Am anderen Ende der Wahrheit III (#091)

Schritt 3 (ins Abseits?)

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Der Halbsatz hat mich nicht nur prosaisch weiter beschäftigt. Ich spiele noch ein wenig mit dem Wahrheitsding herum.

Jetzt hatte ich sogar die Muße, dieses Wahrheits-Ding in feste Formen zu bringen. Es sind keine Sonette, keine Stanzen, keine Limericks. Sondern die drei Formen, die hier immer wieder auftauchen.

Fünf-Sieben-Fünf Silben – die kürzesten Gedichte der Welt. Die meisten würden es Haiku nennen, das ist es aber nicht. Es fehlen die Konkretheit und der Bezug auf die Gegenwart, für ein traditionelles Haiku fehlt auch die Andeutung einer Jahreszeit mit dem Kigo. Deshalb ist es ein Senryū:

 

Der Lüge Anfang
Und das Ende der Wahrheit
Ist schon Dein Schweigen.
 

Ein Senryū

 

Ich höre die Fragen «Und das soll ein Gedicht sein? Das reimt sich doch garnicht?» Also bitte, das Prinzip «Reime dich, oder ich fresse dich» wurde doch schon 1673 von einem Herrn Gottfried Wilhelm Sacers kritisiert …

Den 28er habe ich auch desöfteren probiert. Da paßt so viel hinein! Aber bringt mich das meinem Halbsatz näher? Bin ich damit schon «am anderen Ende der Wahrheit»?

 

Gibt es ein Ende der Wahrheit?
Wie sicher sind wir denn heute noch
In unseren Phantasielebensläufen?

Ein 28er nach Helmut Maier.

 

Plötzlich taucht noch die Sicherheit auf. Und wie man seinen Lebenslauf am geschicktesten schönt, das bekommen die meisten im Weiterbildungskurs “Kybernetische Strategien der Laufbahnplanung” gelehrt. Mit Förderung durch Jobcenter u.ä. Auch ein Ding der Wahrheit …

Sogar beim Doreacht stelle ich fest, daß mich zunächst «das Ende der Wahrheit» beschäftigt. Die Frage, ob es das überhaupt gibt. Und wo. Und wann. Das Ende der Wahrheit.

 

Lügst Du mich heute wieder an
So werde ich Dich bald vergessen
Und auch Dein Bild aus meinem Herzen brennen
Das wird der Grund weshalb wir heut uns trennen
Gemeinsam hatten wir ermessen
Wie weit die Wahrheit gehen kann

Ein Doreacht

 

Ja, wenn ich schon sowas Komplizertes erfinde, muß ich mich mit meinem Thema auch daran versuchen. Oder?

Daß Wahrheit durchaus subjektiv, also abhängig von demjenigen Menschen ist, der sich gerade mit der Wahrheit befaßt, ist mir schon bewußt (an einer solchen Bearbeitung des Themas schreibe ich gerade). Trotzdem bin ich unzufrieden.

Es wird mich weiter umhertreiben. Zur Zeit brauche ich eine Rahmenhandlung, die Jahre später dazu führt, daß zwei Teilnehmer an einem Ereignis, die seit diesem Ereignis auch keinen Kontakt mehr zueinander hatten, unabhängig voneinander über dessen Ablauf und die dabei erlittene Enttäuschung sprechen.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 30. März 2012 war – ich find echt nichts. Zum ersten Mal weiß ich nichts Positives von diesem Tag. Obwohl: Das Geld war schon auf dem Konto …

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Am anderen Ende der Wahrheit III (#091)

  1. helmutmaier sagt:

    Super Gedankenketten. Danke, dass „mein“ 28er dabei sein darf.

    Liebe Grüße
    Helmut

  2. mayarosa sagt:

    Vielleicht ist das Die an der Wahrheit schon ihr Ende. Suggeriert es doch, Wahrheit sei objektiv, was sie, wie du selbst schreibst, nicht sein kann.
    Bei deiner Rahmenhandlung kann ich dir nicht helfen, aber es erinnert mich an so manche Kommunikation mit einer Gruppe von Kindern, die jeweils aus ihrer Sicht über dasselbe Ereignis berichten und ich mich fragte: Reden die wirklich vom selben Ereignis oder war jeder bei seinem eigenen Erlebnis?

    • der_emil sagt:

      Sowas in der Art schwebt mir aus dem Erwachsenenleben vor. Ich werde wohl die Sozio- oder Psychologiestudenten bemühen oder eine Zeitung oder eine Fernsehsendung …

  3. arso sagt:

    Lieber Emil,

    als ich die 3 Blog-Einträge zum durchaus großen Thema ‚Wahrheit‘ las, ging mir (auch als Sympathisant Hegels) durch den Kopf, dass es doch -immer wieder- erstaunlich ist, dass ein so junger Spross (Anm: der Begriff) die MENSCHHEIT immer wieder aufs Neue beschäftigt; denn ich halte einen Teil dessen, was sich der Mensch (über seine Geschichte hinweg) unter dem Bezeichner Wahrheit subsumiert hat, für eher modern. Jene Komponenten, die alt sind, die hat man früher mal versucht (logisch-konstitutiv) in den Sphären des Metaphyischen zu verorten. Aber die Metaphysik gilt ja weitgehend als tot, so dass sich die heutige Beschäftigung mit ihr (der Wahrheit) m.E. meist nur noch verkürzend darstellt, nämlich dergestalt, dass sie überwiegend auf ontologische und logisch-konstitutive Ebenen ‚begrenzt‘ wird.

