Handschrift (Nº 102 #oneaday)

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Vor einer Weile schon rief Frau Quadratmeter auf: Rettet die Handschrift! Klar, daß ich mich, sobald ich davon erfahren hatte, freiwillig zum Mitmachen meldete. Bis zum Ende dieser Woche will ich meinen Brief abgeschickt haben.

Nun bin ich beim Briefschreiben. Dabei mußte ich mich daran erinnern, wie ich zu dieser Marotte der alten deutsche Handschrift, also der Kurrent- oder Sütterlinschrift kam:

Es begann 1978 mit dem Mathematikunterricht an der EOS "Ernst Schneller" in Aue (Sachsen). Unser Mathematiklehrer Manfred V. war einer von den ganz alten (er ging 1980 in Rente). Zwei Finger fehlten ihm an der rechten Hand – und er drohte mit dieser trotzdem immer wieder: «Wenn ihr so weitermacht, bekommt ihr eine “volle Hand”!» Ja, in der DDR war die Fünf die schlechteste Note.

Bei ihm lernte ich auch (in einer AG Mathematik), daß Vektoren mit Frakturbuchstaben bzw. Sütterlinbuchstaben bezeichnet wurden. Beide Alphabete waren im «TabuF» (Tabellen und Formeln; Mathematik, Physik, Chemie) abgedruckt. Mit ihnen brachte ich mir bei, diese Schrift zu schreiben und zu lesen.

Am Ende der zehnten Klasse konnte ich die Briefe und Postkarten, die meine Großeltern schrieben bzw. die in der Familie aufgehoben wurden, flüssig lesen.

Während des «Ehrendienstes» in der NVA und dem vorzeitig ohne Abschluß beendeten Studium der Physik nutzte ich die lateinische Schreibschrift.

Die Frakturschriften – also die alten gedruckten deutschen Schriften – lese ich seit 1980 durchgehend, und auch die älteren Garamond mit dem Lang-S liebe ich. Mit dessen Hilfe lassen sich übrigens die Möchtegern-Altschreiber sehr leicht enttarnen.

Spätestens 1988 begann ich, immer häufiger altdeutsch zu schreiben. Und je mehr ich nach 1990 an Computern zu tun hatte, desto häufiger schrieb ich – zuerst recht sauberes Sütterlin, das sich immer mehr an ein unsauberes Kurrent annäherte. Manchmal ähnelt es der dort abgebildeten Lessingschen Handschrift.

Meine Kenntnis der deutsche Handschrift brachte mich sogar dazu, für eine Weile in der Sütterlin-Stube mitzuarbeiten. Dort habe ich Schriften ab 1671 transkribiert. Aber: irgendwann mußte ich das krankheitsbedingt aufgeben. Falls jemand eine Umschrift (buchstaben- und zeilengetreu) haben möchte, dann erledige ich das gerne, nur aus Spaß an der Freude. Irgendwie werden sich dazu doch Daten austauschen lassen, oder?

Heute jedenfalls schreibe ich (fast) ausschließlich Kurrent. Nur für diesen Brief an einen völlig unbekannten Menschen – für den bemühe ich mich, lateinische Buchstaben zu verwenden.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

© 2011 – Der Emil CC by-nc-nd der_emil(at)arcor(dot)de

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Handschrift (Nº 102 #oneaday)

  1. Himmelhoch sagt:

    Damit bist du in deiner Generation so etwas wie eine Rarität. Notdürftig kann ich es noch lesen – aber die von meinem 1946 tödlich verunglückten Vater hinterlassenen Briefe an meine Mutter machen mir mehr als Schwierigkeiten. Vielleicht sollte ich mich mal wenigstens passiv dahinter klemmen – denn aktiv will ich es nicht lernen, das ist mir zu mühsam.
    Ich finde es ein sehr interessantes Hobby.
    Wie machst du das, dass die Erklärungen für die typischen DDR-Abkürzungen beim Draufzeigen eingeblendet werden? Gefällt mir.
    Gute Nacht!

    • der_emil sagt:

      Das Angebot mit dem Übertragen ist erstgemeint.

      Und das mit den Erklärungen, das ist einfach ein HTML-Tag, den ich benutze:

      <acronym title="Abschnittsbevollmächtigter">ABV</acronym>

      ergibt ABV (jetzt endlich stimmt’s).

