Nº 012 (2022) – Schmiererei

Ein paar Worte über eines meiner Hobbies, die Transkription.

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Manche Handschriften sind wirklich ∗passendes Schimpfwort nach eigenem Belieben einfügen∗. Heute hatte ich einige Postkarten „in der Hand” (also auf dem Rechner im entsprechenden Betrachterprogramm geöffnet), bei einer von denen war ich drauf und dran, den Bettel hinzuschmeißen – das tu ich natürlich nicht! – und Postkarte Postkarte sein zu lassen. Schnell mit einem schlecht gespitzten Bleistift geschrieben, wahrscheinlich war nicht viel Zeit dazu. Stattdessen habe ich mir vorerst einen anderen Text hergenommen mit einer besser lesbaren Schrift und mich etwas später nocheinmal an der Schmiererei versucht. Siehe da, es ging einigermaßen. Allerdings sind drei unleserliche Worte auf einer Postkarte schon ein ziemlich hoher Anteil an unleserlicher Schrift.

Was mich an der Übertragerei, der Transkription so fasziniert? Seit wahr­schein­lich achzig Jahren hat niemand mehr gelesen, was da handschriftlich zumeist in Kurrent und nur manchmal in Sütterlin geschrieben wurde. Bei anderen Schrift­stücken waren es schon über zweihundert Jahre! Vergessene „richtig große” Geschichte ist es nicht immer, was ich da entziffere. Meist ist es Alltag, Verwal­tungs-, Kirchen-, Front-, Pfarrers- und Soldatenalltag. Jaja, auch Liebesbriefe waren schon dabei. Aber außer denen, die mich um die Transkription bitten, wird niemals jemand etwas über den konkreten Inhalt der Texte erfahren. Und wenn alles erledigt ist, werden bei mir hier alle dazugehörigen Daten gründlich gelöscht (und unter Linux ist gründlich sehr gründlich, wenn man das auf der Befehlszeile so ausführen läßt). Hier kann nichts davon wiederhergestellt werden, denn auch aus den regelmäßigen Datensicherungen wird alles rest­los entfernt. (Glaubt mir, da bin ich sehr gewissenhaft, sehr, beinahe paranoid.)

Und doch ist auch dieser längst vergangene Alltag Geschichte, über die selbst Historiker oft nicht viel wissen. Der Alltag der kleinen Leute wurde doch nirgends wirklich schriftlich festgehalten außer in solchen privaten, nur selten erhaltenen Schriftstücken. Was wissen meine Enkel zum Beispiel denn noch über den Alltag ohne Handy und Internet, über die Nutzung des auf Kartei­kar­ten niedergeschriebenen Bibliothekskataloges, über das Vorbereiten (sägen, spalten, hacken) von Feuerholz oder über die Zubereitung von Kaffee ohne irgendeine elektrische Maschine? Ja, mein Paradebeispiel sind immer die Streichhölzer oder ein Tauchsieder, ihr glaubt gar nicht, wie unbekannt deren Handhabung heute sind. Und irgendwie ist es für mich ganz genau so mit Kurrent- und Sütterlinschrift, die als Handschriften erhalten sind. In Korrespon­denzen, in Tagebüchern und anderen regelmäßig ergänzten Büchern, selbst in Rechnungen und Rechnungsbüchern. Für mich wird eine Handschrift umso besser lesbar, je mehr Text mir damit geschrieben vorliegt. Denn nur eine einzige Postkarte ist oft schwerer zu lesen als ein aus mehreren Briefen bestehendes Papierbündel (oder, um zeitgemäß zu bleiben, die Scans oder Digitalfotos davon). Und in mir sind bei jeder geöffneten Datei eine Spannung und eine Vorfreude darauf, am Ende jemandem zugänglich gemacht zu haben, was da vor vielen vielen Jahrzehnten niedergeschrieben wurde. Nebenbei bemerkt: Bei all dem wird buchstabengetreu und zeilen- und seitenrichtig übertragen, mit allen vorhandenen Fehlern (so weh die manchmal auch tun).

Bald habe ich wieder ein Briefbündel fertig. Ich hoffe, diejenigen, die mir soviel Vertrauen geschenkt haben, können mit dem Ergebnis etwas anfangen.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Gut fand ich am 12.01.2022 ziemlich störungsfreies Arbeiten beim Übertragen, einen Besuch beim Vater, zwei ausprobierte „Tricks” am Rechner.
 
Für morgen zog ich die Tageskarte Königin der Münzen.

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Über Der Emil

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3 Antworten zu Nº 012 (2022) – Schmiererei

  1. Stefan Kraus sagt:

    Ich finde das großartig. Schon lange interessiere ich mich für meine Familiengeschichte, und bin von der Verwandtschaft „ausgewählt“ worden, das „Erbe“ zu verwalten, d.h. Fotos, Notizen, Postkarten,… Die Dokumente und Karten reichen 150 Jahre zurück, und einiges konnten wir noch nicht sicher entziffern. Menschen, die dann helfen können, so wie du, werden immer weniger. Leider auch die Menschen, die sich für die Vergangenheit interessieren. Dabei können wir uns selbst nicht wirklich verstehen, wenn wir von unserem Ahnen nichts wissen, geschweige denn etwas von ihnen verstehen…

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