Nº 011 (2022) – (An-)Gewohnheit

Ich kann bewußt zuwiderhandeln.

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Jedes Mal suche ich mir einen Platz mit einem großen Tisch. Also jedesmal, wenn ich mit der S-Bahn fahre. Denn ich nutze die Zeit im Zug ja häufig und gerne zu Schreiben. Aber es dauert stets nicht sehr lange, bis ich die Kladde in der Hand halte, um darin schreiben zu können: Viel zu selten sind die Bewe­gungen der Bahn so ruhig, daß auf dem Tisch eine saubere Handschrift möglich ist. Ich weiß also, daß ich mich unbesorgt auch an irgendeinen anderen Platz setzen könnte, weil ich auf dem Tisch sowieso nicht schreiben kann. Und doch ist es zu einer Gewohnheit geworden, die ich nicht so einfach ablegen kann. (Oder zählt das unbedingt am großen Tisch sitzen müssen schon zu den Zwangshandlungen?) Besser: Nicht ablegen konnte. Denn heute, heute sitze ich ganz bewußt woanders und nicht an enem der großen Tische. Ganz bewußt habe ich meine Gewohnheit durchbrochen. Und was sich anfangs noch ungewohnt, sogar nicht richtig anfühlte, ist jetzt einfach bedeutungslos geworden. Denn ich schreibe.

Ach! Sieh an! So einfach ist es also, eine Gewohnheit (oder doch „nur” eine Angewohnheit?) aufzugeben? – Leider nein. Denn wenn ich mich nicht bewußt dagegen entscheiden hätte, wäre ich wieder der Gewohnheit gefolgt. Das ist ja (für mich) eine der Hauptfunktionen von Gewohnheiten: Der Mensch handelt ihnen folgend nur wenig bewußt, ist in Nebensächlichkeiten mit viel weniger (bewußten) Entscheidungen beschäftigt und kann sich so auf Wichtigeres konzentrieren. Jedenfalls ist das bei mir so. Aber eine Gewohnheit ist noch lange keine Routine, denn die ist oftmals ein antrainierter, (beinahe) automatisch ausgeführter Handlungsablauf.

Eines aber merke ich mir von diesem heutigen Experiment, entgegen einer Gewohnheit zu handeln. Daß es mir bei Weitem nicht so schwer fiel, wie ich es befürchtete. Und das, das ist doch eine gute Voraussetzung dafür, daß ich es auch bei anderen Gewohnheiten versuchen kann, von ihnen abweichend zu handeln. Ob es mir gelingt? Ich hoffe.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Gut fand ich am 11.01.2022 das gelungene frühe Aufstehen, die reibunslose Fahrt, ein kurzes Treffen mit meinem Sohn.
 
Für Morgen zog ich die Tageskarte Fünf der Münzen.

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Über Der Emil

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6 Antworten zu Nº 011 (2022) – (An-)Gewohnheit

  1. Nati sagt:

    So ist es mit den Gewohnheiten und es fühlt sich verdammt falsch an etwas daran zu ändern. Auch wenn der Kopf weiß dass davon nicht die Welt untergeht.

  2. piri sagt:

    Manchmal sind Gewohnheiten einfach nur ein Anker! Anker können Sicherheit bieten, aber auch ganz gehörig festhalten…

  3. Frau Momo sagt:

    Mich stört ehrlich gesagt das Wort Zuwiderhandlung… ich weiß nicht warum, aber das hat was von verboten und das passt für mich nicht zusammen. Gewohnheiten zu durchbrechen kann einen ja auch weiter bringen, muss es aber nicht. Einen Versuch ist es aber sicherlich öfter mal wert, weil es vielleicht auch bedeutet, mal andere Perspektiven wahrzunehmen.

  4. Carsten sagt:

    Wo gibt es denn S-Bahnen mit Tischen?

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