Nº 066 (2019): Tät ich es wieder?

Diese Frage kann ich nicht beantworten.

To get a Google translation use this link.

 

In einem Liebesbriefe verschickte ich dereinst noch vor meinem Abitur, wie ich heute beim Zettelsortieren und Scansortieren ( Oh, das hat mich gefesselt, länger, viel länger als ich dachte! Deshalb bin ich heute wieder ziemlich spät. ) feststellte, ein Gedicht von Christian Friedrich Hebbel. Ob ich es heute nochmal an ein Weib versenden würde? Und: Was zum Henker habe ich mir damals dabei gedacht?

 

 
Ich und Du

Christian Friedrich Hebbel ( ∗ 18.03.1813 — † 13.12.1863 )

Wir träumten voneinander
   Und sind davon erwacht,
Wir leben, um uns zu lieben,
   Und sinken zurück in die Nacht.

Du tratst aus meinem Traume,
   Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich eines
   Im andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern
   Zwei Tropfen, rein und rund,
Zerfließen in eins und rollen
   Hinab in des Kelches Grund.

Gemeinfrei (mehr als 70 Jahre nach des Autors Tod)

 

 

Wenn ich … Also: Wenn ich mir das Hebbel-Gedicht heute ansehe, dann ist in der letzten Strophe die Einswerdung der beiden Tropfen und die alleinige Weiterexistenz des Einsgewordenen beschrieben. Heute würde ich das eher nicht wollen. Heute möchte ich, daß zu ihrem Leben und zu meinem Leben ein drittes, ein gemeinsames Leben dazukommt. Aber nie wieder gebe ich mein Leben zur Gänze auf, um dann nur noch ein gemeinsames Leben zu führen. Nie wieder will ich mich so aufgeben und so böse dran zerbrechen … Das heißt auch, daß ich dieses Gedicht heute nicht mehr in einem Liebesbrief verschicken würde.

(Meinen Brief habe ich irgendwann wiederbekommen von ihr, später, viel später zur ersten Scheidung; er ist auf Mai 1981 datiert.)

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Am 07.03.2019 waren positiv die Karotten-Kartoffelsuppe, Wegsortiertes, wenige schöne Erinnerungen.
 
Die Tageskarte für morgen ist der König der Kelche.

© 2019 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2019, Geschriebenes, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

0 Kommentare zu Nº 066 (2019): Tät ich es wieder?

  1. Ulli sagt:

    Lieber Emil, ich sehe einen Unterschied, einerseits die Verschmelzung in der Liebe, das sind für mich sehr große Momente und nicht alltäglich, egal, wie groß die Liebe war oder ist. Und dann gibt es das geteilte Leben, das meiner Meinung nach nur dann erfüllt und glücklich sein kann, wenn sich die Partner*innen, jede und jeder für sich, selbst treu bleiben. Unterordnung, egal von welcher Seite, kann meines Erachtens niemals gut gehen.
    herzlichst, Ulli

    • Der Emil sagt:

      Stimmt, auch das ist als Interpretation möglich: dieser Moment/diese Momente. Vielleicht war das damals mein Gedanke dazu …

      Manchmal sind schon Kompromisse ein Todesstoß.

      • Ulli sagt:

        Bis heute weiß ich nicht wann es klug ist einen Kompromiss einzugehen und wann Kante zu zeigen. Ich frage mich immer wieso das andere so viel zielsicherer leben.

        • Der Emil sagt:

          Diesbezüglich lernte ich, daß andere es auch nicht zielsicher(er) leben. Es sieht nur von Außen so aus. Ich höre mittlerweile auf meinen Bauch …

  2. Sofasophia sagt:

    Wassertropfen fließen punktuell zusammen, aber sie bleiben trotzdem sich selbst. Wie liebende Menschen.

    Ich verstehe aber schon, was du sagen willst. Denn es ist ja nicht die Theorie, sondern dieser tatsächlich Verlust seinerselbst durch Selbstaufgabe (den ich erst in meiner aktuellen Beziehung nicht mehr erlebt habe.)

    Diese Hebbelsche Selbstaufgabe hat mit unserer Sehnsucht nach dem großen Ganzen zu tun, ahne ich. Auflösung. „Happyend“. Romantik.

    Es braucht Bewusstsein, das du jetzt hast (ich auch), um Beziehung eben anders zu erleben: Ich UND du UND wir.

    Dennoch darf, soll, kann diese punktuelle Hingabe und Auflösung sein, finde ich. Unbedingt sogar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert