Nein, keine Analyse. Aber sie zeigte mir etwas.
To get a Google translation use this link.
Was habe ich mich in letzter Zeit darüber geärgert, daß meine Handschrift irgendwie unsauber war, nicht mehr ordentlich aussah. Ja, auch darüber war ich unzufrieden. Und je unzufriedener ich wurde und war, umso krakeliger war die Schrift. Und je krakeliger die Schrift war, desto unzufriedener war ich. Und je unzufriedener … Aber das hatten wir ja schon. Natürlich habe ich nach Ursachen und Anlässen gesucht, gefunden habe ich allerdings keine. Jedenfalls keine, die ich als gerade dafür geeignete halten konnte. Wie unbefriedigend diese Situation war, eine solche Situation ist, kann sich die eine oder der andere von euch ja vorstellen. Am Ende jedenfalls schrieb ich Kapitälchen, und als auch die nur noch unschön aussahen und unleserlih wurden, notierte ich mit Smartphone, Tablet oder Rechner. Aber das ist ein anderes Schreiben, eines, das ich zwar auch kann, das ich beherrsche (allerdings nicht mit einem bekannten, sondern mit einem selbstantrainierten ganz individuellen Zehnfingersystem). Doch es ist eben nicht das Schreiben, das ich mit der Handschrift gewohnt bin, das mich dann auch hin und wieder mal in den Flow brachte.
Die letzten zwei, drei Tage schrieb ich also fast ausschließlich elektronisch. Es hat sich sonst nichts geändert bei mir, wirklich nicht. Und als ich heute an meinem Schreibplatz saß, griff ich nicht zum Tablet, das dort einen festen Platz erhalten hat, sondern zur Kladde und zum Stift. Und ich schrieb wieder drauflos. Mit Feder und Tinte auf Papier. Und die Schrift war wieder lesbar, wieder klar. Kann das wirklich daran liegen, daß ich mich mit einem Grund meiner Unzufriedenheit, der vor kurzem ganz aktuell und ganz akut war, nun abgefunden habe? Daß ich akzeptierte, daß diese Erwartung, die ich hatte, nämlich keine Hoffnung war, sondern eine Erwartung an mich und einen anderen Menschen? Was mit solchen Erwartungen geschieht, das weiß ich doch! Und ja, diese Erkenntnis war mit einem ziemlich heftigen inneren Kampf verbunden, denn ich wollte partout ja nur Hoffnungen haben und eben keine Erwartungen…
Also war ich am Ende nicht nur unzufrieden, sondern ich kämpfte auch noch mit der Enttäuschung über mich selbst: Erwartungen an andere Menschen, das wollte ich nicht mehr, nie wieder haben. Und bin dem bequemen Umdeutungsmechanismus doch auf den Leim gegangen, denn ich habe mich selbst immer wieder daraufhin mit mir verständigt, daß das zwar starke Hoffnungen waren, aber keine, wirklich keine Erwartungen. Ach!
Nun, als ich heute die Off-Stimme für eine kleine Performance einsprach und mit verschiedenen Stimmen und Stimmungen experimentierte, kam mir in einer Pause tatsächlich dieser Gedanke. Die Erkenntnis. Die mit den Erwartungen, der Erwartung, die enttäuscht, bitter enttäuscht wurde. Und ja, so lange ich mich darüber … ärgerte, solange ich deshalb unzufrieden war, solange war meine Handschrift beinahe unleserlich. Welch ein sonderbares Zusammentreffen! Ich kann mich auch nicht daran erinnern, daß mir ähnliches in den letzten zehn Jahren geschehen wäre. Die Schrift war nie so schlecht, so unbefriedigend, so gestört wie jetzt.
Ich glaube, ich habe ein neues Warnsignal für mich an mir entdeckt.
Und zumindest das ist doch ein positives Resultat des Dilemmas, in dem ich steckte, und aus dem ich jetzt herauszusein scheine.
Die Schrift ist auch wieder vernünftig geworden, wie icham Schreibplatz feststellte.
Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.
P.S.: Das Gute am 28.10.2017 waren Stimmspielerei, der Bericht über altersgerechte Einrichtung einen Rattenheimes, eine wieder vernünftige Handschrift und ein langes Telefonat.
Die Tageskarte für morgen ist die Zwei der Münzen.
© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Ich habe mich vor Jahren mal mit Graphologie beschäftigt. Es ist wirklich kaum zu glauben, was man an einer Schrift alles erkennen kann.
