Beichtväter wissen, daß ich evangelisch bin. Oder ich gehe in eine evangelische Kirche und spreche die Worte des Beichtgebets, meist leise, wenn ich mich allein und unbeobachtet fühle auch laut. Das macht meine Schauspielerei, das “Vortäuschen einer Weihe” nicht ungeschehen; und doch erleichtert das Beichten mein Gewissen ungemein.

Beten. Für mich hauptsächlich die innere Zwiesprache mit dem höheren, wirkenden Prinzip. Zwei Ausnahmen davon habe ich jetzt hergezeigt: Das Vaterunser und das (evangelische) Beichtgebet. Und noch mehr habe ich offengelegt. Zuviel?

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Am 21.06.2019 waren positiv eine Fahrt, eine Ankunft, mehrere Gespräche.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Neun der Stäbe.

© 2019 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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11 Antworten zu Nº 172 (2019): Beten und Beichten

  1. Sofasophia sagt:

    Ich sag mal so: Der Glaube ist für die Menschen. Gott, sollte es sie-ihn-es geben, wären solche Regeln doch scheißegal.
    Darum ist dein Handeln doch alles andere als blasphemisch.
    Well done, Brother!

  2. castorpblog sagt:

    Danke für deine Offenheit. Ich finde es gut, dass du deine ganz persönliche Religiosität gefunden hast. Ich bin katholisch getauft und gefirmt, habe meinen Glauben verloren, wiedergefunden und dann wieder verloren. Die katholische Liturgie gibt mir immer noch etwas, allein ich kann nicht mehr das Credo beten, weil ich an das meiste daran nicht mehr glaube.

  3. socopuk sagt:

    Danke für diese Einblicke, lieber Emil. Der Glaube ist etwas sehr persönliches, und es ist nicht leicht darüber zu sprechen wenn man Angst vor der Reaktion der anderen hat oder sich beobachtet fühlt… Ich besuche auch Gottesdienste verschiedener Konfessionen und nehme mit was mich daraus berührt.

  4. Mundraub?
    Ich bekenne mich schuldig
    ohne Berechtigung
    das Sakrament empfangen zu haben.
    Einzig ein abgelaufener Taufschein
    lag vor. Ist es Mundraub?
    Ich war hungrig nach Gemeinschaft,
    ließ mich einladen und ging zu Tisch.
    Erwarten mich in Zukunft
    Ausweiskontrollen am Altar?
    Muss ich damit rechnen,
    dass die Priester in Zukunft
    ihre Schäfchen persönlich kennen?
    Wirkt der Leib Christi nur bei Mitgliedern?
    Ist Gott katholisch?

    © Roswitha (früher katholisch, konvertiert
    zur Ev. Kirche wg. Scheidung)

    • Der Emil sagt:

      Großartig. Danke.

    • Nati sagt:

      Ich bin ev. Der Rest meiner Familie rk.
      Ich glaube nicht an den da Oben, mag aber die Atmosphäre in k. Kirchen. Würde aber nie dort berichten gehen oder am hl. Abendmahl teilnehmen. Ich empfinde, es gehört sich nicht. Auch wenn ich nicht gläubig bin, habe ich doch Respekt vor den Regeln und wahre sie.

  5. evenyleve sagt:

    Nein, definitiv nicht zuviel gesagt. Ich war mir im Glauben immer sicher. War. Weiss nicht, ob ich mich darin noch einmal in dem Ausmaß wiederfinde, wie er mir verloren ging. Bis dahin halte ich es mit Danzers Gott statt Religion.

  6. Für Nati: Was ist wichtiger, Regeln oder Barmherzigkeit? Wenn ich zum Abendmahl gehe, ist dies die Annahme einer Einladung zur Gemeinsamkeit. Ich schädige niemanden und störe nicht. Die Mitmenschlichkeit, von der Emil berichtet, ist zu dem Zeitpunkt so unendlich viel wichtiger als starre Regeln. Und beichten gehen darf jeder, egal ob zum Pfarrer oder zum Therapeuten, es hilft, wenn es ehrliche Reflektion ist.

    • Nati sagt:

      Bei uns in der Gemeinde kennt mich jeder, da meine Jungs auch in den k. Kindergarten gingen, dort getauft wurden und die Kommunion feierten. Beim Jüngeren steht auch bald die Firmung an.
      Ich für mich finde, es gehört sich nicht.
      Ich würde aber nie über andere richten wollen, die es so handhaben.
      Ich lege viel Wert auf Werte und Respekt. Habe es meinen Jungs auch so mit auf ihren Weg gegeben. Ich finde diese wichtigen Dinge im Umgang miteinander verschwinden immer mehr und das finde ich mehr als Schade.

  7. Der Emil sagt:

    Nun, das Abendmahl hab ich in einer nicht-ev-lut. Gemeinde noch nicht empfangen. Die Beichte allerdings schon mehrfach. Ich wurde auch nie nach meiner Kirchenzugehörigkeit gefragt — ganz im Gegenteil: Obwohl ich mich als Reformierter bekannte, wurde die Beichtmöglichkeit vom Priester (?) als an alle Menschen gerichtete Einladung bezeichnet.

    Vielleicht ist das nicht im Sinne der Instituion Katholische Kirche. Im Sinne des Glaubens ist es wohl doch.

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