Neid (Nº 073)

So oder so – es gibt wieder zwei Blickwinkel

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Der Mensch ist nach Ansicht mancher Religion grundsätzlich schlecht (ich hingegen glaube an das Gute im Menschen). Es gibt da zum Beispiel die sieben grundlegenden schlechten Eigenschaften, die sieben Hauptlaster, die sieben Wurzelsünden (jeweils nur andere Benennungen) in den christlichen Gemeinschaften (und in den anderen gibt es all das in ähnlicher Form).

Eine davon ist der Neid.

Aber was ist das denn: Neid? Ist das zwingend und immer schlecht?

So oft denke ich, daß ich auf Diesen oder Jenen neidisch bin, weil … Aber habe ich da nicht eher eine Sehnsucht, sein Erleben auch zu erleben oder seinen Besitz auch zu besitzen oder seine Privilegien, seinen Erfolg auch zu haben?

Erst, wenn ich ich es jemandem übelnehme, daß es ihm bessergeht als mir, wenn ich jemanden verachte dafür, daß er mehr hat als ich — wenn es mich kränkt/beleidigt/mir mein Selbstwertgefühl raubt, daß ein ganz bestimmter Jemand mir gegenüber ganz konkrete Vorteile hat: Dann ist es Neid.

Bereitet es mir nur Unbehagen und plane ich nicht perfide Winkelzüge, diese Vorteile zunichtezumachen, störe ich mich nur daran, daß des Anderen Besitz, Status oder Privilegien größer sind als meine, dann ist das “nur” Mißgunst.

Doch halt: Gibt es nicht auch eine andere, eine “gute” Form von Neid? Eine, die nicht zu zerstörerischem Handeln führen wird, weil man dem Anderen das, «worauf man neidisch ist», von ganzem Herzen gönnt?

Wenn ich jemanden ob seiner Gesundheit beneide, dann deshalb, weil ich auch gerne (nocheinmal / wieder) gesund wäre; doch dieser Neid führt nicht dazu, daß ich dem Anderen die Gesundheit rauben, nehmen, ruinieren möchte. Vielleicht sollte ich das dann auch nicht Neid nennen, sondern den Wunsch, das einfach auch zu haben/erleben/besitzen? Ach Quatsch, auch das ist Neid, wohlwollender Neid.

Gunst und Mißgunst … Neid ist entweder schlimmer als Mißgunst oder besser als Gunst (das Gönnen); Neid kann beides sein, sogar beides gleichzeitig, zumindest so, daß ich mich nicht zwischen Gunst und Mißgunst, zwischen Gönnen und Mißgönnen/Nichtgönnen entscheiden kann.

Neid der einen Sorte raubt Kraft, bindet Energie. Ich will einmal versuchen, diesen und die Mißgunst für eine Weile zumindest zu beurlauben.

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 13. März 2013 waren die wiederaufgetauchte Kladde und die für 49 € erstandene 750-GB-USB-Festplatte.

© 2013 – Der Emil. Text & Bilder stehen unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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20 Kommentare zu Neid (Nº 073)

  1. Ellen sagt:

    Ich denke, Neid kann niemals positiv sein. Er ist eine negative Anhaftung, das emotionale Verübeln der Besserstellung konkreter Anderer.
    Ein starker Wunsch bzw. die Sehnsucht danach, Ähnliches wie dieser „Andere“ zu besitzen ect., ist kein Neid. Neid gönnt dem Anderen das Jeweilige nicht, ein Wunsch hingegen schon.
    Gibt es eine gute Form von Neid?
    Ich denke, nein.
    Ebenso wie Hass ist Neid mMn zerstörerisch. Wut (im Gegensatz zu Hass) kann konstruktiv sein, Sehnsucht, starke Wünsche ebenso…aber Neid?
    Nein, ich vermag diesem nichts Positives/Relativierendes abzugewinnen…

    • Der Emil sagt:

      Aber im täglichen Sprachgebrauch hat sich das positiv besetzte „ich beneide Dich darum“ längst etabliert (im Gegensatz dazu höre ich kaum noch „ich neide ihm …“).

      Deshalb ja auch mein Nachdenken über das korrekte Benennen.

