Wenn sich die Bedeutung von Worten verändert
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Die Idee zu diesem Text lieferte sofasophias Kommentar zu meinem gestrigen Text.
Abnutzung. Umnutzung. Bedeutungserweiterung.
Erinnert mich tatsächlich ein wenig an Neusprech, nur das wir heutzutage noch gendergerechte Formen nutzen müssen. Orwells “1984”, ihr wißt schon …
Dann sind stinknormale Worte plötzlich nicht mehr verwendbar: Student, Studentin, die Lehrer (womit alle im Lehrberuf arbeitenden Menschen gemeint waren und auch noch sind!), Worte aus Kinderbüchern, von Lagertoren, aus Partei- und Regierungsprogrammen, aus dogmatischen Systemen, ja sogar aus der Naturwissenschaft usw. usf.
Ein Aspekt davon: die Bezeichnungen von Gefühlen werden geändert; damit scheinen mir auch die Gefühle verändert, verwässert, verniedlicht, ins Gegenteil verkehrt. So muß ich mir manchmal Klarheit über das verschaffen, was ich fühle – nein, nicht über das, was ich fühle, aber über dessen Benennung.
Wenn mir meine Sprache fremd wird – was dann?
Bis zum Abitur habe ich meine Sprache gelernt: von Eltern und Verwandten und Freunden, dann in der Schule sogar nach Lehrplan. Noch heute lerne ich Deutsch, verfeinere meinen Gebrauch der Zeitformen usw. Ich habe viel gelesen und lese noch heute viel. Seit ich es kann, schreibe ich. Vieles noch immer von Hand, ehe ich Texte digitalisiere. Die Bezeichnungen von “Dingen” und die Bedeutungen von “Worten” – oder nutzte ich hier besser die Form “von Wörtern”? – sind mir in Fleich und Blut übergegangen.
Und jetzt? Jetzt werden Dinge anders bezeichnet. Worte erhalten neue, andere, zum Teil der alten Bedeutung entgegengesetzte Bedeutungen. Alt und neu vermischen sich.
Selbst ich, der ich die Deutsche Sprache Deutsche Sprache bleiben lassen will, muß (?) immer öfter Anglizismen verwenden, Denglish und/oder Kanak-Sprak einfließenlassen. Muß ich wirklich? Oder ist es meine Bequemlichkeit, meine Faulheit zur Suche nach korrekten deutschen Worten?
Manchmal bin ich weder bequem noch faul. Manchmal muß ich deutsche Worte umgehen, weil die heutzutage nicht “political correct” (Da! Da ist der zweite Bequemlichkeits-faux-pas, den ich gleich noch mit einem weiteren fremdsprachigen Ausdruck benenne! [sic!] {Latein zeugt von Bildung!}) sind.
Und so stelle ich fest: Meine Sprache entfremdet sich mir. Neid, dieses abgrundtief böse Gefühl, hat für mich plötzlich eine als gut wertende Bedeutung. Nein, nicht die Bedeutung änderte sich schlagartig, aber mein Bewußtsein dieser Veränderung trat plötzlich zutage. Nun hadere ich mit mir und meiner Sprache. Einer Sprache, die dazu geschaffen ist, klar und deutlich mich auszudrücken, die aber auch ganz leicht zu Verwirrung beitragen kann …
Wird die Deutsche Sprache im offiziellen Gebrauch vielleicht deshalb mit Fachausdrücken, fremdsprachigen Worthülsen, bedeutungsunklaren Ausdruckskonstruktionen angereichert? Damit niemand, damit ich nicht mehr die wirkliche Aussage eines Textes erfassen kann?
Habe ich mir das auch schon angewöhnt, mir zueigengemacht? Dabei bemühe ich mich doch, zumindest die sinnentstellenden (Sinn entstellenden) Regeln der letzten Rechtschreibreform nicht anzuwenden (an zu wenden) …
Gerade habe ich etwas verstanden: Nicht meine Sprache wird mir fremd. Aber meine Sprache unterscheidet sich immer mehr von der Sprache, die in meinem Umfeld gebräuchlich ist. Weil jene Sprache sich entwickelt – entwickelt wird? – und deren Gebrauch “immer besser” geregelt wird.