      • Himmelhoch sagt:

        Das glaube ich dir aufs Wort mit dem ernstgemeinten Angebot. – Wenn ich sie finde (ich weiß momentan nicht, wo sie sind), müsste ich sie dann einscannen? Das Original möchte ich nicht gern in die Post geben. Oder sollte ich sie einfach kopieren und dir die Kopien zukommen lassen? – Eilt aber gar nicht, aber ich muss mal beim nächsten Besuch im Heim bei meiner Mutter nachsehen, ob ich sie finde.
        Das mit dem Tag habe ich mir kopiert und abgespeichert.
        Danke! – Guten Morgen!

  2. puzzle sagt:

    Ich weiß nicht, ob es bei und damals an der Grundschule in ganz Niedersachsen zum Lehrplan gehört hat, oder nur in unserer ländlichen Ecke eine Notwendigkeit war – wir haben die „deutsche Schrift“ in der dritten oder vierten Grundschulklasse gelernt, und zwar Lesen und Schreiben, weil die Großeelterngeneration nicht anders schrieb und das Lesen des allgemeingültigen Kirchengesangbuches (selbst in der Kinderausgabe) unmöglich gewesen wäre – wir hatten nun mal verpflichtenden Religionsunterricht etc. – außerdem hatte es etwas von „Geheimschrift“ und Erwachsenenkram – das hat natürlich gefallen 😀
    Ich hatte es immer vorausgesetzt, daß jeder im Laufe seines Lebens so ein paar Basiskenntnisse davon aufsammelt, weil man einfach auch mal die Nase in alte Bücher steckt, oder den Ehrgeiz hat, alte Schrift auf der Rückseite von Fotos oder auf Urkunden zu entziffern, aber es stimmt: viele Menschen scheinen einfach stattdessen achselzuckend „kannichnicht“ und „brauchichnicht“ zu sagen, uns somit steht das Schreiben und Lesen dieser Schriften leider in einer Reihe mit Häkeln und Kuckukspfeifchenschnitzen und die Menschen, denenheute ihre Elterngeneraztion abhanden kommt, werden – „kannichnichtlesen“ – ganz viele wunderbare Schriftstücke aus ihrer Familiengeschichte wegwerfen.

    • der_emil sagt:

      In den POS gehörte nichts davon zum Lehrplan. Und auch in der Mathematik wurden Vektoren offiziell schon durch lateinische Buchstaben mit Pfeil drüber dargestellt. Ohne diesen Mathelehrer: Wer weiß, ob und wann ich mich damit befaßt hätte. Gesangbuch war ja überflüssig, denn Religionsunterricht gab es nur außerschulisch – systembedingt.

      Irgendwie ist das mit dem Alte-Schriften-Lesen wie mit dem Feuermachen in einem Ofen …

  3. quadratmeter sagt:

    Lesen kann ich die Schrift auch und finde sie einfach nur schön anzuschauen. Schreiben können würde ich sie auch sehr gerne, auch wenn es wohl kaum noch Menschen gibt, die das dann lesen könnten. Schade eigentlich!

    • der_emil sagt:

      Nur Mut!

      Z.B hat die GEZ erst auf meine Abmeldung reagiert, als ich ich so geschrieben habe – vorher wurde ich ignoriert. Und bis auf die Sache mit dem „X“ und den beiden „S“ ist es auch nicht schwer.

  4. Himmelhoch sagt:

    Jetzt fällt mir gerade ein: Schüler an verschiedenen freien Schulen lernen Sütterlin auch heute noch.

  5. Ilona Form sagt:

    Moin Emil, ich konnte bis vor Jahren,sage mal die alte deutsche Schrift der Grosseltern lesen und schreiben. Heute noch langsam lesen. Hab nämlich nicht nur die
    alten Bilder aufgehoben,sondern auch Briefe. Schade drum,naja.Grüsse von Illo.*****

  6. Astrid sagt:

    Ich habe vor langer Zeit einmal versucht meinen Stammbaum weiter in die Vergangenheit zu recherchieren. Ich bin dann aber ziemlich schnell gescheitert, weil nicht nur die Schrift ein Problem ist. Mit viel Geduld wäre das sicher möglich gewesen. Aber jeder Standesbeamte schreibt anders. Deshalb finde ich es schon gut, dass in Verwaltungen heute maschinell geschrieben wird. Briefe und Persönliches mag ich aber auch lieber von Hand geschrieben. Und beneide diejenigen, die die alten schön verschörkelten Schriften beherrschen.
    Liebe Grüße
    Astrid

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