Zur Arbeitstechnik. Methoden und Arbeitsstil beim Texten.
Eine nicht ganz ernst gemeinte Überschrift über einem durchaus ernstgemeinten Text.
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Hm. Dieser Text von Gestern, über allerlei Umwege von Freßpaket zu Freudentränen: Wie entstand der wirklich?
Zunächst las ich vorgestern Heiner Müller, ältere Texte von ihm. Und wurde so an meine Zeit in der DDR erinnert, die ich ganz sicher nicht als “schlechte Zeit” bewerte. Aber das ist im Moment nicht wichtig. Beim Lesen erinnerte ich mich an die Pakete, die die Verwandschaft aus dem Westen schickte.
Westpakete, zumeist mit Schokolade und Kakao und Kaffee und Backaroma, mit Mandeln und Kokosraspel und Rosinen, mit Strumpfhosen für die Mutter und mit Zigarren (nur: bei uns zuhause rauchte niemand). Immer mit dabei waren auch Seife und/oder Deospray und Kaugummis. Alles vom Feinsten aus den Filialen der A******* Lebensmittel & Delikatessen International (meine eigene Übertreibung, ich bitte zu verzeihen).
So saß ich und erinnerte mich an die Westpakete, die “der Westen” in die DDR schickte. Und dann erinnerte ich mich auch an die Freßpakete, die mir die Familie zur NVA schickte. Die waren wichtig, brachten sie doch etwas Abwechslung in die doch recht eintönige Ernährung der Mannschaftsdienstgrade.
Zum Freßpaket wollte ich mir dann eben etwas aufschreiben. Daß ich ein wenig müde war, das störte mich nicht und dem maß ich auch keine Bedeutung bei. (Wobei: Wenn ich jetzt darüber nachdenke, so schreibe ich öfter in einem Dämmerzustand, in einer halben Trance, im Halbschlaf; bestes Beispiel ist mein «cerf-volant»; und ich habe heute um die Mittagszeit bei DRadio irgendwo etwas zur künstlerischen Wirkung von Schlafentzug und Halbschlaf gehört, kurz nach den “Fragen an den Autor”.)
Also im Zustand des Nicht-Voll-Da-Seins schrieb ich dieses Sprachspiel, diese Metaphernwulst an einem Stück herunter. Sonderbar war, daß ich diesen Text nicht erst auf Papier, sondern sofort in die Tastatur schrieb. (Für meine Blogs habe ich hervorragende, selbstgemachte Vorlagen, die alle notwendigen Formatierungen und Tricks als HTML-Quelltext enthalten. Ich schreibe auch im HTML-Quelltext, immer. Ich muß also während des Schreibens nicht über Formatierung und ähnliches nachdenken, kann mich voll auf das Schreiben – im Normalfall das Abschreiben! – konzentrieren.)
In diesem Dämmern gerate ich oft – aber was heißt hier schon “oft” – in den Fluß (neudeutsch Flow), diesen Zustand, wo sich Eines nahtlos ans Andere fügt und alles nur so flutscht. Manchmal dauert der Zustand nur wenige Minuten, wie vorgestern. Wenn er länger währt, dann entstehen Märchen, Zeichnungen (die meiner Merinung nach aber nicht gut genutg zum Zeigen sind) oder Phototouren.
Steuern kann ich das nicht oder nur in sehr geringem Maße. Wohl kann ich einen Startpunkt vorgeben, von dem aus alles geschieht, aber das war es schon. Beim Schreiben und Zeichnen ist das ein Wort. Beim Photographieren sind es die Kamera, die Tageszeit und die Richtung, in die ich mich wende.
Die Liebste hat übrigens erst vor kurzem miterlebt, wie Texte bei mir entstehen, schnelle, spontane, “aktuelle” Texte. Das braucht für die erste Niederschrift der Idee – die meist der Endfassung schon sehr nahe kommt – oft keine 30 Minuten. Die meiste Zeit fressen Bildauswahl, Bildbearbeitung und Korrekturlesen nach dem Hochladen. Aber das ist nur bei den normalen Texten so.
Also war es eine Art “Schreibrausch”, in welchem ich vorgestern einfach nacheinander aufschrieb, was mir beim Wort Freßpaket genau so nacheinander durch den Kopf raste. Ohne darüber nachzudenken und etwas daran bewußt zu (ver-)ändern.
