127.2026: Vier Stühle

Am Morgen danach erklärt sich noch immer nicht alles.

 

 

Die Nacht war verdammt kurz. Beim Kaffee auf der Terasse, unterm Dach vorm Regen geschützt, schwiegen die drei sehr lange. Und an der Feuerschale standen noch immer vier Stühle.

Alle drei hingen ihren Gedanken nach. Aber keiner von ihnen wollte als erster das Wort ergreifen. Denn noch immer waren sie alle beschäftigt mit der Nachricht, die sie am Abend erhielten. Die Nachricht, die den leeren Stuhl erklären könnte. Wenn sie nicht so unwirklich gewesen wäre, wie sie es noch immer ist. Dann gehen sie los und räumen auf, sammeln die Flaschen ein, nehmen die Asche aus der Feuerschale. Alles hat seinen Platz, auch dann, wenn es nicht mehr brauchbar ist. Und genau das denken sie auch über den vierten Stuhl. In Zukunft ist der ja überflüssig, unnötig.

Sie waren alle knapp Sechzig, alle vier. Hatten sich vorgestellt, in den noch verbleibenden Jahren dies und jenes zu unternehmen, zusammen, zu viert. Die Pläne waren groß, versprachen Spaß ohne Ende und wären nicht allzu kostspielig gewesen. Rügen, Litauen, Spreewald, Klagenfurt, Elend, Sorge und Klingenthal wollten sie besuchen. Ja, und die Landeskrone. Ha, Schwalbengeschwader. Der bekloppte Name für ihr Quartett. Der wurde auch gestern genannt. Neben dem Vito, der die Vorfahrt nicht beachtete. Ein Unfall, eine Tote, vier Stunden Vollsperrung.

Deshalb blieb der vierte Stuhl leer. Deshalb waren sie wortkarg.

Noch immer wissen sie nicht, wie sie mit einem solchen Verlust umgehen sollen. Vier Stühle, und nur noch drei Lebende.

 

 

Es begann mit diesem Text: Gespräch – Mit diesem Wortwechsel ist wirklich alles geklärt. Und nach fünf Jahren geht es damit weiter.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil


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Über Der Emil

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2 Kommentare zu 127.2026: Vier Stühle

  1. alphaomega sagt:

    @deremil
    "Die Trauer spült die Wunde. Und die Liebe und die Wut heilen sie."

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