Die Epze-Zahl steigt (#268)

Das Leben ist wie ein Brot ohne Luftblasen geworden

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Den ganzen Sonntag gefaulenzt. Richtig gefaulenzt. Entspannt vor meinem PC gesessen, Musik angesehen. Nichts im Haushalt gemacht. Fünf grade sein gelassen. Geschlafen, wann mir danach war.

Dabei hätte ich bügeln können – aber heute ist auch noch ein Tag.

Vielleicht denke ich seit Dienstag, seit meinem Kurzaufenthalt im Krankenhaus etwas anders über … Ja, über was denn?

Täglich etwas zu erledigen, eine Sache zu tun, die gemacht werden muß: Habe ich es damit übertrieben? Neben dem täglichen Blogtext eben noch etwas erledigen, täglich, jeden Tag – war das zuviel? Selbst meine Blogs schreibe ich manchmal einen Tag vorher, damit ich diese Mühe nicht habe. Und doch mußte ich jeden Tag noch etwas anderes erledigt haben, um mich nicht der Faulheit, des beginnenden Abdriftens in die Depression zu bezichtigen.

Vielleicht war/ist das ein Fehler, nicht richtig, nicht gut?

 

Das Leben heute ist schnell geworden. Und vollgepackt ist es, extrem dicht, wie ein Brot ohne Luftblasen. Ich muß immer etwas zu tun, zu erledigen haben. Müßiggang ist vertane, gar verlorene Zeit. Wer arbeitet, geht in der Woche arbeiten, bildet sich nach Feierabend weiter, macht Sport, engagiert sich irgendwo sozial, hat eine Familie zu versorgen mit Wäsche, Essen, Unterhaltung. Und das Wochenende wird vollgepackt mit Freizeitaktivitäten, so voll, daß Freizeit keine freie Zeit mehr läßt.

Freizeit, die keine freie Zeit mehr läßt …

Die Sklaven der Pflichten, der Terminkalender, der ständigen Erreichbarkeit, all der Hypes (keine Ahnung, was das wirklich sein soll): wir strampeln uns auch in unserer Freizeit in einem gigantischen Hamsterrad ab und versuchen, immer schneller zu sein als all die anderen. Dadurch dreht sich das Rad immer schneller. Und ab und zu fällt einer vor Erschöpfung um.

In diesem Moment gibt es drei Möglichkeiten:

  • Der Umgefallene wird von den restlichen Hamsterradlern zu Tode getrampelt.
  • Der Umgefallene kommt irgendwie, mit Hilfe der Nachbar- und/oder Nachfolgehamsterradler wieder auf die Beine und rennt weiter mit.
  • Der Umgefallene fällt aus dem Hamsterrad. Und versucht dann
    1. ganz schnell wieder ins Hamsterrad hineinzukommen
    2. außerhalb des Hamsterrades weiterzuleben.

Nur wenige bemerken den Irrsinn der Hamsterradrennerei selbst und rechtzeitig und steigen aus.

Früher, da mußte Mensch nur «der Beste» einer kleinen Gruppe sein, nur auf einem, seinem Gebiet. Heute muß jeder sich in allem mit der ganzen Welt vergleichen – zumindest wird uns das von den Medien (was das ist, konnte mir auch noch niemand so richtig erklären: Es scheint eine Macht, ein Machtinstrument zu sein mit dem uns wer-auch-immer zu beherrschen und zu lenken versucht) heute vorgebetet. Aber die Menschen hören doch nicht mehr auf das, was ihnen vorgebetet wird, die Zeiten sind doch überwunden?

Nochmal:
Früher mußte Mensch nur auf einem kleinen Gebiet etwas besser als die anderen Menschen einer kleinen Gruppe sein. Und: Früher gab es tatsächlich weniger Epze («Events pro Zeiteinheit»). Für alle. Von Montag bis Sonnabend. Und Sonntags war – bis auf den Kirchgang – für fast alle frei. So war es zumindest hier in Europa, wenn ich dem glauben kann, was ich in der Schule und von meinen Großeltern und Eltern und von anderen Menschen lernte. Heute steigt die Epze-Zahl immer weiter an – und es gibt immer weniger freie Zeit.

 

Ja klar, der Einzelne kann dieses Hamsterrad nicht aufhalten! Soll er doch auch nicht. Dazu rufe ich doch garnicht auf.

Ich habe nur einmal darüber nachgedacht, ob mir Brot ohne Luftblasen wirklich schmecken würde,
                                  ob ich vielleicht noch etwas anders leben kann, streßärmer, entspannter, menschlicher werde (so für mich und mein Gefühl).