Zu welchem Zweck? Mit welchem Ziel?
Soweit mein grobes Denken zur Babylonischen Sprachverwirrung in mir, das dringend Platz brauchte. Danke nochmal für die Anregung. Und ich danke denen, die sich bis hierher zum Ende durchwurstelten …
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 14. März 2013 waren die erledigte Hausarbeit und die komplettierte Einrichtung meines neuen USB-Datenträgers.
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Du erwähntest eingangs George Orwells 1984.
Nun, warum wurde dort die Sprache reduziert…?
Ich denke (vielleicht zu „einfach“, vielleicht zu „verschwörungstheoretisch“ ), dass die – nicht nur – von Dir empfundene Verwässerung der Sprache durchaus auch mit der angestrebten Verwässerung des menschlichen Denken und Fühlens zu tun hat.
„Kanak-Sprach“ nehme ich da aus, hier ist vermutlich etwas Anderes ursächlich verantwortlich.
Aber ansonsten?
Der Wert eines Menschen scheint immer mehr dem Wert eines Konsumenten unterlegen zu sein. Dieses Neusprech soll, so mein Empfinden, vereinheitlichen, Differenzierungen einschlafen lassen. Das Denken gleichschalten.
Weil in differenziertem Denken die „Gefahr“ liegt, Dinge nicht unhinterfragt hinnehmen zu wollen. Und ein guter Konsument hinterfragt nicht, er kauft.
Für Gefühle, welche ja in Worten zum Ausdruck gebracht werden können, gilt wohl das Gleiche. Oder noch schlimmer, Gefühle unerwünscht?
Ich denke da an das distanzierte „man“, wenn ein Mensch von sich selbst spricht. Ist Dir das aufgefallen? Wie eine Seuche hat sich dieses „man“ im Sprachgebrauch verbreitet.
Da spricht der Mensch nicht mehr von „ich habe mich schlecht gefühlt“, sondern er sagt „man fühlt sich schlecht“. Distanz durch Worte, Distanz zum eigenen Empfinden.Gruselig.
Zum Genderwahn muss ich mir irgendwann tiefere Gedanken machen, derzeit finde ich ihn einfach nur albern, lästig und so überflüssig wie einen Kropf.
Für mich selbst habe ich längst entschieden, meinen eigenen Regeln zu folgen. Ob meine Bandwurmsätze „anständiges Deutsch“ sind , ist mir ebenso egal wie die mögliche Empörung darüber, wenn ich sage, dass ich einen Negerkuss aß.
Ich versuche, mich so wenig wie möglich verfälschen zu lassen.
Erhalte Du, Emil, uns noch lange die Schönheit der Sprache, bitte. Deine in Wort gefassten Gedanken sind ein angenehmer Gegenpol, zu Vielem…
so vieles schneidest du an. ja, nicke ich beim lesen und möcht da und dort ein gespräch weiterspinnen.
am wichtigsten für schreibende ist wohl, sich und seine sprache zu finden und diesen weg (der sich organisch entwickelt) konsequent und dennoch inspiriert von außen zu gehen.
die „neusprache“, die oftmals manipulativ und kommerzprientiert ist, können wir denen überlassen, die sie wollen. irgendwann wird „unser ‚altmodisch werdendes‘ deutsch“ vielleicht spätaltdeutsch heissen, wer weiß?
ich mag dein gedankengespinst!
