Völlig normgerechtes Verhalten
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In der Straßenbahn stehen vorn an der ersten Tür zwei Paare: Die Männer vielleicht 30 bis 35 Jahre alt, die Frauen – natürlich – ein wenig jünger. Draußen ist es kalt. Die Hände stecken beim Gegenüber in den Jackentaschen oder gemeinsam in den Ärmeln. Nicht nur ich sehe immer wieder ganz unauffällig zu diesen beiden Paaren. “Man” beobachtet ja keine Leute!
Eng aneinandergekuschelt, fast -gedrängt stehen sie da, die beiden Pärchen. Blicke – nicht die ganz frisch verliebten, nicht die voller Schmetterlinge, sondern Blicke eines durchaus reiferen Verliebtseins. Die zärtlich verständnisvollen, erwartenden, anbietenden … Auch an unter Mützen oder über Kragen herausragenden Ohrläppchen wird geknabbert. Lippen und Zungen spielen mit Ohrringen.
Im Lippenlesen geflüsterter Worte bin ich fünf oder sechs Haltestellen weit eine Null.
“Schatz, wir müssen aussteigen”, sagt eine der Frauen. Das Pärchen verläßt Hand in Hand die Straßenbahn. Im Wagen an der vorderen Tür stehen, die ganze Welt um sich herum in einem atemraubenden Kuß vergessend, nur noch die beiden Männer …
Sonst aber, sonst ist hier alles wie immer, ganz normal.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 26. Januar 2014 war ein Ausflug.
Tageskarte 2014-01-27: Zehn der Münzen
© 2014 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


auch das sonst ist eigentlich normal … schön geschrieben!
Danke.
Gestern Nacht holte ich meinen Bruder vom Flughafen ab. Die Maschinen landeten im Minutentakt. Woher die Fluggäste kamen, die durch die Ausgangstür strömten, war schwer zu erkennen. Die blassen waren sicher nicht in der Maschine meines Bruders gewesen, da musste ich nicht weiter nach ihm suchen. Dann kamen zwei Männer, leicht gebräunt, und wurden von ihren Männern abgeholt. Lange und zärtliche Begrüßungsküsse, nicht solche, die sich Freunde zu geben pflegen, Pärchenküsse eben. Da wusste ich, die beiden kommen auch von der Insel. Das war alles, was mich daran interessierte – denn sich innig küssende Männer sind für die Schwester eines schwulen Bruders so etwas von alltäglich.
Ich hab in der DAH gearbeitet, ehrenamtlich und per ABM, ich kenne das also auch. Es ist auch für mich nichts außergewöhnliches. Aber die verstohlenen, angewiderten, verständnisvollen, … Blicke der Menschen! Die erst machten die „Begebenheit am Rande“ zu einer erzählenswerten Sache (okay, genau so, wie beschrieben, ist es ja sowieso nicht geschehen, aber es ist geschehen).
Es ist eben doch noch etwas außergewöhnliches. Aber auch Heteropärchen werden angegafft. Ich sehe das in S- und U-Bahnen häufig. Da knutschen, meist sehr junge Mädchen und Jungen, mit einer Heftigkeit rum, dass sogar ich mich unangenehm berührt fühle. Dieses negative Gefühl ist mir dann wiederum peinlich. Ich, die sich Toleranz groß auf die Stirn plakatiert hat, bin unangenehm berührt. Und dann frage ich mich, warum das so ist und finde etliche und keine Antworten.
Bei den homosexuellen Paaren sind mir die „verständnisvollen“ Blicke der Zuschauer die fragwürdigsten. Vielleicht werden wir generell wieder prüder, trotz all der angeblichen Freiheiten? So wie ein Großteil der Welt auch wieder konservativer wird?
Die Freiheit ist aber auch die, wieder verschämter zu werden, die eigene Schamgrenze deutlicher zu ziehen.
klasse, wie du das, was sofort im Kopf war, brichst! ein Hoch auf deine Schreibkunst! und toll, dass es genau so ist, dass überhaupt wieder so viel über Homosexualität geredet werden muss, ich dachte noch bis vor kurzem wir wären schon weiter … tja!
herzlichst Ulli
Hach. Da werd ich wieder ganz verlegen. Aber diesmal gebe ich zu, daß es ein Stück Arbeit war, aus der „Begegnung am Rande“ diesen Text werden zu lassen. Hätte es die vielen Blicke nicht gegeben, auch meine nicht, dann wäre mir da nichts aufgefallen.
Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, hier etwas „auf den Punkt zu bringen“ … Doch nochmal Dank für Dein Lob.
Bei mir heute auch so ein bisschen das Thema, allerdings mit so `ner Sorte von Fischen…
Und: ich hätte auch geschaut- allerdings sehe ich das schöne Zartwildküssen lieber bei Frauen.
Seltsam, nicht wahr: Homosexuelle Aktivitäten von/zwischen Frauen werden eher toleriert und als ästhetischer wahrgenommen als die von/zwischen Männern. Und zwar b ei Männern und Frauen.