Totensonntag. Ein Tag «für die Ewigkeit».
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Der letzte Sonntag des Kirchenjahres in den evangelischen Kirchen ist heute. Üblicherweise wird er Totensonntag (oder Ewigkeitssonntag) genannt. Da, wo ich herkomme, wurden zu diesem Tag die Gräber abgedeckt mit Reisig, die Gräber sozusagen winterfest und winterfein gemacht.
Erst nach dem Totensonntag wurden die Weihnachtsstollen gebacken. Erst nach diesem Sonntag wurde mit der adventlichen und weihnachtlichen Gestaltung von Wohnungen, Außenanlagen und Verkaufssortimenten und -einrichtungen begonnen. Spekulatius, Lebkuchen und Dominosteine gab es nicht schon Ende August!
Auch dieses Jahr habe ich wieder eisern durchgehalten. Bei mir gab es noch nichts Weihnachtliches. Garnichts. Gut, ein Mal, ein einziges Mal brauchte ich ein Räucherkerzchen, um mit meinen Texten für die Adventskalender anfangen zu können, aber das war es auch. Gestern habe ich mir eine erste Ladung Apfelsinen gekauft, weil sie im absoluten Sonderangebot waren.
Alles andere wird in der nun kommenden Woche nach und nach geschehen.
Heute aber, heute gehe ich, obwohl niemand meiner Verwandschaft und auch niemand aus der direkten Bekanntschaft dort liegt, auf irgendeinen Friedhof hier in der Stadt. Eines der Gräber, die nicht so sehr gepflegt aussehen, werde ich mir auswählen, stellvertretend, für alle die, denen ich diesen Dienst heute eben nicht erweisen kann.
Und ich werde einen Fichtenzweig darauflegen und ein Grablicht dazustellen. Und weinen werde ich sehr wahrscheinlich auch. Nur kurz. Aber ich werde es tun; und an meinen toten Sohn werde ich denken und meinen gerade erst gestorbenen Cousin und an all die Verwandten und Bekannten.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 23. November 2013 waren der Nachmittag bei Corax und sehr leckeres Essen.
© 2013 – Der Emil. Der Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).
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Ich bin ja eigentlich ein Atheist, ein Ungläubiger. Ich liebe es bei allen Religionen die netten Geschichtchen, die irgendwann mal einer aufgeschrieben hat, zu analysieren und zu zerlegen (Adam und Eva waren die ersten Menschen! Ihre Söhne haben später aber geheiratet??? Wen?!), solche Wiedersprüche in sich, haben mich vom Glauben abgebracht, denn Glauben heißt nicht Wissen.
Allerdings finde ich solche Traditionen, wie den Totensonntag schon wichtig. Sie bringen Struktur in unser Leben, geben eine Richtung vor, eine Richtung die wir auch nach belieben für einige Zeit verlassen können, zu der wir aber jederzeit wieder zurück kehren können.
Das Du auch an die denkst, an die sonst keiner mehr denkt ist tröstlich, nicht für die die dort liegen, wohl aber für die Lebenden. Danke dir dafür!
Genau das mit Adam und Eva und den verheirateten Söhnen, hatte sich schon meine Mama gefragt. 🙂
(Einer der Söhne könnte Liliths Tochter geehelicht haben – Lilith, die erste Frau Adams – und trotzdem sind alle Menschen Folge eines gewaltigen inzestuösen Beziehungsgeflechtes.)
Ich brauche das auch für mich: Diese Stelle zum Trauern, diesen Punkt in der Zeit. Ja, solche Traditionen geben mir, der auch ich ein Opfer des heutigen Beliebigkeits- und Konsumwahnsinns bin, Struktur.
Ist auch absolut richtig so!
Ich bedauere manchmal sehr, das mir der Weg zum Grab meiner Eltern verwehrt ist. Die Entfernung ist für mich kaum zu schaffen.
Ich habe andere Wege gefunden …
Deshalb ist das mein Weg, mein Ersatz (für des Sohnes Grab) …
Ich kenne den Brauch des Totensonntags nicht. Ich bin zwar katholisch (mehr oder minder) erzogen worden, bin aber nicht (mehr) gläubig. Aber auch ich finde solche Traditionen schön und wichtig, dass sie erhalten bleiben.
