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Er schrak aus einem leichten Schlummer auf, weil da etwas in einem Traum hochgespült wurde. Immer sträubte er sich, auf einem der Jahrmärkte auch nur über den Besuch einer Wahrsagerin nachzudenken. Nein, diesen Humbug hatte er keinesfalls nötig. Und daran glauben konnte er sowieso nicht. Einmal allerdings traf er zu einem Burgfest eine flüchtige Bekannte. Sie kam gerade von der Nachbildung eines Planwagens gestiegen, vor dem ein altertümlich beschriftetes hölzernes Schild verkündete: Hand- und Kartenlesen nach Tradition der Weisen Frauen. Noch heute kann er nicht verstehen, wieso er sich darauf einließ – aber weil die Bekannte so von dem schwärmte, was ihr da gerade wiederfahren war, ging er schließlich die sieben flachen Stufen auf den Wagen hinauf. Er schob die Plane auseinander und trat in ein Dämmerlicht, in dem eine einzige Kerze mit drei Dochten brannte. Die an einem Tischchen sitzende Schönheit mit grünen Augen ließ ihm keine Zeit, sich zu setzen. Sie schaute ihn nur kurz an und sprach: “Deine einzige Möglichkeit, an Vergangenheit und Zukunft zu glauben, ja: nur zu denken, ist die Schuld. Fühlst Du dich einmal nicht schuldig, so fürchtest Du, deine Vergangenheit wäre verloren und eine Zukunft für dich sei unmöglich. Finde heraus, wem gegenüber Du dich schuldig fühlst!” Sie verstummte und sah ihn nur noch an. Ein wenig benommen war ihm zumute, als er den Planwagen rückwärts wieder verließ und sich so auch die sieben Stufen hinabtastete.
Die flüchtig Bekannte war verschwunden. Er hatte der Hand- und Kartenleserin nichts gezahlt. Sie hatte ja auch weder aus seiner Hand noch aus irgendwelchen Karten gelesen. Und doch hatte sie ihn bis in die tiefsten Tiefen erschüttert, hatte er sich von ihren drei Sätzen schrecken lassen. Die Aufforderung allerdings war in ihn gepflanzt. Und die Verwirrung damit auch. Was außer der Kerze, der Wahrsagerin und dem Tischchen noch im Planwagen zu sehen war, hat er nie herausgefunden. Er konnte sich nie daran erinnern. Und niemals wieder sah er diese seltsame Nachbildung bisher irgendwo auf einem Jahrmarkt oder Fest. Jetzt, hier im Bett in einem Krankenhaus, begannen seine Gedanken um all das zu kreisen.
Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.
P.S.: Positiv waren am 09.06.2020 poliertes Messing, Schreiberei mit Feder und Tinte, zwei gebackene große Camembert.
Die Tageskarte für morgen ist die Drei der Stäbe.
© 2020 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