    In gewisser Weise kann man m.E. heuzutage eine Verortung von Wahrheit so machen, als dass man sie schlicht als „Beliehenes Wissen auf Zeit“ betrachtet. Da steckt ja implizit (auch) drin, dass es weder DIE gibt, noch, dass sie EWIG gelten würde, noch, dass sie Alleinstellungsmerkmale im Sinne von DER Objektivität repräsentieren kann. Eine andere, mir hin und wieder sogar genehmere Perspektive wäre die, dass man Wahrheit mit Realität synonym setzt. Und daraus folgt dann, dass es unendlich viele gibt, denn Realitäten gibt es ja nicht nur die 7 Mrd, die jeder Mensch -qua status- (ab)bildet, sondern zusätzlich die nicht zu definierende Anzahl jener, die man als Projektion(en) hinzuziehen müsste.

    Es bleibt aber wohl (schon aus rein pragmatischen Gründen) zu attestieren, dass der Mensch eine große Sehnsucht verspürt, eine Bemühung darauf zu geben, dass es eine Reduktion auf eine vieles (im Ideal: alles) umfassende W. geben könnte. Das Recht z.B. versucht hierbei in meinen Augen nicht mehr, als eine Auslotung zwischen einem ‚größtmöglichen‘ Nenner, unter dem sich möglichst viele wiederfinden können (und sollen) und dem Anspruch nach einer (in Strenge niemals) zu erreichenden Gerechtigkeit für alle zu finden.

    Nun ja, an dem, was ich gerade schrieb, ist sicher nichts Wahres dran, aber es ist eine versuchte Beleihung (m)eines Wissens im Spiegel (m)einer (Um)Welt…

    Oder so:

    Wahrheit wird nie SEIN –
    Sie wird konstituiert
    Durch ein (oder mehrere) WEM oder WAS –
    Und inhaltsleer doch schabloniert.

    Herzlichst,
    arso

    • der_emil sagt:

      Hm. Dabei wollte ich die philosophische Dimension weglassen und mich um das Ende, sogar um das Gescheh’ne und den Zustand am anderen Ende der Wahrheit mit Worten bemühen.

      Eine Phantasie, die jeder so schon erlebt haben kann, eine unwahre Geschichte (im Sinne von: nicht erlebt), die aber soviel Wahrheit enthält, daß sie nicht nur wahrscheinlich, sondern tatsächlich geschehen erscheint. Und die sich um das Ende und um das am anderen Ende der Wahrheit dreht …

      • arso sagt:

        Also wenn Du sie (die PD) weglassen wolltest, dann lass sich weg. Punkt. Meine (‚Gegen‘)Position ist nur, dass ich stark bezweifle, dass man dies tun kann, denn schon in dem Moment, in dem nur ein Zweiter am Kontext Wahrheit beteiligt ist, geht es m.E. in Richtung Verallgemeinerung und damit ins P. 🙂

        • der_emil sagt:

          Hm. Keine strikt künstlerische Verarbeitung möglich?

          • arso sagt:

            Kurz und knapp: Nein.

            Es sei denn, es gelänge Dir eine Grammatik zu finden, die außerhalb der von uns bisher -als Verständigungshorizont- verwendeten Sprache liegt. Dies wäre natürlich gem. Chomsky möglich. Wenn Dir das vorschwebt, dann bin ich durchaus gespannt…

            • der_emil sagt:

              Jetzt mal den abstrakt philosophischen Begriff Wahrheit zur Seite gelegt.

              «Am anderen Ende der Wahrheit …» – um diesen Halbsatz geht’s, mit dem schlage ich mich rum. Um diesen Rest eines Traumes versuche ich eine Geschichte oben genannter Art zu schreiben …

              • arso sagt:

                Mit dem ‚abstrakt‘ philosophischem Begriff der W. habe ich mich kaum befasst; eher mit ihren subjektiv konnotierten, pragmatischen Ausläufern.

                Es mag sein, Emil, dass Du ein ‚anderes‘ Ende der W. suchen magst; aber solange Du keine Grammatik vorlegst, die dies semantisch belegt, bin ich nicht bereit, Dich außerhalb ihres ’normalen‘ Wirkens zu verorten. Aber mach Dir keine (weiteren) Gedanken: Wenn DU nach einer
                ‚anderen‘ Wahrheit suchst, dann ist es Dein gutes Recht und auch Deine künstlerische Freiheit, dies zu tun.

                Gute Nacht!

  4. nur kurz zum „nichts positives gefunden am tag“ – ich habe ja auch über sehr lange zeit jeden abend das positive des tages aufgeschrieben. und wenn ich an einem abend gemerkt habe, dass es nichts positives gab – habe ich mir gezielt einen positiven moment geschaffen. muss ja nichts großes sein. eine tasse heißen kakao, einen schönen abendspaziergang, ein ausgiebiges bad, eine stunde mit gutem buch ins bett kuscheln, die lieblingsmusik anhören… irgendwas lässt sich immer finden, um dem tag doch einen positiven augenblick abzugewinnen 🙂

  5. der_emil sagt:

    Na, hab ich doch auch versucht. Mir fiel ja doch noch was ein. 😉

    (Zuviele Blogs gelesen am Freitag, die mich heftig getriggert haben.)

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