Finde ich schön von Dir, dass Du das machen willst.
Ich habe in Anna-Lena im Lesesstübchen gelernt: „Seit 1816 ist durch Friedrich Wilhelm III von Preußen der letzte Sonntag des Kirchenjahres den Verstorbenen gewidmet. Somit bildet der Totensonntag in der evangelischen Kirche das Pendant zum Fest Allerseelen in der katholischen Kirche.“
Ich bin im Erzgebirge, eben in der DDR mit dieser Tradition großgeworden, das prägte mich. Besonders Oma und einer der Nachbarn, ein Bäcker, in diesem Fall. Ich bin nicht mehr kirchlich, aber ein Glaube ist nicht von Kirche abhängig …
Die Idee, sich eines Grabes anzunehmen finde ich sehr schön. Die Friedhöfe, auf denen Menschen liegen, die mir nahe waren, sind gerade sehr weit weg, weil in Hamburg. Trotzdem kann ich gedenken, was ich aber auch so oft tue.
Aber so ein Gang auf einen Friedhof, an ein Grab, macht das Gedenken (bei mir und in mir und für mich) anders, nicht unbedingt intensiver, aber eben … inniger.
Morgen beginnt auch bei mir die erste Adventswoche, vorher ist das Thema tabu. Nur mein Mann schert jedes Jahr aus, er meint, die Lebkuchen würde nie so gut schmecken wie jetzt (vor dem Advent). Ich bin da eisern. Schon früher habe ich es vermieden, mit meinen Kindern vor der Adventszeit einkaufen zu gehen, schon gar nicht die Konsumtempel zu betreten.
Zu DDR-Zeiten war es einfacher. Und Lebkuchen schmecken erst im Kerzenschein mit Räucherkerzchenduft …
Ich mag die Räuchermännchen, bekomme aber von den dazugehörigen Kegelkerzen Kopfschmerzen, leider. Aber ich bin sowieso keine große Freundin von Duftkerzen. Aber Lebkuchen und normale Kerzen, die mag ich – und selbstgemachten Glühwein.
ich glaube, das macht man bei uns an allerheiligen – mit den gräbern. ich pflege „mein grab“ ganzjährig und weine und weile dort, wann immer ich dorf vorbeikomme (eine std. von hier). ich bin gerne auf friedhöfen – der stille wegen und weil ich mich gerne an dieser schnittstelle zwischen den welten aufhalte. da ich zwar reformiert geboren und aufgewachsen, aber so bald wie möglich ausgetreten bin, habe ich keinen bezug zur kirche und ihren traditionen. aber natürlich respektiere ich diese bräuche und grad ist es mir so, dass ich dich heute bei deinem friedhofgang gedanklich begleite.
die weihnachtsvorbereitungen in den kaufhäusern gehen mir jedes jahr auf den geist. ich brauche das alles nicht. mandarinen kaufe ich, auch ohne dass glitzer von der decke baumeln muss.
hab einen guten sonntag und nimm genug taschentücher mit!
Huch!? Ein langer Antworttext verfing sich im Datennirwana …
Es ist nicht nur konfessions-, sondern auch regional und wetterbedingt unterschiedlich, wann die Gräber winterfest gemacht werden. Katholisch wohl eher zu Allerseelen bzw. Allerheiligen. Für mich ist es ein fester Termin, der sich weit von seinem amtskirchlichen Inhalt entfernt hat. Das ist ja im übrigen (noch immer oder wieder) ein Thema für mich: Glaube und Amtsirche.
Friedhöfe. Immer unter den ersten Orten, die ich in einer „neuen“ Stadt oder in einem „neuen“ Dorf besuche. Sepulkralkultur (Trauer- und Bestattungskultur) interessiert mich sowieso. Und sie sind (fast) immer grüne Inseln der Ruhe inmitten auch der Großstädte.