  2. Frau Blau sagt:

    im Buddhismus spricht man von den drei Geistesgiften: Gier, Neid und Hass …

    vorab, es geht nicht darum, so zu tun, als ob man damit nichts zu hätte oder sie einfach ins Positive zu drehen, sondern darum sie zu erkennen, wenn sie auftauchen und sich damit auseinanderzusetzen, um sie dann loslassen zu können …

    zur Gier antworte ich jetzt auch noch einmal hier, ich bin zu dem Schluss gekommen, dass aus Gier keine Sehnsucht werden kann, weil Sehnsucht und Gier für mich überhaupt nicht auf einer Augenhöhe sein können, Gier will nur eins: HABEN und ihr ist das WIE ziemlich schnuppe- da kommt die Sehnsucht doch deutlich leiser daher, sie ist nicht greifend …
    zum Neid, auch ihm kann ich nichts positives abgewinnen, er geht für mich mit der Missgunst Hand in Hand, aber ich kann ihn als Indikator nutzen. Stelle ich fest, dass ich neidisch bin, dann kann ich mir überlegen warum und dann, was ich tun kann, um das zu erreichen, worauf ich neidisch bin, geht dies nicht, weil ich z.B. unheilbar erkrankt bin, dann gilt es eben die Krankheit anzunehmen, ohne wenn und aber …

    ich sage nicht, dass dies einfache Übungen wären, aber es ist ein Weg …

    ich finde diesen Diskurs hier spannend – danke dafür
    herzlichst Ulli

    • Der Emil sagt:

      Nun, ich leide zur Zeit ein wenig unter einer Sehnsucht, die mich dann, wenn sie manchmal ein wenig erfüllt wird, gierig sein läßt nach dem, was ich da bekomme. So kam ich zu den Sehnsucht-Gier-Sätzen.

      Beim Weiterdenken stieß ich dann auf den Neid – und auf den positiven Gebrauch von „beneiden“ und „neidisch sein“. Ich gestehe, daß ich im Lexikon nachsah, was dort zum Neid stand/steht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich je wirklichen Neid empfand – aber Eifersucht scheint mir sehr nahe verwandt mit ihm zu sein.

      • Frau Blau sagt:

        ja, Eifersucht gehört für mich auch zur Rubrik Neid, und du kennst ja sicher diesen Satz: Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft …

  3. leonieloewin sagt:

    Beurlaubung des Neides ist eine gute Idee. Damit wirst Du Dir sicher einen Gefallen tun. GLG Leonie

  4. Sofasophia sagt:

    vielleicht hat das wort neid in unserer alltagssprache einfach eine erweiterte bedeutung erhalten – nämlich jene positive, die du nennst? wörter füllen sich ja wie gefässe immer wieder ein bisschen anders und unterliegen den gesetzen des zeitgeistes und der abnutzung.
    ich jedenfalls kann deinen gedanken gut folgen und sehe es sehr ähnlich.

  5. Deine Urlaubsidee finde ich klasse! Einer meiner Aphorismen lautet:

    „Neid ist die kapitulativste Form
    des Zugebens eigener Unfähigkeit.“

    Nichts und niemand hat es bis heute geschafft, mich von diesem Gedanken abzubringen.

  6. Gabi sagt:

    Neid ist an und für sich sicher negativ. Aber trotzdem empfinde ich es anders, wenn ich zu jemanden sage: ich beneide Dich für Deine Gesundheit, Deine Stärke, Dein Talent…. Und ich sage das, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, weil es sich für mich nicht schlecht anfühlt. Ich gönne demjenigen das, worum ich ihn beneide. Was ist denn da so schlimm daran, wenn ich es auch gerne hätte? Ich will es ihm ja nicht „wegnehmen“.
    Ich denke, dass zwischen „neiden“ und „beneiden“ schon ein großer Unterschied ist.

    lg Gabi

  7. Anne-Marie Peters-Tipton sagt:

    Nun habe alle etwas gesagt & ich setz mich hin,kann meditieren wieviele schlechte eigenschaften mir innewohnen,sie untersuchen & dann evtl faehig sein sie abzulegen

    • Der Emil sagt:

      Aber Du mußt doch garnicht zählen, wieviele schlechte Eigenschaften Du hast. Du mußt ja auch nicht alle ablegen. Setz Dich lieber hin und zähl die guten und genieße die guten Eigenschaften.

  8. Oke, da hab ich auch mal wieder geguckt. Und die Erklärung von Wikipedia scheint mir schon nachvollziehbar : Unter Neid versteht man das moralisch vorwerfbare, gefühlsmäßige (emotionale) Verübeln der Besserstellung konkreter Anderer. –

    So gesehn hab ich keine Probleme, wenn Andere bessere Erklärungen abgeben können, als ich selbst. ^^

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