Nº 131 (2019): Rundfahrtgezeugtes

Auf Ideenerhaschtour in der kleinen Großstadt.

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Das Wetter! Es regnete fast durchgängig diesen fiesen, feinen Regen, dem ich nicht enkommen konnte. Und doch wollte ich raus aus der Wohnung und unterwegssein. Gesagt, getan.

Zuerst bin ich zur Straßenbahn gegangen (sonst nehm ich dazu den Bus). Seit dem 6. Mai (oder war das in den letzten Wochen schon so – mir ist es erst in dieser Woche aufgefallen) sind die Linien 2 und 1 miteinander verknüpft, d. h. an einer bestimmten Haltestelle erhält der Straßenbahnzug nur eine neue Liniennummer und -bezeichnung und fährt einfach weiter. Ich fuhr also ohne umzusteigen etwa eine Stunde von HaNeu bis zur Gertraude (der Gertraudenfriedhof, der größte der Stadt). Von da aus ging ich trotz des Fieselregens zum Goldberg, ein Stückchen durch den Wald zurück zu einer Straße. Die ging es bis zur Endhaltestelle der Linie 1, bis zur Frohen Zukunft (in der die größte JVA der Stadt sich befindet). Von da aus durch die kleinen Sträßchen und auf Fußwegen bis zur Endhaltestelle der Linien 3, 8 und 12 in Trotha. Meine GPS-Aufzeichnung registrierte 6,8 km in genau 83 min. Ui. Gutes Tempo, aber wahrscheinlich vom Regen mitverursacht. Mit den Linien 8 und 10 und der Buslinie 36 fuhr ich dann, mit einem kleinen Einkaufsstop, zurück nach HaNeu und nach Hause.

Inklusive Einkauf dauerte das Ganze etwas über vier Stunden, vier erlebnisreiche Stunden. Denn ich saß schreibend und die Mitfahrer belauschend in der Straßenbahn. Oder eher umgekehrt: Ja, ich belauschte die Mitfahrer und schrieb. Und glaubt mir, es gibt viel, sehr viel zu hören in der Funkenkutsche, falls die gesprochene Sprache verstanden werden kann. Doch was nützt mir das Wissen über die Fast-Food-Vorlieben präpubertärer Mädchen oder das über Checker-Erfolge gerade pubertierender Jüngelchen? Und was nützt mir das über die bevorzugten Unterhosen eines Mannes in meinem Alter, über deren Aussehen, Eigenschaften, Preis und Beschaffungsschwierigkeiten sein Ehegespons ihre Freundin in epischer Breite aufklärt? Das ist alles in dem Moment, da ich es aufnehme, nichts mehr als unnützes Wissen. Ja, unnützes Wissen, aus dem – glückliche Umstände vorausgesetzt – irgendwann ein Text, eine Geschichte entstehen kann. Denn in meinem Kopf arbeitet irgendetwas mit diesem und anderem Gehörten und Erlebten. So entstehen auch Bilder in meinem Kopf und phantasievolle kleine Szenen vom Unterhosenmann und seinem Weibe, wie sie zum Beispiel ihn noch nie, all die 32 Ehejahre lang, noch nicht ein einziges Mal ihn gefragt hat, ob er diese Art Unterhosen wirklich gern trägt, überhaupt mag – oder hat sie nur die Überversorgung des Kerls von seiner Mutter damals übernommen? Welche Konflikte und Dramen sich aus 32 Jahren ungewollter Unterhosen (Boxershorts statt der gewünschten String-Tangas z. B., aber die stelle ich mir an Männern meiner Statur und meines Alters eher ungern vor) ergeben könnten, darüber brauche ich euch ja nicht aufzuklären. Und nach meiner heutigen Runde durch die Stadt weiß ich, daß irgendwann einmal ein Text entstehen wird über einen Mann, der sein Weib wegen vieler Jahre falscher Beunterhosung irgendwann haßt, wie man sonst nur die Schwiegermutter oder die Ex hassen kann. Und der entsprechend reagiert. Oder ein Text über die Reaktion des Eheweibs, daß seinen Ehemann zum ersten Male im (dann selbstgekauften) Stringtanga sieht und entweder entrüstet oder spottend reagiert (ja, dann müssen es die Stringtangas sein, aus Gründen) …

Und wenn ich mal wieder Lust habe auf neue Inspirationen, dann werde ich wieder mit Straßenbahn durch die Stadt gurken und lauschen und schreiben …

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Am 11.05.2019 waren positiv die Stadtrundfahrt, der darin eingeschobene Spaziergang im fiesen Regen, einige gehörte Anekdotengrundlagen.
 
Die Tageskarte für morgen ist der Bube der Schwerter.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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7 Antworten zu Nº 131 (2019): Rundfahrtgezeugtes

  1. Nati sagt:

    Schon lustig zu lesen dass es wohl immer noch Frauen gibt die ihre Männer einkleiden wie Kinder.

  2. Sofasophia sagt:

    👍🏻

  3. fata morgana sagt:

    Und weil auch ich in Bildern denke, sehe ich dich da sitzen, lauschen und schreiben, dann wieder aufblickend vom Geschriebenen, überlegen…vielleicht schmunzelnd den Kopf schütteln…danach ein Blick nach draußen und dich wieder in Gedanken deiner Kladde zuwendend…eine schöne Vorstellung, diese Bilder im Kopf…

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