Nº 085 (2022) – Trödelei

Aber nein. Vergangenheitsbetrachtung ist keine.

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Sonnabend. Ich war heute schon um halb Neun wach, las aber im Bett noch ein Buch aus. In der Zwischenzeit lief auch die Kanne Kaffee durch. Halb Zehn war es dann, als ich meinen Keks aß. Ach, kann sein, iher wißt es noch nicht: Ich früh­stücke zuhause nicht. Aber zum Kaffee gibt es einen Keks oder etwas Ver­gleichbares. Euphemistisch könnte ich sagen, daß ich seit Jahren intervallfaste. Ich esse nämlich nur einmal am Tag, abends üblicherweise. Nun, da aß ich also meinen Keks, trank die erste Tasse Kaffee und dann …

Dann.

Aus irgendeinem Grund – ich weiß ihn jetzt wirklich nicht mehr – öffnete ich meinen allerersten Blogbeitrag bei WordPress. Und las den – vom 6. November 2010 – und alle darunter erschienenen Kommentare, schaute auch nocheinmal in alle noch erreichbaren Blogs der damaligen Kommentator:inn:en. Dann las ich meinen zweiten Beitrag. Dann meinen dritten. Den ersten Adventskalender, den ich 2010 veröffentlichte. Ich las weiter. Immer auch alle Kommentare. (Ich muß in vielen Beiträgen etwas korrigieren, nach dem Umzug stimmen viele Links zu Bildern u. a. nicht mehr.) Aber ich las eben jeden einzenen Beitrag und jeden einzelnen Kommentar. Erstaunlich, wie vieles von dem Geschriebenen bereits dem Vergessen anheimgefallen war. Doch beim Lesen kam das alles wieder, alles. Und als ich endlich das Jahr 2011 komplett gelesen hatte, war das Vereins­treffen/-training bereits beendet – ich habe es einfach verpaßt. Die Kanne Kaffee war leergetrunken. Gegen den Durst brühte ich Tee. Und las weiter. Und fand viele Rechtschreibfehler. Wichtige, für mich wichtige Sätze und Texte. Ach, alles schon zehn Jahre her. Wie aus einem anderen Leben erscheinend.

Den ganzen Tag beschäftigte ich mich heute mit zwei Jahren meiner Vergang­en­heit. Mehr davon hätte ich auch kaum ertragen können. Parrallel zu den Blogbeiträgen hatte ich auch die Kladden aus jenen Tagen in der Hand. Einige Kontinuitäten fand ich. Einige abgebrochene, eingeschlafene, nicht weiterge­führte Dinge dieser zwei Jahre fand ich. Bei so mancher Gelegenheit schüttelte ich aus Unverständnis meinen Kopf. So mancher Beitrag, so mancher Eintrag in den Kladen brachten mich zum Schmunzeln. Ja, ich brach im Angesicht meiner „Dummheit” sogar mehrmals in ein trocken ablehnendes, vielleicht sogar ge­quältes Lachen aus, in eines, das mir wehtat und -tut. Falls ihr euch nicht sicher seid, was ihr ihr vor zehn Jahren tatet und dachtet und es jetzt selbst versuchen wollt mit dem Nachlesen: Ich warne euch davor. Obwohl: Mit welchem Recht? Denn ich kann ja nur ausgehend von meiner Vergangenheit warnen, die nicht eure Verganenheit war und ist. Eure wird anders gewesen sein, muß anders gewesen sein. Vielleicht ist es daher bei euch ganz anders, wenn ihr euch durch eure Vergangenheit grabt …

Heute habe ich meine Zeit vertrödelt an meine Vergangenheit verloren mit alten von mir verfaßten Texten, alten Blogbeiträgen verbracht. Ich habe meine Spuren, die ich vor zehn Jahren in meiner Vergangenheit legte, verfolgt. Da war Unnützes dabei. Da fand ich Wichtiges, gar Lebensbestimmendes wieder. Und jetzt gerade denke ich nach: Wenn ich weder Blog(s) noch Kladden hätte, dann wäre vieles davon auch für mich unwiederbringlich verloren, verschwunden im Nichts.

Ich habe mir eine zweite Kanne Tee gebrüht. Die weiß-blau gestreifte Packung ist fast leer … Ich stelle fest, ich würde gern bis an mein Lebensende weiter jeden Tag bloggen. Als ich damit bei WordPress begann, war ich 47 Jahre alt, bald bin ich 59 oder gar 60 und will dennoch oder gerade deswegen weiter­schreiben. Belangloses, Belustigendes, Nachdenkliches, Tief- und Unsinniges. Persönliches jedenfalls.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Gut fand ich am 26.03.2022 die meisten aufkommenden Erinnerungen, mein Durchhaltevermögen beim Bloggen (heute hier der 4158. Beitrag, täglich einer seit dem 01.01.2011 und ein paar vorher und zwischendrin), die Zufriedenheit mit dem Tag ob der egoistisch vergenutzten Zeit.
 
Für morgen zog ich die Tageskarte drei der Schwerter.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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3 Kommentare zu Nº 085 (2022) – Trödelei

  1. Sofasophia sagt:

    Ich bin ja schon irgendwie stolz auf dich und deine Ausdauer. Dennoch wünsche ich dir auch Gelassenheit damit.

  2. Regine sagt:

    Ich schäme mich leider auch, wenn ich meine alte Tagebücher lese. Dabei ist es doch wunderbar, dass ich heute eine andere bin. Ich konnte nur so werden, weil ich damals so war, wie ich war. Die Tagebücher sind entsorgt, aber in meinem Blog lese ich ältere Beiträge manchmal ganz gerne. Vieles hatte ich vergessen und manchmal freue ich mich über meine Kreativität. Lachen muss ich auch ab und zu und ich denke dann: „Gar nicht so schlecht!“
    Toll, dass Du schon so lange hier schreibst und ich lese Deine Beiträge jeden Tag mit großem Interesse. Mit deinen Momentaufnahmen gestattest Du uns einen kleinen Einblick in Dein Leben und das mag ich sehr! Liebe Grüße! Regine 🙋‍♀️

  3. Sonja sagt:

    Hitverdächtiger Beitrag.
    Im Ernst, deine Überlegungen, deine Lebensweise intensivieren mein Lebensgeflüster, ohne dass sie zur Brüllerei würden…Was auch immer das bedeutet, es entfleuchte meinen Gedanken, Sammelbecken der romantischen Sehnsüchte…

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