Seitdem ist es so, wenn ich es mit einem wildfremden Menschen zu tun habe, schaue ich mir dessen Handschrift an. Mittlerweile weiß ich, wie eine Schrift so ungefähr aussehen muss, dass mir der ganze Mensch sympathisch ist. (Und das hat nichts mit vorübergehender Krakelei zu tun). Es kommt für mich viel mehr auf die Größe an, die Größe der Anfangsbuchstaben, ob die Buchstaben ausgeschrieben und lang gezogen sind, ob verspielt oder hart, links- oder rechtslastig geschrieben usw. Momentane Stimmungen verändern die Schrift zwar, aber die Grundzüge bleiben bestehen.
https://polldaddy.com/js/rating/rating.js
Ich sollte wohl wiedereinmal eine Probe davon herzeigen. Oder?
Ja, die Handschrift. Meine ist ueber die Jahre hin, weil ich so unheimlich viel auf dem Computer schreibe [mittlerweile sogar schon den Text fuer meine selbstgedruckten Fotopostkarten], noch schlechter geworden als sie vorher schon war. Aber vor Kurzem habe ich mein Maeppchen mit meinen Fuellern noch aus meiner aktiven Zeit wieder gefunden, die Fueller wieder „betriebsbereit“ gemacht und angefangen, damit zu schreiben. Und siehe da, die Schrift ist besser geworden. Es macht richtig Spass. Was eben doch das richtige Geraet ausmacht!
Hab‘ einen feinen Sonntag,
Pit
https://polldaddy.com/js/rating/rating.js
Und den Kindern wird das Schreiben nicht mehr beigebracht …
Eine der absolut notwendigen Kulturtechniken, wenn etwas Bestand haben soll.
Da hast du völlig Recht. Erst lernen sie Druckschrift. Dann wird Ihnen die vereinfachte Ausgangsschrift beigebracht. Es wird aber jedem freigestellt wie er schreiben möchte.
Spannende Beobachtung!
https://polldaddy.com/js/rating/rating.js
Vor allem: nervende. Die Digitalschreiber, merken die sowas auch?
Ja, auch die Digitalschreiber, wie ich einer bin, merken den Unterschi. Wenn ich mehr mit der Hand schreibe, wobei ein Füller bei mir kontraproduktiv ist, weil ich Linkshänderin bin, ist meine Schreibschrift flüssiger und homogener. Ein guter Kugelschreiber, der nicht kleckst und schmiert, leistet mir gute Dienste – dann sagen sogar wildfremde Menschen, dass ich eine ausdrucksstarke ‚Schreibe‘ habe.
Ich schreibe ja leider wirklich fast nur noch digital (von Stichwortnotizen, Traum-
& Einkaufszetteln mal abgesehen), kann aber „meinen Zustand“ dort schon auch „ablesen“. Stichwort Lesbarkeit. Und beim Digitalschreiben auch: Denke ich schon im Voraus in Sätzen oder gar Zusammenhängen, oder wachsen sie beim Schreiben? Nicht wertend, einfach beobachtend.
Faszinierend. Wirklich. Beobachtenswert.
Pingback: Experimente und eine geklaute Idee – voller worte
Pingback: Experiment und eine geklaute Idee – voller worte
Ich habe eine so schlecht lesbare Handschrift, wenn ich schnell schreibe, dass ich lieber digital schreibe;-)
Das ist eine spannende Beobachtung!!! Nun muss ich daran denken, dass sich zwar mein Schriftbild nicht wirklich ändert, aber die Größe der Buchstaben schon, mal sehr klein, dann wieder schwungvoll groß und dann wieder „normal“, also in der Mitte zwischen winzig und groß…
Die Falle von Erwartung und Hoffnung, ja, die kenne ich leider auch, da rührt der Kopf, aber das Herz lässt sich eben nicht umrühren.
Herzliche Sonntagsgrüße an dich
Ulli
Sag mal Emil (hat nichts mit der Handschrift zu tun) kennst du diesen Film (in Halle-Neustadt gedreht)?https://jargsblog.wordpress.com/2017/10/28/wild-regie-u-drehb-nicolette-krebitz-darst-lilith-stangenberg-georg-friedrich-silke-bodenbender-saskia-rosendahl/#more-15232
Nein, den kenne ich nicht.
Mal sehn, ob ich ihn irgendwo finde …