In meiner Jugend habe ich diese Tradition von meiner erzgebirgischen Großmutter mitbekommen – und von einem Nachbarn, der Bäcker war und ist. Der nämlich hatte ausnahmsweise am Montag nach dem Totensonntag seine Backstube für die Stollenbäckerei geöffnet (montags waren alle Bäcker zu in der DDR, und auch sein Laden blieb zu; nur die Backstube wurde genutzt an diesem einzigen Montag im Jahr). Und erst nach diesem Tag beginnt für mich die Weihnachtsvorbereitung.
Ein fremdes Grab zu besuchen, finde ich eine schöne Idee. Immer wieder erschreckend finde ich, wenn so manche Gräber im Laufe des Jahres völlig verwaist scheinen und sich niemand mehr darum kümmert.
Es ist nicht das fremde Grab, sondern überhaupt eines, das ich besuchen will …
Vielleicht auch … aber das weiß ich nicht genau: eine Art Ahnenkult …
Ich habe auch noch nichts geschmückt, warte, wie Du auch, den Ewigkeitssonntag ab und gehe heute Nachmittag zum Friedhof und in die Kirche. Mein Vater hätte heute Geburtstag, 24 Jahre ist er nun schon tot und doch noch täglich in meinen Gedanken.
LG Regina
Vielleicht geh ich in eine der offenen Kirchen. Mein Sohn ist seit 95 tot.
Ein sehr emotionaler und bereichernder Beitrag. Das animiert mich dazu, vielleicht heute auch auf den Friedhof zu gehen. Mein Bruder liegt dort, den ich oft besuche, obwohl ich nie die Chance hatte, ihn wirklich kennenzulernen. Klingt jetzt vielleicht unpassend, aber ich werde heute zu Hause räuchern und eine Kerze für meinen im Juni gestorbenen Kater anmachen. Weil ihn vermisse ich so sehr. Er war 10 Jahre lang mein engster Begleiter. Und ich denke, auch tierische Begleiter und Freunde dürfen an solch einem Tag betrauert werden, oder?
Warum nicht auch an all die Haustiere denken? Für mich klingt das völlig normal …
Warum denn eisern durchhalten? Deine ganz eigene Maxime? Dann ist`s gut so.
Pingback: 28 Tränen (Nº 329) | Gedacht | Geschrieben | Erlebt | Gesehen
Hat dies auf Germanys next Kabinettsküche rebloggt und kommentierte:
Schön, dass Du den Totensonntag thematisierst. Danke Dir dafür, lieber Emil. Ja, Katholiken machen an Allerheiligen die Gräber winterfest und auch immer mehr Protestanten nehmen diesen Termin dafür wahr. Habe mit meiner Mutter auch schon das Familiengrab winterfest gemacht. Dieses Jahr das Gesteck auch selbst gesteckt, weil wir keine Zeit hatten, in die Gärtnerei zu fahren. Das Wintergrün gab’s im Garten, Töpfe, Sand und der sonstige Schmuck waren vorhanden, warum nicht also selbstmachen. Ich finde es auch gut, das Kirchenjahr so abzuschließen und erst jetzt mit den Adventsvorbereitungen zu beginnen. In diesem Sinne wünsche ich eine gute Woche. Ich werde diese Woche auch einkaufen gehen … Einem vernachlässigten Grab heute etwas Aufmerksamkeit zu widmen, finde ich schön. Das Erinnern braucht einen Ort …
Beste Wünsch von hier aus,
Renate
Ich finde es wunderbar, dass du dir ein fremdes Grab für deine Trauer suchst!
Die Traditionen sind einfach sehr protestantisch, – und mittlerweile beinah volkstümlich. Auf unserem Friedhof war es am Sonntag fast rappelvoll, überall wurden die Gräber winterfest gemacht. Mir war es eigentlich noch zu früh, weil noch immer Blumen blühen, die blieben einfach drauf.
Manchmal wäre es sicher einfacher, das Grab deines Sohnes in der Nähe zu haben. Obwohl für mich der Friedhof immer weniger ein Ort der Trauer ist. Man trägt sie ohnehin ständig in sich.
Lieben Gruß nach Halle!