Mit einem freien Sonntag.

Mit wirklich freier Zeit am Sonntag.

Die ich nicht krampfhaft mit Aktivitäten und Events vollstopfe, die mir (angeblich) guttun.

Und zu welchem Ergebnis komme ich bei diesem kruden Nachdenken?

 

Muß ich zu einem Ergebnis kommen?

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 23. September 2012 war die freie Zeit, die ich frei sein ließ (und zum Teil dann verschlief).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Die Epze-Zahl steigt (#268)

  1. Ellen sagt:

    Epze…welch ein Wort 😉
    Lieber Emil,
    zum Einen denke ich nicht, dass diese Deine Gedanken krude sind, zum Anderen…wollte Dir Dein Körper vielleicht einen kleinen Warnschuß geben, ein Stopschild vor die Nase halten? Ich weiß es nicht, was ich aber weiß ist, dass der heute so verfehmte „Müßiggang“ richtig und wichtig ist. Permanent im oberen Drehzahlbereich…kein noch so guter Motor macht das auf Dauer mit, dass sage ich mal als alte Truckerin.
    Und viel weisere Menschen als ich wussten das schon zu Zeiten, als an „Epze“ noch nicht zu denken war.
    „Es ist besser nichts zu tun als mit viel Mühe nichts zu schaffen“ (Laotse)
    und weiter:
    „Wer ruhig und still ist, wird zum Führer des Alls“
    schreibt Lao Tse im 6.Jahrhundert v.Chr. Gemeint ist vermutlich, dass müßige Ruhe und Stille die beste Gewähr dafür bieten, zu erkennen, wie tief wir in unserem Leben in die kosmische Ordnung eingebunden sind.
    „Um aber die Welt zu gewinnen, muß man frei sein von Geschäftigkeit“, ebenso Laotse.

    Sich dem Hamsterrad zumindest temporär und ganz bewusst zu entziehen, ist gewiss nicht einfach. Ich möchte Dir aus eigener Erfahrung aber versichern: Es lohnt! Der Lohn ist u.A. Wohlfühlen ohne schlechtes Gewissen…denn die Verinnerlichung dessen, was an Dich von aussen herangetragen wird (Pflichten, Aktiv-sein-sollen ect.) liegt ausschließlich in/an Dir.
    Ich denke, wenn Du zunächst einmal die Vorstellung ablegen kannst, dass derart Gedanken „krude“ sind, bist Du diesbezüglich schon auf der „Gewinnerstraße“, weil, um Oscar Wilde zum Schluß zu zitieren, den klugen Geist als Voraussetzung dafür, den hast Du.

    Gar nichts tun, das ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich diejenige, die am meisten Geist voraussetzt.
    Oscar Wilde
    In diesem Sinne, genieße das Nichtstun und sei achtsam 😉
    lG

  2. Follygirl sagt:

    Bravo!
    Du weißt ja, wie ich darüber denke…und kann nur sagen finde Dein eigenes „Ding“ und zieh es durch. Laß die anderen doch strampeln… wir genießen das Leben!
    LG, Petra

  3. Das Hamsterrad kenne ich nur zu gut. Die ganze Woche renne ich darin herum, manchmal auch vorneweg. Von Montag morgen bis Freitag abend und dann biege ich ab. Das Wochenende gehört mir. Ich gehe nicht klettern, wandern, Boot fahren, marschiere nicht bei irgendwelchen „wichtigen“ Demos mit. Nein, ich liege faul auf meinem Sofa. Esse wann ich will, trinke wann ich will und wenn ich nicht ans Telefon gehen will lasse ich das. Am Montag antworte ich auf die Farge was hast du am WE gemacht: Nichts. Ich stoße auf unverständnis. Du mußt doch irgend etwas tun um zu entspannen.
    Du kannst doch nicht einfach nichts machen. Doch ich kann….
    Und jetzt ist Montag und ich renne….

  4. 🙂 🙂 🙂 liebe emil, toll. einen schönen tag, deine steff

  5. Frau Momo sagt:

    Sehr lesenswert, Deine Zeilen. Danke dafür.

  6. Himmelhoch sagt:

    Emil, an vielen Stellen kann ich mich mit deinen Zeilen identifizieren – ich mache mir meinen Stress allerdings meist selbst, da ich kaum Forderungen von außerhalb habe. Vielleicht gerade deshalb ist für mich das Sprichwort „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ mit einer gewissen Wahrheit behaftet. – Diese innere Ruhe und Gelassenheit – sie ist mir nicht gegeben, aber zum Glück erhole ich mich immer wieder in der Nacht von allem – wenn das nicht wäre, würde ich zusammenklappen.
    Liebe Grüße zu dir

  7. … das Leben genießen ist schwer manchmal, weil man den Kopf voll hat von so vielen Dingen, ich empfinde auch manchmal das mein Leben früher leichter war, wir hatten auch Probs aber nicht solche wie heute, aber vielleicht liegt es auch daran das man älter geworden ist, Dinge ganz anders sieht und auch anderes damit umgeht….

    …wir versuchen trotz aller Schwierigkeiten , Zeit für uns zu nehmen, denn wir leben nur kurz und da wollen wir es *schön* haben… glücklich zu sein ist wichtig …
    Sonntags z.Bsp. machen wir nie irgendwas wozu wir keine Lust haben, nur ab November muss Mr.Timebandits immer Sonntags arbeiten , da hat er nur Samstags frei… so legen wir den Faulenztag einfach auf Samstag um ^^

    … vom Alltag abschalten ist eben auch nicht immer leicht, aber man muss das machen um nicht die Lust am Leben zu verlieren….

    Ich wünsche Dir weiterhin alles Liebe und eine schöne Woche
    lg tb

  8. Mia sagt:

    Da schau ich mal ein paar Tage nicht rein….. ich hoffe Dir geht es gesundheitlich wieder topp.
    Das Hamsterrad – manchesmal wird man auch reingesetzt und dem Rad von Aussen Schwung verpasst. Da kannste nur rennen….. oder auf die SChnauze fliegen.

    • Der Emil sagt:

      (Schonen soll ich mich noch – sonst gehts wieder.)

      Zur Zeit sitze ich draußen, neben dem Hamsterrad. Nein, ich will nicht wieder hinein; und hoffentlich sehe ich nächstens noch, daß der Weg außerhalb des Hamsterrades weiterverläuft.

  9. Sofasophia sagt:

    ach, du sprichst, du schreibst mir ja sowas von aus dem herzen.

    schon dich gut (musst du zurück in die massnahme? wie lange dauert die noch?) und lass dich bloss nicht unterkriegen. (wie plattitüd das klingt! ich hoffe, du verstehst mich …)

    herzlich, soso

  10. Frau Blau sagt:

    Frei…Zeit… und weil sie die ganze Woche ackern gehen und am Samstag dann noch die Wohnung putzen müssen und den Wochenendeinkauf erledigen, ist am Sonntag wohl die Luft raus, aber nein… da heißt es es nun aufs Radel steigen und die Berge hochackern oder… schau doch mal den SonntagsfreizeitlerInnen ins Gesicht… Entspannung? Freude? ach iwo…
    weischt, lieber Emil, ich mache bei all dem schon ewig und drei Tage nicht mehr mit und wirklich tat ich es noch nie… wohl dem und der, die einen eigenen Kopf haben!

    du schreibst, ob alles Zuviel war… vielleicht ist es ja nur die Maßnahme, die dir stinkt und wirklich Zuviel ist?!

    wie auch immer noch, ich wünsche dir viiiiiel freie Zeit und ein gutes Durchgehen bis März
    herzliche Grüße
    Frau Blau

  11. minibares sagt:

    Brot ohne Luftblasen kann ich mir gar nicht vorstellen.
    Freizeit sollte nicht nur mit einer Art Faulenzen verbracht werden.
    Bewegung ist so wichtig.

  12. Gabi sagt:

    Ja leider lässt man sich oft auch in dieses Hamsterrad drängen, obwohl man nicht muss und mit dem Freizeitstress läuft es ähnlich ab. Darum genießen wir auch immer so unseren Urlaub in der Hütte, auch wenn ich mir sicher bin, dass es genug Bekannte von uns gibt, die uns etwas „eigen“ deswegen halten, was uns aber egal ist. Wir genießen es eben auch, mal endlich viel ZEIT zu haben und das ist herrlich!

    Im Grunde genommen muss jeder selber herausfinden, was er möchte. Man muss nicht jedes Wochenende irgendwelche Aktivitäten setzen, nur um „dazuzugehören“, überhaupt dann, wenn man es NUR aus diesem Grund macht. Und auch im Alltag sollte man versuchen, sich nicht allzu viel aufzuhalsen und auch auf seinen Körper hören. Der sagt einem meist früh genug, wann es zu viel ist.

    Wünsche Dir weiterhin gute Besserung.

    LG Gabi

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