Nº 034 (2022) – Zwei

Eine Rückkehr durch den Schnee.

To get a Google translation use this link.

 

 

Mit einem satten „Pflomh!” schließt sich die Autotür. Er steht am schneeverwehten Straßenrand. Es dämmert, und aus dem Dorf herauf sind die Kirchenglocken zu hören. Das Taxi ist schon nicht mehr zu sehen, als er in den Schnee hineinstapft. Ja, das hier ist sonst der lausige Feldweg, an dessen Ende sein Zuhause war, lange Jahre. Im Moment ist da nur eine lange Mulde im Schnee. Heute wurde der Weg noch nicht geräumt. Vielleicht geschieht das nunmehr immer erst im Hellen oder vielleicht gar nicht mehr. Es wohnt ja auch niemand mehr dort hinten im Haus. Doch, doch: Er wohnt jetzt dort. Nur er allein. Er geht an dem Apfelbaum vorbei, den er als Kind mitgepflanzt hat. Weit ist es jetzt nicht mehr. Das Haus ist schon zu sehen. Und es steht dunkel da. Früher brannte über Nacht immer die Lampe über der Haustür, um den Verirrten damit einen Weg zu weisen zu Wärme und Trockenheit. Es war nach den vielen Erzäh­lungen in seiner Familie schon seit dem letzten Krieg so, auch wenn damals eine Petroleumlampe aufgehängt wurde, weil es keinen Strom gab. Heute wird es wohl Strom geben, denkt er und stapft über den Hof, der ohne Spuren ist. Vor der Haustür atmet er nocheinmal tief durch. Dann schließt er auf, schaltet das Licht im Flur und über der Haustür an – er wird das beibehalten, diese über Nacht brennenden Lampe, das weiß er schon.

Zwei Wochen hat er für den Entschluß gebraucht, in das Haus seiner Eltern zu ziehen. Zwei Wochen, die seine Mutter schon in der „Seniorenresidenz” lebt. Er wird das Haus jetzt erstmal heizen, ganz altmodisch mit dem Kachelofen und dem Küchen­herd, mit Holz und Briketts. Anders ist es ja nicht mög­lich. Und wird sich dann umschauen. Nach und nach wird er auch seinen Krempel aus der Stadt hierherbringen. Nicht die Möbel, nein, er wird die der Eltern behalten. Den Schreibtisch vielleicht … Jetzt muß erst für Wärme gesorgt werden. Und zum Mittag wird er sehen, wie er in die Stadt zurückkommt. Die Mutter besuchen, die ihn nicht mehr kennt, und seinen Ruck­sack dann zuhause erneut füllen und schließlich wieder hierher ins Dorf nach Hause kommen.

Zwei Zuhause zu haben ist ein sehr sonderbares Gefühl.

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Gut fand ich am 03.02.2022 das frisch bezogene Bett am frühen Morgen, noch immer keine Impfreaktion zu haben (das war mit Sicherheit nur mein Eintagsfieber), den ausgefallenen Besuch vom Schornsteinfeger (es wird einen Nachholtermin geben).
 
Für Morgen zog ich die Tageskarte Bube der Münzen.

© 2022 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2022, Geschriebenes, Miniatur, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Nº 034 (2022) – Zwei

  1. Ulli sagt:

    Die Freiheit des Schreibenden oder wahr?

  2. Verbalkanone sagt:

    Vielleicht ist es einfacher, wenn man „Zuhause“ als ein Gefühl und nicht als einen Ort begreift.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.