Außergewöhnliches und Kulturverlust (155/210)

Philosophieren wegen meiner Handschriften

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Nie hätte ich gedacht, daß meine Kleinschreiberei etwas Besonderes ist. Bei meiner Handschrift, die eine Mischung aus Sütterlin und Kurrent ist, war und bin ich dessen jedoch immer sicher gewesen. Denn es gibt nur noch wenige sehr alte Menschen, die sie beherrschen und nutzen, und einige wenige Sonderlinge. Die deutsche Schrift (die wie zuvor die Fraktur übrigens 1941 von den Nationalsozialisten verboten wurde) stirbt aus und ist heute üblicherweise nur noch in historischen Dokumenten zu finden.

Nun aber wird auch meine winzige Schrift in Majuskeln/Versalien oder Kapitälchen zu etwas Besonderem, durch das Urteil anderer Menschen. Und ich so: “Huch!?”

Gut, es gab schon Beispiele, in denen mir meine winzige Schrift Spaß bereitete; z. B. auf einem Ticket der Bahn, auf dem ich meinen Namen in der Größe der rückseitig aufgedruckten Geltungsbedingungen eintrug. Der Schaffner übersah ihn deshalb zuerst – stimmte mir dann aber lächelnd zu, als ich von gleichen Bedingungen für beide Seiten sprach. Ein Vorteil ist auf alle Fälle, daß viel mehr Text auf eine A6-Seite paßt als sonst wohl normal ist. Und es fällt den meisten Menschen schwer, heimlich oder unheimlich mitzulesen, was ich da schreibe (gut, das ist auch bei Sütterlin so).

Mir fiel jedoch nie ein oder auf, daß diese handgeschriebene Druckschrift etwas so Ungewöhnliches sein soll. Daß ich damit etwas Ungewöhnliches schaffen könnte. Nein, das war absolut undenkbar, unvorstellbar. Und jetzt schrieb mir Irgendlink bei Twitter, daß ein mit ihm befreundeter Kalligraph im Goldenen Buch der Stadt Saarbrücken mit 2 mm “großen” Buchstaben in Schönschrift die Namen neben die Signaturen schreibt. Zwei Millimeter klein! Meine Buchstaben haben 60% dieser Größe …

Uff. Dann ist es vielleicht doch etwas Außergewöhnliches, mit normalem Stift ohne weitere Hilfsmittel winzige Buchstaben flüssig zu schreiben, für die ich später, beim Lesen, eine Brille oder gar eine Lupe brauche. Und wenn den Kindern jetzt die Notwendigkeit genommen wird, zum Erlernen und Benutzen einer echten Schreibschrift die unabdingbare Feinmotorik zu entwickeln, dann wird wohl wegen der fehlenden Feinmotorik auch diese Kleinschreiberei irgendwann nicht mehr zu finden sein. Ebensowenig wie Kurrent, Sütterlin und viele andere kulturelle Fähigkeiten, die uns abgewöhnt bzw. nicht mehr anerzogen werden.

Nicht die Islamisierung gefährdet die Kultur des Abendlandes. Sondern der Verlust von Bildungsinhalten und Traditionen.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 3. Juni 2015 war pünktlicher Feierabend.
 
Tageskarte 2015-06-04: Der Bube der Münzen.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Außergewöhnliches und Kulturverlust (155/210)

  1. Sofasophia sagt:

    Großartiger Text mit einem Fazit, dass ich auch unterschreiben kann. Aber nicht so winzig wie du. Ich mach das zwar auch hin wieder (wenn auch weniger winzig), dann aber aus Platznot, nicht aus Lust.

    Mir fallen die erstaunten Gesichter ein, wenn ich über Appen/Bildbearbeitung auf dem Smartphone erzähle. „Das macht doch keinen Spaß auf dem winzigen Bildschirm?“, sagen die Blicke. Macht es aber.
    Vielleicht wie Winzschreiben?

    Was uch sagen will: Es IST gewiss außergewöhnlich, was du kannst. Kunst kommt von Können.

    Deins ist ein Spezialgebiet von Kalligraphie und unbedingt Kunst!

  2. Ulli sagt:

    “ Nicht die Islamisierung gefährdet die Kultur des Abendlandes. Sondern der Verlust von Bildungsinhalten und Traditionen.“ … ja genau, plus dem Verlust der motoring, keine Handarbeiten mehr, kein Werken mehr und nun auch noch keine Schrift … klonen ist überflüssig geworden?

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