020–2024: Erbstück 021

Tagebuch A: Freitag, 21. Januar.

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Es war eine eher unruhige Nacht. Und eine sehr durstige: Alle 90 min (gefühlt) war ich wach und mußte etwas trinken. Und jedes Mal war der Mund viel zu trocken trotz freier Nase. Hoffentlich wird das kein heftiger Schnupfen. Zum Kaffee gab es Pfefferkuchen. Weil es grad nicht so richtig warm werden will im Zimmer habe ich viele Teelichter angezündet; ich bilde mir ein, daß die als Heizung wirksam sind.

Nach einer Stunde Schreibversuch ging ich erstmal einkaufen. Zu einem richtigen Bäcker ging ich, zu einem, der noch handwerklich arbeitet. Ich kaufte drei Semmeln und ein Brot und bezahlte mehr als für drei Brote beim Discounter. Als ich wieder zuhause war, machte ich mir ein Töpfchen Speckfett. Morgen wird es dann Bäckerbrot mit Speckfett geben, das macht hoffentlich vergessen, daß heute beim Auslassen der Feuermelder losging. Man müßte das Ding abschalten können, für eine Stunde, für die Arbeit in der Küche.

Ein kurzes Nickerchen ließ mich wieder Kraft schöpfen. So saß ich am Nachmittag über der Kladde und auf dem Papier stellte sich eine neue Figur vor. Sie erschien mitten in einem Satz und wollte unbedingt auf Extra-Papier aufgeschrieben sein. Noch hat die Gestalt keinen Namen (dabei fängt sonst bei mir Vieles mit einem Namen an) und es gibt auch noch keinen wirklichen Titel (auch der ist häufig vor dem Text da), aber ich habe eine teilweise Charakterisierung und zwei, drei Sätze, die die Figur von sich gab und die sehr charakteristisch sind für sie. Ich saß viel länger als geplant da, starrte Löcher ins Papier und phan­ta­sierte einfach so herum, was daraus wohl werden könnte, schrieb aber davon nichts auf. Dann notierte ich mit Rot auf den Rand: Papier, Tee, barfuß, zweite Person bleibt ohne Namen. So weit kann ich ein paar Grundzüge dessen, was da werden wird, schon erahnen (nicht festlegen, nur erahnen). Denn ich kann für meine Texte nicht wie andere Schreibende zunächst ein ziemlich vollständiges Exposé verfertigen und dann nach dem einen Text schreiben. Meine Texte schreibe ich in aller Regel an einem Stück herunter bzw. versuche ich, alles am Stück herunterzu­schrei­ben. Deshalb bringe ich auch nur Kurzes zustande …

Heute habe ich es geschafft, den Noch-mal-Durchsehen-Stapel abzuarbeiten. So viel davon muß und will ich gar nicht behalten. Und was ich weiter aufheben möchte, kann ich auch abfotografieren und als Bild behalten. Puh. Irgendwie bin ich froh, daß der Haufen jetzt wirklich weg ist. Die wenigen Reste habe ich in eine Mappe geräumt, die schon einige Dinge dieser Art enthält: erinnerungsbehaftete Papierchen, nicht wirklich aufhebenswert, nicht wirklich unwiderbringlich wegwerfbar.

Fürs Abendessen hab ich mir Sauerkrautsalat gemacht, dazu esse ich den Rest vom alten Brot. Das frische vom Bäcker hebe ich mir wirklich für morgen auf. Eventuell schneide ich es schon zum Frühstück an und esse da nicht nur den obligato­ri­schen Keks, sondern Honig- oder Marmeladenbemme. Jetzt geht es aber erstmal relativ zufrieden mit dem Tag und mit dem Geschafften ins Bett und ins Traumland. Mal sehen, wohin der noch immer vorhandene Duft vom Speckfett mich in den kommenden Stunden führt.

 

 

Mit diesem Text wird das geerbte Tagebuch fortgesetzt. Alle Teile der Erbkladden-Serie sind in diesem Link in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge (neueste zuerst) zu finden. Über eines der Notiz­bü­cher erzählte ich ja schon vor langer Zeit, im November 2012. Ich tippe die kleinen blauen lateinischen Buchstaben ab, immer mal wieder. Erst jetzt nämlich darf ich abschreiben aus den „von einem Freund geerbten” Kladden mit dieser winzigen Schrift.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Ein Bettlaken, daß einmal zu einer Aussteuerwäsche gehörte und mit den Initialen der um 1900 geborenen Frau bestickt wurde, war nach über 100 Jahren dünn geworden und gerissen. Schade.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 20. Januar 2024 mit einem kurzen Gang um die Ententeiche, mit gehörter Musik (aus der DT64-Story), mit einer begonnenen Abschreiberei.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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Ein Kommentar zu 020–2024: Erbstück 021

  1. Nati sagt:

    Ich wollte dir gerade den Tipp geben, dass es für die Küche extra Hitzemelder, anstatt der üblichen Rauchmelder gibt. Aber dann sah ich, dass es ein Tagebuchtext ist. Lach…
    LG, Nati

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