044–2024: Vermutung

Fast fünf Jahre alte Gedanken über einen Zustand.

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Mag sein, daß die Unbeständigkeit – meine, die des Menschen allgemein – und die Aggressivität herrühren von der Unfähigkeit, die innere Zeit mit der Beschleunigung des Alltags, mit der Beschleunigung in allen Gebieten des Lebens zu synchronisieren, wieder in Einklang zu bringen. Die innere Zeit wurde bedeutungslos, zu einem Hirngespinst herabgestuft, wird nicht mehr als ein notwendiger Bestandteil des Lebens anerkannt. So stürzt das Leben immer, in jedem einzelnen Moment auf die Menschen ein, begräbt sie buchstäblich unter seinen Trümmern, die doch alle einmal Bestandteile vieler menschlicher Träume waren. Es fehlt die Zeit zum Verarbeiten, alles bleibt mehr oder weniger oberflächlich. Nur sehr wenig oder – im schlimmsten Fall – nichts mehr hat die Zeit, zu fruchtbarem Boden für die nachfolgenden Generationen zu werden, zu reifen. All die rasend beschleunigten Veränderungen verkürzen und verengen den Blick auf das Leben, lassen viele Konturen und die Leitlinien nur noch verwischt und daher kaum erkennbar erscheinen. Selbst die Sprache ist schneller, hastiger, hektischer geworden; viel weniger sorgfältig wird sie in dieser Beschleunigung benutzt und auch kaum noch präzise.

 

Diesen Text fand ich heute – mit vielen Streichungen und Überschreibungen verteilt auf zwei zusammengeklammeraffte Schmierzettel – inmitten eines Papierhaufens auf dem Schreibplatz. Die Notiz war auf den 23. Oktober 2019 datiert. Und noch immer stimme ich dem damals Niedergeschriebenen zu. Und ich versuche, dagegen anzuschreiben. Andererseits fällt mir ein Gegenbeispiel dazu ein: Der Warnhinweis am Ende von Reklame für Arzneimittel (u. ä.) wird neuerdings langsamer und verständlicher gesprochen und auch in veränderter Form.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ein Papierhaufen auf dem Schreibplatz wurde radikal verkleinert, es landete vieles im Altpapier.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 13. Februar 2024 mit vom Schreibplatz geräumten Spittel und Kram, mit Chili con Carne, mit zwei komplett gelesenen Büchlein (aus der Reihe „Die kleinen Trompeterbücher”).

© 2019 & © 2024 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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5 Kommentare zu 044–2024: Vermutung

  1. Sonja sagt:

    Spitteln und Kram, beides klingt lustig, wobei ich nicht weiß, was das erstere bedeutet?

  2. Der Emil sagt:
  3. Lin sagt:

    Sehr gut beobachtet und beschrieben! Ich fühle mich oft von allem überrannt und es wird mir alles zu viel. Ich dachte, es liegt daran, dass ich mich für zu vieles interessiere und mir deshalb zu viel vornehme. Aber vielleicht ist es wirklich ein Symptom der heutigen Zeit. Wenn es zu viel wir, dann verweigere ich mich einfach allem …

  4. Gudrun sagt:

    Du hast öfter schon beschrieben, was du mit deinen Großvater erlebt hast. Mein Enkel wohnt am anderen Ende der Welt. Er wird sich später nicht an mich erinnern. „ nichts mehr hat die Zeit, zu fruchtbarem Boden für die nachfolgenden Generationen zu werden, zu reifen.“ Ja, so ist es, so sehr ich mich auch bemühe.

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