Tagebuch A: Dienstag, 11. Januar.
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Wieder halb Neun schon mit Kaffee am Rechner. Ich kann mich erinnern, daß ich mit 17, 18, 19 Jahren keinen Kaffee mochte, sondern schwarzen Tee trank, auch morgens. Und das war zu DDR-Zeiten nicht ganz einfach; zum Glück aber schickte die Hanseatische Westverwandtschaft regelmäßig Pakete, in denen nicht nur der „gute” Westkaffee, sondern oft genug auch Tee zu finden war. Und auch im Intershop gab ich (West-)Geld aus für das, was mir morgens den Tagesbeginn möglich machte. Erst bei der NVA (die war zu jener Zeit eine unvermeidbar Institution) bin ich auf Kaffee umgestiegen. Heute geht es ohne Kaffee nur sehr schwer – und wenn nur noch zwei verschlossene Pakete im Schrank stehen, gehe ich Nachschub kaufen. D. h., ich muß in dieser Woche noch Kaffee kaufen. Der Teegenuß ist mir bis heute möglich. Ich mag noch immer Tee aus dem Kaukasus, den ich ab und zu (auf gute russische Art) mit Kirschkonfitüre süße. Ich trinke auch Ostfriesischen Mischungen, immer mit Kandis und Sahne – ach, diese kleinen Portionsbecherchen brauche ich auch wieder.
Als ich am Nachmittag meine Wäsche abnahm, fiel mir an einem meiner Hemden unterm Arm eine aufgegangen Nacht auf. Mit Nadel und Faden hab ich das ausgebessert nach dem Bügeln aller anderen Stücke, dann wurde auch dieses Hemd gebügelt und in den Schrank gehängt. Wie immer war es eine Art Meditation, das Bügeln: Nicht von ungefähr gleitet mein Eisen „im Takt” zu sanfter Musik über die Wäsche und das Bügelbrett. Ich kann mich wirklich wunderbar entspannen bei dieser von so vielen Menschen eher ungeliebten Arbeit. (Jaja, damit rundet sich das Bild des Sonderlings, das so mancher von mir hat, natürlich noch weiter ab.) Und gut Nachdenken kannich beim Bügeln: Heute habe ich mir währenddessen einige Sätze aufgeschrieben, die vielleicht als Aphorismus gelten könnten. Mal sehen, wie das gehen wird.
Ich verstehe nicht, wieso eine Frage indiskret genannt wird, wo doch höchstens und erst eine Antwort darauf indiskret sein könnte. Wem nur hilft diese wenig sinnvolle Verschiebung von sprachlichen Übereinkünften?
Ob es viele Menschen tun oder können, bei „ungeliebten” Arbeiten nachdenken, phantasieren, sich entspannen und so aus der ungeliebten Arbeit eine Tätigkeit machen, die wirklich nützlich für die Psychohygiene ist/sein kann? Ich glaube nicht, daß ich ein so besonderes Exemplar Mensch bin, daß nur ich und ganz, ganz wenige andere das so machen.
Vor dem Haus traf ich beim Heimkommen vom Einkauf die Nachbarin mit dem alten Hund. Sie heulte Rotz und Wasser, kam gerade vom Tierarzt. Der Hund lebt nicht mehr, mußte heute eingeschläfert werden: Ein sehr großer Tumor am Darm (pampelmusengroß) verursachte komplette Inkontinenz und auch Schmerzen. Soetwas nimmt mich auch sehr mit, als ich dann in meiner Wohnung war, hätte ich auch fast geheult – obwohl ich nun wirklich nichts weiter mit dem Tier zu tun hatte.
Diese Traurigkeit hielt an, nicht den ganzen Abend, aber übers Abendessen hinaus bis zum Zubettgehen. Wahrscheinlich werde ich von dem Hund träumen und nicht von meiner Frau, die noch immer nicht wieder nachhausekam.
Mit diesem Text wird das geerbte Tagebuch fortgesetzt. Alle Teile der Erbkladden-Serie sind in diesem Link in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge (neueste zuerst) zu finden. Über eines der Notizbücher erzählte ich ja schon vor langer Zeit, im November 2012. Ich tippe die kleinen blauen lateinischen Buchstaben ab, immer mal wieder. Erst jetzt nämlich darf ich abschreiben aus den „von einem Freund geerbten” Kladden mit dieser winzigen Schrift. Und es ist wirklich nicht mein Tagebuch.
Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.
P.S.: Am 15. Juli 2023 war ich zufrieden mit der überstanden Hitze, mit dem kalten Wasser auf dem Kopf, mit den vielen Spaßereien mit ddm Publikum.
© 2023 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


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