Der Verzicht auf Lügen ist der Verlust des Alltags.
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Spät am Abend saß sie vor ihrem Notizbuch. Das Datum war fein säuberlich oben auf die Seite geschrieben, der Rest aber enthielt nur leere Zeilen. So einfach schien es nicht zu sein, was sie sich da vorgenommen hatte: Sieben Wochen ohne Lügen, so lautete das Motto für die Fastenzeit. Aber mal ehrlich – ganz ungeschminkt war es bisher auch nie gelungen, einen Tag im Tagebuch zu resümieren. Wer hatte sie nur auf diese idiotische Idee gebracht? Ohne Lügen. Also ohne Notlügen und ohne Höflichkeitslügen und gleich gar ohne die üblichen erwarteten Lügen des Alltags? Wie sollte das gehen? Wie konnte jemand so … so … so verdammt unhöflich, so unrealistisch sein und ohne die kleinste Anpassung der Wahrheit schreiben oder gar sprechen?
Sie wollte es dennoch versuchen. Ohne Lüge. In diesem einen Notizbuch. Im Prinzip mußte sie ja nur ihr Tagebuch abschreiben und dabei all die winzigen Verbesserungen und Besserwertungen der Ereignisse und Gefühle weglassen. Aber am späten Abend saß sie vor ihrem Notizbuch, las den Eintrag in ihrem Tagebuch wieder und wieder und erschrak. Der Verzicht auf Lügen ist der Verlust des Alltags. Denn ohne alle Lüge blieben vom Tag nur Kränkungen und Schmerz und Niederlagen. War es wirklich möglich, daß einer ihrer Tage aus nichts anderem bestand?
Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.
P.S.: Am 06.03.2019 waren positiv eine fertiggestellte Radiosendung, eine erledigte Hausaufgabe, ein gefaßter Plan für dieses Wochenende.
Die Tageskarte für morgen ist der Ritter der Münzen.
© 2019 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Wieso aus der weiblichen Perspektive? (…wenn ich mal so direkt nachfragen darf…)
Gute Frage, auf die ich keine andere Antwort als eine Gegenfrage wüßte.
Der Text war so in meinem Kopf und kam so raus. (Es war ja auch nicht der erste aus der weiblichen Perspektive. Und ganz ehrlich: Mir jetzt eine Begründung dafür auszudenken, zurechtzulegen, das mag ich nicht.)
„Der Text war so in meinem Kopf und kam so raus. “ – Reicht doch als Antwort! DANKE
Ich danke Dir auch (denn ich hab mir etwas für morgen notiert, was ich mal nachsehen kann).
Ich mag den Text & das Ansinnen. Das Fazit ist erschreckend und ich kann mir vorstellen leider auch sehr wahr. Vielleicht hast du mich damit auf den Trichter gebracht, warum ich mich immer mehr aus „der Welt“ zurückziehe.
Danke!
Ich weiß nicht, ob dieses Fazit wirklich stimmt. Für mich selbst jedenfalls bleibt trotzdem Alltag, eben mein Alltag.
Ich denke, es ist eine Sache der Wahrnehmung. Wenn ich mich auf Kränkungen und Schmerz fokussiere, nehme ich auch nachträglich nichts anderes wahr. Oder vielleicht werte ich das Positive als Lüge, auch möglich.
Interessant wäre es zu ergründen, was wir eigentlich als Lüge bezeichnen. Ein kleines Beispiel aus meiner Erfahrung: Wenn mich ein Mann anlächelt und freundlich zu mir ist, werte ich das als Unehrlichkeit. So in dem Sinne: Er findet mich lächerlich. Es hat lange gedauert, bis ich das erkannte und jetzt fällt es mir etwas leichter, Freundlichkeiten anzunehmen.
Da bringst Du einen sehr interessanten Aspekt ins Spiel: Was wird von der Umwelt und was von ihr (mir) selbst als Lüge gewertet.
(„Ich habe es heute wieder nicht geschafft zu joggen.“ vs. „Mein Freund brauchte jemanden zum Reden; und das hat so lang gedauert, daß ich das Joggen heute ausfallen ließ.“)
Als ich das diesjährige Thema bei „Siebenwochenohne“ angeschaut habe, ging mir Ähnliches durch den Kopf! Ich habe es für mich reinen Herzens abgewählt…
Ja, von daher kam wohl auch dieser Text.