Sonst sitze ich durchaus auch mal mehrere Stunden an einem Textchen, z. B. an so einem 28er, ehe alles paßt und ich damit zufrieden bin. Und ihr? Geht euch das Schreiben leicht von der Hand? Oder “arbeitet ihr richtig” am Text, quält euch gar auch?
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 24. Juni 2012 war das Zubettgehen kurz vor sieben Uhr morgens und das Sushi am Abend.
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(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).
über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können in meinem Blog erfragt werden.
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ja, ich arbeite an texten und ja, manchmal quält es auch – wenn ich nicht die richtige formulierung finde, nicht das richtige wort. nicht das ausdrücken kann, was ich ausdrücken möchte. manche texte schaffen es nicht bis zum leser, weil ich sie noch bearbeiten möchte, weil ich sie für noch nicht fertig halte.
diesen „flow“ den du beschreibst, den kenne ich auch und genieße ich auch. allerdings ist er nicht immer da.
mein schreiben geschieht manchmal aus einem zustand / in einem zustand der stille, aber das ist nicht zwingend so. ich kann auch schreiben, wenn ich starke gefühle habe. oder spontan, wenn mich etwas oder jemand inspiriert.
in einem, wie du es nennst „dämmerzustand“ kann ich auch schreiben, z.b. manchmal morgens, gleich nach dem aufstehen. da kommen i.d.r. auch andere texte heraus, als wenn ich richtig „wach“ bin.
manchmal geht auch gar nichts. überhaupt nichts. das zu akzeptieren fiel mir eine zeitlang sehr schwer und ich habe lange gesucht, bis ich einen weg gefunden habe, mit der schreiblosigkeit umzugehen, sie zu ergründen. seither schreibe ich anders, nicht nur, weil ich mich verändert habe.
Was mich am meisten quält, sind die fehlenden, nicht auftauchenden Ideen. Das ist Qual für mich. Das kann ich (noch) nicht akzeptieren. Wenn Du einen Weg hast, dann beneide ich Dich jetzt ein wenig …
Ach du meine Güte… da ich eine echt faule Sau bin, schreibe ich dirket und stelle meistens sofort online. Sehe dann immer noch wieder Fehler, beim einmal laut Lesen,verbessere mich…. und werde gerne als idiot betitelt, eben wegen der vielen Fehler. Egal…
Vorschreiben? Bei meinen Textchen nicht nötig, wobei ich glaube ich habs irgendwann (unbewußt) schon mal formuliert und kann dann so eine Geschichte runterschreiben.
Du gibst Dir ja wirklich viel Mühe… bewundernswert.
LG, Petra
Ach, ich schreib doch meist unterwegs. Da habe ich keinen PC, sondern nur Stift und Kladde, so daß ich „vorschreiben“ muß. Na gut, als Rechtschreibfanatiker (alte, richtige Rechtschreibung) bin ich dann etwas strenger mit mir und ärgere mich bei jedem überlesenen Fehler …
das Leben ist zu kurz… ich möchte noch soooo viel machen… meistens versteht man mich ja (hoffe ich?).
P.
lieber emil,
auch bei mir ist es unterschiedlich- manchmal ist es rein aus dem bauch heraus, dem fluss hingegeben- das passiert aber meist am abend (ausnahmsweise auch am morgen) in meinem gedankenauffangbuch. später, wenn ich das eintippe, was ich für den öffentlichen raum deklariere, wird gefeilt. das geht mal schnell, mal langsam.
und dann gibt es auch das schreiben mit einer idee, einer überschrift, einem ziel. trotzdem lass ich auch dann erst einmal fließen. es hat etwas von mich leer machen bei gleichzeitiger öffnung für das, was kommen will. da ist manch überraschungsei dabei- feilen kommt auch dort später.
beim automatischen schreiben finde ich oft noch so einiges, was wohl beim rein überlegten schreiben verborgen geblieben wäre.
ich nenne es ein abenteuer. gerade denke ich an mein kinderbuch, da wusste ich am morgen oft noch nicht, was am abend dort stehen würde. das lektorat und die feilerei am text, das ist dann die wirkliche arbeit.
danke für diesen input.
herzlich grüßt dich frau blau aus dem heute verregnetem schwarzen walde
schön, übrigens, dass du die DDR-Zeit nicht als schlecht empfindest. wieso auch ;o)
Ja, wenn ich feilen mag, dann … dann artet das echt aus. In wirklich intensive grammatische und semantische Wühlerei.
