199.2026: Bevorstehend

Auch das scheint eine Angst zu sein: die vor der eigenen Courage.

 

Zwei Stunden wach zu sein vorm Weckerklingeln ist blöd. Der Körper – oder das Hirn? – meint, ich hätte ausgeschlafen, aber das stimmt nicht, auf keinen Fall. Ich habe weder Lust noch irgend ein anderes Bedürfnis, jetzt mein Bett zu verlassen; es gibt einfach keinen Grund dafür. Außerdem hatte ich grad vorm Erwachen einen hochinteressanten Traum. Ja, das weiß ich noch – aber der Inhalt ist im Nirgendwo verschwunden.

Ich bleibe liegen und denke über etwas nach, das allgegenwärtig ist. Meine Gefühle. Meine Bedürfnisse. Nicht die, die von der Werbung geschaffen sind, sondern die anderen. Die ureigenen. Die angenehmen Gefühle und die unangenehmen. Die menschlichen Grundbedürfnisse und meine individuellen Ausprägungen davon. Irgendwann kommt mir die sonderbare Idee, daß sowohl auf meine Bedürfnisse als auch auf meine Gefühle quantenphysikalische Prinzipien anwendbar sind. Denn ich merke eines sehr deutlich: Beobachtung verändert ihre Wirklichkeit. Genauere Beschäftigung mit meinem Bedürfnis nach körperlicher Nähe führt dazu, daß ich dessen Dringlichkeit abhängig von meiner gegenwärtigen Situation ganz unter­schied­lich wahrnehme. Blödes Beispiel, aber das erste, das mir einfiel. Bei den Gefühlen – oder sollte ich das besser Emotionen nennen? – fällt mir die Auswahl zwischen Traurigkeit und Freude zunächst schwer. Dann aber sehe ich mir meine Angst, meine Ängste an. Es sind verdammt viele (Höhenangst, Verlassensangst, Angst vor dies, das und jenem). Dann schaffe ich es, nach und nach nur eine von diesen Ängsten zu betrachten. Und auch hier: Die meisten werden kleiner, wenn ich genau hinsehe. Allerdings hab ich im Alltag keine Zeit dazu bzw. bin ich in der Angst nicht in der Lage, das zu tun. Entkatastrophisieren. Wenn das nur so einfach wäre in dem Moment, da ich mich übermäßg vor der Katastrophe fürchte. Schwere, sehr schwere Denkarbeit am frühen Morgen.

Ich tappse ins Bad, dann in die Küche. Setze die Kaffeemaschine in Gang. Nehme Platz am Tisch, greife zu Kladde und Schreibgerät und notiere diese Sätze hier. Ich weiß noch nicht, ob ich das in meinen Blog stellen werde. Meine Bedürfnisse nach Sichtbarkeit (Veröffentlichen!) und Anerkennung (Wenn das jemand liest, bin ich doch unten durch.) streiten miteinander. Ah, das ist – genauer betrachtet – aber doch die Angst vor Abwertung, nicht das Anerkennungsbedürfnis?! Welche unmittelbaren Auswirkungen hätte es denn, wenn der Artikel „nicht ankommt”? Auf mein Leben, nicht auf meine Reputation im Netz? Oh: Keine?

So. Jetzt habe ich meinen Kaffee und tippe das Geschriebene am Rechner ab. Am Ende, nach ziemlich viel Nebenbeiherumwuseln im Netz, also jetzt um 11.45 Uhr (dreiviertel Zwölf!), mußte ich nur drei Buchstabendreher korrigieren und wegen einer unangenehmen, unnötigen, nicht stimmig klingenden Wortwiederholung noch einen Nebensatz umbauen. Und nun plane ich die Veröffentlichung des Artikels. Und ich hoffe, ich vergesse im Lauf des Tages, was ich da heute Abend von mir preis­zu­geben scheine. Und ich werde heute wohl noch etwas über meine Bedürftigkeiten herauszufinden versuchen.

 

Erinnerung des Tages:
Als Vorschulkind wurde ich einmal längere Zeit gesucht und nicht gefunden: Ich hielt Mittagsschlaf in der Hundehütte, mit dem Hund.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 29.08.2026 das Denken und Schreiben am Morgen, drei Stunden Unterwegssein in der Stadt, das Seelebaumelnlassen am frühen Abend.


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Über Der Emil

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