Danke fuer diesen Artikel auch ich stehe manchmal fassunglos vor dem merkwuerdigen Gebrauch der deutschen sprache; natuerlich sind alle sprache Veraenderungen unterowrfen (bitte Buchstaben gut durchschuetteln. Was ist mir neulich ins auge gefallen „Must have“ auf gut Deutsch „Muss haben“ Werbung na klar; ja „die“spinnen nun wirklich. Sind wir doch Menschen & werden zu Konsumenten degradiert. Wo bleibt die „Wuerde“ da musste ich erstmal nachschlagen,kamen interessante Sachen ans Licht. Ich bleibe menschin um mal Gender ins Spiel zu bringen.
ich bin mal so frei und kopiere hier einen Text von mir von dieser Woche rein, ich finde, dass er gut zum Thema passt:
Worte zum Wesentlichen beugen oder strecken. Auf ihren Wellen reiten oder mit ihnen im Trüben gründeln. Hand in Hand mit ihnen spazieren gehen oder ringen. Manchmal auch verstecken spielen oder Gummitwist, dann sie, wie die rote Billardkugel, im Loch versenken. Sie im Mondschein zu Gesang werden lassen. Ihre Silben schlagen den Takt, Füße, die nur noch für Sekunden die Erde berühren. Arme zu Flügeln. Ihnen lauschen. Ihrem Flüstern, ihrem Dahinter und Dazwischen. Ihren Geheimnissen eine Verbeugung schenken, ihre Tiefen ergründen. Stunde für Stunde, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Vielleicht habe ich dann am Ende sprechen gelernt.
gegen Gender allerdings habe ich nun wirklich nichts einzuwenden, auch wenn es manchmal etwas umständlich ist, ich erinnere mich an die Einschulung meiner Tochter, als ausschließlich Lehrerinnen auf dem Podium standen und der einzige Mann der Direktor der Schule war und permanent, um nicht penetrant zu sagen, von den Lehrern zu sprechen, das ärgerte mich! aber gut, das ist eine andere Diskussion
Du hättest ruhig auf Deinen Artikel verlinken können … Der ist mir durchgerutscht, den habe ich im Reader nicht gesehen.
Es ist schon eine Crux mit der Sprache, wenn gesprochene und geschriebene schon so weit auseinanderklaffen wie sie das zur Zeit tun. Wie sie das in Gebieten tun, wo im Alltag (noch) der Dialekt, die Mundart vorherrscht. Und wenn dann noch zwischen geschriebener Sprache der Normalbürger und Werbeschreiberei und Politikgeschreibsel solche Abgründe bestehen wie heutzutage hierzulande (heut zu Tage hier zu Lande???) – dann Gute Nacht.
Was bleibt mir zum Beispiel anderes übrig als anzuschreiben, anzuschreiben gegen das, was mich so stört? (Mir) Klarheit zu verschaffen über das, was da jemand (ich?!) schrieb. Und mit den Worten (Wörtern) und den Sätzen und ihren Zwie- und Mehrdeutigkeiten zu spielen, die Worte zu drehen und zu wenden und zu strecken und zu stauchen und zu zerstückeln und zusammenzuhängen …
Sprechen ist schwieriger als Schreiben: Ich muß meine Intonation noch zusätzlich beherrschen!?
im Radio ist Intonation äußerst wichtig, weil ja Gestik und Mimik fehlen, das war auf der Bühne einfacher-
im Buddhismus ist eine der Disziplinen die rechte Rede, Mönche werden in der Debatte trainiert, ich fänd es prima, wenn dies auch eine Disziplin in den Schulen werden würde, vielleicht hätten wir dann eine Chance auf etwas weniger Babylon-
dank dir, dass ich hätte verlinken dürfen, aber erstens bin ich zu blöd dies in Kommentarsträngenen zu tun und zweitens würde ich mich es, ohne vorher zu fragen, nicht trauen-
ich finde sprechen auch schwieriger als schreiben, beim schreiben kann ich brüten, nachspüren, streichen etc., beim sprechen bin ich auch oft zu schnell, besonders wenn ich emotional in irgendeiner Weise verwickelt bin- allerdings lohnt es sich wirklich die Aufmerksamkeit dorthin zu lenken- ich übe weiter!
feine Debatte 🙂