Und was ich feststellte, daß nämlich diese Assoziationsketten, das automatische Schreiben üblicherweise in einem Dämmerzustand stattfindet, hat mich doch überrascht. Unter dem Einfluß legaler Drogen z. B. funktioniert es nicht.
Gedankenauffangbuch – das scheint etwas ähnliches zu sein wie mein analoger USB-Stick 😉 (meine Kladde).
Ich unterscheide zwischen dem, was ich so nebenbei mitteilen möchte, wie Alltagsdinge, die ich im Blog veröffentliche. Dann gibt es Texte, die ich reifen lasse, wie früher die Wortbeflügler in einem anderen Blog. Da habe ich schon nach Worten und Formulierungen gesucht, an Reimen gefeilt und mit Worten gespielt. Einen Text des automatischen Schreibens habe ich nur einmal eingestellt, weil der schon etwas verstörend wirkte. Wenn Du magst schau mal hier: http://wp.me/p1frmn-Vz Von dort gibt es auch einen Link zu kreadiv, die den Anstoß gab.
Liebe Grüße von Elvira
Ich schreibe nichts vor, aber ich bin auch kein Künstler. Irgendwie ist es wie Briefe schreiben, plaudern, eben ganz locker. Wer nicht mit mir reden will, der lässt es. Und genauso ist es auch mit dem Zeichnen. Das sind meine Kritzeleien, entstanden aus irgendeiner Laune, ohne tieferen Sinn. (Den möchte ich auch gar nicht ausgewertet haben.)
Allerdings mache ich mir auch keinen Kopf, ob denn mein Kram bestimmten Ansprüchen gerecht werden kann. Wie gesagt, ich bin kein Künstler, mache keine Kunst und muss auch keine verkaufen. Ich weiß, dass es Leute gibt, die dann meinen, dass man alles besser für sich behalten sollte. Ich sehe das anders. (Das habe ich bei einem alten Schäfer gelernt: Es ist wie es ist, und was wird, das wird eben.)
Das „Vorschreiben“ kommt bei mir ja daher, daß ich Texte meist unterwegs verfasse – mit Stift in einer Kladde – und sie zuhause dann in den PC übertrage.
Ah, und der Künstler: Na klar bin ich einer! Ich schreibe und photographiere, schaffe Eigenes, und das ist für mich eben Kunst. Falls jemand meint, ich solle etwas für mich behalten, entgegne ich ihm, daß er es ja nicht – hochgestochenes Wort – rezipieren muß 😉
Da hast du Recht. Solche ähnliche Antworten gab es dann auch schon. 😀
Einen Skizzenblock habe ich auch immer mit. Nur mit dem Grafiktablett zu Hause zeichnen kann ich im Moment nicht, weil ich meinen Griffel in der Gastwohnung vergessen habe.
Manno, ich werde alt, vergesslich, tüdelich … 😀
hihi … schön gebrüllt, lieber emil!
ich war grad vorhin auf milena mosers blog, eine schweizer (bestseller-)autorin. zu recht. sie schreibt auch immer so: zuerst dieses spontane, fliessende, ungezähmte – erst später dann aufräumen, ordnen. mach ich eigentlich ganz ähnlich, wie du es beschreibst. (http://www.milenamoser.com/blog/?p=449)
und auch blinkyblanky beschreibst es so:
„dass ein lebhafter, halbkontrollierter Farbauftrag möglich war. Beim Zeichnen ist es auch oft so, dass ich zu zögerlich arbeite, zu viel reflektiere und verwerfe. (…) einen Zustand zu erreichen, bei dem die Arbeit fließt und nicht ständig in Grenzen gewiesen wird.“ (http://blinkyblanky.wordpress.com/2012/06/24/atelier-2/)
es lebe die idee, die fantasie, die inspiration. dank deinem tipp neulich, mal wieder automatisch zu schreiben, habe ich auch wieder spass am absichtlosen schreiben. danke!